Inge Deutschkron: Ich trug den gelben Stern

18. Februar 2012

Inge Deutschkron ist 11 Jahre alt, als ihre Mutter 1933 zu ihr sagt: „Du bist eine Jüdin“ [8] und sie auffordert, zu zeigen, daß sie deswegen nicht weniger wert sei. Es ist verständlich, daß das Mädchen mit diesem Satz erst einmal nicht allzuviel anfangen kann. Es lebt mit den Eltern in Berlin, wächst in behüteten Verhältnissen ohne jede Bindung zum Judentum auf und es ist viel wichtiger für sie, daß der Übergang auf eine höhere Schule ansteht. Aber dem Elternhaus und der Familie Deutschkron droht von zwei Seiten Gefahr: sie sind nicht nur Juden, sondern engagieren sich auch in der politischen Arbeit der SPD.

Dieser autobiographische Bericht über das 12 Jahre andauerende 1000jährige Reich umfasst den Zeitraum von 1933 („Machtergreifung“) bis 1945, dem Kriegsende, der Kapitulation, und der ersten Zeit unter russischer Besatzung. Es ist ein reiner Erlebnisbericht dessen, was der Autorin in dieser Zeit widerfahren ist, Fragen nach dem Warum werden kaum gestellt oder beantwortet, eine Reflektion dessen, was geschehen ist, findet man hier nicht. Diese Feststellung ist nicht wertend gemeint, sondern soll einfach nur die Art des Inhalts kennzeichnen.

Die Einschränkungen des täglichen Lebens nach 1933 kommen sukzessive, sie beginnen für das Mädchen erst einmal damit, daß sie nicht mehr mit den anderen Kindern spielen darf, sie beobachtet sie sehnsüchtig durch ein Fenster der Wohnung [7]. Anfang 1933 wird zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen, im April wird das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums erlassen, dem auch Inges Vater, der Lehrer ist, zum Opfer fällt. Erste Verhaftungen verunsichern die jüdischen Bürger, Misstrauen und Angst machen sich breit, immer radikaler werden oppositionelle Parteien und Gruppen drangsaliert und zerschlagen.

Inge Deutschkron muss viele Schulwechsel mitmachen, bis sie schließlich auf eine der wenigen noch existierenden jüdischen Schulen geht. Im April 1938 wird eine Verordnung über die Vermögensabgabe auf jüdische Vermögen in Kraft gesetzt, im gleichen Jahr werden polnische Juden ausgewiesen und nach Polen zurück geschickt, wo sie im Niemandsland herumirren, da die polnische Regierung schnell die Visa für ungültig erklärt hatte.

Die „spontanen“ Ausschreitungen am 9. November 1938 gehen als Reichsprogromnacht (der vllt bekanntere Name „Reichskristallnacht“ sollte vermieden werden, die positive Assoziation mit dem Begriff „Kristall“ ist wahrlich fehl am Platz) in die Geschichte ein. Auslöser war das Attentat auf den deutschen Gesandten in Paris, Ernst Eduard vom Rath, durch den deutsch-polnischen Juden Herszel Grynszpan. Außer dem Progrom gab es weitere direkte Folgen wie Verhaftungen, Verschleppungen und „Entführungen“. Nicht alle dieser Verschleppten kehrten zurück und die, die zurückkehrten aus den Kerkern berichteten vom Horror oder schwiegen ganz. Ferner wurde den deutschen Juden (Thamer nennt die Zahl 250.000 in [6]) als Kontribution die Zahlung von 1 Mrd Reichsmark auferlegt, die Leistungen der Versicherungen, die für die Schäden aufkamen, wurde gleich konfisziert.

Inge Deutschkrons Vater konnte 1939 im letzten Augenblick gewarnt werden und fliehen. Langsam setzt sich in der jüdischen Gemeinde die Erkenntnis durch, daß es besser sei, Deutschland zu verlassen, nur wohin? Viele Staaten nahmen keine jüdischen Flüchtlinge auf bzw. nur unter solchen Bedingungen, die praktisch für die allermeisten nicht erfüllbar waren. Immer exotischere Ziele wurden genannt, so z.B. Shanghai. In Berlin geht es indessen immer unverfrorener zu, die Wohnung der Deutschkrons wird „ausgeweidet“: Nazis holen sich alles, was sie gebrauchen können und lassen den Frauen ein Chaos zurück. Schließlich verlieren sie alles, die Wohnung, die Arbeit, das Auskommen. Nur den Namen können sie behalten, eine erzwungene Namensänderung (Juden, die den Begriff „Deutsch“ im Namen haben!) scheitert an der Überlastung der Bürokratie.

Kein Radio mehr hören, Ausgangssperren, die eingeschränkte Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln, Minderzuteilung von Essenmarken und Bezugsscheinen, schließlich der gelbe Stern: die Liste der Schikanen gegen die Juden ließe sich endlos fortsetzen… das Leben wird immer schwieriger. Am 16. Oktober 1941 werden die allerletzten Zweifel in der jüdischen Gemeinde beiseite geräumt: der erste Transport von Juden in das Ghetto Łódź wird zusammengestellt…. andere gehen später nach Theresienstadt und die Juden Berlins „…fügen sich ohne Widerstand. Im Gegenteil – sie führten die ihnen erteilten Befehle genau aus. …

Bei allem Unglück, aller Verfolgung, Drangsalierung und Lebensgefahr meint es das Schicksal gnädig mit Inge Deutschkron und ihrer Mutter. Immer wieder finden sie Arbeit, finden sie Menschen, die sie in ihre Wohnung aufnehmen, sie hausen in Schrebergärten, müssen oft umziehen, leben in stetiger Angst vor der Entdeckung. Inge Deutschkron kommt schließlich in der Blindenwerkstatt Otto Weidt [3, 4] unter, einen kriegswichtigen Betrieb mit einem Betriebsführer, der (unwillkürlich fiel mir Schindler ein) sich für seine blinden Juden vorbehaltlos einsetzte. Und erstaunlicherweise gelang es ihm ein übers andere Mal, schon zu Transporten abgeholte Mitarbeiter wieder zurückzuholen – ein kriegswichtiger Betrieb eben. Oder spielte man nur Katz und Maus mit ihm? Schließlich half alles nichts mehr…. eine große Gefahr waren die jüdischen Spitzel, die der Gestapo zuarbeiteten…  [10]

Inge Deutschkron ging oft das Risiko ein, ohne den gelben Stern herumzulaufen. Bei einer ihrer Gastfamilien arbeitete sie im Geschäft mit, das sie dann im Lauf der Monate immer mehr übernahm, bis sie es zum Schluß praktisch selbstständig führte, anderthalb Jahre dauerte dieser Zustand an, in dem sie auch durch Schwarzhandel mit anderen Geschäften die tägliche Essenration aufbessern konnte. Es gab sie, und irgendwie ist das tröstlich, es gab sie, die geholfen haben. Sie rempelten die Juden an auf den Straßen und steckten ihnen dabei Essen in die Tasche oder Essenmarken, sie nahmen sie auf und kümmerten sich um sie. Die sogenannten „Aufbewarier“ stellten Koffer, Taschen, Möbel Verfolgter bei sich unter…. 1700 Juden [5] überlebten in Berlin bis zum Kriegsende (andere Berichte reden von 9000 [9]).

Gegen Kriegsende ist es wie ein Wettlauf, wird man sie erst noch entdecken oder wird der Krieg vorher zu Ende sein? Sie schaffen es, sie überleben, sie können sogar mit Hilfe der Engländer Kontakt aufnehmen zu ihrem Mann/Vater in England. Als die Engländer abziehen und die Russen kommen, wird es noch einmal gefährlich für die beiden Frauen: „Komm, Frau, Komm!“, aber schließlich gelingt es ihnen, mit Hilfe jüdischer Hilfsorganisationen nach England ausreisen zu dürfen.

Inge Deutschkron und ihre Mutter haben überlebt, in Berlin überlebt. So schlimm diese Zeit mit dem Hunger, mit der ständigen Angst vor Entdeckung, mit den vielen Umzügen in neue Verstecke auch war, sie sind den Deportationen in die Lager entgangen, und das ist das einzige, was zählt. Die Autorin betont, daß dies nicht ohne die Hilfe von Deutschen möglich gewesen wäre [12], insgesamt hätten sich 20 Familien für sie eingesetzt und sich selbst dadurch großen Risiken ausgesetzt.

Das Buch selbst ist, denke ich, auch für jüngere Leser geeignet. Die Sprache ist recht einfach und deskriptiv, tiefgründige Analysen über das, was geschieht, gibt Deutschkron nicht. Man muss überleben, der Gefahr entgehen, das kostet soviel Energie, daß über das „Warum“ kaum reflektiert werden kann. Diese Situation spiegelt das Buch gut: eine einfache erzählte, eindringliche Geschichte vom Überleben.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Biographie Inge Deutschkrons
[2] Homepage der Inge Deutschkron-Stiftung mit dem Ziel, junge Menschen über die Zeit des Nationalsozialismus aufzuklären
[3] Homepage des Museums Blindenwerkstatt Otto Weidt
[4] Literaturhinweis: Blindenwerkstatt Otto Weidt
[5] „Wie und wo 1700 Juden die Nazis überlebten“ Zeitungsartikel in der Welt am 15.09.2009 zur Ausstellung
[6] die Ausschreitungen war so spontan, daß selbst das oberste Parteigericht der NSDAP nicht umhin konnte, festzustellen, daß die Organisation von der Partei ausgegangen war (H.-U. Thamer: Verführung und Gewalt, Siedler, 1986)
[7] ähnlich allein läßt Peter Härtling ja auch seinen Felix Guttmann heranwachsen…
[8] eine absurd anmutende Situation. Erst durch die Hitlersche Juden“politik“ wurden sich eine Vielzahl von Deutschen ihres Judentums bewusst, vorher hat das Judentum in ihrem täglichen Leben kaum eine Rolle gespielt…
[9] Wiki-Artikel zum jüdischen Leben in Berlin
[10] Andrzej Szczypiorski hat dies an anderer Stelle mit einem anderen Schicksal beschrieben: Die schöne Frau Seidenmann
[11] Die ZEIT, 01.04.1994: Die anderen Schindlers: Sie retteten Juden vor der Gaskammer.
[12] Inge Deutschkron: Ich mache weiter! in: Richard Chaim Schneider: Wir sind da!, Berlin, 2000

Inge Deutschkron
Ich trug den gelben Stern
diese Ausgabe: Bertelsmann, Gütersloh,  ca. 214 S., o.J.

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4 Responses to “Inge Deutschkron: Ich trug den gelben Stern”


  1. […] Kulke, Welt Online, 15.09.2009: Wo und wie 1700 Juden die Nazis überlebten. [5] Inge Deutschkron: Ich trug den gelben Stern. [6] Greifer: Juden verraten Juden. Der Fall Stella Goldschlag als Beispiel (Wiki-Artikel). [7] […]

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  2. Fabian Spacek Says:

    Ja hat mir gut gefallen aber dazwischen immer diese komischen absätze die ich nicht so gut finde

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