Claudia Wessel: Affäre

21. Juni 2014

Immer, wenn ich durch die Straßen gehe, gibt es mich.

Von Claudia Wessel [2] habe ich vor geraumer Zeit hier [3] schon den erotischen Erzählband „Zu dritt“ vorgestellt, der verschiedene Geschichten umafasst, in denen es sich jeweils um Dreiecksbeziehenung dreht. Wessels Roman „Affäre“ [1] dagegen handelt von einem Verhältnis, einer Affäre eben, zwischen einem verheirateten Mann und einer Frau.

Wessel erspart uns als Leser eine langwierige Einführung in ihr Buch, nach wenigen Worten sind wir dort, wo das Geschehen stattfindet, zumindest das, was von aussen zu sehen ist: „Was soll das heißen, du kannst mit geöffneten Beinen nicht zum Orgasmus kommen?“ Diejenige, die dies gefragt wird, in einem Hotel, in der vierten einer Reihe gemeinsamer Nächte ist die Ich-Erzählerin der Geschichte. Sie wird nicht beschrieben, ihr Name erst ganz am Ende des Buches erwähnt, eher beiläufig, aber immerhin; zu vermuten ist ferner, daß sie nicht unbedingt eine junge Frau ist, aber auch weit entfernt davon, eine ältere oder gar alte zu sein.

Wie Einsprengsel finden sich Erinnerungsfetzen aus ihrem Leben eingestreut in die Geschichte. Ihr Vater, von ihr heiß geliebt, verlor schnell die Geduld, konnte Lärm nicht ertragen, wurde unleidlich und aggressiv. Und ging irgendwann zu der Frau, bei der er mehr oder anderes fand als bei seiner. Als Schulkind wurde sie angetatscht, bei Onkel Walter auf dem Schoß zu sitzen war eine Bedrohung für sie. Mit der Mutter konnte sie darüber nicht reden, fand nicht die Worte und die Mutter hörte das Ungesagte dazwischen nicht. Eine Mitschülerin wurde nach sexuellem Missbrauch ermordet… ihre eigenen, späteren Männerbekanntschaften waren von der Art, daß sie, die schon Verwundete, floh…

Sie ist die Frau, das Opfer, die Männer sind Täter.

Sie versucht sie auszutricksen. Dadurch, daß sie sich selbst zum Opfer macht, sich selbst erniedrigt, sich selbst hasst, nimmt sie ihnen die Macht über sich: „Ich bin ein aktives Opfer. … Das ich nicht ein Objekt bin, das SIE gemacht haben, sondern ein Lockvogel, den ICH gemacht habe. ..“ Ihm, dessen so ganz andere Aura sie im Sexschuppen gespürt hat, bietet sie sich an, auf ihren Hinterbacken soll er tanzen und genau durch diesen Eingang, in dieser Öffnung kommen. Von Gewalt sind ihre Fantasien geprägt, damit sie kommen kann, von Erniedrigung, davon, daß er sie allen seinen Freunden anbietet, ihren Hintern hoch in die Luft gestreckt: kommt her, seht ihr rotes Loch, vögelt sie, sie ist nicht teuer, eine billige Nutte nur…

Sie sehen sich nicht häufig, er ist verheiratet, sie weiß es. Sie ist seine Nutte, so sieht sie sich, er bezahlt das Hotel und lädt sie ein zum Essen, zum Champagner. Jedes mal ein anderes Hotel, eine andere Absteige, oft billige, quietschend Betten, muffige Wäsche, schmierige Klos. Leuchtreklame, die über die schweißfeuchten Körper streicht, Straßenlärm, der sich mit ihrem Stöhnen mischt. „Würdest du…?“ Eine nicht beendete Frage, aber er weiß, was sie wünscht, und er gibt es ihr, quer liegt er zu ihrem Unterkörper und sucht ihr ihm entgegenquellendes Geschlecht….

Er hat etwas in den Augen, das anders ist, das sie anblickt, das sie berührt. Sie ist seine Nutte, aber irgendetwas geschieht mir ihr, durch diesen Blick, durch sein Verhalten. Die Frage: sollte er anders sein als die andern, sollte es jemand sein, dem sie etwas bedeutet, dem sie etwas wert ist über die Bezahlung hinaus?

Unmerklich verändert sich die Beziehung zu ihm, schleicht sich so etwas ein wie Vertrauen und mit dem Vertrauen gleichzeitig die Angst, ihn zu verlieren. Die Wochenenden, in denen er der Familie gehört, werden für sie zur Hölle, sie lebt nur noch für die Nächte mit ihm, ganz selten, daß sie sich am Tage treffen und dann müssen sie so vorsichtig sein, daß es schmerzt.

Er hat klargestellt, daß er seine Frau nicht verlassen wird. Aber warum nur, warum kommt er nicht zu ihr, wo er doch bei ihr alles findet und finden kann, was Liebe ausmacht? Was hält ihn? Die Frage bringt die Protagonistin fast um, schließlich ist die Qual so groß, daß sie nicht mehr weiter weiß.

Stille. Er hat aufgelegt und es herrscht Stille. Und sie muss lernen, weiter zu leben.
Dies ist der Schlusssatz Autorin auf der vorletzten Seite ihres Romans.


 Immer, wenn ich durch die Straßen gehe, gibt es mich. 

Dieser Satz wiederholt sich im Roman wie ein Refrain, so wie die Nächte, die die beiden Hauptfiguren miteinander verbringen. Er segmentiert das Leben der Frau in Abschnitte, geht sie durch die Straßen, kommt sie an den Hotels vorbei, in denen sie mit ihrem Liebhaber war und in denen sie lebendig war und etwas von sich zurückgelassen hat: die Erinnerung. Ihr Leben ist zerhackt in Portionen, in Intervalle zwischen den Nächten, die Wessel ordentlich durchnummeriert. Es sind nicht allzuviele, nimmt man die Jahreszeiten, die sie erwähnt und die Zahl (meiner Aufzeichnung nach sind es 24 Nächte). Sie geht einem Beruf nach, hat einen Job, aber darüber schreibt Wessel nicht, das findet nur an der Oberfläche dieser tief verletzten Frau statt, für die Männer bislang ausschließlich mit (sexueller) Gewalt und Fremdbestimmung verknüpft sind.

Ihre Fantasien und Tagträume…. „Ein Türchen öffnen in meinem Gehirn mit deiner Zunge. Mich von dir wegschicken, zu anderen Männern, mich bücken, erniedrigen, von Bahnhofspassanten öffnen lassen, eine Schamgrenze überschreiten. Lust.“ Lust: Dieses Wort ist ein guter Aufhänger: Ähnlich wie bei Jelinek [4] ist die Sprache Wessels trotz des erotischen Inhalts nüchtern, analytisch, sezierend, keineswegs aufregend oder gar erregend. Ein paar Zeilen zuvor: „… Haut, unter des es modert.“ Diesen Moder schaut sich Wessel an, beschreibt ihn, holt ihn zu Tage: das Verhältnis der Geschlechter zu einander, die Zerstörung der Frau durch die ausgeübte sexuelle Gewalt des Mannes.

Aber (und da liegt ein Unterschied zu Jelinek) Wessel läßt Hoffnung zu, ihr Namenloser ist anders: „Du erwecktest in mir die Hoffnung auf eine andere Männer-Frauen-Beziehung. Es war nur ein kleiner Funken. Doch er glühte. Er glühte.“ …. und er bringt die Frau in eine andere Situation: die der Abhängigkeit vom Mann. Die Protagonisten definiert sich nach dieser Wandlung von der Nutte zur Bettlerin (so sind die ersten beiden Kapitel des Romans tituliert) über den Mann, über ihre Beziehung zu diesem Mann. Ihr Leben findet nur noch statt in seiner Nähe, in seiner Umarmung, in seinem Eindringen: nur dann fühlt sie sich vollständig: Vom Regen in die Traufe, von der Selbstzerstörung in die Selbstaufgabe…. aber das thematisiert Wessel nicht mehr, allein gibt sie ihrer Heldin die Ahnung mit, daß es auch möglich sein muss, ohne ihn zu leben, in der Einsamkeit der Nächte, daß er nicht für ihr Leben verantwortlich ist.

So ist „Affäre“ trotz der deutlichen Sprache weniger als erotischer Roman aufzufassen (weil er kein dementsprechendes Ziel hat), sondern als nüchterne, deprimierende, aber nicht hoffnungslose Analyse einer Beziehung zwischen den Geschlechtern.

Links und Anmerkungen:

[1] Leseprobe: http://www.konkursbuch.com/html/Fruehjahr%202006/leseproben/Wessel_affaire-anfang3-15.pdf
[2] zu Claudia Wessel: http://de.wikipedia.org/wiki/Claudia_Wessel
[3] Claudia Wessel: Zu dritt; https://radiergummi.wordpress.com/2010/05/29/claudia-wessel-zu-dritt/
[4] Elfriede Jelinek: Lust; z.B. in: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/rezension-belletristik-elfriede-jelinek-lust-152085.html oder
http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=359

Claudia Wessel
Affäre
diese Ausgabe (NSFW): konkursbuch, TB, ca. 204 S. 2005

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