Alan Bennett: Leben wie andere Leute

8. Juni 2014

Alan Bennett, bekannter britischer Dramatiker, Schriftsteller, Schauspieler und Regisseur [1], taucht in diesem kleinen Büchlein ein in seine eigene Familiengeschichte, die erstmals 2005 im Rahmen von (autobiographischen)  Kurzgeschichten veröffentlicht wurde. 2009 dann wurde ein eigenes Büchlein daraus, dessen Übersetzung 2014 in einem dieser schönen roten Bändchen von Wagenbach herausgegeben wurde [2].

Es ist eine seltsame Familiengeschichte, die Bennett ausbreitet. Er beginnt seine Erinnerungen mit der Schilderung der einsetzenden Depression seiner Mutter, die diese auf Jahrzehnte hin in immer wieder kehrenden Schüben heimsuchen sollte. Die Familie war kurz vorher von Leeds auf´s Land gezogen, in ein Dorf, sich damit einen langgehegten Wunsch erfüllend, 1966 war dies. Anfänglich führte man das etwas seltsame Verhalten der Mutter, die Ängstlichkeit, Teilnahmslosigkeit, auch Unruhe auf den Stress des Umzugs zurück, dieser jedoch war irgendwann beendet, die Zustände blieben, letztlich erfolgte die Einweisung der Mutter in eine – wie man sagen muss – Anstalt. Anstalt deswegen, weil die Zustände, die Bennett schildert, mitleiderregend sind…. es ist eine Zeit, in der noch mit Elektroschocks gearbeitet wird, auch Lily, Bennetts Mutter wird so behandelt. Ob trotzdem oder deswegen – ihr Zustand bessert sich, sie kann nach Hause entlassen werden. Gesund wird sie nie wieder werden, immer wieder gibt es Phasen in ihrem Leben, die eine Behandlung und auch eine Einweisung in eine Krankenhaus notwendig machen – bis gegen Ende ihres Lebens, das sich lange hinauszieht, die Demenz sie immer mehr in einer andere Welt, deren Dimension wir nicht erfassen können, entführt.

Nicht Lily (Lilian) starb an ihrer Krankenheit, sondern in gewissem Sinn ihr Mann Walter. Er, der seine Metzgerei kurz vorher aufgegeben hatte, war, so Bennett, der Kümmerer, derjenige, der sich um seine Frau kümmerte, sie (wenn es wieder soweit war) täglich (immerhin 80 km) im Krankenhaus besuchte, der aber auch zu Hause viele der anfallenden Arbeiten übernahm: 1974 raffte ihn ein Herzinfarkt hinweg. Jetzt waren die Söhne gefordert, Gordon und Alan. Für Alan (von Gordon ist wenig die Rede im Buch) war dieser Tod seines Vaters auch noch in weiterer Hinsicht einschneidend, denn er führte ihn von London aus, wo er zwischenzeitlich wohnte und sich langsam aus den verklemmten Verhaltensweisen der Familie und der Provinz zu lösen begann, wieder zurück in das enge Korsett der Familie, weg von den Freiheiten der großen Stadt.

Bennett stellt uns im folgenden die einzelnen Mitglieder seiner Familie mit ihren Eigenheiten, ihren auch Verschrobenheiten vor. Auf mütterlicher Seite waren dies zum Beispiel drei Tanten, die Schwestern der Mutter, nämlich Lemira (Myra) und Kathleen, auch Eveline (deren Kennzeichen das Klavierspiel und eine enormer Busen waren), Schwägerin der Großmutter wird als Tante gesehen. Überhaupt war der Kontakt mit der mütterlichen Linie intensiver als mit den Verwandten des Vaters. „Die Zibbe“ war dran schuld, die Stiefgroßmutter Bennetts, ein bösartige, engstirnige Frau, über deren Begräbnis der Autor schreibt: „Ihre Beerdigung war Anlass zu ungetrübter Freude, geradezu hysterische Fröhlichkeit brach unter den Hinterbliebenen aus, als ihr Sarg in die Grube gesenkt wurde, ….“ Einige der familiären Episoden werden von ihm auch in seine Stücke eingebaut und damit literarisch verwertet – auch eine Methode der Aufarbeitung.

Die Eltern – noch ein Wort zu ihnen. Ihr Lebensziel ist es, so zu sein wie die anderen und dabei nicht aufzufallen. Dabei geht ihnen aber weitgehend jede Fähigkeit zu sozialer Interaktion ab, solches haben sie offensichtlich nie gelernt, am wohlsten fühlen sie sich, wenn sie unter sich sind. Kleine Ausflüge mit dem Auto, Strandspaziergänge im Anzug, geliebte Nippesfiguren auf dem Mobiliar. Der Begriff „Cocktailparty“ zumindest für die Mutter der Inbegriff einer Weltzugewandtheit, die nie erreicht wird…. rituelle Weihnachtstreffen mit der Familie, Fotoalben schauen, später die Diaabende, wenn die Schwestern der Mutter von ihren Reisen berichten…

Bei all dem ist zu vermuten, daß es  Folge ist der Urkatastrophe der Familie, von der auch der Autor erst erfährt, als es garnicht mehr anders geht: bei der Anemnese, die bei der Mutter wegen ihrer Depression aufgenommen wird. Großvater Peel, der Vater der Mutter, ist keineswegs an einem Herzinfarkt gestorben (wie offiziell behauptet), sondern hat sich im Kanal ertränkt, ein Suizid also. Ein Ereignis, das nie thematisiert worden war, immer verschwiegen und verdrängt. Auch der Autor braucht noch Jahrzehnte, bis er sich mit dieser Selbsttötung seines Großvaters auseinandersetzt, in Archiven nach Zeitungsmeldungen darüber sucht, er sich auch die Stelle, an der der Großvater sich ins Wasser stürzte, ansah.

Leben wie andere Leute“ ist ein Resümee darüber, wie ein von Hoffnungen und Sehnsüchten beherrschtes Leben in den engen Grenzen der eigenen Möglichkeiten an die Bande stößt und aus dem Korsett der Beschränkungen nicht herauskommt. Dabei nimmt der Autor auch wenig Rücksicht auf sich selbst, den zum Teil erschreckenden (aber vllt gar nicht so seltenen?) Mangel an Empathie, das Unvermögen, mit der Krankheit der Mutter umzugehen, die ihm in ihrer Demenz immer stärker entschwindet – all das beschreibt er offen, verschweigt es nicht. Man richtet sich ein seinem Leben, weil man sich einredet, daß es gut so ist und ein anderes nicht möglich wäre. Tappsige Versuche, etwas auszuprobieren, enden meist mit Misserfolgen….

Bennett versteht es, dies alles durchaus witzig und mit dem, was wir unter britischem Humor verstehen, zu schildern, nicht umsonst gehört er zu den bekannten britischen Schriftstellern. Trotzdem weiß man an manchen Stellen nicht, ob man lachen oder weinen soll, manchmal möchte man die Menschen einfach an die Hand nehmen und sie in ein freudvolleres Leben führen. Dabei ist es gar nicht einmal ausgemacht, daß es wirklich freudvoller wäre – die Verdrängung und das subjektive Empfinden mögen das, was wir von aussen als Beschränkung wahrnehmen, als durchaus lebenswert erscheinen lassen. Denn letztlich vermittelt Bennett nicht dein Eindruck, seine „Leute“ hätten ein unglückliches Leben geführt – natürlich abgesehen von den Krankheiten, unter denen sie dann besonders im Alter litten.

Manchmal, wenn ich am Grab meiner Eltern stehe, versuche ich mir ihr Bild vor Augen zu rufen, und es gelingt: Dad in Weste und Hemdsärmeln, Mam im blauen Mantel und ihrem glänzenden Strohhut. Ich versuche sogar, ein oder zwei Worte als Gebet zu sprechen… „Na dann“, viel mehr kommt nicht dabei heraus. …

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zu Alan Bennett: http://de.wikipedia.org/wiki/Alan_Bennett . Besonders bekannt geworden sein dürfte er durch die Geschichte von der Queen, die sich ein Buch aus dem Bücherbus ausleiht: „Die souveräne Leserin„.
[2] Erstveröffentlichung in den „Untold Stories“, 2005, 2009: „A Life like other People´s“, London

Alan Bennett
Leben wie andere Leute
Übersetzt aus dem Englischen von Ingo Herzke
Originalausgabe: [2]
diese Ausgabe: Verlag Klaus Wagenbach, HC, ca. 164 S., 2014

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One Response to “Alan Bennett: Leben wie andere Leute”


  1. […] Flattersatz hat Leben wie andere Leute von Alan Bennett gelesen. […]

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