Meir Shalev: Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger

Nahalal… es ist ganz sinnvoll, sich mal auf der Karte anzuschauen, wo dieser Ort (https://de.wikipedia.org/wiki/Nahalalder hier zu sehende Wasserturm geht übrigens auch auf ein frühes Familienmitglied zurück), der nicht jedem geläufig sein wird, liegt. In Israel, das ist keine Überraschung bei einem Buch Shalevs, aber da diese Geschichte von Tonia aus Russland und dem Sweeper aus den USA biographisch ist, da viele Orte erwähnt werden, kann man sich einfach ein besseres Bild machen – auch wenn Jahrzehnte vergangen sind und sich alles verändert hat:  https://goo.gl/maps/ypBE9LvAwQN2. Es ist inmitten der Jesreelebene  (https://de.wikipedia.org/wiki/Jesreelebene) zwischen Haifa und Nazareth. Jerusalem, wo der Autor einige Jahre als Kind lebte, liegt ziemlich genau im Süden des Dorfes, vielleicht hundert Kilometer Luftlinie entfernt. Nahalal ist der älteste israelische ‚Moschaw‘, eine Siedlung also, die genossenschaftlich organisiert ist, die aber auch Güter im Privateigentum zuläßt (http://www.hagalil.com/israel/kibbutz/siedlung.htm). Wie Großmutter Tonia (Großmutter bezieht sich hier natürlich auf den Verfasser dieser Erinnerungen) es spät in ihrem Leben ausdrücken sollte, haben viele Kibbuzim ihren Kibbuz verlassen und sind in eine Moschaw gezogen. Den umgekehrten Weg ist keiner gegangen. Offensichtlich also entspricht diese Organisationsform der menschlichen Psycho wohl besser.

Dieses Buch setzt ein Denkmal. Es ist eine kleine Familiengeschichte (eine größere zu schreiben, so der Verfasser, ist noch seine Aufgabe für die Zukunft), in der die schon erwähnte Großmutter Tonia die entscheidende Rolle spielt. Sie ist früh in den Zwanziger Jahren mit der dritten Einwanderungswelle (vgl. hier: http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/laenderprofile/57631/historische-entwicklung?p=all) aus Russland nach Palästina gekommen. Ein junges Mädchen, noch in der Uniform des Gymnasiums, das es verschlagen in eine Region, in der es außer sommerlichem Staub, der im Winter zu kniehohem Matsch mutiert, kaum etwas gegeben hat. Von einem Tag auf den anderen war sie und waren ihre Schicksalsgenossen Pioniere, die ein Land urbar und bewohnbar zu machen hatten, unter einfachsten, ja, primitiven Bedingungen. Daß Tonia mit der dritten Alija kam ist insofern wichtig, da es in ihren späten Jahren ihrer ‚Verewigung‘ Probleme machte: der Dokumentation der frühen Siedler der vorangegangenen Alija, zu der sie eben nicht gehörte, was der eigensinnigen Dame nicht wirklich einleuchtete, denn verdient, davon darf man überzeugt sein, hätte sie diese Verewigung gehabt.

Sie war das entscheidende Glied der Sippe, hat ihr Rückhalt gegeben. Ohne sie wäre die Familie nicht in Nahalal geblieben. Sie hatte ihre Eigenarten (um es milde auszudrücken) und sie hatte einen Feind, den sie erbarmungslos bekämpfte: den Schmutz. Den Staub. Den Dreck. Den Schlamm. Den Unrat. Und der Bekämpfung dieses Feindes widmete sie einen Großteil ihres Lebens – unter Anwendung einer gängigen Regel: Vorbeugen ist besser als Heilen. Also wurde der Dreck ausgesperrt und mit ihm die Träger des Drecks: die Menschen. Sprich: es gab nur wenige, streng vorgeschriebene Wege, die ins Haus führten, viele Zimmer waren abgeschlossen (das Bad zum Beispiel) und erlangten im Lauf der Jahrzehnte mythischen Status. Die Klinken der Türen waren mit Lappen umwickelt, auf der Schulter Tonios wachte der Wächterlappen über den Glanz von und auf allem. Und wehe, ein Fingerabdruck oder ein Staubkörnchen hatte es gewagt…

Die Sippe ist groß, Onkel und Tanten und deren Kinder, die Brüder der Oma (die etwas verwirrend auch als Onkel tituliert werden): wir erfahren von ihnen, von ihren liebenswerten und auch von den weniger liebenswerten Eigenschaften, die sie selbstverständlich auch hatten. Doch halt: es gab da einen Abtrünnigen, einen doppelten Verräter, einen, der weder Zionist noch Sozialist geworden war, sondern Kapitalist, einen, der sich jetzt ‚Sam‘ nannte und im mythischen Amerika, das sich dem verachtenswerten Hedonismus ergeben hatte, fußend auf der Ausbeutung der Menschen: Onkel Jeschajahu, der in Amerika zu Geld gekommen war und für General Electrics arbeitete. Ich will es kurz machen, die Präliminarien weglassen und gleich zum Casus knacktus kommen: dieser Mensch schickte (nachdem Nahalal 1936 elektrifiziert worden war) aus niederen Beweggründen der Rache eine ‚Sweeper‘ [der mythischen Bedeutung, die dieses Gerät im Lauf der folgende Jahrzehnte noch erlangen sollte, wird die profane Übersetzung des Begriffs mit ‚Staubsauger‘ im übrigen nicht gerecht] auf  die lange Reise von Amerika in die Jesreelebene… verpackt nach allen Regeln der Packkunst und in der Innersten der Verpackungen verziert mit dem Bild einer Frau im rotgepunkteten Kleid mit einem Lächeln auf den Lippen und manikürten Fingernägeln [vgl. hier https://radiergummi.files.wordpress.com/2018/04/meir-400.jpg]! Welche Abgründe für den einfachen Moschawim, das war der ungebremste Hedonismus, der damit klandestin ins Dorf eingeschleust worden ist… Ein Sieg für Onkel Jeschahjahu. Denn welche Versuchung für die Umstehenden… wie würde es sich wohl anfühlen, um eine solche Taille den Arm zu legen auf der einen Seite, wie würde es sich wohl anfühlen, in so einem Kleid mit solchen Schuhen, einem solchen Lächeln durchs Leben zu gehen auf der anderen Seite…

Einzig Tonia konzentrierte sich auf die praktischen Aspekte, nahm den Sweeper beim Schlauch, zog daran und er folgte ihr wie ein Haustier zu seiner Bestimmung. Mit Leichtigkeit bestand er die schwere Prüfung des nach dem Probesaugens abgehaltenen Wischtests und Tonia war begeistert… bis nächtens sich ein nagende Zweifel bemerkbar machte, nämlich… aber lest selbst, wie es weiterging, was soll ich das jetzt hier alles erzählen….


Fabulierer – ich habe diesen Begriff jetzt des öfteren im Zusammenhang mit Shalev gelesen und er trifft zu, seine Sprache ist lebhaft, anschaulich, sehr lebensnah. Shalev erzählt seine Geschichte, die nicht unbedingt auch die Geschichte ist, die andere Familienmitglieder erzählen würden, denn in dieser Sippe hat jeder seine eigenen Version, die sich von der anderer unterscheidet, was mitunter zu Streit und Meinungsverschiedenheiten führt. Ja, sogar die noch nicht geboren Gewesenen streiten mit, denn selbstverständlich haben auch diese ein Recht auf ihre Version des Geschehenen. Aber gehen wir davon aus, daß Shalevs Darstellung recht nahe an der Wahrheit (was ein schwammiger Begriff, Wahrheit, was soll das schon sein, wenn jeder auf seine eigene Wahrheit besteht?) ist, hat er mit seiner Mutter doch eine vertrauenswürdige Zeugin und vieles hat er letztlich auch selbst erlebt und gesehen.

In dieser Familiengeschichte ist alles beseelt, die Menschen ebenso wie die Tiere. Hier hat der alte, gutmütige Zosse seine Persönlichkeit, hier fliegt der Esel Ah durch die Lüfte nach … ich glaube, es war Istanbul oder eine andere Stadt, nachdem er sich mit einem Draht (oder war es doch ein Schlüssel?) das Tor geöffnet hat, hier trauert der Staubsauger seinem verlorenen Schicksal nach und kommt zu der Erkenntnis, daß die Aufregung, das Besondere der Reise das, was folgen sollte, nicht aufwiegt… Es wachsen die Maiskolben an Zitrusbäumen, Shalevs Vater wird, wenn er stört, zum Schreiben von Gedichten weggeschickt, und Großmutter Tonia ist der Überzeugung, ein junger Mann solle die Freundinnen wechseln wie die Socken…

Neben dieser Familiengeschichte gibt Shalevs Erzählung aber auch einen direkten Einblick in das harte Leben der Pioniere im frühen Palästina, weit vor der Gründung Israels. Unbeugsam ist deren Geist, unbeirrbar ihre Einstellung. Man sagt, sie macht auch Maniküre ist eins der vernichtendsten Urteile, das sie über Frauen fällen, wenn diese sich – was selten genug, bei vielen nie vorkommt – auch nur ein wenig hübscher anziehen. Denn in dieser Gegend waren Sümpfe trockenzulegen, war der harte Boden für die Saat aufzubrechen, die Häuser mussten gebaut werden wie die Ställe. Es musste gefüttert werden und gemolken, die Eier waren einzusammeln, die Milch zu liefern, das Unkraut musste gerupft werden, gesät und geerntet, gepflanzt und gehegt… nichts wurde weggeworfen, alles konnte noch einmal Verwendung bringen, ein Drahtstück beispielsweise war geradezu ein Universalwerkstück, das für alles dienen konnte. Im Sommer die unendliche Hitze und der Staub, der in der Regenzeit zu knietiefem Morast wurde….

Die Geschichte endet ein wenig traurig, da der Gang der Dinge halt so ist und der Mensch ihm unterliegt und immer unterliegen wird. So berichtet Shalev von den Beerdigungen, die im Lauf der Jahre stattgefunden hatten, die der Großeltern, aber auch die der eigenen Mutter, Bestattungen, die immer auch mit Lachen und Geschichten von früher begleitet wurden…

Was mit dem Staubsauger geschah, wollt ihr wissen? Nun, es sei nur soviel verraten: das würde Meir Shalev auch gerne wissen, denn die Sache war so: das Haus der Großmutter gab nach deren Tod zwar viele Geheimnisse frei – aber eben nicht alle,  ….  ;-)

Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger ist ein Buch, bei dem man gar nicht aufhören will mit der Beschreibung. Es wäre noch so viel zu erwähnen, die besonderen Redewendungen in der Familiensprache beispielsweise oder Jerusalem als Stadt des Irrsinns, der Blindheit und der Verwaistheit, als die es der junge Shalev als Kind wahrnahm…. das Leben und das Gelebtwerden ist so anschaulich geschildert, mit so viel Liebe und auch Humor die Menschen, die Tiere und der Sweeper ebenso… untermalt ist das Ganze mit Fotos aus dem Familienalbum… ach, Schluss jetzt, einmal muss Ende sein mit dem Schwärmen: es ist einfach ein schönes Buch. Punkt. Aus.

Meir Shalev
Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger
Übersetzt aus dem Hebräischen von Ruth Achlama
Originalausgabe: Ha-davar haja kacha, Tel Aviv, 2009
diese Ausgabe: Diogenes, TB deluxe, 384 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Ausser dieser kleinen Familiengeschichte habe ich von Shalev auf dem Blog zwei weitere, sehr lesenswerte Bücher vorgestellt:
Judiths Liebe und
Zwei Bärinnen

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Jesmyn Ward: Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt

Die Autorin dieses in den Südstaaten der USA angesiedelten Romans, die auch ihre eigene Heimat sind, ist schon mit ihrem Erstling wie ein Sturm durch die Blogs und Feuilletons gegangen. Die Geschichte dieses Debüts, die das Leben einer Familie vor dem großen Hurrikan Katrina schildert, erntete großes Lob und Begeisterung [Jesmyn Ward: Vor dem Sturm]. Mit ihrem vorliegenden neuen Roman, ebenfalls mit dem „National Book Award“ ausgezeichnet [vgl hier: http://www.nationalbook.org/nba2017-finalist-fic-ward-sing-unburied-sing.html#.WsriQMWsbcs], führt uns Ward wiederum in die Südstaaten, und obwohl er in unsere heutige Zeit spielt, wirkt die Handlung seltsam zeitlos ist…

‚Pop‘ und ‚Mam‘ kümmern sich um die Erziehung von Joseph, genannt Jojo. Die Großeltern springen für ihre Tochter Leonie ein, der, so wird es die von Krebs gezeichnete Mam am Ende ihres Lebens festhalten, der Mutterinstinkt fehlt. In Jojo ist deutlich das Erbe, die Verwandtschft mit Pop zu erkennen, seine Haltung, sein gerader Rücken, seine Blick. Er ist dreizehn Jahre alt und das Buch beginnt sozusagen mit seiner Initiation: Pop nimmt ihn mit, als eine Ziege geschlachtet wird. Jojos Vater ist im Gefängnis, in Parchman, einer Hölle auf Erden, er heißt Michael und ist weiß, im Gegensatz zu Leonie. Für Michaels Vater Big Joseph ist diese Beziehung etwas Unmögliches, eine ‚Niggerschlampe‘ kommt ihm nicht auf Hof und als Michael doch einmal mit seiner Familie dort erscheint, kommt es zu einer üblen Schlägerei zwischen den beiden. Michael, Leonie und die beiden Kinder Jojo und Kayla (die eigentlich Michaela heißt) leben bei Pop und Mam. Kayla ist Jojos Schwester, um die dieser sich liebevoll kümmert. Wie ein Klammeräffchen hängt die Dreijährige an ihm, der für sie quasi die Mutterrolle angenommen hat und der das Versagen der eigenen Mutter deutlich spürt und verurteilt.

Die drei Jahre Parchman, dem gefürchteten Staatsgefängnis in Mississippi [vgl. hier:  https://de.wikipedia.org/wiki/Mississippi_State_Penitentiary], sind für Michael um, er wird entlassen. Leonie packt ihre beiden widerstrebenden Kinder ins Auto und sie machen sich auf den Weg, um ihren Mann bzw. Vater abzuholen. Begleitet werden sie von Misty, der Kollegin von Leonie aus der Bar, in der sie arbeitet, auch ihr Mann ist dort inhaftiert.

Aus dieser Konstellation heraus entwickelt Ward eine typische Road-Novel, eine Reise durch den unerträglich schwül-heißen Süden der USA, eine Reise auch durch drei Generationen Familienschicksal und Rassenhass.

Sie läßt ihre Familiengeschichte mit Pop beginnen, der als Jugendlicher einer Nichtigkeit wegen nach Parchman gekommen war. Und dabei hatte er noch Glück gehabt muss man feststellen, andere sind (oder sollten es noch Jahre später werden) größerer Kleinigkeiten wegen als einer Prügelei in einer Bar gelyncht worden. Wobei ‚Lynchen‘, also Aufhängen, fast noch human klingt, wenn Ward erzählt, daß nur noch das aufgehängt wurde, was nach der bestialischen Vorbehandlung übrig geblieben war…

Parchman war ein riesiges Areal, auf dem Baumwolle angebaut wurde. Es gab keine Zäune oder Mauern, die Weite war Mauer genug und dann waren da noch die Wärter mit ihrem Gewehren und der Lust am Töten und die Hunde… Nur die stärksten und widerstandsfähigsten überstanden die Zeit dort, Richie gehörte nicht dazu, obwohl sich Rivers, der später zu Pop wurde, wie ein Vater um ihn kümmerte und ihn zu schützen suchte. Richie war erst zwölf, halb verhungert und aus diesem Grund in Parchman, weil er für sich und seine vielen Geschwister Essen gestohlen hatte.

Rivers blieb nach seiner Zeit im Süden, er wollte das Meer, das Bayou, nicht verlassen. Mit Philomene hatte er zwei Kinder. Given, der Sohn, sollte als junger Mann erschossen werden, weil ein Weißer sich für eine verlorene Wette rächen wollte. Ein Mord, der zum Jagdunfall wurde… Leonie verliebte sich in den Cousin des Mörders, der als Schweißer auf der Deepwater Horizon [https://de.wikipedia.org/wiki/Deepwater_Horizon] arbeitete und der durch deren Explosion, bei der viele seiner Freunde starben, tief traumatisiert war. Und danach kamen ein paar Jahre Parchman für Michael…


Ward erzählt ihre Geschichte aus der Sicht dreier Personen: Jojo, Leonie und hin und wieder Richie wechseln sich ab. Es sind oft dieselben Situationen, die sich aus der Sicht der Erzähler ganz unterschiedlich darstellen, es sind aber auch verschiedene Lebensstationen, die sich auf die jeweiligen Erzähler konzentrieren. Jojo und Pop sind oft zusammen und Pop erzählt Jojo von seiner Zeit in Parchman und seinem besonderen Verhältnis zu Richie – was er jedoch nicht erzählt, das Ende der Geschichte. Das auch Richie selbst nicht kennt, das seinen ‚Geist‘ – denn Richies Körper ist schon lange tot und vergangen – unruhig sein läßt, auf der Suche nach seinem Schicksal zu Jojo führt. Und so wie Jojo Richie sehen kann, kann Leonie ihren toten Bruder Given sehen, beide haben sie diese Gabe von Mam geerbt, ebenso wie Kayla sie hat. Pop hat sie nicht, auch Michael natürlich nicht… Sie können die Toten nicht sehen, die Geister nicht spüren und hören so wie die Frauen – und Jojo es können…

Wie der Ozean. Nicht wie euer Ozean – ich meine, im Ernst, den sollte man nicht mal Golf nennen, so schlammgrau wie der ist. Ich meine echtes Wasser. Ich meine Jamaika, Santa Lucia, Indoniesen, Zypern. Schlammig, modrig, faulig, der Boden mit verrottenden Pflanzenresten bedeckt, so wie das Wasser in dieser Gegend und darüber die Luft, die aus Hitze und Schwüle besteht, so erscheint auch die Atmosphäre dieser Geschichte. Es gibt keinen Blick in die Zukunft, es gibt keine Zukunft, es scheint nur den Augenblick zu geben, in dem alle Zeit verschmilzt und dann den nächsten und dann den folgenden… die Vergangenheit zerrt an ihnen, hält sie, blockiert sie, die Gestorbenen sind nicht wirklich tot, sie sitzen auf den Bäumen, sie erscheinen denen, die mit der Gabe, sie zu sehen gesegnet (oder geschlagen) sind und verlangen Erlösung, verlangen Aufklärung… oder sind gekommen, jemanden abzuholen wie beispielsweise Mam, für die Leonie das alte Ritual, die alte Beschwörung durchführt. Für Maman Brigitte, Mutter der Ghede. Herrin der Friedhöfe und Mutter aller Toten. … es sind die alten Götter der Yoruba, die beschworen werden, die hier noch herrschen, die ihre Hand über die Menschen halten. Ich wusste, sie rief Unsere liebe Frau von Regla an. Den Stern der Meere. Beschwor Yemayá, die Göttin der Meere und des Salzwassers, mit ihrem Schsch und mit ihren Worten und sie hielt mich wie diese Göttin, ihre Arme waren die lebenspendenden Wasser der ganzen Welt. 

Eine Welt der Konflikte, der Arbeitslosigkeit, der Drogen, des Hasses der Hautfarbe wegen… Er hat mich vergewaltigt und gewürgt bis ich tot war ich habe die Hände hochgenommen und er hat achtmal auf mich geschossen sie hat mich im Schuppen eingesperrt und dort verhungern lassen während ich zuhörte wie meine Kinder im Garten mir ihr spielten sie kamen mitten in der Nacht in meine Zelle und haben mich erhängt sie merkten daß ich lesen konnte und da zerrten sie mich nach draußen zur Scheune und stachen mir die Augen aus bevor sie mich totschlugen … klagen die Geister an. 

Jojo und Kayla erinnern an die vierhändigen und -beinigen Wesen aus Platons Gastmahl, sie sind kaum zu trennen, Kayla umklammert Jojo und klettert auf ihm herum und beide halten sich im Schlaf umschlungen. Nur widerwillig gibt Jojo seine Schwester her wenn Leonie (oder später dann Michael) danach verlangen, meist auch mit Recht, denn es tut Kayla, die dann zu Michaela wird, nur selten gut, von Jojo getrennt zu werden. Die meiste Zeit leidet Kayla/Michaela in dieser Geschichte Hunger, was Leonie weitgehend egal ist, allenfalls stopft sie ihre Tochter mit Cheetos voll, die dann kurze Zeit später in einem Schwall zusammen mit dem eingeflößten Brombeersud lilafarben wieder aus ihr hervorbrechen. So wie bei Leonie Milch mit zerstoßener Grillkohle das Crystal Meth wieder zu Tage fördern, das diese bei der Polizeikontrolle in Panik verschluckt hatte… es wird viel gekotzt auf dieser Fahrt, die Menschen drehen ihr Innerstes nach außen, entleeren sich, bis nur noch die Hülle vorhanden zu sein scheint und alles andere ausgespuckt ist.

Eine Road-Novel, die die Frage offen läßt, was sich verändert hat in diesen Tagen. Jojo ist erwachsen geworden durch alles, was er auf dieser Fahrt erlebt und gesehen hat, inclusive der Pistolen des Streifenpolizisten an seinem Kopf, seine Initiation ist beendet. Und was hat sich für die anderen ergeben?


Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt ist ein packender Roman und das ist die Kunst Wards, denn im Grunde wird eine unspektakuläre Familiengeschichte erzählt, wie  im Süden der USA wahrscheinlich gang und gäbe ist. Aber Ward hebt die Grenzen des Alltäglichen auf, in ihrer Geschichten weilen die Gestorbenen noch unter uns, Vergangenheit und Zukunft verschmelzen mit der Gegenwart, die Zeit verliert ihre Grenzen, was aber erst die Gestorbenen erkennen, die Lebenden glauben noch an eine Zukunft – oder auch nicht, denn welchen haben sie schon, wenn die Hautfarbe nicht stimmt? Die alten Götter leben neben den neuen weiter, auch wenn nicht jeder die Gabe des Sehens hat. Der Hass hat sich nicht verändert, nach wie vor bestimmt die Hautfarbe den Wert des Menschen und damit sein Leben, seine Möglichkeiten. Und die sind für die, die dunkler sind, beschränkt. In der Bar kellnern, ein bischen was mit Drogen, Gelegenheitsarbeiten. Armut ist der Standard. So wird es weitergehen, wenn es Hoffnung gibt auf Änderung, dann erst bei Jojo, Kayla und deren Generation…

Ist es diese schwülfeuchte, alles erstickende Atmosphäre, in der sich die Geschichte abspielt, ist es dieses Durchbrechen der Rationalität, in dem die Geister der Gestorbenen genauso eine tragende Rolle spielen in der Handlung wie die Lebenden, ist es die Polarität, die sich zwischen Leonie und Jojo symbolisiert, zwischen dem sich Aufgegebenhaben und der Rebellion dagegen? Der Roman fasziniert auf vielen Ebenen, die Figuren werden in der Geschichte lebendig und die Handlung saugt einen beim Lesen ein, das Kopfkino, in dem sich alles spiegelt, springt sofort an. Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt ist ganz sicher einer der Höhepunkte in diesem Lesejahr.

Jesmyn Ward
Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt
Übersetzt aus dem Englischen von Ulrike Becker
Originalausgabe: Sing, Unburied, Sing; NY 2017
diese Ausgabe: Kunstmann, HC, ca. 300 S., 2018

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Dan Marshall: Meine scheißkranke Familie

Nachdem ich meinen eigener Lesekreis an altersbedingtem Teilnehmerausscheiden schliessen musste, bin ich Mitglied in einem anderen Lesekreis geworden. Dort, so habe ich seinerzeit zu meinem Erstaunen gehört, werden keine Biographien gelesen, was ich damals nicht so richtig verstand. Nachdem ich jedoch dieses Buch von Dan Marshall, das ja eine verdammt wahre Geschichte erzählt, gelesen habe, habe ich mehr Verständnis für diese Einschränkung meines Lesekreises gefunden.

Denn bei einem Roman kann ich die Figuren interpretieren, ich kann mir überlegen, was der Autor mir mit seinen Worten sagen will, ich kann Symbole, Metaphern, Bilder suchen und deuten – in einer Biographie oder einer solchen Familiengeschichte, wie sie Dan Marshall erzählt, ist nichts zu interpretieren, gibt es keine Figuren, keine Symbole, es gibt nur das Faktische, das man nehmen muss, wie es dargeboten wird.


Die Marshalls sind eine siebenköpfige Familie in Salt Lake City, Nichtmormonen unter Mormonen. Sie sind finanziell abgesichert, der Vater Rob Marshall besitzt mit einem Freund zusammen Zeitungen, mit denen er gutes Geld verdient. Auf andere Art und Weise sind die Marshalls jedoch geprüft worden: die Mutter Debi erkrankte, als die Kinder noch klein waren, an Non-Hodgkin-Lymphom, als wahre Kämpfernatur unterzog sie sich im Lauf der Jahre vielen Chemotherapien, die den Krebs weitgehend in Schach halten.

Der Vater Rob ist ein sportlicher Typ, ein Marathonläufer. Sein großes Ziel war die Qualifikation für den Boston-Marathon, die er auch schaffte. Rätselhafter Muskelbeschwerden wegen ging er zum Arzt, der ihn zum Neurologen weiterschickte, die vernichtende, durch eine zweite Meiung bestätigte, Diagnose war ALS, diese unweigerlich zum Tode führende Krankheit, die durch den kürzlich verstorbenen Stephen Hawkings bekannt geworden war.

Der Autor des Buches, Daniel Marshall, lebte zu dieser Zeit in Los Angeles, er hatte einen guten Job, eine Freundin, die er liebte und ein von Sorgen freies Leben, das er in vollen Zügen genoss – und aus dem ihn der Anruf der Mutter, mit dem sie ihn über die ALS-Diagnose informierte, herauszuholen drohte. Drohte, denn eine ganze Zeit lang weigerte er sich einfach, den Ernst der Lage zur Kenntnis zu nehmen, zu akzeptieren, daß er als Sohn in der Pflicht war bzw. in die Pflicht genommen wurde. Letztlich konnte er sich aber nicht weigern, die anderen Geschwister waren schon ins Elternhaus zurückgekehrt und auch ‚Drecksack Dan‘ bat bei seinem Chef um unbezahlten Urlaub, wechselte bei seiner Freundin auf Fernbeziehung und zog zurück nach Salt Lake City.

Meine scheißkranke Familie erzählt aus dieser Konstellation heraus die Geschiche der Marshalls über die nächsten anderthalb Jahre hinweg. Der Krankheitsverlauf bei Bob ist schnell fortschreitend, die Pflegebedürftigkeit nimmt rasch zu, bis er letztlich rund um die Uhr betreut werden muss: er kann sich kaum noch bewegen, nicht mehr essen (schlucken), kann praktisch nicht mehr sprechen, seine Ausscheidungen nicht mehr kontrollieren, das Atemvermögen nimmt stark ab…. damit wird die Beanspruchung der Familie, die trotz mittlerweile engagierter Hilfe, den größten Teil der Pflege übernimmt, immer größer, die Überforderung immer offensichtlicher. Schließlich teilt Bob seiner Familie seinen definitiven Wunsch  mit, daß die künstliche Beatmung eingestellt werden soll und er sterben darf. So schrecklich die Vorstellung des Todes des Vaters für die Kinder auch ist, mischt sich doch das (ein schlechtes Gewissen verursachende) Gefühl mit ein, daß der Tod des Vaters auch Entlastung bedeuten würde und die Möglichkeit, wieder ein eigenes Leben zu führen. Am 22. September 2008 wurde ihm sein Wunsch erfüllt [http://www.legacy.com/obituaries/saltlaketribune/obituary.aspx?n=robert-wendell-marshall&pid=117845193].


Mir ist es schwer gefallen, dieses Buch zu lesen. Wenn man gerade ein so bewegendes Lebenszeugnis wie die Briefe von Daniela Berg nach dem Tod ihrer Tochter gelesen hat, wenn der neue Roman von Jesmyn Ward auf einen wartet, fällt es schwer, sich dieser Familiengeschichte, in der ein in der Pubertät irgendwo hängengebliebener Mittzwanziger das zugegeben sehr schwere Schicksal seiner Familie schildert.

Ob eine Familie funktioniert, stellt sich am schnellsten in einer Krisensituation heraus. Den Marshalls geht es finanziell gut, die Erkrankung des Vaters an ALS mit seiner infausten Prognose wirft jedoch das gesamte Familiengefüge durcheinander, den Kinder und der Mutter gelingt es auch nicht mehr, den neuen Alltag auf einen halbwegs funktionierenden Zustand einzupegeln. Zu allem Überfluß muss sich die Mutter in dieser Zeit erneut einer harten Chemo unterziehen, die sich sehr anstrengt und nach deren Beendigung sie sich an hohe Dosen Fentanyl gewohnt hat.

Obwohl sich die Familie professionelle Pflege wohl hätte leisten können, nimmt sie sich selbst in die Pflicht – und erweist sich sehr schnell als überfordert. Das Haus verwahrlost völlig (Dan war mit dem Auswechseln einer Glühbirne schon völlig überfordert), der Alkoholkonsum nicht nur von Dan nimmt zu, die jüngere Schwester Jessica wird von den Brüdern Dan und Greg häufig volltrunken aufgelesen und ins Bett getragen; den Schulbesuch hat sie de facto eingestellt.

Die Pflege des Vaters ist anstrengend und anspruchsvoll, Begriffe wie Intimsphäre, Schamgefühl und Peinlichkeit spielen keine Rolle mehr, wenn es um den Ausfall der Funktion der Ausscheidungsorgane geht. Die beiden Brüder teilen sich in diese Arbeit („Daddydienst“), es ist eine 24/7-Pflege, da auch das Beamtungsgerät rund um die Uhr in Auge behalten werden muss.

So aufopferungsvoll dieser Teil der Pflege und Betreuung auch erledigt wird, ist anderes nicht nachzuvollziehen. Einige wenige Beispiele: Die Einführung der Betreuer in die Funktion des Beatmungsgerätes nach der Tracheotomie dauert in der Reha normalerweise eine Woche, Dan und Greg werden nach knapp sechs Wochen von den Ärzten mit ungutem Gefühl nach Hause entlassen. Sie fuhren halt lieber auf den Fluren mit Rollstühlen Wettrennen… man muss sich einfach nur mal in die Situation des Vater versetzen, der dies ja alles mitbekam. Oder dies: Ein Ausflug soll mit dem Vater unternommen werden. Er wird mit Mühe in den Van gehievt, man fährt los, kommt am Parkplatz an und muss feststellen, daß der Akku vom Beatmungsgerät fast leer ist… also schnellstens wieder zurück… zwei Beispiele, die leicht erweitert werden können und zeigen, daß insbesondere Dan, der als ältester Sohn sozusagen die erste Geige spielte, überfordert war.

Dan Marshall – ich gebe es zu – ist mir mit seiner kacke-, piss- und furzorientierten Sprache, mit der seinen Gegenüber häufig einfach nur verletzen will (ich habe seine Info, daß er im Hauptfach Psychologie belegt hatte, zweimal nachgelesen, weil ich es nicht glauben wollte), schlicht und ergreifend unsympathisch. Trotzdem tut er, der einer etwas skurrilen Logik folgen muss, mir auch leid. Skurrile Logik, damit meine ich folgendes: seine Familie erinnert ihn daran, daß er gut aufgewachsen ist, studieren konnte und damit die Chance auf eine berufliche Karriere hat, daß er jetzt an der sonnigen Pazifikküste mit seiner Abby das Leben genießen könne. Und nun erwartet sie, daß er aus Dankbarkeit für diese Möglichkeiten genau dies alles in die Tonne tritt: er seinen Job aufgibt, wieder ins ungeliebte Salt Lake City kommt, er seine Beziehung zu Abby aufs Spiel setzt und mithilft, den Vater zu pflegen. Wobei die Rückkehr ins Elternhaus nicht nur bedeutet, daß er die Poleposition bei der Pflege des Vaters einnehmen muss, sondern er auch für seine jüngeren Schwestern Verantwortung übernehmen muss (was zumindest bei Jessica gründlich schief geht) und die Mutter erst mit ihrer Chemo und später dann mit Fentanyl ist auch nicht gerade eine Hilfe. Und natürlich, was absehbar war, trennt sich Abby nach einiger Zeit von ihm, eine Fernbeziehung unter diesen Randbedingungen hatte sie nicht durchgehalten. Zu der Überforderung durch die Pflege kam also noch eine Fülle eigener Verluste, die zu verkraften waren bzw., die, da genau dies nicht wirklich gelang, in Depression, Alkohol und Burn-out führte.

So konnte ich mich bei der gesamten Lektüre des Buches nicht entscheiden, ob ich es als Krankengeschichte des Vaters lesen sollte oder als Versuch des Autoren, seinen Part und sein Schicksal darin zu schildern, lesen sollte. Man muss ihm dabei zubilligen, daß er ehrlich ist, auch und gerade die negativen Aspekte nicht verschweigt. Sein stetig steigender Alkoholkonsum beispielweise, sein immerwährendes Schielen auf Aussenwirkung, daß sich selber auf die Schulterklopfen, wie toll es doch ist, daß er dies alles macht…. Gerade die Aussenwirkung scheint wichtig zu sein für Dan, noch bei seinen Überlegungen für die Abschiedsrede bei der Bestattung sinniert er darüber, ob er sie so anlegen soll, daß die Leute weinen oder sollte er doch eher etwas Unsinniges sagen oder etwas so Braves, als würde er sich um das Amt des Schulsprechers bewerben. Immer sucht er nach einer Rolle, die er spielen könnte, dabei ist er doch der Sohn, eigentlich sollte das reichen. Ach ja, und als Symbol sieht er sich letztlich auch noch: … das Spiegelbild einer ziellosen und verwöhnten Generation, die Amerika in eine Abwärtsspirale zog.


Ich habe es angedeutet, bin aber nicht weiter darauf eingegangen, Dan unternimmt auch im Buch jeden Versuch, seinen Spitznamen „Drecksack Dan“ Ehre zu machen. Wer Meine scheisskranke Familie liest, sollte sich darauf gefasst machen, daß häufig die Sprache der Gosse gesprochen wird, daß der Humor, der herrscht, entweder als „schwarz“ oder auch als „geschmacklos“ eingestuft werden kann, auch wenn es durchaus Passagen gibt, in denen sich andeutet, daß Dan auch anders kann, intelligenter, sensibler, reflektierter. Ebenso wenig bin ich auf die anderen Kinder der Marshalls eingegangen, denn Dan war einfach die Hauptperson, die auch die größte Last zu tragen hatte, wenngleich sein Bruder Greg den „Daddydienst“ mit ihm teilte. Aber im Gegensatz zu Dan, der praktisch rund um die Uhr im Einsatz stand, schufen sich (oder hatten) die Geschwister kleine Oasen, in denen sie etwas eigenes, nicht von der Krankheit des Vater und der Mutter dominiertes hatten: Greg arbeitete als Reporter, Chelsea hatte ihre Schule und die Tanzerei, Tiffany, die älteste, lebte nicht im Haus und Jessica… hatte wohl Glück im Unglück…

Womit ich wieder bei meinen Intro wäre: wer bin ich eigentlich, daß ich mir anmaße, über andere Menschen zu urteilen, ihr Verhalten zu bewerten? Aber irgendwie liest sich das Buch, diese verdammt wahre Geschichte, eben doch wie ein Roman…. Bleibt also schlussendlich die Frage, was man aus dieser Familiengeschichte lernen kann. Eine Antwort liegt auf der Hand: die Überforderung meiden, sich nicht selbst körperlich und seelisch in den Ruin treiben oder treiben lassen. Hilfe in Anspruch nehmen, Entlastung suchen, eigene Freiräume behaupten, das eigene Leben nicht völlig vernachlässigen… Was geschehen kann, wenn man das nicht beachtet, nun dafür (und für sonst wohl wenig) kann diese Geschichte ein mahnendes Beispiel sein.

Ein allerletztes Wort zum Buch selbst. Es ist weitgehend chronologisch aufgebaut, in eingeschobenen Rückblenden eröffnet sich ein umfassenderes Bild zum Schicksal der Familie. Literarisch ist die Geschichte solider, lesbarer Durchschnitt, der keine sonderlichen Akzente setzt.

Nun, damit ist von meiner Seite aus alles gesagt, Meine scheisskranke Familie wird bei mir nicht in die Highlights des Lesejahres 2018 aufgenommen werden.

Weiere Links:

Dan Marshall im Interview über sein Buch: https://www.jetzt.de/literatur/buch-ueber-kranke-eltern
Videoporträt von Bob Marshall bei youtube: zum clip –> video

Dan Marshall
Meine scheißkranke Familie
Eine verdammt wahre Geschichte
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Eva Kemper
Originalausgabe: Home is burning, NY, 2015
diese Ausgabe: Atrium, HC, ca. 450 S., 2016

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Sasha Marianna Salzmann: Außer sich

Außer sich sein: höchst aufgeregt, fassungslos, von Sinnen sein, ganz aus dem Häuschen sein, toben, rasen, wutschnauben, überkochen, ausbrechen – so kann man Synonyma nachlesen… aber auch vor Freude läßt es sich ‚außer sich‘ sein. Außer sich selbst betrachtet sie noch…. und dann läßt sich mit ein wenig Fantasie auch noch das ‚Außer‘ in Außer sich als Gegensatz zum Innen interpretieren, als ‚Außen‘ eben. Ein Gegensatz: wer Außer sich ist, kann nicht ‚in sich‘, ‚bei sich‘ sein, hat keine Mitte, keine Achtsamkeit sich selbst gegenüber, ist aus sich selbst herausgetreten wie in dieser Szene: Ich schwebte über uns und sah zu, wie dieses andere Ich von mir meiner Mutter zuhörte. … Ein weites Spektrum an Deutungsmöglichkeiten also für diesen nur zwei Worte umfassenden Romantitel der jungen, 1985 in Wolgograd geborenen und jetzt in Berlin lebenden Theaterfrau Sasha Marianna Salzmann. Deutungen, denen aber eins gemeinsam ist: sie setzen eine Entität voraus, die eine Grenze hat, die überschritten wird oder wurde – in welcher Art auch immer.


Sasha Marianna Salzmann kam mit ihrer Familie 1995 als Zehnjährige nach Deutschland, als Juden bekamen sie den Status von Kontingentflüchtlingen, sie weiß also, wovon sie redet, wenn sie im Roman Deutschland als ein fremdes und auch unfreundliches Land für ihre Protagonisten beschreibt. Waren diese in Russland als Juden beschimpft worden, wurden sie es hier als Russen. Dies abzustreiten und sich als Jude zu outen (wie es Anton entgegen dem Verbot der Mutter tat) war nicht wirklich förderlich für die Integration der Zwillinge Anton und Alissa in die Klassengemeinschaft. Die anschließende Auseinandersetzung endete mit einer sehr heftigen Prügelattacke, die Geschwister wurden dadurch noch enger auf sich selbst zurückgeworfen.

Salzmann ist keine Unbekannte, in Theaterkreisen hat sie ihren Namen und nach diesem Roman dürfte sich der in Literaturkreisen auch etabliert haben. Außer sich kommt wie ein Sturm über uns Leser, die mit außerordentlichem Tempo, großer Bildkraft und imponierendem Sprachgefühl erzählte und stark (?) biographisch angehauchte Geschichte der Familie spült einen förmlich weg, entreißt beim Lesen den Grund unter den Füßen, denn nichts ist wirklich sicher in diesem Roman, bustäblich alles wird in Frage gestellt.


Dies betrifft insbesondere die Erzählerin Alissa oder kürzer Ali, womit wir schon bei einem Namen für ein Mädchen sind, der auch ein Jungenname sein könnte. Ein nicht ganz nebensächliches Detail. Es irritiert schon auf der allerersten Seite des Buches, dem Personenregister (das aber bei weitem nicht vollständig ist): Alissa, Ali: Schwester, Bruder, ich…

Konzentrierte sich die Geschichte Salzmanns auf die Zwillinge, musste ich an das Symposium von Platon denken, die Geschichte, in der dieser davon erzählt, daß die Mann und Weib erst entstanden, nachdem der Mensch von Zeus in zwei Teile geschnitten worden war, ihn zu schwächen war das Ziel [3]. So kamen mir Alissa und Anton vor, die Unzertrennlichen, die sich aneinander klammerten, schon in der Gebärmutter vereint, durch die Geburt äußerlich getrennt, die Nähe unter der Bettdecke suchend sich ineinander verbeißend, sich wieder findend und irgendwann dann den Begriff der Geschwisterliebe bis über die Grenze hinaus lebend. Und als Anton dann schließlich ausbrach und wegging, blieb Ali allein zurück, und als die Postkarte kam, ohne Worte außer dem einen: Istanbul, fuhr Ali dorthin, in diese Stadt, eine andere konnte es nicht sein als diese, genauso vereint und getrennt wie Ali und Anton, auf zwei Kontinenten liegend, zwischen Osten und Westen, zwischen Moderne und Althergebrachten hin- und herschlingernd.

Istanbul, das Istanbul, durch das Salzmann ihre/n Ali schickt, erinnert an einen Fiebertraum. Ali kommt in einer großen Wohnung unter, die ihr ‚Onkel‘ Cemal (der eigentlich der Onkel von Elyas ist, aber damit ebenso ihr Onkel, denn mit Elyas lebte Alissa in Deutschland zusammen, inmitten der Staubmäuse [4] und nicht funktionierenden Türklinken) besorgt hatte, obwohl sie trotzdem oft bei Onkel Cemal ist und dort auf dem Sofa liegt, in dem die Wanzen leben, die schon auf sie warten. Cemal hilft ihr bei der Suche nach Anton; Ali durchstreift die Gegend, die Altstadt von Istanbul auf der nördlichen Seite des Goldenen Horns [2], wo sich die finden, die außer sich sind, die auf der Suche oder der Flucht sind, auf der Suche nach Drogen oder der Flucht vor sich. Es ist die Gegend um den Taksim-Platz, den Gezi-Park, in dem Ali dann auch in die Demonstrationen geraten sollte…

Sie streift durch die Lokale dort, über schummrige Flure, quietschende Treppen, trifft auf Katho, die Tänzerin, mit der sie mitgeht und Sex hat, bevor sie erfährt, daß Katho ein ‚Er‘ ist, Testosteron spritzt und bald eine Bart haben wird… irgendwann – sind Wochen vergangen, Monate? es ist nicht immer klar erkennbar, auch die Zeit löst sich auf, gerät zumindest für Ali und uns als Leser außer sich, aber ist es wichtig, wieviel Zeit vergangen ist, kehrt nicht alles irgendwann zu sich selbst zurück, als ob die Zeit ein Riesenrad schlägt? Sie bewegt sich nach vorn und zurück und trägt dich weit fort, … – irgendwann also fängt Ali an, sich selbst auch Testosteron, das an jeder Straßenecke vertickert wird, zu spritzen, da sie Anton nicht findet, will sie zu Anton werden…

In diesem wurzel- und orientierungslosen Zwischenzustand, auf der Suche nach Anton, auf der Suche nach sich, im Auflösen des Ichs ohne daß ein neues schon Konturen hätte, läßt Salzmann Ali die Geschichte ihrer Familie erzählen; Erinnerung als zweites Standbein des Romans. Auch diese nicht eindeutig, die Personen tragen – je nachdem, wer erzählt – oft unterschiedliche Namen (wie der Großvater Daniil, Danja, Danitshka), selbst Familiennamen sind nicht zuverlässig, russische konnten ‚besorgt‘ werden, um das jüdische zu verschleiern. Die Geschehnisse können, wieder in Abhängigkeit von Figur, der Salzmann die Worte in den Mund legt, ganz unterschiedlich dargestellt werden. Durchgängig ist jedoch das hohe Tempo, das die Autorin ihrem Text verleiht, es spiegelt den Entstehungsprozess des Romans wieder: …hatte Salzmann das Prosaschreiben beileibe nicht strategisch geplant. Vielmehr kam „Außer sich“ während eines Auslands-Stipendiums quasi wie eine Naturgewalt über sie. [5], durchgängig auch die Intensität des Geschriebenen, die fesselt und den Atem nimmt.

Es wird eine Familiengeschichte, die bis zu den Urgroßeltern zurückführt, eine Geschichte, die in Russland spielt, in der UdSSR und dann wieder in Russland, eine Geschichte, in der das Wort von der ‚Judensau‘ häufig und immer wieder zu hören ist, eine Geschichte, in der die Männer ihre Rolle als Ehemänner und Vater aus Filmen lernen, in den Männer vorwiegend saufen und prügeln, eine Geschichte, in der Frauen lernen, daß Gefühle vor der Ehe nicht wichtig sind, sie kämen in der Ehe. Leider ist es meist der Schmerz als einziges Gefühl, das sie spüren werden. Eine Geschichte der frühen Schwangerschaften, der verbotenen Lieben zu Schicksen, denn wichtig ist, daß man unter sich heiratet… Der Krieg, die Not, alles wird durchlitten… Man hatte nichts mit dem osteuropäischen Shetlt zu tun, es gab hochberühmte Ärzte in der Familie (die mit viel Glück sogar die Säuberung nach Stalins Tod überlebten, denn irgendjemand hatte einfach Schuld zu haben am Tod des Väterchens und da kamen Ärzte, zumal jüdische, gerade recht…) und man studierte, wenn möglich. Man zog oft um, lebte in Moskau, in Wolgograd, in Odessa… und dann hatte man die Gelegenheit, nach Germania zu gehen, ausgerechnet Germania, wo das Blut doch noch nicht trocken war, das die Deutschen vergossen haben… Salzmann erzählt diese Geschichte nur angenähert chronologisch, immer wieder gibt es Kapitel, in denen Rückblenden eingeschoben sind, oder in denen das Geschehen aus anderer Sicht dargestellt wird. Die einzelnen Abschnitte, die die Autorin ihren Vorfahren (Urgroßeltern, Großeltern und Eltern) widmet, verraten viel über das Leben damals im Osten, in Russland, in der UdSSR, immer wieder auch streut Salzmann russische Sätze in ihren Text ein, an einer Stelle auch jiddisches.

Der Empfang in Deutschland war … deutsch eben. Ein Asylheim, in dem der Fettgeruch sich auf alles legte und alles egalisierte, in dem jeder mithörte, wenn die Nachbarn sich stritten oder liebten… Die ‚Russen‘ fielen auf durch die Sprache, die nur die Kinder schnell lernten, durch die Klamotten. Dann eine kleine Wohnung, doch der Vater hatte sich dem Suff ergeben, Ali wird die Dolmetscherin, erledigt Behördengänge und den Schriftverkehr. Die Scheidung der Eltern, bei der Ali sich um den Vater kümmert und durch eine ergebnisorientierte Übersetzung seiner Flüche das gewünschte Ergebnis fördert. Ali studiert Mathematik, das kostet sie jedoch zu viel Zeit, die sie eher für ihr Boxtraining braucht, also schmeißt sie das Studium hin. Daß der Sturz des Vaters vom Balkon als Suizid zu werten ist, schält sich langsam heraus aus den Erinnerungen, die auf den Anruf gesprochene letzte Botschaft – eine ewige Schuldzuweisung an die Tochter, die zum Sohn werden will.

Es gibt diesen Anton, die Geburt der Zwillinge ist wohl unstreitig, auch ihre gemeinseme Kindheit und Jugend im Roman. Ansonsten könnte man ihn  für eine Figur halten, die nur in der Fantasie Alis existiert. Das Salzmann gegen Ende des Romans auch auf Antons Erlebnisse in Istanbul eingeht, ändert daran wenig. Obwohl beide im selben Bezirk Istanbul leben, wohnen, hausen, obwohl Anton Ali gesehen zu haben scheint, treffen sie sich nicht, begegnen sie sich nicht. Anton wird immer mehr zur Sehnsuchtsfigur für Ali, deren Identität immer diffuser wird… sich der Identität ‚Anton‘ immer mehr nähert, immer häufiger taucht das ‚er‘ auf, wenn von Ali die Rede ist…

Das Geschehen um Anton und Ali spielt praktisch in der Jetzt-Zeit, der Roman endet mit der Schilderung des Putschversuchs aus dem Erleben Alis heraus im Juli 2016 [6]. Diese politischen Ereignisse bleiben jedoch auf der Hintergrundebene der persönlichen Schicksale der Figuren. Im Übrigen läßt sich auch bei der gegenwärtigen politischen Entwicklung in der Türkei ein Identitätswechsel, wie ihn Alissa zu Ali/Anton durchlebt, beobachten.


Ich hatte Salzmanns Roman nicht auf dem Film, das Buch war eine Weihnachtsgeschenk und hat mir den Einstieg in den neue Lesejahr sehr, sehr schön gestaltet. Es steht bei mir schon jetzt auf der Liste der Highlights und ich kann jedem nur empfehlen, sich diesem Buches zu widmen: mit seinem hohen Tempo ist es spannend, mit dem Schicksal der Figuren berührend, eindringlich, verwirrend, es lädt zum Nachdenken ein, vermittelt Eindrücke über Lebenswirklichkeiten sowohl in Russland/der UdSSR als auch später hier in Deutschland und verunsichert, stellt immer wieder in Frage durch das Grundproblem der Identität: Wer oder Was bin ich?

Links und Anmerkungen:

[1] zur Autorin: https://de.wikipedia.org/wiki/Marianna_Salzmann und ihre eigene Webpräsenz: http://sashamariannasalzmann.com
[2] am sieht schon hier auf diesem Kartenausschnitt die kleinen Gässchen in dem Viertel, die teilweise sehr steil sind, sehr schmal sind, umstanden von alten, auch hin- und baufälligen Häusern. Irgendwie erinnert mich das an Zeiten, in denen ich selbst tagelang durch diese Stadt gestromert bin…. Karte bei google-maps: https://goo.gl/maps/38U52bPpgTJ2
[3] z.B. hier http://www.deanita.de/liebe/liebe03.htm
[4] das ist witzig: den Begriff ‚Staubmäuse‘ habe ich noch nie gehört, ich denke mal, sie sind mit dem, was ich unter ‚Wollmäuse‘ kenne, identisch…
[5] Christoph Schröder: Wenn sich das Ich auflöst;  http://www.deutschlandfunk.de/…id=396109
[6] dies scheint literarisch ein beliebtes Ereignis für einen Romanschluss zu sein, Aydemir hat ihren Roman Ellbogen (in dem es ebenso um Identität und Migration geht) ebenso zu diesem Zeitpunkt enden lassen;  https://radiergummi.wordpress.com/2017/10/18/fatma-aydemir-ellbogen/

Sasha Marianna Salzmann
Außer sich
diese Ausgabe: Suhrkamp, HC, ca. 365 S., 2017

 

Anne B. Ragde: Die letzte Reise meiner Mutter

Anne B. Ragde [1] ist eine norwegische Erfolgsautorin. Ihre Familiengeschichte der Neshovs, die sie in einer Trilogie (siehe unten und warum habe ich eigentlich den dritten Teil nie gelesen?) verfasst hat, war bzw. ist eine intelligente, unterhaltsame und manchmal ein wenig traurig stimmende Darstellung dieses offensichtlich etwas eigenen Menschenschlages in und um Trondheim, fünfhundert Kilometer nördlich von Oslo gelegen, herum. Trondheim ist auch der Wohnort der in Westnorwegen geborenen Autorin und in dieser Stadt spielt auch ein großer Teil der Handlung des Romans, den man getrost auch als biografischen Roman ansehen kann, da Ragde in ihm ihr Verhältnis zu ihrer Mutter aufarbeitet.

Bei ihrer Mutter Birte, im Buch meist ‚Mama‘ genannt, ist mit ihren über achtzig Jahren ein aggressiver Lymphkrebs diagnostiziert worden. Die Chemotherapie ist sehr anstrengend; da die Mutter, die in Oslo lebt, nicht mehr alleine sein kann, muss sie in einem Heim untergebracht werden. Das Geld ist knapp, außerdem ist wohl in dieser Zeit eine Reform der Pflegegesetze vorgenommen worden, die einschneidende Änderungen mit sich brachte, jedenfalls ist die Pflege und Unterbringung der Mutter in dem Heim, in das sie kommt, katastrophal schlecht. Die beiden Töchter, Anne und die jüngere Elin, kümmern sich sehr um die Mutter, fast rund um die Uhr ist jemand von beiden bei ihr. Mama ist eine sehr redselige Frau, wenn sie nicht gerade vor Erschöpfung eingeschlafen ist, will sie erzählen…

Es ist die Zeit der Erinnerungen, ja, auch der Selbstvorwürfe: „Es muss ganz schrecklich gewesen sein, mich als Mutter zu haben, Anne. Als du klein warst.“ – „Ach?“ – „Ja. Du Arme.“ Man kann das nicht abstreiten. Eine Zweijährige auf dem Spielplatz zu ohrfeigen und den Umstehenden stolz zu verkünden, so erziehe man Kinder, ist in der Tat schrecklich. Aber man erfährt im Lauf der Geschichte, daß Mama es selbst nie anders gelernt hatte, ihre Mutter, ‚Hexe‘ genannt, muss die personifizierte Lieblosigkeit gewesen sein, dich hat sowieso keiner lieb, das ist es, was Mama von ihrer Mutter erinnert. Meine Mutter hat mich dauernd geschlagen, ich hätte das doch nicht tun dürfen, ich wusste ja, wie schrecklich das ist, quält die Mutter sich mit der Erinnerung an die besagte Züchtigung Annes.

Anna Ragdes Erinnerungen, die auf einem plötzlichen ‚Heureka‘ beruhen, das sie während der Zeit der Begleitung hatte (ihr eigentliches Buchprojekt kam während dieser Zeit verständlicherweise zum Erliegen) umfassen zwei verschiedene Erzählstränge. Am Beginn des Buches nimmt die Krankheit der Mutter bzw. die Schwierigkeiten bei der Pflege und Begleitung der immer hinfälliger werdenden Mutter einen großen Raum ein. Diese Schwierigkeiten liegen zum einen darin, daß die Pflegesituation und die Unterbringung der Mutter schlicht und ergreifend schlecht ist, die Zustände in der Einrichtung, in der sie gelandet ist, sind erbärmlich. Zum anderen – und der einleitende Satz der Mutter deutet dies an – plagen diese starke Gewissensbisse und Reue und Angst: Kannst du mir jemals verzeihen, Anne? Kannst du das? Oder wirst du dich an solche Dinge erinnern, wenn ich tot bin? Es ist die Zeit des Rückblicks, des Resümees über das gelebte Leben, über die versäumten und über die genutzten Gelegenheiten, über die Sünden, die man auf sich geladen hat und über die Vergebung, die man jetzt so dringend braucht, um Frieden zu finden. Man kann in diesen Passagen wunderbar erkennen, welche Versäumnisse des Lebens sich am Lebensende wieder in Erinnerung rufen und wie wichtig es ist, am besten im Leben selbst zu vermeiden, daß es zu solchen Situationen kommt (‚Lebe jeden Tag so, als ob du morgen sterben würdest!‘) oder zumindest am Ende des Lebens, so wie es Ragde hier schildert, Vergebung suchen.

Tochter und Mutter lassen ihr Leben noch einmal Revue passieren. Es war kein Leben in Saus und Braus, im Gegenteil, es war ein materiell armes Leben. Birtes Mann hatte die Familie, seine Frau und die beiden Mädchen, verlassen, als Anne acht Jahre alt war (d.h. so Mitte der 60er Jahre), wohl einer anderen Frau wegen. Für Birte und Anne war dies ein tiefsitzendes Trauma; Elin war zu dieser Zeit noch sehr klein, die Bindung zur Mutter auch stärker als bei Anne. Birte zog sich eine Zeit lang ganz zurück aus der Welt, wollte mit dieser Schande nicht in die Öffentlichkeit und die achtjährige Anne übernahm es notgedrungen, für die Familie zu sorgen. Für das Kind Anne war Papa die geliebte Bezugsperson gewesen, bei der sie ihren Bedürfnisse nach körperlicher Nähe befriedigen konnte – bei der Mutter war dies nicht möglich gewesen. Anne Ragde schreibt, dieses Trauma hätte sie erst wirklich mit der Gründung der eigenen Familie überwunden. Diese (erste) eigene Familie, vielmehr der Eheschluss (wie sie es nannten) mit Finn, ist dann auch ein weiterer Schwerpunkt der Erzählung der Autorin.

Nach dem Weggang des Vaters konnten sich die drei Frauen noch eine Weile durch Verkäufe von Einrichtungsgegenständen über Wasser halten, aber irgendwann war nichts mehr verkaufsfähiges vorhanden, die Untervermietung von Zimmer in der Wohnung brachte nicht genug und die Mutter musste zur Sozialhilfe. Man zog in eine andere Wohnung um, die … nun ja, einfachste Verhältnisse unterschritt [2]. Die Mutter, eine geborene Dänin, die in den Augen ihrer Kollegen/-innen immer eine ‚Fremdarbeiterin‘ geblieben ist, fing an zu arbeiten, wurde Maschinenführerin an einem Extruder in einer Fabrik, die Plastiktüten herstellte. In der Freizeit strickte sie Norwegerpullis als Auftragsarbeiten, ihr eigentliches Reich jedoch war die Küche: An Essen soll es niemals fehlen, es braucht ja nicht Gänseleber und Champagner zu sein, wenn es nur mit Liebe zubereitet worden ist. 

Die Geschichte dieser Mutter/Tochterbeziehung wird im Lauf der Jahre immer mehr zu einer sich ergänzenden Beziehung, die von mütterlicher Seite Wiedergutmachung sucht und von Seiten der Tochter durch eine diese ergänzende Selbstsucht und Egozentrik geprägt wird. Daß die Mutter, um diese erwähnte (erste) Hochzeit der Tochter zu finanzieren, letztlich ein über fünf Jahre laufendes Darlehen  aufnehmen muss – daran verschwendete Anne damals keine Sekunde ihre Gedanken. Besuchte die mittlerweile im eigenen Haushalt lebende Tochter die Mutter, war es selbstverständlich, daß die Mutter auf Decken am Boden schlief, damit die Tochter das Bett bekam. Mein Gott, bist du unordentlich, Anne! Lächelnd lief die Mutter der Tochter nach dem Waschen hinterher und räumte das fallengelassene Handtuch und die Unterwäsche weg…

Trondheim – wir lernen zwei Personen (bzw. drei) kennen, die ausserhalb der Familie stehen: die Unternachbarin in der Kongens Gate 37 [2], eine Pfingstlerin, die so ganz anders ist als Mama und mit der sie sich doch so gut verstehen und die Schwiegereltern Annes, die – soweit sie Trondheim repräsentieren – dieses nicht allzu positiv vertreten. Verschlossen, eigenbrötlerisch, ein wenig dumpf scheinen sie. Materiell deutlich besser gestellt als Birte, ist für sie Essen beispielsweise reine Nahrungsaufnahme ist und kein Liebesbeweis wie für Mama: das von Mama organisierte und bei ihr stattfindende (notwendige und von den Brautleuten gefürchtete) erste Kennenlernen der jeweiligen Eltern endet zwar nicht mit einem äußeren Eklat, die Unvereinbarkeit der Beteiligten tritt jedoch sehr, sehr deutlich zu Tage….

Annes Ehe hält nur ein paar wenige Jahre, ein Sohn, Stian, bleibt bei der Mutter, dessen Vater erhält zur Scheidung von seinen Eltern ein Auto. Kurz darauf packt Birte eine innere Unruhe und Unrast, sie zieht um, weit weg, nach Oslo, wo Elin mittlerweile eine Anstellung als Polizistin hat. Es wird dort in den ersten Jahren eine Art Nomandenleben, das Birte führt. Unterkünfte, die als Wohnungen kaum zu bezeichnen sind, ein Leben aus Koffern, ohne Besitz, mit dem Gefühl, durch nichts belastet und gehalten zu sein. Selbst als sie dann doch eine kleine Wohnung mietet, begnügt sie sich mit Gartenmöben, die für ihre Bedürfnisse ausreichend sind….

All das (und mehr) sind Erinnerungen am Krankenbett einer langsam Sterbenden, ist der Versuch, ein Leben aufzuarbeiten, Fehler zu bekennen und zu verzeihen. Ein Leben vergeht jetzt unter unwürdigen Umständen, eine Sterbende, die im Heim auf einem Reha-Platz eingewiesen ist und von der Physio zum Krafttraining abgeholt wird – was die Tochter lautstark und wütend verhindern kann. Hier wird nicht massiert, so die Antwort auf die Bitte, doch bitte besser die von der nicht mehr ablaufenden Lymphe dicken Beine zu massieren….

…. die dann abschließend letzte von einigen Reisen, die Mutter und Tochter miteinander unternommen haben, sie führt nach Dänemark, auf ein Segelschiff, das vor dem Strand, den gesamten Øresund im Rücken, kreuzt. Birte kehrt heim….


Anne Ragdes romanhafte, gleichwohl biografische Erinnerungen sind ein wunderbares Stück Literatur, ein unsentimentaler Rückblick auf zwei Leben, auf eine nicht einfache Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Der große Wendepunkt im Leben der Mutter scheint das Scheitern der Ehe gewesen zu sein. Sie suchte danach keinen Mann mehr (sie fragte nach Bettgymnastik, wie sie es nannte, nicht allzu viel nach) und nach einer tiefen Phase der Depression und Niedergeschlagenheit war sie offensichtlich eine andere geworden: neugierig auf das Leben, lebensfroh und zufrieden mit dem, was sie hatte. Für Birte Ragde schien seit dieser Zeit das Glas immer halbvoll gewesen zu sein, sie sah die positiven Seiten des Lebens und mit dem Kochen hatte sie endlich eine Möglichkeit gefunden, Liebe auszudrücken, eine Fähigkeit, die ihr als Kind wohl selbst von ihrer eigenen Mutter aberzogen worden war. Auch von ihrer Tochter Anne, der Autorin, erfahren wir einiges, in der Rückschau ist sie wahrlich nicht auf alles stolz, was sie gemacht hat und wie sie sich gegenüber ihrer Mutter verhalten hat.

Die Pflegesituation der kranken Mutter schildert Anne Ragde als katastrophal, sie schreibt, daß sie und Elin nach dem Tod der Mutter Anzeige wegen Pflichtverletzung gegen die Stadt erhoben haben, die – wenig überraschend – kein Erfolg war. Daß in Norwegen solche Probleme bei der Pflege auftreten, hat mich ein wenig überrascht, ich war davon ausgegangen (und kurze Recherchen im Internet haben das bestätigt), daß z.B. das Verhältnis Pfleger zu Patient in diesem Land sehr gut ist. Was mich ausserdem gewundert hat, war die Tatsache, daß die Autorin, die ansonsten wirklich nicht geizig war, wenn es darum ging, der Mutter eine Freude zu machen, offensichtlich nicht in der Lage war – oder es nicht möglich machen konnte – die Mutter in eine besseres Heim zu bringen….

Der Teil des Romans, in dem Ragde schildert, wie die sterbende Birte sich mit Fragen quält, mit Selbstvorwürfen, wie sie bedauert und alles mögliche bereut: er ist fast wie ein Lehrstück darüber, was einen Sterbenden am Ende seines Weges quälen und belasten kann und wie wichtig es ist, diese Hindernisse, die auf der Seele liegen, zu klären und soweit es geht durch Verzeihen und Entschuldigen, abzubauen. „Sich etwas von der Seele reden“ ist kein leerer Spruch, sondern notwendiges Tun und Handeln, dies stellt Anne Ragde sehr plastisch und anschaulich und auch liebevoll dar.

Sehr schön schildert die Autorin aber auch, wie sehr Birte ihre Töchter (Elin und Anne wechseln sich ja in der Begleitung der Mutter ab, auch wenn Elin im Buch keine große Erwähnung findet) manipuliert. Sie kann weinen wie ein Kind, sich mit den Handrücken die Augen zerwischen und Mitleid erregen, das ein ‚Nein‘ unmöglich macht. Stundenlang sind die Töchter bei der Mutter, die dies auch einfordert, wenn sie aus dem Schlaf erwacht oder aus dem Einnicken aufschreckt möchte sie nicht alleine sein… Allgemein ist eine solch intensive Inbeschlagnahme eine schwierige Situation für den Begleitenden, der auch sich selbst gegenüber eine Verantwortung hat und eigentlich auch mal ‚Nein…‘ sagen können müsste…. auch das eine sehr realistische Schilderung dessen, was einen bei der Begleitung Sterbender erwarten kann.

In toto kann ich festhalten, daß mir Die letzte Reise meiner Mutter sehr gut gefallen hat. Die weitgehend unaufgeregte Schilderung einer Mutter-Tochter-Beziehung, wobei sich die Autorin auf einige prägende Situationen beschränkt, aus der sich das Bild einer bemerkenswerten Frau, die nie (sieht man von der letzten Lebensetappe mal ab) ihre Freude am Leben verloren hat, die Darstellung der Probleme, die bei der Pflege und Versorgung der todkranken Mutter auftraten: all das macht das Lesen des Romans zu einem zu einem eindringlichen, intensiven Erlebnis.

Links und Anmerkungen:

[1] es ist wenig von der Autorin im Netz zu finden… hier der Link zur Autorenseite beim Verlag
[2] so sieht es heute dort aus. Das Haus ist nach Angaben der Autorin renoviert worden und beherbergt jetzt eine Galerie (wie auch aus den Infos im Link erkennbar ist)

Weitere Besprechungen von Bücher der Autorin hier im Blog:

– Das Lügenhaus
– Die Liebesangst
– Einsiedlerkrebse

Anne B. Ragde
Die letzte Reise meiner Mutter
Übersetzt aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Originalausgabe: Jeg har et teppe i tusen farger, Oslo, 2014
diese Ausgabe: btb, TB, ca. 300 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.