Guy Deutscher: Du Jane, ich Goethe

Sprache ist ja für mich etwas faszinierendes, daß mich immer wieder fesselt. So war es kein Wunder, daß Deutschers Buch, von dem ich seinerzeit eine gute Kritik gelesen hatte, schnell seinen Weg zu mir fand. Das war es dann aber auch erst einmal, bis letzte Woche lagerte es fein in der KuB ab… Dann aber…

Deutscher

Deutscher, ein in Holland forschender und lehrender israelischer Linguist behandelt in seinem Buch nicht mehr und nicht weniger als die Entwicklungsgeschichte der Sprache(n) ausgehend von einer Stufe kurz oberhalb der Grunzlaute. (Hach, schon wieder nur Metaphern… hihi.. wer das Buch liest, weiß was ich meine…). Und trotz dieses trocken klingenden Sujets: es ist ein unheimlich spannendes Buch, sehr unterhaltsam, aber ohne trivial oder einfach zu sein, im Gegenteil, fesselnd geschrieben und es führt zu manchem „Aha“-Effekt beim Leser.

Sehr amüsant ist der Vergleich der Klagen über den Zustand der Sprache, die ja bekanntlich verlottert, verludert, an Reinheit und Strenge verliert, von Anglizismen überschwemmt unaufhaltsam ins Chaos abschmiert. Und dann kommt die verblüffende Auflösung: Diese Kritiken gibt es mit gleichem Inhalt seit hunderten von Jahren, man kann noch nicht einmal von vornherein sagen, welche Kritik aus welchem Jahrhundert ist, so gleichen sich die Klagen…. sehr amüsant und sehr erhellend.

Sprache ist was lebendiges, das sich täglich weiterentwickelt. Drei Triebfedern für diese Weiterentwicklung macht Deutscher deutlich:

– Ökonomie: die Bemühung, zu sparen, es sich einfacher zu machen (Abkürzungen (er habet –> er hat, wir haben –> wir ham)
– Expressivität: der Versucht, den Äußerungen größere Wirkung zu verleihen: nicht –> ganz und gar nicht
– Analogie: das Aufstellen von Regeln für die Sprache

Einer der „Aha“-Effekte für mich war, daß wir mitten drin sind in diesem Entwicklungsprozess. In meiner Schulzeit lernte man noch „backen, buk, gebacken“. Ein korrekter Satz hätte damals also gelautet: „Mutter buk einen Kuchen“. Heute hat sich „Mutter backte einen Kuchen“ durchgesetzt („Analogie“), aber meistens würde man sogar sagen: „Mutter hat einen Kuchen gebacken“ („Expressivität“). (Übrigens: von bellen, salzen oder pflegen lauteten die alten Formen : boll, sielzt, pflag…). Und diese „Langform“ einer Aussage ist jetzt wieder der Erosion, der Ver“schluderung“ ausgesetzt, umgangssprachlich ja schon voll im Gange: „Mutter hat´n Kuch´n geback`n“.. (weil es mir gerade beim Schreiben einer mail unterkam: „du last mir gestern den Brief vor.“ Ist das noch verständliches deutsch?)

Die Sprachökonomie, ein Beispiel habe ich ja oben schon gegeben: „hamwa“ bzw „wir ham“. Sieht völlig ungewohnt und falsch aus, aber in der dritten Person Singl. ist das schon lange Usus: „er habet“ ist schon lange durch „er hat“ ersetzt und über kurz oder lang wird es also heißen: ich habe, du hast, er hat, wir ham, ihr habt, sie ham.

.. und (meine wilde Spekulation) das „ich habe“ erodiert und wird zum „ich hap“ (das stimmlose „p“ ist ökonomischer als das stimmhafte „b“ , dann setzt zum zweiten mal die Grimm´sche Lautverschiebung ein (auch hier ist ein „f“-Laut ökonomischer als ein „p“ ..) und es wird heißen „ich haf“. .. und vllt zieht dann irgendjemand die beiden worte zu einem zusammen und..und..und… aber – leider, leider, leider – verliert dann der Term aufgrund seiner Kürze an Ausdruckskraft und muss wieder durch Anfügen von Gott weiß was für einem Wort verlängert werden, so daß der ganze Prozess wieder von vorne beginnen kann …… :-D also, ich find das wahnsinnig interessant.

Apropos wahnsinnig. Daß das deutsche Wort „schlecht“ früher mal „gut“ bedeutete, ist recht verwirrend, wird im Buch aber plausibel erklärt, auch wenn es mehr als verblüffend ist. Aber in der Jetztzeit geht es uns mit den Begriffen „wahnsinn(ig)“ oder „irre“ ja genauso. Ursprünglich für „Verrückt“ stehend, können sie heute Ausdrücke für etwas sehr positives, beeindruckendes („Expressivität“) sein. So kann es etwas völlig unterschiedlichen bedeuten, ob zwei ältere Frauen oder zwei junge Mädchen über einen Typen sagen: „Der ist ja irre!“…. . Herrlich übrigens, wie Martenstein diesen Vorgang in einer seiner Kolumnen dargestellt hat….

Das soll an Beispielen reichen.

Natürlich ist eine Sprachevolution zu komplex, um sie im Rahmen eines solchen für die Allgemeinheit geschriebenen Buches darzustellen. Entsprechend häufig sind Analogieschlüsse zu finden, die nicht belegt werden (können), werden Voraussetzungen in den Raum gestellt, die man akzeptieren muss und manches klingt erst einmal nach reiner ad-hoc-Hypothese. Aber das ist keine Negativkritik, das sind einfach die Kompromisse, die man machen muss, wenn man so ein vielschichtiges Phänomen wie Sprache allgemeinverständlich darlegen will.

Das Buch enthält natürlich noch viel, viel mehr, als ich hier andeuten kann und im letzten Kapitel „Die Entfaltung der Sprache“ geht Deutscher daran, aus einem absolut minimalen Wortschatz ohne grammatische Strukturen durch die vorher dargelegten Prozesse der Sprachentwicklung eine grammatikalisch durchstrukturierte Sprache zu entwickeln, deren Entwicklungsgang zumindest plausibel zu machen.

Facit: wer sich ein bischen für Sprache interessiert: ein MUSS. Ich jedenfalls bin begeistert.

Guy Deutscher (und Martin Pfeiffer als Übersetzer)
Du Jane, ich Goethe
C.H.Beck; August 2008, HC, 416 S.
ISBN-10: 3406578284
ISBN-13: 978-3406578281

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