Khaled Hosseini: Tausend strahlende Sonnen

21. August 2009

Hat mir schon der Drachenläufer von Hosseini sehr gefallen (nicht zuletzt, weil er Erinnerungen an eine lang hinter mir liegende Zeit in mir weckte), so war ich sehr gespannt auf sein neues Buch, die Tausend strahlende(n) Sonnen. Und (um es vorweg zu nehmen), ich bin nicht enttäuscht worden: mir hat das Buch, die Geschichte und auch die Erzählweise von Hosseini sehr gefallen.

1000s

Das Buch erzählt die Geschichte zweier Frauen vor dem Hintergrund der Verhältnisse in Afghanisten ab ca. 1960. Diese werden nicht kontinuierlich, sondern in zum Teil großen Zeitsprüngen dargestellt.

Die ältere der beiden Frauen, Mariam, wird als 1959 als harami in Herat geboren, zu dieser Zeit ist Afghanistan noch Königreich unter König Mohammed Sahir Schah [3]. Harami, daß bedeutet, sie ist das uneheliche Kind eines verheirateten Mannes, mit ihrer Mutter lebt sie in einer einfachen Hütte außerhalb der Stadt. Der Vater ist ein reicher Herater, er besitzt ein Kino, fährt ein modernes Auto und wohnt mit seinen drei Frauen in einem großen Haus. Mariam verehrt ihn, einmal die Woche kommt er zu Besuch und versorgt Mutter und Kind mit Lebensmitteln.

Dann, eines Tages, versetzt er Mariam, die stundenlang – gegen den Willen der Mutter, die kein gutes Haar an ihrem Vater läßt – auf ihn wartet. Schließlich macht sich das inzwischen 15jährige Mädchen auf, die 2 km in die nahe Stadt zum Haus des Vaters zu laufen. Sie fragt sich durch, wird aber nicht eingelassen. Frierend und hungrig harrt sie die Nacht aus, isst nur widerwillig die Speisen, die ihr vor die Tür hinaus gestellt werden. Am Morgen dann fährt sie der Chaffeur ihres Vaters wieder in ihre Hütte zurück. Dort sieht sie, daß die Mutter ihre Ankündigung für den Fall, daß Mariam geht, wahr gemacht hat. Sie hat sich an einem Baum vor der Hütte erhängt.

Notgedrungen nimmt nun Jalil, der Vater, seine Tochter mit in sein Haus auf, vermittelt sie aber schnell als Braut an Raschid, einen älteren Kabuler Geschäftsmann, einen Schuhmacher. Anfänglich noch halbwegs bemüht, zeigt sich dieser bald als boshaft und gewalttätig, er schlägt und tritt seine Frau, verlangt, daß sie nur in Burka auf die Straße geht. Mariam kann kein Kind von ihm bekommen, damit sinkt sie in seiner Achtung auf eine Stufe kaum höher als die eines Haustiers.

In ihrer Nachbarschaft kommt Laila als Tochter eines Ehepaares, welches schon zwei Söhne hat, auf die Welt. Mittlerweile haben die Kommunisten in Afghanistan die Herrschaft übernommen (1979) und Babi sagt zu seiner Tochter Laila, daß dies jetzt gute Zeiten wären für die Frauen Afghanistans. Zum ersten Mal hätten sie das Recht auf Bildung und Ausbildung und Babi legt sehr viel Wert darauf, daß Laila zur Schule geht und viel lernt. So hat Laila eine für afghanische Verhältnisse schöne Kindheit, die zu meist mit dem Nachbarjungen Tarik, dem durch eine Mine ein Unterschenkel weggerissen wurde, verbringt.

Lailas Brüder gehen zu den Mudschaheddin, sie fallen im Kampf gegen die UdSSR, die den Krieg 1989 verliert und aus Afghanistan abzieht. Mit diesem Abzug kommt aber kein Frieden, im Gegenteil, für Kabul fängt der Krieg, der sich bis dato im wesentlichen außerhalb der Hauptstadt abspielte, erst an. Die verschiedenen Gruppierungen liefern sich erbitterte Kämpfe, die Stadt liegt im Hagel von Raketen und anderen Geschossen, das tägliche Leben wird immer schwieriger zu gestalten, die Sorge um das eigene Leben wird immer stärker.

Tarik, Lailas Freund will Afghanistan verlassen. Liebe wagen sie ihr Verhältnis nicht zu nennen, obwohl sie sie unter diesen wirren Umständen eines Abends tatsächlich machen…. Irgendwann in diesen Tagen beschließen auch Lailas Eltern, aus Kabul weg zu gehen. Sie werden beim Packen ihrer Habseligkeiten von einer Rakete getroffen und getötet.

Laila überlebt und wird im Haus Raschids und Mariams aufgenommen. Raschid nimmt sie zur Zweitfrau, Mariam dagegen hasst sie. Knappe sieben Monate nach der Hochzeit bekommt Raschid endlich sein Kind, ein Mädchen…. Laila sucht den Kontakt zu Mariam und über das kleine Mädchen finden die Frauen zueinander.

Mittlerweile ergreifen von Süden die Taliban die Macht und ringen die Mudschaheddin nieder. Anfänglich begrüßt und willkommen, richten sie jedoch schnell eine Schreckensherrschaft ein, vor allem für die Frauen, die praktisch nichts mehr ausserhalb der Wohnung ohne ihren Mann dürfen. Der Katalog dessen, was verboten wird, ist absurd [1, 2], machte vor allen Dingen den vielen Witwen das Leben quasi unmöglich. Krankenhäuser z.B. wurden nach Geschlechtern aufgeteilt.. Preisfrage: in welchen Krankenhäusern gab es keine Narkosemittel für z.B. Kaiserschnitte? Richtig. Ich weigere mich eigentlich zu glauben, daß Hosseini hier Reales in seinen Roman eingebunden hat, aber ich befürchte, das Schicksal, das er für Laila mit ihrem zweiten Kind schildert, beruht auf wahren Gegebenheiten….. Es gab so wenig zu essen, daß Familien versuchten, ihre Kinder in Waisenhäuser unterzubringen mit der Lüge, die Männer seinen im Krieg gefallen. Auch hier erzählt Hosseini von Menschen mit großer Zivilcourage….

Für die beiden Frauen im Haus des Raschids wird das Leben immer unerträglicher. Sie werden geschlagen, in seiner Rage versucht Raschid sogar, Laila, die ihm Widerstand leistet, zu erwürgen. Dies ist der Moment, in den Mariam alle Kraft zusammen nimmt und ihrer beider Mann erschlägt.

Mariam opfert sich auf für Laila, sie stellt sich. Natürlich wird sie verurteilt, natürlich zum Tode. Diese ereilt sie im Stadium von Kabul, aber er findet sie nicht durch Schwäche erniedrigt, sondern er trifft auf eine starke Mariam, deren Leben sich mit dieser Tat, mit dem Opfer für Laila und das Kind erfüllt hat.

Für Laila und ihre Kinder ist die Handlung jetzt noch nicht zu Ende, aber ich will ja auch nicht alles verraten….

Das Buch fesselt, ich habe es in wenigen Stunden lesen müssen, obwohl ich zugeben muss, daß ich oft Angst hatte, vor dem, was noch kommt, denn es ist ein trauriges Buch. Und gegen Ende wird es zugegebenermassen auch etwas melodramatisch. Aber ist es deswegen schlecht, muss man das kritisieren? Natürlich ist das Ende, das Hosseine beschreibt, das unwahrscheinlichere der vielen Szenarien, die man sich ausdenken kann, aber vielleicht braucht ein so geschundenes Land wie Afghanistan einfach die Hoffnung, daß sich nach vielen, vielen Schmerzen und Niederlagen auch etwas Gutes entwickeln kann. Ich denke, dieser melodramatische Touch rührt aus genau dieser Tatsache her, der Autor will jetzt nicht nur eine Geschichte erzählen, sondern seine Botschaft für sein Land verbreiten.

Facit: eine sehr schöne Erzählung, mit vielen Einblicken in das afghanische Leben, die einen nicht unberührt läßt.

[1] Nur als Beispiele: Pflicht: Bart für Männer (sonst Prügel), Schüler: Turban, islamische Kleidung und zugeknöpfte Hemden. Verbote: Singen, Tanzen, Spiele, Bücher schreiben, Filme ansehen, Bilder malen. Papageien halten (sonst Prügel und Töten der Vögel).
Dieben wird die Hand abgeschnitten, bei Wiederholungtätern der Fuß.

Andere Religionen: Todesstrafe für Missionieren, Verbot von öffentlichen Gottesdiensten

Frauen: Kosmetik, Schmuck, „aufreizende“ Kleider, unaufgefordertes Sprechen, Blickkontakt mit Männern, Lachen in der Öffentlichkeit: verboten. Sonst Prügel.
Lackieren der Fingernägel ist verboten. Bei Zuwiderhandlungen wird der Finger abgeschnitten.
Schulbesuch für Mädchen: verboten
Erwerbsarbeit für Frauen: verboten
Ehebruch (von Frauen…): Steinigung.

Nehmt das zur Kenntnis. Gehorcht.

[2] Um so höher ist der Mut von Menschen anzusiedeln wie Ahmad Siddiqui, der 1992 das Nationale Filmarchiv Kabuls hinter Regalen mit religiösen Büchern versteckte (aus Geldmangel können die Filme jetzt kaum noch gepflegt werden und drohen zu vergammeln) oder auch Omara Khan Massoudi, der als Direktor des Nationalmuseums Schätze versteckte und verbarg. [GEO, 9/2009, S 64 ff]

[3] Liste der afghanischen Staatsoberhäupter

Khaled Hosseini
Tausend strahlende Sonnen
Berliner Taschenbuch Verlag; April 2009, 381 S.
ISBN-10: 3833305894
ISBN-13: 978-3833305894

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4 Responses to “Khaled Hosseini: Tausend strahlende Sonnen”

  1. Meerkind Says:

    Ich lese das Buch gerade und finde es auch ganz toll. Den Drachenlaeufer kenne ich noch gar nicht, aber das Buch hier hat mich direkt mitgerissen :)

    Ich werde mal noch ein wenig auf deinem Blog herumstoebern :)

    Liebe Grüße!

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    • flattersatz Says:

      Ach, das find ich schön, daß dir das Buch auch gefällt. Den Drachenläufer solltest du aber auch dann lesen, es sind beides sehr schöne Romane….

      dir auch liebe grüße
      fs

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  2. antetanni Says:

    Ein wunderbares Buch, das mich zu Tränen gerührt hat. Die Geschichte bekommt durch den sehr schönen Schreibstil Hosseinis eine unglaubliche Tiefe und geht unter die Haut. Für alle, dies noch nicht getan haben: Unbedingt lesen!

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