Moyshe Kulbak: Montag

Der russisch/litauisch-jiddische Autor Moyshe Kulbak (Vilnius 1896 – Sibirien 1940) ist für mich kein ganz unbekannter. In der wunderbaren Anthologie Federmenschen (herausgegeben von Andrej Jendrusch [2]) ist er mit einer unendlich traurigen Geschichte vertreten. Es ist die Geschichte von Munje, dem Vogelhändler, der keine Beine hat. Aber trotzdem eine Frau findet, die ihn heiratet. Doch schon bald geht sie abends weg zu Sifke und schon wenig später kommt Siske in das Haus Munjes, dem die beiden eine Liegestatt auf der Fensterbank zurecht machen, wo er aus dem Fenster starrt und die Geräusche hört, die seine Frau und Siske von sich geben… aber das ist eben eine ganz andere Geschichte und hier, in diesem kleinen Roman – so der Untertitel, präsentiert Kulbak etwas völlig andersartiges.

In ihrem Nachwort Nichts an diesem Roman ist klein gibt die Übersetzerin Sophie Lichtenstein, Literatur- und Sprachwissenschaftlerin aus Berlineinen Überblick über das Leben Moyshe Kulbaks, das in einer sehr unruhigen Zeit des russischen Reiches stattfand. So war Kulbak wie viele andere jiddische Dichter und Schriftsteller nach 1920 ebenfalls nach Berlin gekommen, um dort zu studieren und sich wohl auch vor den Unruhen in Russland in Sicherheit zu bringen. In Berlin verkehrte er in den Kreisen der künstlerischen Boheme und lernte im Romanischen Cafe [3] unter anderem auch Lasker-Schüler kennen, die ihn in seinem Stil beeinflusste. Kulbak gehörte zu den wichtigen jiddischen Schriftstellern, er war einer der ersten, der über die normalen Geschichten aus dem jiddischen Shtetl hinausging und (welt)politische Ereignisse in seine Handlungen mit einbezog, Montag ist ein hervorragendes Beispiel dafür. Das Ende Kulbak gleicht dem vieler jiddischen und jüdischen Intellektuellen: nachdem Stalin an die Macht gekommen war, wurde dieser Elite der Garaus gemacht. Der Verhaftung 1937 folgte nach dem Schauprozeß am 29. Oktober 1937 die Hinrichtung, nach anderen Quellen Lagerhaft und ‚erst‘ 1940 die Exekution [1]. Seine Rehabilition 1957 ist nur ein schwacher Trost.


Ist die erwähnte Kurzgeschichte um Munje im typischen Umfeld es armen jiddischen Shtetls angesiedelt mit seinen oft bedauernswerten Menschen, die in ärmlichster Umgebung hausen, so führt die Geschichte um Mordkhe Markus, dem Hebräischlehrer und der Figur, in der sich auch der Autor wiederspiegelt, uns in eine ‚revolutionäre Stadt‘. Wir schreiben das Jahr 1917, in dem Russland von zwei Revolutionen heimgesucht wird: in der Februarrevolution wird der Zar gestürzt und in der Oktoberrevolution erringen die Bolschewisten nach der Rückkehr Lenins aus dem Exil die Macht, es ist dies die Revolution, in der auch das Schicksal Mordkhes sich entscheidet.

Dabei ist Mordkhe kein Mann der Tat, im Gegenteil ist er ein Mann des Denkens, der Nichttat. Und ein Freund der Armen ist er, die er beobachtet, beobachtet aus dem Fenster seiner staubigen Dachstube heraus, wenn sie am Montag, nach der vorgeschriebenen Ruhe des Schabbes umhergehen und sich ihre Almosen erbetteln. Sah er dies, so dachter er: „Pure Armut ist erhaben.“. Nicht alles verurteilt er an der Revolution, nicht alles kann er mittragen. Als Freund der Armen ist er der Revolution per se verdächtig, er wird inhaftiert, verhört, wieder gehen gelassen, fragt jedoch bei seiner Entlassung, ob er nicht freiwillig in dem Gefängnis, das ihm eher eine Klause war als ein Ort des Weg- und Eingesperrtseins, bleiben könne…

Ein Freund der Armen, dem sie nachfolgen, den sie ein wenig als ihren Erlöser betrachten, als ihren Messias, der sie führen soll. Ein Denker, der diskutiert und seine Gedanken offenbart dem Fräulein Gneyse, der er vertraut, Gedanken, so tiefgründig gedacht, daß man sie nicht immer auf Anhieb versteht und sie gerade ob dieses Nichtverstehens den Eindruck erwecken, wahr sein zu müssen. Es sind mystische Gedanken, die Erkenntnis, daß Erkenntnis nur im Nichtstun, in der Einheit von Körper und Geist zu gewinnen ist, aber Kulbak läßt seine Figur auch moderne Philosophen mit bedenken: Nietzsche etwas oder Bergson. Zum Ende der Handlung wird Mordkhe doch noch geholt, geschlagen, in den Hof gebracht in seinem Nachthemd und an die Wand gestellt. Doch noch immer nicht ist dies der Tod, er wacht im Krankenhaus auf und bittet seine Freunde zu kommen, um seine letzten Gedanken zu hören.


Nicht nur im Sujet unterscheidet sich Montag von den bekannten jiddischen Geschichten, sondern auch in der Art und Weise der Gestaltung. Kulbak hat lyrische Stilelemente in seinen Text mit eingebaut, indem er Attribute oder Adjektive dem Substantiv nachstellt (… Es schleppte sich hinter den Bergen das Ende einer Unwetterwolke, einer zerrissenen, heran. …), oft läßt er einen Satz mit einer Konjunktion beginnen (… Es spritzten spärliche, dicke Tropfen vom Himmel, sie schlugen mit dem Widerhall auf, wie Finger auf Blechdächern, und setzten abrupt aus. Und unerwartet riss sich ein Donner los, …) oder ‚doppelt‘ auch seine Worte (… O, ich werde wohl gar nichts mehr tun auf der Welt. Nicht einmal mehr den Finger rühren. Und ich sage ihnen, es ist eine große Freude für den Menschen, zu dieser Erkenntnis gelangt zu sein. Jetzt werde ich überall-überall sein können, weil ich ab jetzt nur noch ein Zuschauer dessen sein werden, was da geschehen ist, verstehen Sie?“) und erzielt dadurch eine sehr poetische Wirkung, die er durch die phantastischen, surreal anmutenden Bilder, die er erschafft, noch verstärkt: … Am Himmel, zwischen den Unwetterwolken, kam ein Kopf herangeschwommen. Er wiegte sich mit geschlossenen, blonden Wimpern zwischen den Unwetterwolken, still, still ließ er sich von einer Wolke zu nächsten gleiten, … .

Nun sollte man ob dessen nicht dem Irrtum erliegen, der Text würde sich sozusagen auf einer Meta-Ebene befinden und sich über das reale Geschehen hinausheben. Das ist nicht der Fall, im Gegenteil: ein weiteres Stilelement, das im absoluten Gegensatz zum Gegenstand steht, den es schildert, verstärkt das Grauen, das ihm innewohnt: .… Eine Granate seufzte lang und fiel ins Flüsschen. Mit einem Mal explodierte sie dort, wie eine abgefeuerte Rakete, und atmete unter Wasser mühevoll weiter. Das hölzerne Brückchen erhob sich, und seine Einzelteile stoben über die Felder. … Es ist der kindlich-niedlich anmutende Diminutiv, den Kulbak häufig einsetzt, der diese Wirkung erzielt. Und Kulbak verschweigt das Grauen der revolutionären Bürgerkriegs nicht, er sieht die Toten, die Leichen, hört die Schüsse und die Granaten, Blut fließt, Frauen werden geschändet und Leichen liegen auf den Feldern. Ja, das Grauen besetzt sogar diejenigen, die es überleben: eine seiner Figuren mit zerfetztem Gesicht weist alles Symptome auf, die wir heutzutage als Posttraumatische Belastungsstörung bezeichnen.

Kulbak hat das Fenster der jiddischen Literatur nach außen geöffnet, ohne die Jüdische jedoch zu verlassen. Es ist eine weitere Komponente in seinem kleinen Roman: das Wirken der 36 Gerechten, die die Welt durch ihr Wirken zusammenhalten, die zehn Gerechten, die in der Synagoge ausharren. Und immer wieder ertönt Åses Tod…. Die Hoffnung auf die Erlösung, das Erscheinen des Messias: es wird immer wieder thematisiert. Wobei sich Mordkhe immer wieder der Frage der Erkenntnis stellt, denn Erkenntnis ist Religion, Religion…. , diesem Thema widmet Kulbak einen ganzen Abschnitt des Romans.


Kulbaks Text geht, so der Klappentext/die Übersetzerin, auf die großen Fragen der Menschheit: Wer bin ich? Woher komme ich? Was ist mein Ziel? Welcher Politik soll ich folgen? Wie zeitgemäß ist Religion? Welche Rolle spielt die Philosophie? Was ist Liebe? Welchen Idealen möchte ich mein Leben widmen? ein. Bei allem Respekt, das ist viel und damit ist der kurze Text meines Erachtens leicht überinterpretiert bzw. gleitet, was die Antworten auf diese Fragen angeht, ins Unspezifische ab. Schließlich ist ja auch ein Fussballspiel, obwohl es um die Frage ‚Drin oder nicht drin?‘ geht, nur ein Fussballspiel und kein Traktat über die Liebe… ;-). Nein, im Ernst, der Roman ist tiefgründig (ich habe es angedeutet) und enthält einiges an Gedanken zu Fragen zur Erkenntnisfähigkeit des Menschen, der Rolle/Funktion der Religion oder auch der Einheit von Geist und Körper, bei der Kulbak sich stark mystisch beeinflusst zeigt (... es gibt eine stille Freude das Garnichtswollens. .. überhaupt ist ’still‘ und ‚Stille‘ ein häufig auftretende Erscheinung im Roman). Diese oben zitierte Überfrachtung mit Fragen, denen es sich angeblich widmet, hat der Roman also gar nicht nötig, er ist auch so in Teilen schwierig genug zu verstehen, weil eben das mystische Element den Text hie und da in eine andere Dimension hebt.

Montag ist ohne Zweifel ein literarisches Kleinod, schnell gelesen oder auch nicht – je nachdem, wie man mit diesen anspruchsvollen Passagen umgeht. Er zeigt die Schrecken der Revolution und des Bürgerkriegs, er beschreibt einen Juden, der sich über dieses Geschehen hinaushebt. Dabei scheut er sich nicht, auch Elemente des Christentums zu verweisen, an einer Stelle wird der Begriff Madonna verwendet, wie Jesus kündigt auch Mordkhe sein baldiges Sterben an… damit öffnet Kulbak die jiddische Literatur zur Welt hin – ein großer Verdienst des kleinen Berliner Verlages, dies mit dieser Buchausgabe uns Lesern wieder zugänglich zu machen und Moyshe Kulbak dem Vergessenwerden zu entreißen.

Links und Anmerkungen:

[1] zum Autoren und seinem Werk:
– Sorrel Kerbel (Hrsg.): The Routledge Encyclopedia of Jewish Writers of the Twentieth Centuryhttps://books.google.de/books?..Vilnius%201896&f=false

[2] Moyshe Kulbak: Munje der Vogelhändler und Malkele, sein Weib; in: Andrej Jendrusch (Hrsg): Federmenschen – Jiddische Erzählungen und Gedichte über Feuervögel, Luftreisen, Unglücksraben und gestürzte Engel; HC, Wagenbach-Verlag, ca. 230 S., 1996; ab S. 89

Moyshe Kulbak
Montag
Ein kleiner Roman
Übersetzt aus dem Jiddischen von Sophie Lichtenstein
Originalausgabe: Montog. Eyn kleyner roman, Warschau, 1926
diese Ausgabe: edition.fotoTAPETA, Softcover, ca. 120 S., 2017

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4 Kommentare zu „Moyshe Kulbak: Montag

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