Thomas Meyer: Rechnung über meine Dukaten

31. Juli 2016

Grenadier Schwerid Rediwanoff aus Moskau, einer der Männer, die Peter der Große im Geschenkaustausch gegen das Bernsteinzimmer nach Berlin schickte Bildquelle: siehe Anmerkungen

Grenadier Schwerid Rediwanoff aus Moskau, einer der Männer, die Peter der Große im Geschenkaustausch gegen das Bernsteinzimmer nach Berlin schickte
Bildquelle: siehe Anmerkungen

Mit seinem historischen Roman führt uns der schweizer Autor Thomas Meyer, der mit Wolkenbruchs wunderlicher Reise… [3] vor wenigen Jahren einen großen Erfolg hatte, in das Preussen des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. [4], der 1713 das schon seit 1675 bestehende altpreußische Infanterieregiment No. 6 (ab 1710: „Großes Leibbataillon Grenadier“) zum „Seiner Königlichen Majestät Regiment“ (auch „Leibregiment“ oder „Königsregiment“) machte.

Friedrich Wilhelm I. war kein Mann für die schönen Künste, was Meyer ihm bezüglich lesender Menschen in den Mund legt, läßt sich sicherlich, ohne daß man falsch liegt, auf andere Künste übertragen: Lesen ist etwas für Belletristen. Eine unheimliche Bande. Sitzen mit ihren Büchern in Sesseln, statt zu arbeiten! Sein, des Königs, Ziel dagegen war, Preussen stark zu machen, dies ging seiner Ansicht nach nur über den militärischen Weg, i.e. ein starkes Heer, und seine Passion war eben dieses Regiment der – wie sie volkstümlich genannt wurden, ‚Langen Kerls‘. Lang, weil 6 rheinische Fuß, also knapp 1,90 m, als Mindestmaß [1] galten.

Die Verschwendung, das Geldausgeben fürs Plaisir, wie noch vom Vater betrieben, hatte mithin beim Soldatenkönig ein Ende, der vom Vater teuer angelegte Park beispielsweise wurde zum Exerzierplatz, die Franzosen mit ihrem manierierten Benehmen zum verabscheuten Objekt. Daß der eigene Sohn eher der Flöte zuneigte als dem Gewehr und er daher immer noch ‚Flötenriesen‘ verlangte (was ihm regelmäßig heftig brennende Wangen einbrachte), in dieser Hinsicht meinte es das Schicksal nicht gut mit Friedrich Wilhelm I.

Auch hinsichtlich der langen Kerls, seiner Lieblinge: es war nicht einfach. Die durchschnittliche Körpergröße von Männer wird für den betrachteten Zeitraum mit ca. 168 cm angegeben [5], es fehlten gemeinhin also 20 cm, die Riesen waren dünn gesät, das Ernten kann nur als schwierig bezeichnet werden. Und wie heutzutage in einer richtigen Marktwirtschaft bestimmte auch schon damals und bei dieser Profession die Relation zwischen Angebot und Nachfrage den Preis: es war zudem noch teuer. Verdammt teuer. Obwohl man dem Soldatenkönig sparsames Wirtschaften attestieren muss (er übernahm das Reich mit zwanzig Millionen Thaler Schulden und hinterließ es seinem Sohn mit zehn Millionen Thalern in der Kasse): hier scheute er weder Kosten noch Mühen. Denn auch das war es: mühsam….. und im Dunstkreis des Königs entwickelte sich eine kleine, aber feine Beschaffungsindustrie, denn die Menschen, das gemeine Volk, obwohl noch weitgehend ungebildet, waren deswegen noch lange nicht dumm, sie wussten um des Königs Begehr und der Großgewachsene versuchte sich unsichtbar zu machen, wenn die ‚Werber‘ durch die Lande zogen.

Mit dem russischen Zaren verband ihn so etwas wie eine Geistesverwandschaft, eine beiderseitige Vorliebe für das Militärische. Zar Peter konnte ihm Moskowiter liefern, herrlich… was ist schon das Bernsteinzimmer dagegen, nichtsnutziger Tand. Oder die einst für hunderttausend Thaler angeschaffte Jacht? „Es ist kein Schiff für den Krieg sondern eines zum reinen Plaisirs. Mich interessiert das Plaisir aber nicht, damit machet man keinen Staat. Mich interessieret meine Armee, diese ist mein Plaisir, und wenn ich für dieses Schiff fünfzig Moskowiter bekommen kann, so ist das für mich ein gelungener Handel …. “ man sieht, dem Etatminister Creutz mögen die Haare noch so sehr zu Berg stehen, der König hat andere Präferenzen als ein Schiff….

Gab es hin und wieder als Riesen als Geschenk (das selbstredend ein Gegengeschenk forderte), so war die Beschaffung meist doch, nicht anders kann man es sagen, organisierter Menschenraub, der vor Staatsgrenzen nicht Halt machte. Die Werber schwärmten aus, gingen Gerüchten nach, überlisteten die Riesen, so sie einen aufgetrieben hatten oder wichen auf schiere Gewalt aus, um seiner habhaft zu werden. Nicht jeder der Nachbarn nahm dies mit Humor, es kam zu Verwicklungen, zu ernsthaften Verstimmung bis hin zu Kriesgdrohungen: allein, Friedrich Wilhelm I. kümmerte dies nicht. Er war bereit, jeden Preis zu zahlen und forderte damit geradezu heraus, daß man ihm beispielsweise (bei Vorkasse natürlich, Dreißigtausend Thaler!) zwei Riesen (Zwillinge! Selten!) anbot, ausgerechnet Franzmänner. Muss ich erwähnen, daß Friedrich  Wilhelm diese Riesen nie zu Gesicht bekam? Und warum nur muss ich jetzt an die rheinland-pfälzische Landesregierung denken (#Hahngate, Nürburgring)?

Wie ein Kind jedenfalls freute er sich jedes mal auf die Ankunft eines neuen Riesen, im Anblick eines solch  hochgewachsenen – er selbst war eher klein und man sah seinem Umfang die Art und Menge der Speisen an, die er zu sich nahm – Mannes lief ihm förmlich das Herz über. Die schönsten (ja, allzu verunstaltet sollten sie nicht ausschaun) und liebsten quartierte er im Schloss ein, wie zum Beispiel Gerlach, den Riesen aus Sachsen. Im Schloss ließ es sich von aussen betrachtet aushalten, das Essen war gut, das Zimmer reinlich, der Sold recht hoch. Der Dienst dagegen war hart, das Exerzieren ging ins Extrem, der Rohrstock kreiste immerzu über den Kerls und bei schlimmeren Vergehen gegen die Ordnung wurde auch schon mal arkebusiert.

Denn beileibe nicht jeder der Entführten aus aller Herren Länder fügte sich leicht in sein Schicksal, manch einer renitierte heftig, der norwegische Riese Henrikson beispielsweise trachtete sogar und mehrfach nach dem Leben des verrückten kleinen Mannes, dem er sein Schicksal zu verdanken hatte.


Thomas Meyer hat mit Rechnung über meine Dukaten einen sehr vergnüglich zu lesenden Roman vorgelegt. Außer dem ‚allgemeinen‘, das ich vorstehend anzudeuten versuchte, stellt er den erwähnten Riesen Gerlach in den Mittelpunkt eines Handlungsstranges seiner Geschichte, denn dieser Gerlach, aus Sachsen entführt, trifft in Potsdam durch Zufall auf Betje, eine Riesin, eine großgewachsene junge Frau, die sich so sehr nach einem Mann sehnt, zu dem sie aufblicken kann, nein: muss. Den Kopf in den Nacken legen müssen, um küssen zu können: das ist ihre Sehnsucht…. lange Zeit und bei eher seltenen Gelegenheiten müssen sich die beiden, die sich wortlos ihrer Liebe sicher sind, mit Blicken, in die alles Gefühl gelegt wird, zufrieden geben, bis dem König eines Tages eine Idee präsentiert wird, die im Grunde eher abseitig, wenn nicht gar abartig ist, den beiden Liebenden aber genau das bringt, was sie sich ersehen: ein schönes Zimmer, gutes Essen, ein sauberes Bett und eine sorgfältige Betreuung durch des Königs dafür abgestelltes Personal.

Thomas Meyer hat den vergnüglichen, unterhaltenden Weg gewählt, einen Blick auf diese Zeit im Umbruch zu werfen. Der Arzt Stahl beispielsweise hängt bei seiner Kuriererei mangels Alternativen noch den Galenschen Säften an und der Meinung, frische Luft in Räumen sei schädlich, die Ergebnis seiner Kuren waren durchaus unbefriedigend. Der engere Kreis um den König wird als Sammelsurium alkoholabhängiger Vielfraße dargestellt, die sich in der einen oder anderen Weise beim König einschleimen, teilweise auch für Informationen auf anderer Herrscher Lohnliste stehen. Friedrich Wilhelm I. selbst erscheint im Rahmen dieses ‚Tabakkollegiums‘ [6] als kleines, sadistisches Männlein, das sich an den derben Streichen, die den Hofnarren (= durch Schließung ihrer Instiutionen arbeitslos gewordenen Wissenschaftlern [6]) gespielt werden, delektiert. Wobei ‚Streiche‘ durchaus wörtlich zu nehmen ist: der Rohrstock kreiste häufig bei vielen Anlässen und hinterließ blutige Striemen… daß Friedrich Wilhelm I. außer als sadistisch auch noch als ein klitzekleines bischen infantil dargestellt wird, zumindest, was seine Lustbefriedung per Riesen anging, ich habe es schon beschrieben.

Als einziger im Staat, der seinem König Widerworte zu geben wagte, wird Creutz [7] genannt, zuständig ausgerechnet für Finanzen, ausgestattet mit einem nüchternen Blick auf die Realitäten, machtlos natürlich gegen die Launen des Herrschers…., ja, und ein wenig auch Stahl, der Medicus, der es wagt, die Völlerei des Königs mit seinen Malaisen in Verbindung zu bringen….

Nur angedeutet werden ‚gute‘ Seiten am König: sein Wille, gerecht zu sein im Sinne der Vermeidung von Willkür, die das Volk verschrecken würde, seine ansonstige Sparsamkeit, die Meyer abschließen quasi in einer Art Rückschau des Königs auf sein Lebenswerk – viele Jahre später – nachschiebt. Seine eheliche Treue ist ebenfalls bemerkenswert, war zu dieser Zeit das Halten von Mätressen ein durchaus übliches und gar nicht mal so heimliches Plaisir für diese Gesellschaftsschicht.

Summa summarum ist Meyer mit Rechnung über meine Dukaten ein sehr amüsanter, unterhaltsamer, pointierter historischer Roman gelungen, den zu lesen, großes Plaisir bereitet. Die alterthümliche Sprache, derer er sich bedient, nachempfunden der Sprache, die seinerzeit am Hofe und im Lande wohl gesprochen worden war, macht den Roman atmosphärisch dicht, die Einteilung in viele Abschnitte, immerhin fünfzig an der Zahl (somit für jeden Moskowiter einen und im Gegenwert ein Bernsteinzimmer), sorgt mit dem spannend geschilderten Stoff dafür, daß man das Buch nicht mehr aus der Hand legt, bis die letzte Seite aufgeschlagen ist. Eine kleine Bibliographie rundet das Werk ab und stimmt den Leser zuversichtlich, daß die historischen Details sauber recherchiert sind. Voilá: was will man mehr?

Meyer dukaten

Links und Anmerkungen:

[1] 1 Rheinländischer Fuß = 139,13 Pariser Linien = 313,8535 Millimeter, 6 Fuss sind also gut 1,88 m; ein Siebenfüßer maß schon knapp 2,20 m und war nur selten zu finden
[2] Das Garderegiment/Die Langen Kerls:  https://www.preussenchronik.de/..lange+kerls.html
[3] Thomas Meyer im Blog: Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse
[4] Wiki-Artikel zu Friedrich Wilhelm I. https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Wilhelm_I._(Preußen)
[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Körpergröße
[6] z.B. hier: https://www.preussen.de/de/geschichte/preussenlexikon/n-z/tabakskollegium.html

 

Bildquelle ‚Langer Kerl‘: https://de.wikipedia.org/wiki/Altpreußisches_Infanterieregiment_No.6(1806); gemeinfrei, da Schutzfrist abgelaufen; Gemälde von Johann Christof Merk

Thomas Meyer:
Rechnung über meine Dukaten
Erstausgabe: Salis-Verlag, Zürich
diese Ausgabe: Salis, HC, ca. 320 S., 2014

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2 Responses to “Thomas Meyer: Rechnung über meine Dukaten”


  1. Ach ja. Wie schön! Möge Meyer uns endlich einen neuen Roman bereiten!

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