Andrzej Szczypiorski: Die schöne Frau Seidenman

21. August 2011

Maria Magdalena Gostomska ist 35 Jahre alt, hat blaue Augen und helles blondes Haar. Die Offizierswitwe lebt allein in Warschau, es geht ihr recht gut, sie arbeitet das Werk ihres früh verstorbenen Mannes auf. So könnte es für sie im Warschau des Jahres 1943 weitergehen, begegnete sie nicht zufällig auf der Straße dem Bronek Blutmann, dem Spitzel, dem jüdischen Judenjäger, der sie erkennt von früher, als sie noch Irma Seidenman hieß und ihr Mann Ignacy Seidenman ein bekannte Röntgenologe war. Da helfen ihr weder die guten Papiere, die sie hat noch ihre wunderschön arische Nase, Blutmann schleppt sie in die Schuch-Allee zu Strucker, dem Gestapo-Offizier. Gerade so eben noch gelingt es ihr, den Rikscha-Fahrer, der sie fährt, zu bitten, ihrem Nachbarn, dem Dr. Korda, mitzuteilen, man habe sie unter der absurden Beschuldigung, eine Jüdin zu sein, zur Gestapo gebracht.

Dieser Vorgang ist die Grundkonstellation in Szczypiorskis Roman, um den sich wie Pflanzen um ein Gitter herum die Schicksale verschiedener Menschen, Täter wie Opfer, ranken, ineinandergreifen und sich gegenseitig beeinflussen. Dr. Korda zum Beispiel, den Frau Seidenman benachrichtigen kann und der sie nur als vornehme Frau Gostomska kennt, ist ob der Unglaubwürdigkeit des Vorwurfs gegen jene erschüttert. Leider steht der Altphilologe mit Tacitus und Cäser auf besserem Fuss als mit seinen Mitmenschen im momentanen Polen unter der Besatzung, das einzige, was ihm einfällt, ist, den jungen Pawelek zu benachrichtigen, von dem er weiß, daß auch dieser die Frau Gostomska kennt. Sogar – so erfahren wir in seiner Geschichte, die Szczypiorski uns darlegt – verliebt ist dieser in, sehr sogar und er ruft sofort einen Bekannten an, von dem er sich tätige Hilfe erhofft, da der Herr Filipek schon früher ein Widerständler war. Wir erfahren auch die Geschichte des Pawelekschen Freundes Henio, des Sohn eines jüdischen Rechtsanwalts, der sein bester Freund ist und dann ins Ghetto ziehen muss. Dieser Henryk Fichtlbaum flieht aus dem Ghetto, schlägt sich einen Winter durch, auf Dachböden, die ihm wie eigene Gefängisse sind, im Wald. Er kehrt nach Warschau zurück, versteckt sich eine Nacht auf einer Latrine und trifft am Morgen eine junge Dirne, die ihn mit aufs Zimmer nimmt, ihm zu essen gibt, ihn schlafen läßt, auch mit ihr. Danach hat Henryk seine Wahl getroffen, er ist erwachsen geworden, er geht zurück ins Ghetto und stirbt dort.

Das sind nur wenige der Personen, die Szczypiorski in seinem Roman auftreten läßt. So hat der Rechtsanwalt Fichtlbaum zum Beispiel noch eine sehr junge Tochter, Joasia, die er retten und aus dem Ghetto schmuggeln muss, auch daran sind viele unterschiedliche Menschen beteiligt, vom Berufsverbrecher bis hin zur Nonne. Der PG Müller, zwischen Polen- und Deutschtum hin- und hergerissen, wäre zu nennen genauso wie der Gestapo-Offizier Stuckler und einige andere mehr….Aber an dem kurzen Überblick ist das Prinzip des Romans erkennbar: Szczypiorski greift sich diese Personen aus den verschiedenen Milieus, die ein exemplarisches Bild abgeben von den Verhältnissen des besetzten Polens, diesem Flecken Erde, der der östliche Teil Europas ist genauso wie das westliche Ende Asiens, der aus beiden Kontinenten Charakteristika und Eigenschaften in sich vereinigt.

Der Roman ist eine Momentaufnahme Warschaus des Jahres 1943. Vieles erfahren wir über dieses Polen unter deutscher Besatzung. Die Juden sind mittlerweile per Befehl gezwungen worden, ins Ghetto zu gehen und selbiges ist durch eine Mauer vom arischen Teil der Stadt abgetrennt. In der Stadt selbst läuft eine große Umverteilung, jüdisches Eigentum, das zurückgeblieben ist, wird verhökert, verkauft, geklaut, gekauft, es ist eine kriegsbedingte Umverteilung im Gange. Auch die Mauer des Ghettos ist nicht absolut dicht, es gibt, so erfahren wir, verschiedene Tarife für z.B. das In-die-Luft-Schießen der Wachtposten und die Telefonleitungen ins Ghetto sind nie gekappt noch je abgehört worden. Und so können immer wieder Rettungsaktionen für einzelne organisiert werden.

Locker hängen die einzelen Abschnitte zusammen, sie stellen einen mehr oder weniger ausführlichen Lebenslauf der betreffenden Person, von der sie handeln dar. Die Besonderheit ist, daß Szczypiorski nicht im Jahr 1943 stehenbleibt, nein, im Gegenteil, er beschreibt auch das weitere Schicksal der Menschen, die nach dem Krieg nicht mehr unter den Nazis, sondern unter den Moskowiter zu leiden haben und dieses leiden ist sich ähnlich….: „Die Welt war nicht mehr so grausam wie früher, aber sie wurde unerträglich trivial. Eine Welt des Mangels, der scheinbaren Ordnung und öffentlichen Sicherheit. Gepflegte Beete, aber stinkende Müllhaufen, echte Freiheit, aber gesperrte Zugänge„, so befindet er Paweleks weiter Zukunft, in der nicht mehr der Krieg schrecklich war, sondern der Friede [1]. Und immer wieder spielt er mehr oder weniger offen auf die Unruhen an, die 1968 in Polen herrschten, auf den Anti-Semitismus, der zu einer massenhaften Auswanderung/-bürgerung von Juden führte.

Und wie der Roman ein Buch ist über Menschen ist er auch eins Polen, das Schicksal dieses Landes, das zwischen dem nach Perfektion strebenden Deutschland und dem zum Teil irrationalen, von Asien geprägten Moskowitern liegt. Wer hat nicht alles seine Spuren in diesem Land hinterlassen, die Seele der Menschen geprägt im Lauf der Jahrhunderte… die deutsche Besatzung ist „nur“ eine Episode in diesem Geschichten Ablauf, die abgelöst wird durch eine andere Herrschaft….

Facit: ein tiefgründiger Roman, der Polen als gequältes Land zwischen Ost und West sieht.

Links:

[1] Jahre später schreibt Szczypiorski dazu folgendes:“.. Sie [i.e. die Russen] waren zu mir gekommen, hinter den Stacheldraht des KZ Sachsenhausen, um mich zu befreien. Später aber nahmen sie mir die Freiheit fast für das ganze leben. … Ich hatte sie begrüßt als Junge mit faulendem Bein, als biblischer Lazrarus aus Warschau, der unter Tausenden von Toten aufstand, um in der Unfreiheit zu leben.“ aus: A. Szczypiorski: Meine drei Kriegsenden in: Appel R. (Hrsg): Es wird nicht mehr zurückgeschossen, Lingen Verlag, Bergisch Gladbach, 1995, S. 302

Andrzej Szczypiorski
Die schöne Frau Seidenman
übersetzt von Klaus Staemmler
der Besprechung liegt die Buchclub-Ausgabe zugrunde

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6 Responses to “Andrzej Szczypiorski: Die schöne Frau Seidenman”

  1. hannah Says:

    Interessante Rezension, werde mir das Buch mal genauer ansehen :)
    LG hannah

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  2. Andrea Says:

    Hallo flattersatz,

    als ich die Rezension vor ein paar Wochen gelesen habe, habe ich mich an Andrzej Szczypiorski wieder erinnert, denn vor längerer Zeit habe ich mir schon mal ein Buch von ihm gekauft (Feuerspiele), aber leider bisher noch nicht gelesen.
    In Polen ist er ja ein sehr bekannter Schriftsteller und als ich dann heute mal wieder in der Stadtbücherei war, ist mir zufällig „Die schöne Frau Seidenmann“ ins Auge gefallen. Stand übrigens in der Rubrik „Lesepralinen“.
    Also, gleich mitgenommen und jetzt freue ich mich auf ein schönes Wochenende mit dem Buch. Vielen Dank für den Tipp!

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  3. Ein wunderbares Buch, das mich sehr berührt hat…seither auch zwei-, dreimal wiedergelesen. Die Besprechung ist sehr treffend.

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