Sasha Marianna Salzmann: Außer sich

Außer sich sein: höchst aufgeregt, fassungslos, von Sinnen sein, ganz aus dem Häuschen sein, toben, rasen, wutschnauben, überkochen, ausbrechen – so kann man Synonyma nachlesen… aber auch vor Freude läßt es sich ‚außer sich‘ sein. Außer sich selbst betrachtet sie noch…. und dann läßt sich mit ein wenig Fantasie auch noch das ‚Außer‘ in Außer sich als Gegensatz zum Innen interpretieren, als ‚Außen‘ eben. Ein Gegensatz: wer Außer sich ist, kann nicht ‚in sich‘, ‚bei sich‘ sein, hat keine Mitte, keine Achtsamkeit sich selbst gegenüber, ist aus sich selbst herausgetreten wie in dieser Szene: Ich schwebte über uns und sah zu, wie dieses andere Ich von mir meiner Mutter zuhörte. … Ein weites Spektrum an Deutungsmöglichkeiten also für diesen nur zwei Worte umfassenden Romantitel der jungen, 1985 in Wolgograd geborenen und jetzt in Berlin lebenden Theaterfrau Sasha Marianna Salzmann. Deutungen, denen aber eins gemeinsam ist: sie setzen eine Entität voraus, die eine Grenze hat, die überschritten wird oder wurde – in welcher Art auch immer.


Sasha Marianna Salzmann kam mit ihrer Familie 1995 als Zehnjährige nach Deutschland, als Juden bekamen sie den Status von Kontingentflüchtlingen, sie weiß also, wovon sie redet, wenn sie im Roman Deutschland als ein fremdes und auch unfreundliches Land für ihre Protagonisten beschreibt. Waren diese in Russland als Juden beschimpft worden, wurden sie es hier als Russen. Dies abzustreiten und sich als Jude zu outen (wie es Anton entgegen dem Verbot der Mutter tat) war nicht wirklich förderlich für die Integration der Zwillinge Anton und Alissa in die Klassengemeinschaft. Die anschließende Auseinandersetzung endete mit einer sehr heftigen Prügelattacke, die Geschwister wurden dadurch noch enger auf sich selbst zurückgeworfen.

Salzmann ist keine Unbekannte, in Theaterkreisen hat sie ihren Namen und nach diesem Roman dürfte sich der in Literaturkreisen auch etabliert haben. Außer sich kommt wie ein Sturm über uns Leser, die mit außerordentlichem Tempo, großer Bildkraft und imponierendem Sprachgefühl erzählte und stark (?) biographisch angehauchte Geschichte der Familie spült einen förmlich weg, entreißt beim Lesen den Grund unter den Füßen, denn nichts ist wirklich sicher in diesem Roman, bustäblich alles wird in Frage gestellt.


Dies betrifft insbesondere die Erzählerin Alissa oder kürzer Ali, womit wir schon bei einem Namen für ein Mädchen sind, der auch ein Jungenname sein könnte. Ein nicht ganz nebensächliches Detail. Es irritiert schon auf der allerersten Seite des Buches, dem Personenregister (das aber bei weitem nicht vollständig ist): Alissa, Ali: Schwester, Bruder, ich…

Konzentrierte sich die Geschichte Salzmanns auf die Zwillinge, musste ich an das Symposium von Platon denken, die Geschichte, in der dieser davon erzählt, daß die Mann und Weib erst entstanden, nachdem der Mensch von Zeus in zwei Teile geschnitten worden war, ihn zu schwächen war das Ziel [3]. So kamen mir Alissa und Anton vor, die Unzertrennlichen, die sich aneinander klammerten, schon in der Gebärmutter vereint, durch die Geburt äußerlich getrennt, die Nähe unter der Bettdecke suchend sich ineinander verbeißend, sich wieder findend und irgendwann dann den Begriff der Geschwisterliebe bis über die Grenze hinaus lebend. Und als Anton dann schließlich ausbrach und wegging, blieb Ali allein zurück, und als die Postkarte kam, ohne Worte außer dem einen: Istanbul, fuhr Ali dorthin, in diese Stadt, eine andere konnte es nicht sein als diese, genauso vereint und getrennt wie Ali und Anton, auf zwei Kontinenten liegend, zwischen Osten und Westen, zwischen Moderne und Althergebrachten hin- und herschlingernd.

Istanbul, das Istanbul, durch das Salzmann ihre/n Ali schickt, erinnert an einen Fiebertraum. Ali kommt in einer großen Wohnung unter, die ihr ‚Onkel‘ Cemal (der eigentlich der Onkel von Elyas ist, aber damit ebenso ihr Onkel, denn mit Elyas lebte Alissa in Deutschland zusammen, inmitten der Staubmäuse [4] und nicht funktionierenden Türklinken) besorgt hatte, obwohl sie trotzdem oft bei Onkel Cemal ist und dort auf dem Sofa liegt, in dem die Wanzen leben, die schon auf sie warten. Cemal hilft ihr bei der Suche nach Anton; Ali durchstreift die Gegend, die Altstadt von Istanbul auf der nördlichen Seite des Goldenen Horns [2], wo sich die finden, die außer sich sind, die auf der Suche oder der Flucht sind, auf der Suche nach Drogen oder der Flucht vor sich. Es ist die Gegend um den Taksim-Platz, den Gezi-Park, in dem Ali dann auch in die Demonstrationen geraten sollte…

Sie streift durch die Lokale dort, über schummrige Flure, quietschende Treppen, trifft auf Katho, die Tänzerin, mit der sie mitgeht und Sex hat, bevor sie erfährt, daß Katho ein ‚Er‘ ist, Testosteron spritzt und bald eine Bart haben wird… irgendwann – sind Wochen vergangen, Monate? es ist nicht immer klar erkennbar, auch die Zeit löst sich auf, gerät zumindest für Ali und uns als Leser außer sich, aber ist es wichtig, wieviel Zeit vergangen ist, kehrt nicht alles irgendwann zu sich selbst zurück, als ob die Zeit ein Riesenrad schlägt? Sie bewegt sich nach vorn und zurück und trägt dich weit fort, … – irgendwann also fängt Ali an, sich selbst auch Testosteron, das an jeder Straßenecke vertickert wird, zu spritzen, da sie Anton nicht findet, will sie zu Anton werden…

In diesem wurzel- und orientierungslosen Zwischenzustand, auf der Suche nach Anton, auf der Suche nach sich, im Auflösen des Ichs ohne daß ein neues schon Konturen hätte, läßt Salzmann Ali die Geschichte ihrer Familie erzählen; Erinnerung als zweites Standbein des Romans. Auch diese nicht eindeutig, die Personen tragen – je nachdem, wer erzählt – oft unterschiedliche Namen (wie der Großvater Daniil, Danja, Danitshka), selbst Familiennamen sind nicht zuverlässig, russische konnten ‚besorgt‘ werden, um das jüdische zu verschleiern. Die Geschehnisse können, wieder in Abhängigkeit von Figur, der Salzmann die Worte in den Mund legt, ganz unterschiedlich dargestellt werden. Durchgängig ist jedoch das hohe Tempo, das die Autorin ihrem Text verleiht, es spiegelt den Entstehungsprozess des Romans wieder: …hatte Salzmann das Prosaschreiben beileibe nicht strategisch geplant. Vielmehr kam „Außer sich“ während eines Auslands-Stipendiums quasi wie eine Naturgewalt über sie. [5], durchgängig auch die Intensität des Geschriebenen, die fesselt und den Atem nimmt.

Es wird eine Familiengeschichte, die bis zu den Urgroßeltern zurückführt, eine Geschichte, die in Russland spielt, in der UdSSR und dann wieder in Russland, eine Geschichte, in der das Wort von der ‚Judensau‘ häufig und immer wieder zu hören ist, eine Geschichte, in der die Männer ihre Rolle als Ehemänner und Vater aus Filmen lernen, in den Männer vorwiegend saufen und prügeln, eine Geschichte, in der Frauen lernen, daß Gefühle vor der Ehe nicht wichtig sind, sie kämen in der Ehe. Leider ist es meist der Schmerz als einziges Gefühl, das sie spüren werden. Eine Geschichte der frühen Schwangerschaften, der verbotenen Lieben zu Schicksen, denn wichtig ist, daß man unter sich heiratet… Der Krieg, die Not, alles wird durchlitten… Man hatte nichts mit dem osteuropäischen Shetlt zu tun, es gab hochberühmte Ärzte in der Familie (die mit viel Glück sogar die Säuberung nach Stalins Tod überlebten, denn irgendjemand hatte einfach Schuld zu haben am Tod des Väterchens und da kamen Ärzte, zumal jüdische, gerade recht…) und man studierte, wenn möglich. Man zog oft um, lebte in Moskau, in Wolgograd, in Odessa… und dann hatte man die Gelegenheit, nach Germania zu gehen, ausgerechnet Germania, wo das Blut doch noch nicht trocken war, das die Deutschen vergossen haben… Salzmann erzählt diese Geschichte nur angenähert chronologisch, immer wieder gibt es Kapitel, in denen Rückblenden eingeschoben sind, oder in denen das Geschehen aus anderer Sicht dargestellt wird. Die einzelnen Abschnitte, die die Autorin ihren Vorfahren (Urgroßeltern, Großeltern und Eltern) widmet, verraten viel über das Leben damals im Osten, in Russland, in der UdSSR, immer wieder auch streut Salzmann russische Sätze in ihren Text ein, an einer Stelle auch jiddisches.

Der Empfang in Deutschland war … deutsch eben. Ein Asylheim, in dem der Fettgeruch sich auf alles legte und alles egalisierte, in dem jeder mithörte, wenn die Nachbarn sich stritten oder liebten… Die ‚Russen‘ fielen auf durch die Sprache, die nur die Kinder schnell lernten, durch die Klamotten. Dann eine kleine Wohnung, doch der Vater hatte sich dem Suff ergeben, Ali wird die Dolmetscherin, erledigt Behördengänge und den Schriftverkehr. Die Scheidung der Eltern, bei der Ali sich um den Vater kümmert und durch eine ergebnisorientierte Übersetzung seiner Flüche das gewünschte Ergebnis fördert. Ali studiert Mathematik, das kostet sie jedoch zu viel Zeit, die sie eher für ihr Boxtraining braucht, also schmeißt sie das Studium hin. Daß der Sturz des Vaters vom Balkon als Suizid zu werten ist, schält sich langsam heraus aus den Erinnerungen, die auf den Anruf gesprochene letzte Botschaft – eine ewige Schuldzuweisung an die Tochter, die zum Sohn werden will.

Es gibt diesen Anton, die Geburt der Zwillinge ist wohl unstreitig, auch ihre gemeinseme Kindheit und Jugend im Roman. Ansonsten könnte man ihn  für eine Figur halten, die nur in der Fantasie Alis existiert. Das Salzmann gegen Ende des Romans auch auf Antons Erlebnisse in Istanbul eingeht, ändert daran wenig. Obwohl beide im selben Bezirk Istanbul leben, wohnen, hausen, obwohl Anton Ali gesehen zu haben scheint, treffen sie sich nicht, begegnen sie sich nicht. Anton wird immer mehr zur Sehnsuchtsfigur für Ali, deren Identität immer diffuser wird… sich der Identität ‚Anton‘ immer mehr nähert, immer häufiger taucht das ‚er‘ auf, wenn von Ali die Rede ist…

Das Geschehen um Anton und Ali spielt praktisch in der Jetzt-Zeit, der Roman endet mit der Schilderung des Putschversuchs aus dem Erleben Alis heraus im Juli 2016 [6]. Diese politischen Ereignisse bleiben jedoch auf der Hintergrundebene der persönlichen Schicksale der Figuren. Im Übrigen läßt sich auch bei der gegenwärtigen politischen Entwicklung in der Türkei ein Identitätswechsel, wie ihn Alissa zu Ali/Anton durchlebt, beobachten.


Ich hatte Salzmanns Roman nicht auf dem Film, das Buch war eine Weihnachtsgeschenk und hat mir den Einstieg in den neue Lesejahr sehr, sehr schön gestaltet. Es steht bei mir schon jetzt auf der Liste der Highlights und ich kann jedem nur empfehlen, sich diesem Buches zu widmen: mit seinem hohen Tempo ist es spannend, mit dem Schicksal der Figuren berührend, eindringlich, verwirrend, es lädt zum Nachdenken ein, vermittelt Eindrücke über Lebenswirklichkeiten sowohl in Russland/der UdSSR als auch später hier in Deutschland und verunsichert, stellt immer wieder in Frage durch das Grundproblem der Identität: Wer oder Was bin ich?

Links und Anmerkungen:

[1] zur Autorin: https://de.wikipedia.org/wiki/Marianna_Salzmann und ihre eigene Webpräsenz: http://sashamariannasalzmann.com
[2] am sieht schon hier auf diesem Kartenausschnitt die kleinen Gässchen in dem Viertel, die teilweise sehr steil sind, sehr schmal sind, umstanden von alten, auch hin- und baufälligen Häusern. Irgendwie erinnert mich das an Zeiten, in denen ich selbst tagelang durch diese Stadt gestromert bin…. Karte bei google-maps: https://goo.gl/maps/38U52bPpgTJ2
[3] z.B. hier http://www.deanita.de/liebe/liebe03.htm
[4] das ist witzig: den Begriff ‚Staubmäuse‘ habe ich noch nie gehört, ich denke mal, sie sind mit dem, was ich unter ‚Wollmäuse‘ kenne, identisch…
[5] Christoph Schröder: Wenn sich das Ich auflöst;  http://www.deutschlandfunk.de/…id=396109
[6] dies scheint literarisch ein beliebtes Ereignis für einen Romanschluss zu sein, Aydemir hat ihren Roman Ellbogen (in dem es ebenso um Identität und Migration geht) ebenso zu diesem Zeitpunkt enden lassen;  https://radiergummi.wordpress.com/2017/10/18/fatma-aydemir-ellbogen/

Sasha Marianna Salzmann
Außer sich
diese Ausgabe: Suhrkamp, HC, ca. 365 S., 2017

 

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Anne B. Ragde: Die letzte Reise meiner Mutter

Anne B. Ragde [1] ist eine norwegische Erfolgsautorin. Ihre Familiengeschichte der Neshovs, die sie in einer Trilogie (siehe unten und warum habe ich eigentlich den dritten Teil nie gelesen?) verfasst hat, war bzw. ist eine intelligente, unterhaltsame und manchmal ein wenig traurig stimmende Darstellung dieses offensichtlich etwas eigenen Menschenschlages in und um Trondheim, fünfhundert Kilometer nördlich von Oslo gelegen, herum. Trondheim ist auch der Wohnort der in Westnorwegen geborenen Autorin und in dieser Stadt spielt auch ein großer Teil der Handlung des Romans, den man getrost auch als biografischen Roman ansehen kann, da Ragde in ihm ihr Verhältnis zu ihrer Mutter aufarbeitet.

Bei ihrer Mutter Birte, im Buch meist ‚Mama‘ genannt, ist mit ihren über achtzig Jahren ein aggressiver Lymphkrebs diagnostiziert worden. Die Chemotherapie ist sehr anstrengend; da die Mutter, die in Oslo lebt, nicht mehr alleine sein kann, muss sie in einem Heim untergebracht werden. Das Geld ist knapp, außerdem ist wohl in dieser Zeit eine Reform der Pflegegesetze vorgenommen worden, die einschneidende Änderungen mit sich brachte, jedenfalls ist die Pflege und Unterbringung der Mutter in dem Heim, in das sie kommt, katastrophal schlecht. Die beiden Töchter, Anne und die jüngere Elin, kümmern sich sehr um die Mutter, fast rund um die Uhr ist jemand von beiden bei ihr. Mama ist eine sehr redselige Frau, wenn sie nicht gerade vor Erschöpfung eingeschlafen ist, will sie erzählen…

Es ist die Zeit der Erinnerungen, ja, auch der Selbstvorwürfe: „Es muss ganz schrecklich gewesen sein, mich als Mutter zu haben, Anne. Als du klein warst.“ – „Ach?“ – „Ja. Du Arme.“ Man kann das nicht abstreiten. Eine Zweijährige auf dem Spielplatz zu ohrfeigen und den Umstehenden stolz zu verkünden, so erziehe man Kinder, ist in der Tat schrecklich. Aber man erfährt im Lauf der Geschichte, daß Mama es selbst nie anders gelernt hatte, ihre Mutter, ‚Hexe‘ genannt, muss die personifizierte Lieblosigkeit gewesen sein, dich hat sowieso keiner lieb, das ist es, was Mama von ihrer Mutter erinnert. Meine Mutter hat mich dauernd geschlagen, ich hätte das doch nicht tun dürfen, ich wusste ja, wie schrecklich das ist, quält die Mutter sich mit der Erinnerung an die besagte Züchtigung Annes.

Anna Ragdes Erinnerungen, die auf einem plötzlichen ‚Heureka‘ beruhen, das sie während der Zeit der Begleitung hatte (ihr eigentliches Buchprojekt kam während dieser Zeit verständlicherweise zum Erliegen) umfassen zwei verschiedene Erzählstränge. Am Beginn des Buches nimmt die Krankheit der Mutter bzw. die Schwierigkeiten bei der Pflege und Begleitung der immer hinfälliger werdenden Mutter einen großen Raum ein. Diese Schwierigkeiten liegen zum einen darin, daß die Pflegesituation und die Unterbringung der Mutter schlicht und ergreifend schlecht ist, die Zustände in der Einrichtung, in der sie gelandet ist, sind erbärmlich. Zum anderen – und der einleitende Satz der Mutter deutet dies an – plagen diese starke Gewissensbisse und Reue und Angst: Kannst du mir jemals verzeihen, Anne? Kannst du das? Oder wirst du dich an solche Dinge erinnern, wenn ich tot bin? Es ist die Zeit des Rückblicks, des Resümees über das gelebte Leben, über die versäumten und über die genutzten Gelegenheiten, über die Sünden, die man auf sich geladen hat und über die Vergebung, die man jetzt so dringend braucht, um Frieden zu finden. Man kann in diesen Passagen wunderbar erkennen, welche Versäumnisse des Lebens sich am Lebensende wieder in Erinnerung rufen und wie wichtig es ist, am besten im Leben selbst zu vermeiden, daß es zu solchen Situationen kommt (‚Lebe jeden Tag so, als ob du morgen sterben würdest!‘) oder zumindest am Ende des Lebens, so wie es Ragde hier schildert, Vergebung suchen.

Tochter und Mutter lassen ihr Leben noch einmal Revue passieren. Es war kein Leben in Saus und Braus, im Gegenteil, es war ein materiell armes Leben. Birtes Mann hatte die Familie, seine Frau und die beiden Mädchen, verlassen, als Anne acht Jahre alt war (d.h. so Mitte der 60er Jahre), wohl einer anderen Frau wegen. Für Birte und Anne war dies ein tiefsitzendes Trauma; Elin war zu dieser Zeit noch sehr klein, die Bindung zur Mutter auch stärker als bei Anne. Birte zog sich eine Zeit lang ganz zurück aus der Welt, wollte mit dieser Schande nicht in die Öffentlichkeit und die achtjährige Anne übernahm es notgedrungen, für die Familie zu sorgen. Für das Kind Anne war Papa die geliebte Bezugsperson gewesen, bei der sie ihren Bedürfnisse nach körperlicher Nähe befriedigen konnte – bei der Mutter war dies nicht möglich gewesen. Anne Ragde schreibt, dieses Trauma hätte sie erst wirklich mit der Gründung der eigenen Familie überwunden. Diese (erste) eigene Familie, vielmehr der Eheschluss (wie sie es nannten) mit Finn, ist dann auch ein weiterer Schwerpunkt der Erzählung der Autorin.

Nach dem Weggang des Vaters konnten sich die drei Frauen noch eine Weile durch Verkäufe von Einrichtungsgegenständen über Wasser halten, aber irgendwann war nichts mehr verkaufsfähiges vorhanden, die Untervermietung von Zimmer in der Wohnung brachte nicht genug und die Mutter musste zur Sozialhilfe. Man zog in eine andere Wohnung um, die … nun ja, einfachste Verhältnisse unterschritt [2]. Die Mutter, eine geborene Dänin, die in den Augen ihrer Kollegen/-innen immer eine ‚Fremdarbeiterin‘ geblieben ist, fing an zu arbeiten, wurde Maschinenführerin an einem Extruder in einer Fabrik, die Plastiktüten herstellte. In der Freizeit strickte sie Norwegerpullis als Auftragsarbeiten, ihr eigentliches Reich jedoch war die Küche: An Essen soll es niemals fehlen, es braucht ja nicht Gänseleber und Champagner zu sein, wenn es nur mit Liebe zubereitet worden ist. 

Die Geschichte dieser Mutter/Tochterbeziehung wird im Lauf der Jahre immer mehr zu einer sich ergänzenden Beziehung, die von mütterlicher Seite Wiedergutmachung sucht und von Seiten der Tochter durch eine diese ergänzende Selbstsucht und Egozentrik geprägt wird. Daß die Mutter, um diese erwähnte (erste) Hochzeit der Tochter zu finanzieren, letztlich ein über fünf Jahre laufendes Darlehen  aufnehmen muss – daran verschwendete Anne damals keine Sekunde ihre Gedanken. Besuchte die mittlerweile im eigenen Haushalt lebende Tochter die Mutter, war es selbstverständlich, daß die Mutter auf Decken am Boden schlief, damit die Tochter das Bett bekam. Mein Gott, bist du unordentlich, Anne! Lächelnd lief die Mutter der Tochter nach dem Waschen hinterher und räumte das fallengelassene Handtuch und die Unterwäsche weg…

Trondheim – wir lernen zwei Personen (bzw. drei) kennen, die ausserhalb der Familie stehen: die Unternachbarin in der Kongens Gate 37 [2], eine Pfingstlerin, die so ganz anders ist als Mama und mit der sie sich doch so gut verstehen und die Schwiegereltern Annes, die – soweit sie Trondheim repräsentieren – dieses nicht allzu positiv vertreten. Verschlossen, eigenbrötlerisch, ein wenig dumpf scheinen sie. Materiell deutlich besser gestellt als Birte, ist für sie Essen beispielsweise reine Nahrungsaufnahme ist und kein Liebesbeweis wie für Mama: das von Mama organisierte und bei ihr stattfindende (notwendige und von den Brautleuten gefürchtete) erste Kennenlernen der jeweiligen Eltern endet zwar nicht mit einem äußeren Eklat, die Unvereinbarkeit der Beteiligten tritt jedoch sehr, sehr deutlich zu Tage….

Annes Ehe hält nur ein paar wenige Jahre, ein Sohn, Stian, bleibt bei der Mutter, dessen Vater erhält zur Scheidung von seinen Eltern ein Auto. Kurz darauf packt Birte eine innere Unruhe und Unrast, sie zieht um, weit weg, nach Oslo, wo Elin mittlerweile eine Anstellung als Polizistin hat. Es wird dort in den ersten Jahren eine Art Nomandenleben, das Birte führt. Unterkünfte, die als Wohnungen kaum zu bezeichnen sind, ein Leben aus Koffern, ohne Besitz, mit dem Gefühl, durch nichts belastet und gehalten zu sein. Selbst als sie dann doch eine kleine Wohnung mietet, begnügt sie sich mit Gartenmöben, die für ihre Bedürfnisse ausreichend sind….

All das (und mehr) sind Erinnerungen am Krankenbett einer langsam Sterbenden, ist der Versuch, ein Leben aufzuarbeiten, Fehler zu bekennen und zu verzeihen. Ein Leben vergeht jetzt unter unwürdigen Umständen, eine Sterbende, die im Heim auf einem Reha-Platz eingewiesen ist und von der Physio zum Krafttraining abgeholt wird – was die Tochter lautstark und wütend verhindern kann. Hier wird nicht massiert, so die Antwort auf die Bitte, doch bitte besser die von der nicht mehr ablaufenden Lymphe dicken Beine zu massieren….

…. die dann abschließend letzte von einigen Reisen, die Mutter und Tochter miteinander unternommen haben, sie führt nach Dänemark, auf ein Segelschiff, das vor dem Strand, den gesamten Øresund im Rücken, kreuzt. Birte kehrt heim….


Anne Ragdes romanhafte, gleichwohl biografische Erinnerungen sind ein wunderbares Stück Literatur, ein unsentimentaler Rückblick auf zwei Leben, auf eine nicht einfache Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Der große Wendepunkt im Leben der Mutter scheint das Scheitern der Ehe gewesen zu sein. Sie suchte danach keinen Mann mehr (sie fragte nach Bettgymnastik, wie sie es nannte, nicht allzu viel nach) und nach einer tiefen Phase der Depression und Niedergeschlagenheit war sie offensichtlich eine andere geworden: neugierig auf das Leben, lebensfroh und zufrieden mit dem, was sie hatte. Für Birte Ragde schien seit dieser Zeit das Glas immer halbvoll gewesen zu sein, sie sah die positiven Seiten des Lebens und mit dem Kochen hatte sie endlich eine Möglichkeit gefunden, Liebe auszudrücken, eine Fähigkeit, die ihr als Kind wohl selbst von ihrer eigenen Mutter aberzogen worden war. Auch von ihrer Tochter Anne, der Autorin, erfahren wir einiges, in der Rückschau ist sie wahrlich nicht auf alles stolz, was sie gemacht hat und wie sie sich gegenüber ihrer Mutter verhalten hat.

Die Pflegesituation der kranken Mutter schildert Anne Ragde als katastrophal, sie schreibt, daß sie und Elin nach dem Tod der Mutter Anzeige wegen Pflichtverletzung gegen die Stadt erhoben haben, die – wenig überraschend – kein Erfolg war. Daß in Norwegen solche Probleme bei der Pflege auftreten, hat mich ein wenig überrascht, ich war davon ausgegangen (und kurze Recherchen im Internet haben das bestätigt), daß z.B. das Verhältnis Pfleger zu Patient in diesem Land sehr gut ist. Was mich ausserdem gewundert hat, war die Tatsache, daß die Autorin, die ansonsten wirklich nicht geizig war, wenn es darum ging, der Mutter eine Freude zu machen, offensichtlich nicht in der Lage war – oder es nicht möglich machen konnte – die Mutter in eine besseres Heim zu bringen….

Der Teil des Romans, in dem Ragde schildert, wie die sterbende Birte sich mit Fragen quält, mit Selbstvorwürfen, wie sie bedauert und alles mögliche bereut: er ist fast wie ein Lehrstück darüber, was einen Sterbenden am Ende seines Weges quälen und belasten kann und wie wichtig es ist, diese Hindernisse, die auf der Seele liegen, zu klären und soweit es geht durch Verzeihen und Entschuldigen, abzubauen. „Sich etwas von der Seele reden“ ist kein leerer Spruch, sondern notwendiges Tun und Handeln, dies stellt Anne Ragde sehr plastisch und anschaulich und auch liebevoll dar.

Sehr schön schildert die Autorin aber auch, wie sehr Birte ihre Töchter (Elin und Anne wechseln sich ja in der Begleitung der Mutter ab, auch wenn Elin im Buch keine große Erwähnung findet) manipuliert. Sie kann weinen wie ein Kind, sich mit den Handrücken die Augen zerwischen und Mitleid erregen, das ein ‚Nein‘ unmöglich macht. Stundenlang sind die Töchter bei der Mutter, die dies auch einfordert, wenn sie aus dem Schlaf erwacht oder aus dem Einnicken aufschreckt möchte sie nicht alleine sein… Allgemein ist eine solch intensive Inbeschlagnahme eine schwierige Situation für den Begleitenden, der auch sich selbst gegenüber eine Verantwortung hat und eigentlich auch mal ‚Nein…‘ sagen können müsste…. auch das eine sehr realistische Schilderung dessen, was einen bei der Begleitung Sterbender erwarten kann.

In toto kann ich festhalten, daß mir Die letzte Reise meiner Mutter sehr gut gefallen hat. Die weitgehend unaufgeregte Schilderung einer Mutter-Tochter-Beziehung, wobei sich die Autorin auf einige prägende Situationen beschränkt, aus der sich das Bild einer bemerkenswerten Frau, die nie (sieht man von der letzten Lebensetappe mal ab) ihre Freude am Leben verloren hat, die Darstellung der Probleme, die bei der Pflege und Versorgung der todkranken Mutter auftraten: all das macht das Lesen des Romans zu einem zu einem eindringlichen, intensiven Erlebnis.

Links und Anmerkungen:

[1] es ist wenig von der Autorin im Netz zu finden… hier der Link zur Autorenseite beim Verlag
[2] so sieht es heute dort aus. Das Haus ist nach Angaben der Autorin renoviert worden und beherbergt jetzt eine Galerie (wie auch aus den Infos im Link erkennbar ist)

Weitere Besprechungen von Bücher der Autorin hier im Blog:

– Das Lügenhaus
– Die Liebesangst
– Einsiedlerkrebse

Anne B. Ragde
Die letzte Reise meiner Mutter
Übersetzt aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Originalausgabe: Jeg har et teppe i tusen farger, Oslo, 2014
diese Ausgabe: btb, TB, ca. 300 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Hisham Matar: Die Rückkehr

Ein Mann geht durch die Straßen New Yorks und quert dabei einen Gitterrost im Bürgersteig. Darunter war ein Raum, kaum noch genug, um darin stehen zu können, und ganz sicher nicht breit genug, um sich hinzulegen. Ein tiefer, grauer Kasten im Boden. … Ich hatte keine Ahnung, wozu er diente. Ohne zu wissen, wie es geschah, fand ich mich auf den Knien wieder und spähte hinein, …. Es überkam mich unversehens. Ich weinte und konnte mich dabei hören. 


Mit dieser sehr persönlichen Erinnerung endet das erste Kapitel von Hisham Matars [1] ergreifender Erinnerung an seinen Vater Jaballa Matar [2], einer führenden Persönlichkeit des libyschen Widerstands, der 1990 an seinem Exilort Kairo vom ägyptischem Geheimdienst zusammen mit anderen Exillibyern verhaftet/entführt/mitgenommen worden war. Er wurde dann den libyschen Behörden übergeben und dort in dem berüchtigten Gefängnis Abu Salim bei Tripolis [3] eingekerkert. Von dort konnte Jaballa Matar im Laufe der Jahre drei Briefe an seine Familie herausschmuggeln. Sein Tod ist sehr wahrscheinlich, aber bis zum heutigen Tage nicht bestätigt [2]. Möglicherweise ist er schon 1996 bei dem Massaker in Abu Salim [3] eines der über 1200 Opfer gewesen, es gab/gibt niemanden, der ihn nach diesem Zeitpunkt noch gesehen oder auf andere Weise von ihm gehört hat. Appelle an die libyschen Behörden um Aufklärung blieben bislang ohne Ergebnis [2].


Eckdaten zur neueren Geschichte Libyens:

  • Libyen ist als eigenständiger Staat ein junges Gebilde. Ab ca. 1911 hatte Italien das Sagen, später wurde die Region italienische Kolonie. Von 1943 bis 1949 war sie von Frankreich und Großbritannien besetzt. Nach dem Beschluss UN, Libyen in die Unabhängigkeit zu entlassen, wurde der Staat 1951 als Königreich gegründet.
  • 1969 stürzte ein bis dahin unbekannter Hauptmann Muammar al-Gaddafi den König, vertrieb ihn ins Exil nach Kairo und übernahm die Macht.
  • Im Bürgerkrieg von 2011 wurden die regulären Regierungstruppen von den Aufständischen besiegt. Es gelang jedoch nicht, eine stabile Regierung und Verwaltung aufzubauen, so daß ….
  • … 2014 erneut ein Bürgerkrieg ausbrach. [4]

Oberst Jaballa Matar war 1969 nach dem Putsch Gadaffis für einige Monate ins Gefängnis gekommen und musste aus dem Militär ausscheiden. Er übernahm eine Stellung bei der libyschen UN-Vertretung in New York, wo 1970 auch sein Sohn Hisham geboren wurde. Ab 1973 arbeitete Jaballa Matar als Geschäftsmann, er war aus politischen Gründen aus dem Regierungsdienst ausgeschieden. 1979 schließlich emigrierte die Familie, lebte kurze Zeit in Nairobi, ließ sich dann aber in Kairo nieder. Von dort aus betrieb Jaballa Matar seine Oppositionsarbeit, bis er elf Jahre später zusammen mit anderen Oppositionellen gefangen genommen wurde. Hisham Matar war schon früh, 1985, nach London gegangen (und hat dort über neunundzwanzig Jahre hartnäckig versucht, [sich] ein Leben aufzubauen…) und studierte zur Zeit der Gefangennahme in London Architektur, er ist auch englischer Staatsbürger.

Das vorliegende Buch Die Rückkehr handelt auf verschiedenen Ebenen. Die kurze Zeitspanne zwischen den Bürgerkriegen von 2011 und 2014 ermöglichte dem Autoren, seiner Mutter und seiner Frau eine Reise nach Libyen, um dort nach den vielen Jahren der Trennung die Verwandten wieder zu sehen und nach dem Vater zu forschen. Bei diesen Begegnungen werden viele Erinnerungen wach bzw. ausgetauscht, aus denen sich sowohl ein Bild des Familienschicksal herausschält, aber auch ein Eindruck von der Geschichtes des Landes Libyen, das beispielsweise unter der italienischen Besetzung mit äußerster Brutalität regiert worden war. Außer diesen ‚externen‘ Fakten schildert der Autor sehr intensiv sein persönliches Empfinden, das nach all den Jahrzehnten den Verlust des Vater immer noch als tiefe Wunde in der Seele wahrnimmt. Es kommt deutlich heraus, daß vor allem das Unentschiedene, das Nicht-Wissen, was geschehen, daß die Frage, ob der Vater wirklich tot ist und unter welchen Bedingungen und wo er möglicherweise gestorben und begraben ist oder ob noch irgendwo lebt, vielleicht sein Gedächtnis verloren hat, eine riesige Belastung für Hisham Matar ist. Sein Wille, herauszufinden, was geschehen war, [war] zu einer Obsession geworden.. heißt es an einer Stelle des Textes.

Nach Jahrzehnten betritt Hisham Matar also wieder den Boden seines Heimatlandes, denn als solches sieht der in New York Geborene Libyen an. Seine Verwandten, es sind -zig Cousinen und Cousins, Onkel und Tanten, hat er zu letztem Mal gesehen, als sie noch Jahrzehnte jünger waren. Diese Zeit der Trennung fehlt ihm mental, er hat die Veränderungen nicht miterlebt, in seinen Cousinen und Cousins  meint er noch die Kinder zu erkennen, die sie einmal waren. Wie ein abgetrenntes Glied versuchte sich die Vergangenheit an den Körper der Gegenwart zu heften. Und an anderer Stelle: Im Auto unterwegs von Adschdabiya [dem Heimatort des Vaters] nach Bengasi und seiner Küste begriff ich, dass ich all die Jahre das Kind, das ich einmal war, in mir getragen hatte, seine Sprache und Eigenschaften …… als ob er dadurch den Anschluss, die Kontinuität hätte bewahren können. Mitunter kam es mir vor, als litte ich an einer Art Entfernungskrankheit, die, anders als die Seekrankheit, nicht nur den Grund, auf dem ich stand, unsicher mache, sondern auch Zeit und Raum.

Was immer in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten geschehen war, seit ich meinen Vater verloren habe, … die Bemühungen, meinen Vater zu finden, gingen weiter. 2009, also neunzehn Jahre nach dessen Gefangennahme, erhielten sie sogar einen starken, neuen Impuls: ein kürzlich freigelassener Häftling rief bei ihm an, er habe seinen Vater noch 2002 im ‚Schlund der Hölle‘ (Bezeichnung für ein Foltergefängnis) gesehen. Daraufhin setzt Hisham Matar alles in Bewegung, um die libysche Regierung unter Druck zu setzen. Über Bekannte bringt er sogar die englische Regierung dazu, über diplomatische Kanäle hartnäckig in Libyen nachzufragen. Er kontaktiert sogar Saif al-Islam, den verhassten Sohn Gaddafis, der ihm über Monate hinweg viel verspricht, aber nur wenig hält. Einzig zwei andere Verwandte, die schon seit Jahrzehnten einsitzen, obwohl ein Gericht mittlerweile die Entlassung angeordnet hat, kommen endlich in die Freiheit. All diese Aktionen erweisen sich dann jedoch plötzlich auf brüchigem Grund gebaut: bei einem persönlichen Treffen mit dem entlassenen Häftling, der Jaballe gesehen zu haben meint, stellt sich heraus, daß dieser sich geirrt hat.

2012 trifft Matar eine gedämpft optimistische Atmosphäre in Libyen an. Der Diktator ist gestürzt, überall ist Aufbruch zu spüren. Zeitungen und Journale werden zu Hunderten gegründet, Matar spielt sogar mit dem Gedanken, sich eventuell in Bengasi niederzulassen….


Die Rückkehr beschreibt – eingebettet in die äußeren Umstände – den Kampf und die Trauer eines Mannes. Schon als Kind musste Hisham Matar mit den Eltern ins Ausland fliehen, als Jugendlicher ist er nach England gegangen, kurzzeitig lebte er in dieser Zeitspanne auch in Paris, wo er mit Suizidgedanken zu kämpfen hatte. In England ist er nie richtig warm geworden, dieses dunkle, neblige Land konnte ihm die Heimat nicht ersetzen. Nicht zu wissen, wann mein Vater zu existieren aufhörte, hat die Grenze zwischen Leben und Tod weiter kompliziert. Matar ist, um den Buchtitel von Grossman aufzugreifen [5] sowohl aus dem Raum als auch aus der Zeit gefallen, er lebt  mental in einem Zwischenreich des Unentschiedenen, die Höchstwahrscheinlichkeit, daß sein Vater tot ist, kann ihm das Wissen darum nicht ersetzen und so auch nicht die Ruhe vermitteln, die der endgültige Abschied von einem Toten ermöglichen würde.

Es wird ihm beim Wiedersehen mit seiner Familie in Libyen schmerzlich bewusst, wie sehr er ‚abwesend‘ war, es fehlt ihm eine Zeitspanne von Jahrzehnten, die die Familie in Libyen selbst miteinander erlebt hat, sie sich hat erwachsen werden sehen, sie gesehen hat, wie die nächst Generation auf die Welt gekommen ist. All das ist ihm fremd, in seine Erinnerung hat er noch die Kinder vor sich, wo jetzt Erwachsene sind. Und den damals Erwachsenen, jahrzehntelang Eingekerkerten gegenüber herrscht bei ihm ein Schuldgefühl: Ja, ich hatte ein freies Leben gefühlt… 

In Matars Beschreibungen ist diese Qual, diese Bedrängung deutlich zu spüren, Die Rückkehr an den Ort der Kindheit ist auch eine Aufarbeitung, eine Innenschau des Autoren, die Auseinandersetzung mit einer Vergangenheit, durch die er ’nur‘ mit dem Verschwinden des Vaters und seiner Abwesenheit verbunden ist. Das alles (und mehr…) schildert Matar in ruhigen, nachdenklichen Passagen, die Emotionen liegen nicht so sehr in dem wie er sagt, sondern mehr in dem was er sagt. Auch die Passagen, in denen er die Berichte Eingekerkerter wiedergibt, sind ruhig und unaufgeregt, in ihnen vermittelt er Fakten, die für sich sprechen. Hass oder Rachegefühle sind an keiner Stelle zu spüren.

Libyen, ein unbekanntes Land, dessen Name mit einigen negativen Ereignissen verbunden ist. Durch Matars Buch haben wir die Chance, es besser kennen zu lernen. Nutzen wir sie!

Links und Anmerkungen:
[1] Beitrag zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/Hisham_Matar
[2] Trial international: Enforced disappearance of Jaballa Hamed Matar in 1990; in: https://trialinternational.org/latest-post/enforced-disappearance-of-jaballa-hamed-matar-in-1990/
[3] Wiki-Artikel zu diesem Kerker: https://de.wikipedia.org/wiki/Abu-Salim-Gefängnis
[4] das ist eine wirklich sehr verkürzte, vereinfachende Aufzählung, sie hilft aber, die von Matar geschilderten Geschehnisse etwas besser in den zeitlichen Rahmen, der einem normalerweise nicht präsent ist, einzuordnen. Ausführlicher ist eine Darstellung der libyschen Geschichte z.B. in der Wiki zu finden:  https://de.wikipedia.org/wiki/Libyen
[5] David Grossman: Aus der Zeit fallen (Besprechung hier im Blog)

Hisham Matar
Die Rückkehr
Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
Originaltitel: The Return – Fathers, Sons and the Land in Between, 2016, UK
diese Ausgabe: Luchterhand, HC, ca. 288 S., 2017

Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Es ist das Erfinden und das atmosphärische Erinnern,
das einen zu Dingen bringt, die man vergessen hat. [2]

luecke

Alle Toten fliegen hoch – im Rahmen dieses Bühnenprojekts ist auch dieser Teil der autobiographischen Erzählungen Meyerhoffs angesiedelt, gleichwohl ist er als Roman eingestuft. Alle Toten fliegen hoch – dieser Spruch erinnert an ein einfaches Kinderspiel, erhält aber im Kontext dieses Buches bzw. dieser Bücher eine besondere Bedeutung: Der Tod ist nicht selten in ihnen, viele der Bezugspersonen des Autoren sterben, der Vater, die Großeltern, der mittlere Bruder – möglicherweise, dieser Eindruck drängt sich nach diesem Buch auf, wäre sein, des Autoren, Leben, anders verlaufen, wenn der Tod zumindest seinen Bruder verschont hätte. Aber dazu komme ich später noch…

Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke setzt ein, als der Autor ein ca neunzehn Jahre alter junge Mann ist (der Zeitraum von sieben bis neunzehn Jahren wird durch das Buch: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war [3] beschrieben). Kurz zur Ausgangssituation: Meyerhoff war ein Jahr in Amerika, sein heimisches Elternhaus liegt mittlerweile in Scherben: der mittlere Bruder ist tödlich verunglückt, die Ehe seiner Eltern zerbrochen, seine Mutter arbeitet in einem Krankenhaus in Italien, sein Vater lebt in Lübeck mit einer anderen Frau zusammen. In dieser desolaten seelischen Verfassung einer (mindestens) zweifachen Verlust- und Trauersituation bewirbt sich der junge Meyerhoff bei der Otto Falckenberg-Schule in München,, der – wie sie heute heißt – ‚Fachakademie für darstellende Kunst der Landeshauptstadt München‘ früherer hieß sie einfacher die ‚Städtische Schauspielschule‘ – um Aufnahme. Was ihn dazu trieb: es ist nicht erkenntlich, lange Zeit konkurrierte der (für einen Neunzehnjährigen nachvollziehbar) verlockende Gedanke an einen Zivildienst im Krankenhaus, bei der er im Schwesternwohnheim unterkommt, ernsthaft mit diesem Ausbildungswunsch (Ob und wie dieser Zivildienst abgeleistet wird, findet im übrigen keine Erwähnung mehr im Buch.).

Joachim Meyerhoff geht also nach München auf die Schauspielschule. Die Aufnahmeprüfung hat er einzig und allein aufgrund einer beeindruckenden Performance, für die er im Grunde nichts konnte, geschafft. In die Ausbildung selbst kann er von seiner Seite her vor allem Enthusiasmus einbringen, eine Begeisterung, die ihn immer wieder rettet, denn ansonsten gleichen die drei Jahre eher einer Durchhalteübung. Nur an zwei Stellen tauchen noch einmal solche Momente auf, die dem einen seiner Aufnahmeprüfung ähneln: bei einer Versteigerung von Kostümen fällt es ihm als dem Lulatsch zu, ein langgeschnittenes Paillettenkleid vorzuführen. In dieses Kleid zu schlüpfen ist für ihn wie in eine Haut zu schlüpfen, er fühlt sich fantastisch in diesem Kleid, nichts mehr muss er spielen: es fällt etwas hinunter und er bückt sich nicht mehr, er geht ganz automatisch in die Hocke… er fühlt sich frei, er ist nicht mehr Joachim Meyerhoff, er ist einfach nur noch. Der zweite dieser Momente sollte ausgerechnet die ‚Abschlussprüfung‘ sein, in der dem Schüler die Bühnenreife attestiert wird – oder auch nicht. Im Grunde ähnelt diese Situation derjenigen der Aufnahmeprüfung: war er seinerzeit schlecht vorbereitet, so ist er bei dieser Prüfung so erschöpft, daß er sich nicht mehr wehren kann gegen die inneren Zwänge: Die letzten Monate hatten mich in einen Zustand der Trance versetzt. Sorgen, Appetit- und Schlaflosigkeit. Letztendlich war ich einfach zu erschöpft, um schlecht zu sein. Er besteht.

Die drei Jahre Schauspielschule und anschließend noch die Zeit bis zum ersten Engagement in Kassel lebt Meyerhoff in München bei den Großeltern mütterlicherseits. Es war eine alkoholverschleierte Zeit in einem seit Jahrzehnten unverändert rosa eingerichteten Mädchenzimmer, hier ist Gegenpol zur Schule, der Ort, der Zustand, an dem sich der Autor seinerzeit allabendlich ausklinken und in den schützenden Kokon einer Umgebung begeben konnte, die sich seit Jahren nicht mehr verändert hatte und die ihm Sicherheit und Geborgenheit geben konnte.

Moooaaahhhh….

Seit Jahren nicht mehr verändert: dies ist wörtlich gemeint. Die Großeltern (die älteren unter uns werden die Großmutter Inge Birkmann, eine zu ihrer Zeit bekannte Schauspielerin, zumindest vom Gesicht her kennen, der Großvater Hermann Krings, war mir als Philosoph wenigstens vom Namen her ein Begriff [1]) in ihrer Villa in der Nachbarschaft zum Schloss und Park Nymphenburg hatten die Zeit zum Anhalten gebracht, indem sie keine Veränderungen mehr zuließen, ihr Leben verlief in derart streng ritualisierten Formen, daß sich Messen der katholischen Kirche dagegen wie Sponti-Veranstaltungen ausnehmen. Ich will dies nur an ganz wenigen Beispielen verdeutlichen: getaktet wurde der Tag der Großeltern durch den Genuss von Alkohol, der sie in fünf Etappen durch den Tag leitete: Champagner am Morgen, Weisswein beim Mittagessen, Whiskey um sechs Uhr abends, Rotwein beim Abendbrot und – wenn das Ende des Abends in Sicht kam – Cointreau. Später sollte Meyerhoff feststellen, daß es auch noch einen täglichen sozusagen ‚Sunriser‘ gab: Am frühen Morgen den hochprozentigen Enzian zum Gurgeln…

Ein zweites Beispiel: Einer der beiden Urlaubsortes des Paares war Lanzarote. Hermann, der Großvater, fotografierte. Jedes Jahr die gleichen Bilder, die gleichen Pose Inges am gleichen Platz vom gleichen Standort aus. Die Diaabende der beiden vergleicht Meyerhoff (ich liebe ihn für diesen Vergleich) mit Nahtoderfahrungen. Selbstverständlich waren Kommentare und Fragen zu diesen immer gleichen Bilder auch ritualisiert, was zu der grotesken Situationen führen konnte, daß evtl. alkoholbedingt das fein austarierte Räderwerk aus dem Gleichgewicht kam und eine Antwort auf eine Frage gegeben wurde, die dann selbst erst im Nachhinein gestellt wurde. Schließlich schlief man ein, sogar Hermanns Kopf fiel zur Seite. Nur seine  Hand, die für den Transport der Dias zu sorgen hatte, funktionierte weiterhin zuverlässig…… Die Addams-Family läßt grüßen…

Das Leben als Endlosschleife, als all-tägliche Wiederaufführung eines absurden Theaterstücks…. es passt dazu, wenn Meyerhoff festhält, daß seine Großeltern selbst zeitlos gewesen sind, daß vier Jahrzehnte lang ausgesehen hätten, als seien sie fünfzig gewesen… das Ritual, die Form als Panzer, als Schutzschicht.. nur selten zeigen sich Risse in dessen/deren Oberfläche, es sind Momente, in denen die Stimmung (bei der Großmutter) plötzlich kippt vom harmonisch-somnabulen ins verbalaggressiv-zornige.

Mit diesen kurzen Anmerkungen ist der Inhalt des Buches von Meyerhoff grob skizziert, ohne allzuviel Details zu verraten. Dies alles, die Theaterausbildung und das Leben bei den Großeltern, wird vom Autoren grandios geschildert. Er ist einer, der zu erzählen weiß, der zu beschreiben weiß, der zu fesseln weiß, der ein Gespür hat für die Pointe und der so sensibel ist, dabei niemals Wunden zuzufügen. Unter seiner Charakterisierung werden die beiden sonderlichen Großeltern zu Menschen, die einem als Leser ans Herzu wachsen, um so mehr, als wir in Rückblicken ihre eigene Lebensgeschichte erfahren. So absurd und grotesk manche der Episoden sind, so spürt man in jeder Zeile neben der Verwunderung die Liebe, die der Autor für seine Großeltern empfangt und immer noch empfindet. Für weit über drei Jahre, in der Zeit, in der das eigene Elternhaus zerbrach und die Seele verwundet war, war hier seine Zuflucht, in der er, der ‚Lieberling‘, von der allzeit eleganten Großmutter und dem listenführenden Großvater aufgenommen und im rosaroten Alkoholdämmer behütet worden war.


Nun noch ein paar Gedanken, die mir während des Lesens durch den Kopf gegangen sind.

Es würde mich beispielsweise interessieren, inwieweit ein Psychologe einem jungen, noch ungefestigten Menschen mit der angedeuteten aktuellen seelischen Last der zwei Verlustereignisse vom Tod des Bruder und dem Verlust des Elternhauses (die etwas ungewöhnliche Kindheit in der Umgebung, bzw. mitten drin einer psychiatrischen Anstalt kommt noch hinzu), die ja eher zum Sichabkapseln, Sichzurückziehen drängt, einer Schauspielausbildung zuraten würde, in der Selbstentblößung Programm ist…..

Meyerhoff konstatiert nach einen Zusammenbruch, nach den Jahren der Ausbildung, daß ihm auf der Schauspielschule fein säuberlich Körper und Geist getrennt worden seien, eine  Erkenntnis, die ihn mit panischer Resignation erfüllte. Liest man die Passage, in der Meyerhoff diese Situation schildert [S. 284 ff], drängt sich einem der Eindruck auf, daß hier ein Mensch auf der Kippe zu einer psychischen Erkrankung stand. Die Hilfe kam von völlig unerwarteter Seite: Ich suchte in mir nach Resten von Stabilität. Gab es die überhaupt noch? …  Ich wusste es nicht. Da stieß ich auf etwas, was mir Halt versprach. Die Trauer um meinen Bruder hatte ich unbemerkt durch die Schauspielschule geschleust. Niemandem hatte ich von meinem Verlust erzählt…. Die Trauer um den Bruder war konkret, absolut authentisch und ganz und gar ich selbst. Bingo! Genau dies war mein Gefühl schon viele Seiten vorher: diese Trauer, ach, diese entsetzliche Trauer: wo nur versteckte er sie, wohin hatte er sie verbannt, die doch offensichtlich immer wieder heraus wollte und ihn bedrängte, indem sie ihn blockierte, die zu ihm gehörte, obwohl er sie nicht wahrnehmen wollte.


Nie liest man, daß sich Meyerhoff zu seinem Wunsch, Schauspieler zu werden, offensiv bekannt hat. Die ganze Ausbildung scheint von seinen Versagensängsten und Blockaden begleitet zu sein, lange noch ist die Vorstellung des Schwesternwohnheimes für ihn verlockend… Er sabotiert seine Ausbildung wo er nur kann: schon das Vorsprechen war absolut ungenügend vorbereitet (auch wenn gerade das dazu geführt hatte, daß es so beeindruckend war), beim zweiten Vorsprechen versuchte er nicht, an den Erfolg des ersten anzuknüpfen, sondern er versank im Mittelmaß mit seiner ‚Neubearbeitung‘. Ein Jahr später wird die Großmutter noch einmal wegen eines Filmprojekts gefragt, in das sie unter der Bedingung einwilligt, daß ihr Enkel auch mitspielen darf. Dieser schneidet sich dann eine Woche vor Drehbeginn die (rollenwichtigen) Haare ab. Es passt ins Bild, daß mit Ausnahme der Modenschau eigentlich alles im Desaster und Eklat endete, was er an der Schule anpackte…….

Dies alles (das offensichtlich immer verkrampfter Agieren bei der Ausbildung sowieso) hat mich zunehmen irritiert, ich wartete (ebenso wie die Schule) auf den ‚Aha‘-Moment, den ‚Danton‘-Moment, an dem der Knoten platzt, denn nur wenige Jahre später schon wird er von der Kritik als „genialer Burgschauspieler“ gewürdigt und ist vielfach ausgezeichnet [2]  – allein, dieser Moment kommt nicht. Zwar beendet er die Ausbildung mit der Befähigung zum Bühnenschauspieler, als einziger seines Jahrgangs jedoch bleibt er ohne Engagement. Erst geraume Zeit später kann ihn seine Mentorin nach Kassel vermitteln, aber auch dort ist er alles andere als glücklich oder erfolgreich.

Nachdem ihm wie schon erwähnt die Erkenntnis um den Verlust des Bruders aus einer ernsten psychischen Krise heraus geholfen hat, hilft ihm jetzt wiederum die Konfrontation, die Auseinandersetzung mit dem Tod. Die geliebten Großeltern sterben recht kurz hintereinander (selbst solche traurigen Anlässe versteht Meyerhoff so traurig-leicht zu schildern), auch der Vater erliegt seinem Krebsleiden – und er, der Autor, begegnet dem Werther und fühlt sich ihm immer seelenverwandter. In dieser Figur Goethes findet er sich auf einmal wieder: dieser Werther, so empfindet er, ist wie er, hier muss er nichts spielen, hier kann er einfach sein. Werther und er, sie beide spüren diese Lücke, ach, diese entsetzliche Lücke in sich. So bearbeitet Meyerhoff also dieses Stück und geht er mit ihm auf Rundreise, stirbt allabendlich den Tod auf der Bühne, spürt etwas von der tatsächlichen Möglichkeit, es zu tun. … der Schuss schloß die Lücke. Ich brauchte diesen selbstmörderischen Existenzbeweis. Frisch erschossen in der Finsternis zu liegen. Das war herrlich. 


Die romanhaften Erinnerungen Meyerhoffs enden mit einer Liebeserklärung an die Großeltern. Verschwimmen nach all den Jahren auch die Erinnerungen an den toten Bruder, ist die an den Vater nicht richtig greifbar, so sind die Großeltern verlässlicher Besuch aus dem Totenreich. Kaum, daß ich an sie denke, sind sie auch schon da, sitzen in ihren Sesseln und stoßen mit mir an. … Wie auch immer sie das geschafft haben, die Vergänglichkeit verschont sie und die Zeit trägt sie, wann immer ich es will, bereitwillig auf Händen zu mir.

Nach  Wann wird es wieder so, wie es nie war hat mich Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke erneut überzeugt und begeistert. Hier ist jemand, der erzählen kann, der von Stärken und Schwächen (auch eigener) berichten kann, ohne zu verletzen, der seinen Personen immer ihre Würde läßt bei all ihrer Verletzlichkeit, der auch in den schweren Momenten des Lebens noch Komisches entdeckt und es schildern kann, ohne daß es peinlich wird. Aus dem jungen Eleven, der damals auf der Bühne stehen und dabei nicht gesehen werden wollte, der inkognito sein wollte, ist mittlerweile ein grandioser Erzähler und Darsteller geworden und wenn dieser Autor schildert, wie er dereinst mit Horst Tappert in der Sauna des großelterlichen Hauses hockte, da springen einen beim Lesen Derricks Tränensäcke förmlich an, derart anschaulich und lebendig schafft er das!

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Seiten zu den Großeltern von Joachim Meyerhoff:
Inge Birkmann: https://de.wikipedia.org/wiki/Inge_Birkmann
Herman Krings: https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Krings
[2] Interview mit Meyerhoff: „Ich bin jetzt mal ehrlich“; in:  http://derstandard.at/3310602/Zur-Verabredung-mit-Grossmutters-Beinen

Joachim Meyerhoff
Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
(Alle Toten fliegen hoch, Teil 3)
diese Ausgabe: KiWi, HC, ca. 350 S., 2015

Joachim Meyerhoff: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war

Meyerhoff

Erfinden heißt Erinnern.

Dieser Teil des autobiographischen Projektes von Meyerhoff (Alle Toten fliegen hoch [1]) schildert seine Kindheit, die er auf dem Gelände einer psychiatrischen Klinik in Schleswig verbrachte – nicht als Patient oder Bewohner, sondern als Sohn des Direktors, dessen Wohnhaus im Zentrum der Anlage stand [2]. Hier wohnen sie, der Vater, ein imposante Erscheinung, nicht so sehr die Körpergröße, sondern eher dessen Umfang betreffend, die Mutter und die drei Söhne, jeweils drei Jahre auseinander. Und, ach ja, der Hund, ein Landseer, der treueste Freund des späteren Autoren.

Die Zeiten damals waren direkter, brutaler, der Begriff der ‚political correctnis‘ noch nicht allgegenwärtig. Ein Terminus wie ‚Hirni‘ durchaus gebräuchlich, aber hier im Buch gar nicht einmal auf einen der Insassen angewandt (das sicherlich auch hin und wieder), sondern von seinen Brüdern auf den Erzähler Joachim, der auch so seine Probleme hat.

Nicht mit der Anstalt, nein, damit gar nicht. Allabendlich wird er vom Geschrei der Patienten in den Schlaf gewiegt, schläft Joachim mal woanders, zum Beispiel bei der Oma, schläft er schlecht – die Schreie fehlen. Die Anstalt ist sein Spielplatz, durch das Anstaltsgelände muss er laufen, wenn er zur Schule geht und wenn er von ihr zurück kommt – er kennt die Bewohner, hat keinerlei Scheu oder gar Angst vor ihnen. Nur vor dem Glöckner ängstigt er sich, diesem riesigen Kerl, der mit zwei Glocken bestückt über die Wege läuft und diese unentwegt schwingen und klingen läßt. Aber selbst diese Angst überwindet er und bald gehört es zu seinen Lieblingsbeschäftigungen, auf dem Rücken des glockenschwingenden Riesen übers Anstaltsgelände zu traben.

Es ist viel Situationskomik in den Erinnerungen (vgl. dieses Interview [3]) Meyerhoffs, in dem, was er erzählt. Der Besuch des ‚Klaren aus dem Norden‘ (für alle, die zu jung sind: Gerhard Stoltenberg, u.a. ehemaliger Ministerpräsident von Schleswig-Holstein) zur Einweihung eines neuen Gebäudes beispielsweise, der in einer schlammigen Rutschpartie endet, weil einer der Patienten seiner Lieblingsbeschäftigung nachgeht: sich mit einer Spielzeugpistole in der Hand hinter Büschen zu verstecken und „Hände hoch oder ich schieße!“ zu rufen…. die Schilderung des weihnachtlichen Rundgangs des Herrn Direktor durch die diversen Häuser, bei dem der Jüngste immer dabei war… die Blutsbrüderschaft mit dem Hund (obwohl mir der Hund da sehr leid tat….).. apropos Hund: die Rückkehr des ‚Faschingssalates‘ (höhö.. sag ich jetzt nicht, was damit gemeint ist, bin ja kein Spoiler!) in die heimische Wohnung…. einfach köstlich – genauso wie die Schilderung des Sommerfestes, egal, ob – wetterabhängig – als reines Vergnügen oder als Durchhalteübung und Regenfestival…

Die Handlung läßt der Autor einsetzen, als sein Erzähler, also er selbst, sieben Jahre alt ist. Dies ist ein Zeitpunkt, an dem die Welt noch in Ordnung ist. Der Vater ist ein unermüdlicher Leser und Horter von Daten und Wissen, ein Kettenraucher und – nun ja, daß er gerne und viel isst, man sieht es ihm an. Ein Mensch aber auch mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen sowie zwei linken Händen: für die Praxis war er nicht gemacht, das Planen und konzipieren war sein Metier, geschuftet hat dann die Mutter, den Haushalt sowieso… dem Erzähler selbst fiel das Lernen nicht leicht, er war voller Fantasie, aber Buchstaben und Zahlen wollten in seinem Kopf nicht heimisch werden. Die Brüder zogen ihn damit auf, er solle früh ins Bett gehen, damit er morgen fit sei und endlich mal ´ne ‚Fünf‘ in Mathe schaffe…. Wutanfälle, Zornesausbrüche und Heulattacken brachen aus ihm heraus und waren beileibe nicht selten…

Die Welt ist eng und begrenzt, von den Anstaltsmauern und dem Vater. Ein Versuch, Urlaub zu machen, endet schnell und wird nicht wiederholt. Die Welt, zumindest wie sie Meyerhoff für die ersten Jahre schildert, bleibt draußen, später erst öffnet sie sich für den Jungen und seine Brüder.

Im Lauf des Älterwerdens zeigten sich Risse im Familienidyll, kleine zuerst, dann größer werdende… Der rätsel- und furienhafte Wutanfall, den die Mutter eines Tages hatte, ein Ausbruch, der die des Sohnes bei weiten in den Schatten stellte… manchmal nahm die Mutter eine Auszeit, sie, die aus dem Süden stammte, musste in die Wärme, ging für ein paar Wochen zu ihren Eltern nach München. Bei den regelmäßigen Anrufen, die sie von Franco aus Italien bekam war sie nicht wieder zu erkennen: lebhaft, voller Glut redete sie mit ihm… zu Uhrzeit, wenn sich Franco in Italien zum Ausgehen fertig machte, legte sich in Schleswig ihr Mann ins Bett… das elterliche Schlafzimmer, die Stellung der Betten zueinander, war der Gradmesser für die Art der momentanen elterlichen Beziehung… dem aufmerksamer gewordenen Beobachter wurde irgendwann klar, daß der Vater es mit der ehelichen Treue nicht so genau nahm…

Die ‚Erinnerungen‘ Meyerhoffs beginnen in der Tat, so steht auf dem Cover geschrieben, ‚brüllend  komisch‘ (na ja, direkt gebrüllt habe ich dann doch nicht, aber häufiger gelacht schon) und werden im Verlauf der geschilderten Jahre immer tragischer und trauriger. Der Vater verläßt die Familie, die Mutter geht in den Süden, nach Italien, der ‚mittlere Bruder‘ verunfallt tödlich… das Haus im Zentrum der Anstalt wird leerer und trostloser. Dann wird beim Vater Krebs diagnosiziert, er will dies seiner neuen Lebensgefährtin nicht zumuten und kommt zurück in das Haus im Hesterberg – und auch die Mutter kehrt zurück und es entwickelt sich jetzt, in dieser schlimmen Situation, eine gereifte, liebevolle Beziehung zwischen den beiden, die es so, in dieser zärtlichen Art, noch nie gab.


Hauptthema des Buches ist, dies wird im Verlauf der Handlung immer deutlicher, die Beziehung des Erzählers zu seinem Vater. Die Bewunderung des Kindes, die im Lauf der Jahre umschlägt auch in Erstaunen und Verständnislosigkeit, ohne daß sich daraus Abneigung entwickelt. So ist dieser Roman wohl auch ein Versuch der Annäherung an diesen früh verstorbenen Mann, der Versuch, sein Leben und damit auch die eigene Vergangenheit, zu erkennen:

Erst wenn ich es geschafft haben werde, all diese abgelegten Erinnerungspäckchen wieder aufzuschnüren und auszupacken, erst wenn ich mich traue, die scheinbare Verlässlichkeit der Vergangenheit aufzugeben, sie als Chaos anzunehmen, sie als Chaos zu gestalten, sie auszuschmücken, sie zu feiern, erst wenn alle meine Toten wieder lebendig werden, vertraut, aber eben auch viel fremder, eigenständiger, als ich mir das jemals eingestanden habe, erst dann werde ich Entscheidungen reifen können, wir die Zukunft ihr ewiges Versprechen einlösen und ungewiss sein, wir sich die Linie zu einer Fläche weiten. 

Mit diesen nachdenklichen Worten Meyerhoffs, der das Gefühl hat seine Vergangenheit gestalten [zu müssen], … damit so etwas wie eine offene Zukunft für ihn entstehen kann, will ich meine Buchvorstellung beenden, ihnen ist kaum etwas hinzuzufügen. Außer meinem Facit, daß dieser Roman, dieses ‚Erinnerungspäckchen‘ ohne Einschränkungen des Lesens wert ist.

Links und Anmerkungen:

[1] Biographie des Autoren in der Wiki:  https://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_Meyerhoff
[2] Es ist ein wenig bitter, wenn man diesen schönen, einfach schönen Roman gerade gelesen hat und dann bei der ‚Recherche‘ auf Zeitungsartikel wie diesen hier stößt: Redaktion: Tod in der Psychiatrie? – Staatsanwaltschaft ermittelt; in: http://www.shz.de/lokales/schleswiger-nachrichten/tod-in-der-psychiatrie-staatsanwaltschaft-ermittelt-id12280881.html. Der Vater des Autoren wurde 1972 Direktor der Anstalt. In Bezug auf ihn steht in diesem Artikel: „Auch als 1972 mit Professor Hermann Meyerhoff ein neuer junger Direktor seinen Dienst auf dem Hesterberg antrat, der mit den Missständen aufräumen wollte, dauerte es noch Jahre, bis sich die Atmosphäre änderte, berichten frühere Mitarbeiter.“

Zwei Jahre zuvor, 2013, war die Anklage noch nicht so klar formuliert, aber die Aussage von Wolfang Petersen: ‚Es war die Hölle‘ spricht Bände: Frauke Bühmann: Über die Kindheit in der Psychiatrie; in: http://www.shz.de/lokales/schleswiger-nachrichten/ueber-die-kindheit-in-der-psychiatrie-id3523601.html.

Über solche Zustände ist im Roman Meyerhoffs natürlich nichts zu finden, in der Rückschau des jetzt jungen Mannes am Ende des Textes wird allerdings festgehalten, daß der frühere Zustand der Anstalt ein unhaltbarer war…, aber gleichzeitig wird die romantisierende Erinnerung bewahrt, Meyerhoff konstatiert, daß die (zu diesem späteren Zeitpunkt noch 300 Patienten beherbergende Institution) einen beschissen hoffnungslosen Eindruck auf ihn mache und er sich nach wie vor nach der selbstverständlichen Normalität dieses Wahnsinnsortes sehnte.

zur Geschichte der Anstalt z.B. hier: http://www.alte-schleihalle.de/kinder-und-jugendpsychiatrie-hesterberg/
[
3] Joachim Dicks: Erfundene Erinnerungen; in: http://www.ndr.de/kultur/…meyerhoff123.html. Im Grunde wird dies ja schon im Titel angedeutet, weniger die reinen Fakten als das Atmosphärische stehen im Buch, der konsequenterweise deshalb wohl als „Roman“ eingestuft ist.

Joachim Meyerhoff
Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war
Alle Toten fliegen hoch, Teil 2
diese Ausgabe: KiWi, TB, ca. 350 S., 2016