Amrei Wittwer, Gerd Folkers: Schmerz

24. Juli 2016

schmerz cover

Der Schmerz – man muss da nicht viel zu raten: er ist uns unerwünscht, wir wollen ihn nicht. Aber selbst das ist so absolut nicht zutreffend, er hat viele Facetten und wenn sich Severin dereinst wünschte, daß „sie nur einmal wieder die Peitsche in die Hand nehmen würde“, so wird er schon seine Motive dafür gehabt haben, für die der Autor der Fantasie (durchaus unerwünscht) letztlich sogar zum Namenspatron wurde [2]…

Severin konnte seinerzeit noch nicht wissen (und es wird ihn auch nicht sonderlich interessiert haben), was Schmerz überhaupt ist, wie er entsteht, wo und wie er wirkt, und wie man ihn bekämpfen bzw. mit ihm umgehen kann. Zu ändern, daß wir ihm auch heutzutage in vielen dieser Fragen gleichen und meist nur mit solidem Halbwissen bestückt sind, sind die beiden Züricher Wissenschaftler  mit ihrem Buch Schmerz angetreten.


Die beiden Autoren [1] gehen systematisch vor. Nach der Erklärung, was Schmerz ist, wie er überhaupt entsteht, erläutern sie, welche Substanzen gegen Schmerz wirken, wie man ihn also auf dieser Basis bekämpfen kann. Daß Arzneien nicht das einzige Mittel sind, gegen Schmerz vorzugehen, diskutieren sie anschließend im Abschnitt über Schmerzbewältigung. Daß eine Schmerztherapie nicht immer wirksam wird, ist eins der Themen, die im Rahmen der Schmerkommunikation erläutert wird, danach folgt ein Abschnitt, der sich mit geschlechterspezifischen Aspekten befasst, bevor sich die Autoren das Buch abschließend einer Wechselwirkung zwischen Schmerz und Lust widmen.

Um dieses zur trockenen Wissenschaft neigende Programm anschaulich zu halten und mit Leben zu füllen, haben Wittwer und Folkers sich etwas einfallen lassen: sie unterbrechen ihre Erläuterungen mit einer Geschichte, die einen Tag im Leben des Herrn. D. schildert und damit beginnt, daß dieser vor dem Spiegel steht und sich die Nasenhaare ausreißt, ein – wie wohl jeder Nasenträger weiß – hin und wieder tränentreibendes Geschäft. Aber das ist nicht das einzige Ungemach, das ihn an diesem Tage traf: er wurde verlassen, von seiner Freundin, die auch noch die Katze mitnahm und – vielleicht schlimmer noch – Frau Meier, Nachbarin, 85, hedonistisch eingestellt, greift ihn beim Verlassen der Wohnung an der Tür auf…


Mit diesem Einstieg wird schon ein den Autoren wichtiger Aspekt deutlich: Schmerz, Schmerzempfindung, ist ein komplexes Phänomen, das sowohl durch ‚handfeste‘ (‚Nasenhaare‘), aber auch durch psychische Ereignisse (z.B. Magenschmerzen vor lauter Trauer oder Liebeskummer) hervorgerufen werden kann.

Schmerz ist eine unangenehme sensorische oder emotionale Erfahrung,
die mit tatsächlicher oder potenzieller Gewebeschädigung verknüpft ist
oder mit Begriffen einer solchen Schädigung beschrieben werden kann [3]. 

Auf diese Definition berufen sich die Autoren und behandeln … Leid als eine bestimmte Art von Schmerz, wofür sie auch Ergebnisse wissenschaftlicher Studien zitieren.

Schmerz ist dann vorhanden, wenn es weh tut: Schmerz ist eine Empfindung, die jeder Mensch für sich hat, die von anderen nicht (nach)gefühlt werden kann. Dabei ist es unerheblich (dies ist den Autoren wichtig), ob der Schmerz eine erkennbare Ursache hat (‚Nasenhaare‘) oder er ohne, daß die physiologischen Vorgänge der Schmerzempfindung ablaufen, durch andere Ursachen wie Liebeskummer, Trennungsschmerz oder ähnliches erzeugt wird, denn der Schmerz entsteht im Hirn und wird von dort aus im Körper lokalisiert. Das Hirn jedoch ist lernfähig und kann sich an neue Randbedingungen anpassen, diese Eigenschaften bieten eine Möglichkeit, Schmerzempfindungen auch durch psychische Faktoren zu beeinflussen.

Es gibt diesen dummen Spruch: „es kann gar nicht weh tun, ich bin so nah dabei und spüre gar nichts!“, auf den derjenige, der das Gesicht vor Schmerz verzieht, meist unwirsch reagiert. Es stimmt aber, Art, Ausmaß, Stärke etc pp einer Schmerzempfindung kann von aussen nicht nachgefühlt werden, dies ist ein Problem, eine dem/der jeweilig Betroffenem eine adäquate Schmerztherapie zukommen zu lassen. Hier liegt, liest man die Ausführungen der Autoren, vieles im Argen, zumeist zum Nachteil der Patienten…. geschlechtsspezifische Unterschiede existieren beispielsweise bzgl. der Wirksamkeit von Schmerzmitteln (bei rothaarigen Frauen z.B. wirkt Lidocain (Zahnarzt!!) schwächer als üblich), bei der Behandlung werden fälschlicherweise (unzutreffende) Erfahrungswerte, die der Behandelnde bislang gemacht hat, übertragen, ohne konkret den vorliegenden Einzelfall zu betrachten. Besonders problematisch sind Patientengruppen, die sich nicht adäquat äußern können: Babys und Säuglinge, aber auch alte Menschen oder Demente.

Wichtig ist den Autoren, daß die adäquate Schmerzbehandlung schnell erfolgen muss. Schmerz kann sich nach einer gewissen Zeit selbstständig machen und somit selbst vom Symptom zur eigenständigen Krankheit werden. Es ist daher kontraproduktiv, Schmerz ‚mannhaft‘ aushalten zu wollen, bis er irgendwann vorbei geht…

In diesem Kontext diskutieren die Autoren ebenfalls den Schmerz bei Tieren. Hier wird sie Leidensfähigkeit unserer Mitgeschöpfe meist bei weitem unterschätzt, ganzen Tiergruppen wird sie abgesprochen bzw. gar nicht erst zugebilligt. Würde man dies tun (man müsste es…), hätte dies große Auswirkungen auf z.B. den Tierschutz, aber auch unsere Ernährung….

Wie überhaupt läßt sich der Schmerz bekämpfen? Mit Schmerzmitteln natürlich, aber auch hier könnte sich noch einiges zum Positiven ändern. Die Verabreichung Opiaten beispielsweise ist immer noch zögerlich, weil falsche Vorstellungen über Nebenwirkungen (auf die man sich einstellen kann) und die (bei korrekter Applizierung zu vernachlässigende) Gefahr der Suchterzeugung bestehen. Zudem verhindern wissenschaftlich längst widerlegte Vorurteile in der Politik z.B. den Einsatz von Cannabinoiden (‚Hanf‘). In einem kleinen Kompendium der Schmerzmittel charakterisieren die Autoren diverse Stoffgruppen, die in der Schmerztherapie wichtig sind oder zukünftig möglicherweise zur Verfügung stehen werden.

Ausführlich wird auch auf den sogenannten Placebo-Effekt eingegangen, der sehr reale Wirkungen hat, denn mentale Faktoren sind für die Schmerzempfindung und damit auch die Schmerzbekämpfung wichtig. Ein recht umfangreicher Abschnitt befasst sich auch mit dem Thema „Spiritualität und Schmerz“: die Abtötung leiblicher Freuden auch durch freiwilliges Zufügen von Schmerz oder die Adelung der unter Folter gestorbenen Gläubigen zu Heiligen haben über lange Jahrhunderte die katholische Spiritualität mitgeprägt.

Wie schon weiter vorne angedeutet, bestehen auf der biologischen und auf der psychosozialen Ebene geschlechterspezifische Unterschiede zwischen Mann und Frau. Das diskutieren die Autoren ausführlich und gehen auf herrschende Mythen wie den vom Geburtsschmerz und der weinerlichen Weiblichkeit und den harten Macho ein. Wie in vielen anderen Fällen auch in diesem wieder das Problem, daß statistische Aussagen nicht erlauben, auf den Einzelfall zu schließen. Die daraus resultierende Gefahr, den Einzelfall mit Fakten, die über die Statistik gewonnen wurden, falsch weil inadäquat zu behandeln, wurde schon erwähnt.

Schmerz schließt mit einer Betrachtung über Zusammenhang von Schmerz und Lust ab, mit der ich meine Buchvorstellung eingeleitet habe, wobei jedoch die exponierte Beziehung zwischen den ‚Severins‘ und ‚Wandas‘ dieser Welt nicht betrachtet wird. Vielmehr geht es um das wohl jedem bekannte Phänomen, daß lustvolle Zustände Schmerz vermindern können, egal, ob es sich dabei sexuelle Erregung oder auch den Genuss Nahrungsmitteln wie Zucker oder Schokolade handelt.


Das Buch Schmerz ist randvoll mit Informationen, es ist daher unmöglich und auch nicht sinnvoll, dies hier in der ganzen Bandbreite wiederzugeben, ich hoffe, zumindest eine Andeutung über den Inhalt vermittelt zu haben. Die Fakten werden meist ’nur‘ referiert, das ausführliche Verzeichnis zur Primärliteratur eröffnet jedoch den Möglichkeit, die jeweiligen Informationen zu vertiefen. Insgesamt kommt das Verzeichnis der ‚Endnoten‘ auf über vierhundertsechzig Einträge, die meisten davon sind (einer groben Durchsicht nach) aus der ersten Dekade des gegenwärtigen Jahrhunderts. Damit kann das Buch auch als Nachschlagewerk dienen, zumal ein Register einen neben dem Inhaltsverzeichnis differenzierteren Zugang eröffnet.

Eine gewisse naturwissenschaftliche Grundbildung ist zum Lesen des Buches sicherlich sinnvoll und hilfreich: Schmerz, Schmerzempfindung, Schmerzbewältigung, Schmerzbekämpfung etc sind oft komplizierter Vorgänge, die auch eine bestimmte Terminologie bedingen. Die beiden Autoren schaffen es jedoch, dies so zu darzustellen, daß man auch als Laie zumindest die Grundzüge, das Wesentliche verstehen kann. Auch wird deutlich gemacht, wie umfassend der Gesamtkomplex Schmerz ist und er keineswegs auf ‚Aspirin‘ und ‚ein Indianer kennt keinen Schmerz‘ reduziert werden kann. Dieser Komplexität müsste in der Praxis der Medizinausbildung mehr Rechnung getragen werden, Vorurteile gegen Schmerzmittel wie Opiate müssten abgebaut werden, und einzelne politisch motivierte Verbote wie gegen cannabisbasierte Schmerzmittel müssten aufgehoben werden. Nicht unterschätzt werden darf auch die mentale Komponente des Phänomens Schmerz, sie kann die Belastung durch Schmerz erhöhen, bietet aber auch eine wirksame Möglichkeit, Schmerzempfindung besser ertragen zu lernen. Eine gute und wirksame Schmerzbekämpfung muss den ganzen Menschen einbeziehen.

Ein abschließendes Wort noch zu der in dem Buch eingebetteten Novelle: man darf hier keine literarische Perle erwarten. Die konstruierte Geschichte nimmt teilweise haarsträubende Kurven, um ihrer Funktion, auf Kommendes im Buch vorzubereiten, gerecht zu werden. Aber unterhaltend ist der slapstickartige Handlungsablauf, der nicht vor Fugu-Genuss, toten Pudeln, ausgeschlagenen Zähnen und einer attraktiven Zahnärztin zurückscheut, in jedem Fall, er vermittelt beim Lesen willkommene Erholungspausen. Und ein gewitzter Einfall des Autorenduos ist es ebenfalls.

Schmerz: ein Sachbuch also mit Anspruch und voller Informationen und – da es leider ja wohl jeden angeht – im Grunde für jeden interessant. Möglicherweise ‚munitioniert‘ es den/die einen oder anderen sogar für (hoffentlich nie notwendige) Diskussionen mit behandelnden Ärzten auf…..

Links und Anmerkungen:

[1] wie bringt man, ohne ein formulierungsmäßiges Monster zu erzeugen, die Information unter, daß es sich bei den Autoren um ein sozusagen gemischtes Doppel handelt? Man möge mir verzeihen, daß mir das nicht wirklich gelingt…
Infos zu Frau Amrei Wittwerhttp://www.collegium.ethz.ch/ueber-uns/collegium-helveticum/personen/dr-amrei-wittwer/ und (sehr interessant) auch hier: https://www.zhdk.ch/index.php?id=55281
Kurzbiografie von Gerd Folkers: http://www.swir.ch/de/der-swir/organisation-de/der-rat/85-inhalt-cat/359-prof-dr-gerd-folkers-de
[2] Leopold von Sacher-Masoch: Venus im Pelz, in der im Blog vorgestellten Ausgabe auf S. 99
[3] Definition der Internationalen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes, im Buch: S. 30

Amrei Wittwer, Gerd Folkers
Schmerz
Innenansichten eines Patienten und was die Wissenschaft dazu sagt
diese Ausgabe: Hirzel-Verlag, Kartoniert, ca. 216 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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