Giulia Enders: Darm mit Charme

11. Juni 2014

Beobachtete mich jetzt, nach der Lektüre dieses Buches, jemand beim (mehr oder weniger) regelmäßigen Gang zum Klo, würde er nicht schlecht staunen ob der sich dort in seltsamen Verkrümmungen windenden Gestalt, deren an gymnastische Übungen erinnernde Bemühungen, mit der Nasenspitze ans Knie zu reichen, für Aussenstehende, nicht Initiierte, befremdlich wirken müssen.

Freie Fahrt!

Aber man lernt ja nie aus und da in den letzten Jahren der Themenkreis rund um die Verdauung und ihren Trakt gesellschaftlich etwas von ihrem Igittigitt verloren hat (der vordere Teil dieses Traktes, vom Mund bis zum Magen, sprich: Ernährung, Speis und Trank, Essen und Geniessen war immer schon ein Hauptthema…) und man langsam auch das Wunderwerk erahnt, das die Natur mit diesem Organsystem geschaffen hat, ist man für Neuerungen auf dem Gebiet auch der Entleerung deutlich offener.

„Wie geht Kacken?“

Ja, wie ist das eigentlich, wie wird aus dem Brötchen, dem Apfel, dem Steak oder dem Salat, den wir uns am vorderen Ende des „Schlauchsystems“, dem Mund, einverleiben, jener dampfende Haufen, den wir mehr oder regelmäßig zur Toilette bringen und was passiert eigentlich unterwegs bzw. was können wir tun, um diese Abläufe zu unterstützen und zu optimieren, denn jeder, der man Bauchweh gehabt hat oder Durchfall oder das Gegenteil, weiß, daß es hier durchaus Störungen geben kann.

darm

Die junge Ärztin Giulia Enders erklärt uns das Schritt für Schritt, angefangen vom Kauen bis hin zur Zusammenarbeit der beiden (sic!) Schließmuskeln am Darmausgang, dessen Entleerung im übrigen durch die eingangs beschriebenen Verrenkungen deutlich unterstützt werden kann. Es ist ein hochkomplexes Zusammenspiel verschiedenster Komponenten, angefangen von muskulären Systemen (Schlucken, Transport des Speisebreis durch Magen und Darm) bis hin zu den diversen chemischen, enzymatischen und auch bakteriologischen Aufschließungsprozessen der Nahrung. Was im wesentlichen bedeutet, deren Komponenten so umzuwandeln und in ihre einzelnen Bausteine auseinander zu nehmen, daß sie die Darmwand durchdringen und vom Blutkreislauf (bzw. beim Fett von der Lymphe) dorthin transportiert werden können, wo sie gebraucht werden. Hat man das Kapitel gelesen, kennt man sich aus mit Magen, Dünn- und Dickdarm, weiß, wozu der Blinddarm da ist und der Wurmfortsatz… na bitte!

Zwei ungeahnte und in ihrer gänzlichen Bedeutung bei weitem noch nicht verstandene Eigenschaften sind zum einen das hochkomplexe Nervensystem, das den Darm steuert bzw. über das der Darm steuert und die Auswirkungen der Besiedlung des Darms durch näherungsweise in der Summe zwei Kilogramm Bakterien, deren Arten in die Unzählige gehen und deren Zusammensetzung noch weitestgehend im Dunkeln liegt.

Denn es ist keineswegs so, daß sich Bakterien auf den Aufschluß schwerer verdaulicher Nahrungsmittelbestandteile beschränken. Ihre Wirkung, abhängig von Art und Zusammensetzung, scheint vielfältig auch in Psyche und Physis des Menschen hineinzureichen. Hier stehen die Forschungen noch sehr am Anfang, aber Ergebnisse von Tierversuchen zeigen ganz deutliche Hinweise auf solche Effekte.

Der Volksmund weiß es natürlich schon lange, der Darm ist nicht einfach nur ein „Pupsrohr“, sondern mehr. Schließlich schlägt uns Ärger auf den Magen, manches geht in die Hose, Aufregung und Stress verursachen häufig Durchfall, hin und wieder kommt man auch einfach nicht zu Potte und in guten Momenten hat man tausend Schmetterlinge im Bauch… Die Steuerung der komplizierten chemisch-biologischen „Fabrik“ Darm ist hochkomplex, dem entspricht das zuständige Nervensystem des Darms („Darmhirn„), das als einziges im menschlichen Körper autark vom Kopfhirn fungiert, mit diesem aber in direkter Verbindung steht. Die Jahrhunderte lange Konzentration des Menschen auf sein Hirn im Kopf („Ich denke, also bin ich“) hat die jetzt erst in Umrissen erkennbare Bedeutung des Darmhirns für die physische-psychische Konstitution des Menschen völlig in den Hintergrund treten lassen. Hier ist in den nächsten Jahren sicher noch viel interessantes an Forschungsergebnissen zu erwarten, es ist aber schon jetzt ein Grund für jeden von uns, seinen Magen, seinen Darm gut zu behandeln: er belohnt uns dafür auf seine Art und Weise…

Ein Buch über die Verdauung kann nicht geschrieben werden, ohne sich auch ein wenig mit der Ernährung zu befassen. Hier sind Stichworte „probiotische“ oder „präbiotische“ Lebensmittel, auch geht Enders kurz auf die Problematik der Verabreichung von Antibiotika bei allen möglichen Erkrankungen ein, ein Stichwort dazu lautet „Resistenzbildung“ im Reich der Bakterien. Zu diesem Thema gibt es auch eine leichte „Abschweifung“, bei der sich Enders der Bedeutung des Mikrobioms, also des Zusammenlebens von Mensch und Bakterie widmet, das mit dem Durchgang des Babys durch den Geburtskanal der Mutter beginnt bzw. beim Kaiserschnitt eben nicht, was nicht ohne Bedeutung ist.

Weitere Ausführungen der Autorin beschäftigen sich mit der Rolle des Darms bei der Immunabwehr, der Auslösung von Allergien und von Nahrungsmittelunverträglichkeiten.

Was wäre der Darm ohne seinen Inhalt? Genau: leer. Und so geht es auch um die Entleerung des Darms (mit sehr praxisnahen Hinweisen, siehe oben) vorzugsweise ohne, manchmal mit Abführmitteln und um das, was Enders häufig als „Prachthaufen“ bezeichnet. Der aber bei weitem nicht immer prächtig sein muss, sondern auch zu Bedenken Anlass geben kann. Nicht umsonst ist in der Tiermedizin die Kotprobe eine probates Mittel, dem befragungsresistenten Patienten sein Geheimnis zu entlocken…. wir Menschen dagegen schauen uns unsere Hinterlassenschaft nicht so gerne an (oft ist sie ja auch vom Klopapier verdeckt und im Schlund des Tiefspülers versenkt), aber auch unser Stuhlgang verrät natürlich einiges über unser Befinden: was, verrät uns wiederum Frau Enders in einem kleinen Exzerpt.


Darm mit Charme ist kein wissenschaftliches Buch, ich würde es noch nicht einmal als populärwissenschaftlich bezeichnen. Es ist eine lockere, auf der beliebten Comedy-Welle [3] schwimmendes Buch über ein Tabuthema, das man vielleicht wirklich nur entweder streng aseptische-wissenschaftlich oder eben wie Enders locker vom Hocker abhandeln kann. Dabei reklamiert die Autorin durchaus einen gewissen Anspruch an ihr Werk, das Literaturverzeichnis (immerhin über zehn Seiten mit Quellen aus der aktuellen wissenschaftlichen Literatur) zeigt, daß sie sich mit vielem, was sie uns vermitteln will, an der Speerspitze der Forschung bewegt, auch zeitlich sehr aktuell ist. Entsprechend unsicher und spekulativ sind daher naturgemäß noch die Aussagen, aber sie sind unwahrscheinlich spannend….

… und doch. Ein Buch ist kein Science Slam (ganz witzig: [3]), sondern ein Produkt, das möglichst eine gewisse Zeit überdauern soll und daher bei der Herstellung einer gewissen Sorgfalt bedarf. Und genau hier habe ich meine Probleme, die den Spaß am Buch zum Teil heftig gemindert haben.

Tortenmoleküle [S. 90]. So ein Ausdruck schlägt mir als jemandem, der sich mal etwas mit Chemie befasst hat, auf den Magen. Es gibt schlicht und einfach keine Tortenmoleküle, genauso wenig wie es Sonnen- oder Kühlschrankmoleküle gibt. Aber leider nicht nur diese Moleküle sorgen für eine gewisse Unpässlichkeit bei mir:

Folgender Satz hat mich ratlos hinterlassen: „Wer neben [wahrscheinlich ist „außer“ gemeint] Darmerkrankung auch sehr stark unter Angstzuständen und Depressionen leidet, bekommt vom Arzt oft die Empfehlung, Antidepressiva zu nehmen. Selten wird aber erklärt warum. Das hat seinen einfachen Grund. Kein Arzt oder Wissenschaftler weiß das. Erst als man in Studien feststellte, daß diese Medikamente stimmungsaufhellende Wirkung haben, ….“ [S. 146] und bei diesem Satz hier [S. 249] ging es mir kaum besser: „Pflanzen (Pilze wie der Penicillin-Pilz sind keine Pflanzen, sondern zählen zu den Lebewesen) stellen Antibiotika her, die …..“ örks.

Auf S. 155 wird Energie aus Metallatomen bezogen, auf S. 186 fällt bei unserem Stoffwechsel Kohlenstoff als Abfall an (wahrscheinlich ist Kohlendioxid als mögliche Quelle für Kohlenstoff gemeint?). Auf S. 171 wird suggeriert, Babys seien elektrisch leitend, denn die ersten Darmbakterien entfernen Elektronen aus dem Darm des Säuglings und abschließend noch diesen bemerkenswerten Satz, der sich auf S. 187 findet: „Beim Arbeiten der Prevatella [Bakterienfamilie] fallen Schwefelverbindungen an. Den Geruch kennt man von gekochten Eiern. … stünden Prevatella bald irritiert in ihrem eigenen Schwefelsumpf herum. Ungesund ist dieses Gas übrigens nicht. Unsere Nase mag es nur vorsichtshalber nicht, weil es in tausendfacher Konzentration langsam gefährlich würde….“ Klares, eindeutiges Formulieren geht anders.

Ein so komplexes Thema wie das dieses Buches muss vereinfacht werden, will man es in die breite Öffentlichkeit tragen. Manche Vereinfachungen schütten aber das Kind mit dem Bad aus: sie werden zu Simplifizierungen oder gar unverständlich bzw. falsch. Man merkt dies logischerweise vor allem bei den Gebieten, auf denen man sich selbst heimisch fühlt, kann sich dann aber kaum gegen den Gedanken wehren, wie es um die Vertrauenswürdigkeit derjenigen Aussagen besteht, die man nicht selbst beurteilen kann….

… und wenn ich schon am Nörgeln bin: Enders´ Buch heißt im Untertitel: Alles über ein unterschätztes Organ. Auch das trifft nicht so ganz zu.. zwar wird häufig auf den Pups Bezug genommen, trotzdem wird nicht drauf eingegangen. Dabei wirft doch auch er Fragen auf: wo entsteht er eigentlich, aus welchen Gasen besteht er (und wie hängt das von der Nahrung ab) und wie schafft es unser Gedärm, ihn entgegen der Physik, die das Darmgas als spezifisch leichtere Komponente ja nach „oben“ treiben sollte, nach „unten“ an den Ausgang zu transportieren? Und was trötet und pfeift da eigentlich und woran liegt es, daß das olfaktorische Erlebnis sich von Tag zu Tag ändern kann….


„Darm mit Charme“ ist ein leicht lesbarer, unterhaltsamer Ausflug in ein unbekanntes Land, bei dem die stetig gut gelaunte Reiseführerin uns auf alles mögliche aufmerksam macht: schaut hier, seht dort und habe ihr schon das da gewusst? Es ist ganz zweifellos ein Verdienst der jungen Autorin, sich dieses Themas angenommen und es derart aufbereitet zu haben, daß es ein großes Publikum findet – ich würde mir für eine Neuauflage aber wünschen, daß der Text noch einmal kritisch durchgesehen wird. Diese vielen kleinen Nachlässigkeiten (oben ist ja nur eine Auswahl von Textstellen, die mir aufgefallen waren) trüben doch das Lesevergnügen und untergraben das Vertrauen in den Rest des Textes. Und das ist schade, das hat der Darm nicht verdient.

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite zum Buch: http://www.darm-mit-charme.de
[2] Giulia Enders stellt ihr Buch selbst vor: https://www.youtube.com/watch?v=Q7FNTOkITpA
[3] Clip zum Science Slam: https://www.youtube.com/watch?v=MFsTSS7aZ5o

Giulia Enders
Darm mit Charme
Alles über ein unterschätztes Organ
diese Ausgabe: Ullstein, Softcover, 288 S., 2014

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7 Responses to “Giulia Enders: Darm mit Charme”

  1. Evy Heart Says:

    Ich glaube, das Buch wird überschätzt, weil die Frau so charismatisch ist.

    Bei der Rezension fand ich es schade, dass der Inhalt soviel Raum einnimmt – wie der Darm funktioneirt, kann ich in zahlreichen Quellen nachlesen. Wichtig ist mir, wie ihn das Buch darstellt bzw. wie die Fakten vermittelt werden.

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    • flattersatz Says:

      hmmm… ich hätte gedacht, die art der darstellung (wie eine besichtigungstour durch ein unbekanntes land, das es zu entdecken gilt) das käme in meiner besprechung raus…. ich gehe in mich. was ich zugeben muss, ist, daß ich die kleinen zeichnungen von Enders zu erwähnen vergessen habe. Die lockern den text zusätzlich auf, auch wenn die figuren oft eher wir karikaturen aussehen. das buch setzt eben viel auf effekte und wirkung – wie ein schrift gewordener slam.

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  2. Servus!
    Wahrlich ein gutes und lesenswertes Buch! Hab heute auch eine Rezension dazu veröffentlicht und verlinke dann darunter immer zu anderen Rezensenten – in dem Fall zu Dir :-) Hoffe, das ist okay – aber so haben Leser auch die Möglichkeit auf weitere Meinungen zu dem Buch zuzugreifen.

    Viele Grüße & ein schönes Wochenende
    Kati @ZeitzuLesen

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    • flattersatz Says:

      danke für die verlinkung, liebe kati! ja, das gegenseitige verlinken ist etwas, was ich mir auch schon überlegt habe. im blog ist es nur so fürchterlich unpraktisch, weil du immer den beitrag bearbeiten musst und auch selber dafür „verantwortlich“ bist, wenn du aktuell bleiben willst – falls man das will. eine fb-gruppe wäre meiner Meinung nach geeigneter, in der der erste das buch postet und dann jeder seine rezi im kommentarfeld verlinken kann. im bereich „fantasy, ‚herz, schmerz und sonstnochwas'“ gibt es das schon und läuft dort auch ganz gut, soweit ich das beurteilen kann….

      was das buch angeht, hast du recht, ein etwas anrüchiges thema, total unpeinlich und fesselnd dargestellt. die gute hat jetzt ja auch einen fuß in der tür, in vielen beiträgen zu medizinischen themen findet man sie neuerdings als autorin – gut so, jemand, der fundiertes wissen spannend und anschaulich vermitteln kann, ist wichtig!

      liebe grüße
      gerd

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      • Hallo Gerd,
        vielen Dank für den Link – hab gerade meine Mitgliedschaft „beantragt“ – mir war nicht klar, dass es spezielle Fb Gruppen dazu gibt, wirklich gut zu wissen, danke! Werde das, sobald es freigeschaltet ist, in jedem Fall ausprobieren.
        Denke aber, dass ich das Verlinken dennoch beibehalte – ist zwar etwas Aufwand die Links rauszusuchen aber ich hab dabei schon viele neue tolle Blogs zum Folgen entdeckt – das hat ja auch was für sich ;-)
        Dir noch einen entspannten Sonntag & viele Grüße,
        Kati

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