Sasha Marianna Salzmann: Außer sich

Außer sich sein: höchst aufgeregt, fassungslos, von Sinnen sein, ganz aus dem Häuschen sein, toben, rasen, wutschnauben, überkochen, ausbrechen – so kann man Synonyma nachlesen… aber auch vor Freude läßt es sich ‚außer sich‘ sein. Außer sich selbst betrachtet sie noch…. und dann läßt sich mit ein wenig Fantasie auch noch das ‚Außer‘ in Außer sich als Gegensatz zum Innen interpretieren, als ‚Außen‘ eben. Ein Gegensatz: wer Außer sich ist, kann nicht ‚in sich‘, ‚bei sich‘ sein, hat keine Mitte, keine Achtsamkeit sich selbst gegenüber, ist aus sich selbst herausgetreten wie in dieser Szene: Ich schwebte über uns und sah zu, wie dieses andere Ich von mir meiner Mutter zuhörte. … Ein weites Spektrum an Deutungsmöglichkeiten also für diesen nur zwei Worte umfassenden Romantitel der jungen, 1985 in Wolgograd geborenen und jetzt in Berlin lebenden Theaterfrau Sasha Marianna Salzmann. Deutungen, denen aber eins gemeinsam ist: sie setzen eine Entität voraus, die eine Grenze hat, die überschritten wird oder wurde – in welcher Art auch immer.


Sasha Marianna Salzmann kam mit ihrer Familie 1995 als Zehnjährige nach Deutschland, als Juden bekamen sie den Status von Kontingentflüchtlingen, sie weiß also, wovon sie redet, wenn sie im Roman Deutschland als ein fremdes und auch unfreundliches Land für ihre Protagonisten beschreibt. Waren diese in Russland als Juden beschimpft worden, wurden sie es hier als Russen. Dies abzustreiten und sich als Jude zu outen (wie es Anton entgegen dem Verbot der Mutter tat) war nicht wirklich förderlich für die Integration der Zwillinge Anton und Alissa in die Klassengemeinschaft. Die anschließende Auseinandersetzung endete mit einer sehr heftigen Prügelattacke, die Geschwister wurden dadurch noch enger auf sich selbst zurückgeworfen.

Salzmann ist keine Unbekannte, in Theaterkreisen hat sie ihren Namen und nach diesem Roman dürfte sich der in Literaturkreisen auch etabliert haben. Außer sich kommt wie ein Sturm über uns Leser, die mit außerordentlichem Tempo, großer Bildkraft und imponierendem Sprachgefühl erzählte und stark (?) biographisch angehauchte Geschichte der Familie spült einen förmlich weg, entreißt beim Lesen den Grund unter den Füßen, denn nichts ist wirklich sicher in diesem Roman, bustäblich alles wird in Frage gestellt.


Dies betrifft insbesondere die Erzählerin Alissa oder kürzer Ali, womit wir schon bei einem Namen für ein Mädchen sind, der auch ein Jungenname sein könnte. Ein nicht ganz nebensächliches Detail. Es irritiert schon auf der allerersten Seite des Buches, dem Personenregister (das aber bei weitem nicht vollständig ist): Alissa, Ali: Schwester, Bruder, ich…

Konzentrierte sich die Geschichte Salzmanns auf die Zwillinge, musste ich an das Symposium von Platon denken, die Geschichte, in der dieser davon erzählt, daß die Mann und Weib erst entstanden, nachdem der Mensch von Zeus in zwei Teile geschnitten worden war, ihn zu schwächen war das Ziel [3]. So kamen mir Alissa und Anton vor, die Unzertrennlichen, die sich aneinander klammerten, schon in der Gebärmutter vereint, durch die Geburt äußerlich getrennt, die Nähe unter der Bettdecke suchend sich ineinander verbeißend, sich wieder findend und irgendwann dann den Begriff der Geschwisterliebe bis über die Grenze hinaus lebend. Und als Anton dann schließlich ausbrach und wegging, blieb Ali allein zurück, und als die Postkarte kam, ohne Worte außer dem einen: Istanbul, fuhr Ali dorthin, in diese Stadt, eine andere konnte es nicht sein als diese, genauso vereint und getrennt wie Ali und Anton, auf zwei Kontinenten liegend, zwischen Osten und Westen, zwischen Moderne und Althergebrachten hin- und herschlingernd.

Istanbul, das Istanbul, durch das Salzmann ihre/n Ali schickt, erinnert an einen Fiebertraum. Ali kommt in einer großen Wohnung unter, die ihr ‚Onkel‘ Cemal (der eigentlich der Onkel von Elyas ist, aber damit ebenso ihr Onkel, denn mit Elyas lebte Alissa in Deutschland zusammen, inmitten der Staubmäuse [4] und nicht funktionierenden Türklinken) besorgt hatte, obwohl sie trotzdem oft bei Onkel Cemal ist und dort auf dem Sofa liegt, in dem die Wanzen leben, die schon auf sie warten. Cemal hilft ihr bei der Suche nach Anton; Ali durchstreift die Gegend, die Altstadt von Istanbul auf der nördlichen Seite des Goldenen Horns [2], wo sich die finden, die außer sich sind, die auf der Suche oder der Flucht sind, auf der Suche nach Drogen oder der Flucht vor sich. Es ist die Gegend um den Taksim-Platz, den Gezi-Park, in dem Ali dann auch in die Demonstrationen geraten sollte…

Sie streift durch die Lokale dort, über schummrige Flure, quietschende Treppen, trifft auf Katho, die Tänzerin, mit der sie mitgeht und Sex hat, bevor sie erfährt, daß Katho ein ‚Er‘ ist, Testosteron spritzt und bald eine Bart haben wird… irgendwann – sind Wochen vergangen, Monate? es ist nicht immer klar erkennbar, auch die Zeit löst sich auf, gerät zumindest für Ali und uns als Leser außer sich, aber ist es wichtig, wieviel Zeit vergangen ist, kehrt nicht alles irgendwann zu sich selbst zurück, als ob die Zeit ein Riesenrad schlägt? Sie bewegt sich nach vorn und zurück und trägt dich weit fort, … – irgendwann also fängt Ali an, sich selbst auch Testosteron, das an jeder Straßenecke vertickert wird, zu spritzen, da sie Anton nicht findet, will sie zu Anton werden…

In diesem wurzel- und orientierungslosen Zwischenzustand, auf der Suche nach Anton, auf der Suche nach sich, im Auflösen des Ichs ohne daß ein neues schon Konturen hätte, läßt Salzmann Ali die Geschichte ihrer Familie erzählen; Erinnerung als zweites Standbein des Romans. Auch diese nicht eindeutig, die Personen tragen – je nachdem, wer erzählt – oft unterschiedliche Namen (wie der Großvater Daniil, Danja, Danitshka), selbst Familiennamen sind nicht zuverlässig, russische konnten ‚besorgt‘ werden, um das jüdische zu verschleiern. Die Geschehnisse können, wieder in Abhängigkeit von Figur, der Salzmann die Worte in den Mund legt, ganz unterschiedlich dargestellt werden. Durchgängig ist jedoch das hohe Tempo, das die Autorin ihrem Text verleiht, es spiegelt den Entstehungsprozess des Romans wieder: …hatte Salzmann das Prosaschreiben beileibe nicht strategisch geplant. Vielmehr kam „Außer sich“ während eines Auslands-Stipendiums quasi wie eine Naturgewalt über sie. [5], durchgängig auch die Intensität des Geschriebenen, die fesselt und den Atem nimmt.

Es wird eine Familiengeschichte, die bis zu den Urgroßeltern zurückführt, eine Geschichte, die in Russland spielt, in der UdSSR und dann wieder in Russland, eine Geschichte, in der das Wort von der ‚Judensau‘ häufig und immer wieder zu hören ist, eine Geschichte, in der die Männer ihre Rolle als Ehemänner und Vater aus Filmen lernen, in den Männer vorwiegend saufen und prügeln, eine Geschichte, in der Frauen lernen, daß Gefühle vor der Ehe nicht wichtig sind, sie kämen in der Ehe. Leider ist es meist der Schmerz als einziges Gefühl, das sie spüren werden. Eine Geschichte der frühen Schwangerschaften, der verbotenen Lieben zu Schicksen, denn wichtig ist, daß man unter sich heiratet… Der Krieg, die Not, alles wird durchlitten… Man hatte nichts mit dem osteuropäischen Shetlt zu tun, es gab hochberühmte Ärzte in der Familie (die mit viel Glück sogar die Säuberung nach Stalins Tod überlebten, denn irgendjemand hatte einfach Schuld zu haben am Tod des Väterchens und da kamen Ärzte, zumal jüdische, gerade recht…) und man studierte, wenn möglich. Man zog oft um, lebte in Moskau, in Wolgograd, in Odessa… und dann hatte man die Gelegenheit, nach Germania zu gehen, ausgerechnet Germania, wo das Blut doch noch nicht trocken war, das die Deutschen vergossen haben… Salzmann erzählt diese Geschichte nur angenähert chronologisch, immer wieder gibt es Kapitel, in denen Rückblenden eingeschoben sind, oder in denen das Geschehen aus anderer Sicht dargestellt wird. Die einzelnen Abschnitte, die die Autorin ihren Vorfahren (Urgroßeltern, Großeltern und Eltern) widmet, verraten viel über das Leben damals im Osten, in Russland, in der UdSSR, immer wieder auch streut Salzmann russische Sätze in ihren Text ein, an einer Stelle auch jiddisches.

Der Empfang in Deutschland war … deutsch eben. Ein Asylheim, in dem der Fettgeruch sich auf alles legte und alles egalisierte, in dem jeder mithörte, wenn die Nachbarn sich stritten oder liebten… Die ‚Russen‘ fielen auf durch die Sprache, die nur die Kinder schnell lernten, durch die Klamotten. Dann eine kleine Wohnung, doch der Vater hatte sich dem Suff ergeben, Ali wird die Dolmetscherin, erledigt Behördengänge und den Schriftverkehr. Die Scheidung der Eltern, bei der Ali sich um den Vater kümmert und durch eine ergebnisorientierte Übersetzung seiner Flüche das gewünschte Ergebnis fördert. Ali studiert Mathematik, das kostet sie jedoch zu viel Zeit, die sie eher für ihr Boxtraining braucht, also schmeißt sie das Studium hin. Daß der Sturz des Vaters vom Balkon als Suizid zu werten ist, schält sich langsam heraus aus den Erinnerungen, die auf den Anruf gesprochene letzte Botschaft – eine ewige Schuldzuweisung an die Tochter, die zum Sohn werden will.

Es gibt diesen Anton, die Geburt der Zwillinge ist wohl unstreitig, auch ihre gemeinseme Kindheit und Jugend im Roman. Ansonsten könnte man ihn  für eine Figur halten, die nur in der Fantasie Alis existiert. Das Salzmann gegen Ende des Romans auch auf Antons Erlebnisse in Istanbul eingeht, ändert daran wenig. Obwohl beide im selben Bezirk Istanbul leben, wohnen, hausen, obwohl Anton Ali gesehen zu haben scheint, treffen sie sich nicht, begegnen sie sich nicht. Anton wird immer mehr zur Sehnsuchtsfigur für Ali, deren Identität immer diffuser wird… sich der Identität ‚Anton‘ immer mehr nähert, immer häufiger taucht das ‚er‘ auf, wenn von Ali die Rede ist…

Das Geschehen um Anton und Ali spielt praktisch in der Jetzt-Zeit, der Roman endet mit der Schilderung des Putschversuchs aus dem Erleben Alis heraus im Juli 2016 [6]. Diese politischen Ereignisse bleiben jedoch auf der Hintergrundebene der persönlichen Schicksale der Figuren. Im Übrigen läßt sich auch bei der gegenwärtigen politischen Entwicklung in der Türkei ein Identitätswechsel, wie ihn Alissa zu Ali/Anton durchlebt, beobachten.


Ich hatte Salzmanns Roman nicht auf dem Film, das Buch war eine Weihnachtsgeschenk und hat mir den Einstieg in den neue Lesejahr sehr, sehr schön gestaltet. Es steht bei mir schon jetzt auf der Liste der Highlights und ich kann jedem nur empfehlen, sich diesem Buches zu widmen: mit seinem hohen Tempo ist es spannend, mit dem Schicksal der Figuren berührend, eindringlich, verwirrend, es lädt zum Nachdenken ein, vermittelt Eindrücke über Lebenswirklichkeiten sowohl in Russland/der UdSSR als auch später hier in Deutschland und verunsichert, stellt immer wieder in Frage durch das Grundproblem der Identität: Wer oder Was bin ich?

Links und Anmerkungen:

[1] zur Autorin: https://de.wikipedia.org/wiki/Marianna_Salzmann und ihre eigene Webpräsenz: http://sashamariannasalzmann.com
[2] am sieht schon hier auf diesem Kartenausschnitt die kleinen Gässchen in dem Viertel, die teilweise sehr steil sind, sehr schmal sind, umstanden von alten, auch hin- und baufälligen Häusern. Irgendwie erinnert mich das an Zeiten, in denen ich selbst tagelang durch diese Stadt gestromert bin…. Karte bei google-maps: https://goo.gl/maps/38U52bPpgTJ2
[3] z.B. hier http://www.deanita.de/liebe/liebe03.htm
[4] das ist witzig: den Begriff ‚Staubmäuse‘ habe ich noch nie gehört, ich denke mal, sie sind mit dem, was ich unter ‚Wollmäuse‘ kenne, identisch…
[5] Christoph Schröder: Wenn sich das Ich auflöst;  http://www.deutschlandfunk.de/…id=396109
[6] dies scheint literarisch ein beliebtes Ereignis für einen Romanschluss zu sein, Aydemir hat ihren Roman Ellbogen (in dem es ebenso um Identität und Migration geht) ebenso zu diesem Zeitpunkt enden lassen;  https://radiergummi.wordpress.com/2017/10/18/fatma-aydemir-ellbogen/

Sasha Marianna Salzmann
Außer sich
diese Ausgabe: Suhrkamp, HC, ca. 365 S., 2017

 

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Moyshe Kulbak: Montag

Der russisch/litauisch-jiddische Autor Moyshe Kulbak (Vilnius 1896 – Sibirien 1940) ist für mich kein ganz unbekannter. In der wunderbaren Anthologie Federmenschen (herausgegeben von Andrej Jendrusch [2]) ist er mit einer unendlich traurigen Geschichte vertreten. Es ist die Geschichte von Munje, dem Vogelhändler, der keine Beine hat. Aber trotzdem eine Frau findet, die ihn heiratet. Doch schon bald geht sie abends weg zu Sifke und schon wenig später kommt Siske in das Haus Munjes, dem die beiden eine Liegestatt auf der Fensterbank zurecht machen, wo er aus dem Fenster starrt und die Geräusche hört, die seine Frau und Siske von sich geben… aber das ist eben eine ganz andere Geschichte und hier, in diesem kleinen Roman – so der Untertitel, präsentiert Kulbak etwas völlig andersartiges.

In ihrem Nachwort Nichts an diesem Roman ist klein gibt die Übersetzerin Sophie Lichtenstein, Literatur- und Sprachwissenschaftlerin aus Berlineinen Überblick über das Leben Moyshe Kulbaks, das in einer sehr unruhigen Zeit des russischen Reiches stattfand. So war Kulbak wie viele andere jiddische Dichter und Schriftsteller nach 1920 ebenfalls nach Berlin gekommen, um dort zu studieren und sich wohl auch vor den Unruhen in Russland in Sicherheit zu bringen. In Berlin verkehrte er in den Kreisen der künstlerischen Boheme und lernte im Romanischen Cafe [3] unter anderem auch Lasker-Schüler kennen, die ihn in seinem Stil beeinflusste. Kulbak gehörte zu den wichtigen jiddischen Schriftstellern, er war einer der ersten, der über die normalen Geschichten aus dem jiddischen Shtetl hinausging und (welt)politische Ereignisse in seine Handlungen mit einbezog, Montag ist ein hervorragendes Beispiel dafür. Das Ende Kulbak gleicht dem vieler jiddischen und jüdischen Intellektuellen: nachdem Stalin an die Macht gekommen war, wurde dieser Elite der Garaus gemacht. Der Verhaftung 1937 folgte nach dem Schauprozeß am 29. Oktober 1937 die Hinrichtung, nach anderen Quellen Lagerhaft und ‚erst‘ 1940 die Exekution [1]. Seine Rehabilition 1957 ist nur ein schwacher Trost.


Ist die erwähnte Kurzgeschichte um Munje im typischen Umfeld es armen jiddischen Shtetls angesiedelt mit seinen oft bedauernswerten Menschen, die in ärmlichster Umgebung hausen, so führt die Geschichte um Mordkhe Markus, dem Hebräischlehrer und der Figur, in der sich auch der Autor wiederspiegelt, uns in eine ‚revolutionäre Stadt‘. Wir schreiben das Jahr 1917, in dem Russland von zwei Revolutionen heimgesucht wird: in der Februarrevolution wird der Zar gestürzt und in der Oktoberrevolution erringen die Bolschewisten nach der Rückkehr Lenins aus dem Exil die Macht, es ist dies die Revolution, in der auch das Schicksal Mordkhes sich entscheidet.

Dabei ist Mordkhe kein Mann der Tat, im Gegenteil ist er ein Mann des Denkens, der Nichttat. Und ein Freund der Armen ist er, die er beobachtet, beobachtet aus dem Fenster seiner staubigen Dachstube heraus, wenn sie am Montag, nach der vorgeschriebenen Ruhe des Schabbes umhergehen und sich ihre Almosen erbetteln. Sah er dies, so dachter er: „Pure Armut ist erhaben.“. Nicht alles verurteilt er an der Revolution, nicht alles kann er mittragen. Als Freund der Armen ist er der Revolution per se verdächtig, er wird inhaftiert, verhört, wieder gehen gelassen, fragt jedoch bei seiner Entlassung, ob er nicht freiwillig in dem Gefängnis, das ihm eher eine Klause war als ein Ort des Weg- und Eingesperrtseins, bleiben könne…

Ein Freund der Armen, dem sie nachfolgen, den sie ein wenig als ihren Erlöser betrachten, als ihren Messias, der sie führen soll. Ein Denker, der diskutiert und seine Gedanken offenbart dem Fräulein Gneyse, der er vertraut, Gedanken, so tiefgründig gedacht, daß man sie nicht immer auf Anhieb versteht und sie gerade ob dieses Nichtverstehens den Eindruck erwecken, wahr sein zu müssen. Es sind mystische Gedanken, die Erkenntnis, daß Erkenntnis nur im Nichtstun, in der Einheit von Körper und Geist zu gewinnen ist, aber Kulbak läßt seine Figur auch moderne Philosophen mit bedenken: Nietzsche etwas oder Bergson. Zum Ende der Handlung wird Mordkhe doch noch geholt, geschlagen, in den Hof gebracht in seinem Nachthemd und an die Wand gestellt. Doch noch immer nicht ist dies der Tod, er wacht im Krankenhaus auf und bittet seine Freunde zu kommen, um seine letzten Gedanken zu hören.


Nicht nur im Sujet unterscheidet sich Montag von den bekannten jiddischen Geschichten, sondern auch in der Art und Weise der Gestaltung. Kulbak hat lyrische Stilelemente in seinen Text mit eingebaut, indem er Attribute oder Adjektive dem Substantiv nachstellt (… Es schleppte sich hinter den Bergen das Ende einer Unwetterwolke, einer zerrissenen, heran. …), oft läßt er einen Satz mit einer Konjunktion beginnen (… Es spritzten spärliche, dicke Tropfen vom Himmel, sie schlugen mit dem Widerhall auf, wie Finger auf Blechdächern, und setzten abrupt aus. Und unerwartet riss sich ein Donner los, …) oder ‚doppelt‘ auch seine Worte (… O, ich werde wohl gar nichts mehr tun auf der Welt. Nicht einmal mehr den Finger rühren. Und ich sage ihnen, es ist eine große Freude für den Menschen, zu dieser Erkenntnis gelangt zu sein. Jetzt werde ich überall-überall sein können, weil ich ab jetzt nur noch ein Zuschauer dessen sein werden, was da geschehen ist, verstehen Sie?“) und erzielt dadurch eine sehr poetische Wirkung, die er durch die phantastischen, surreal anmutenden Bilder, die er erschafft, noch verstärkt: … Am Himmel, zwischen den Unwetterwolken, kam ein Kopf herangeschwommen. Er wiegte sich mit geschlossenen, blonden Wimpern zwischen den Unwetterwolken, still, still ließ er sich von einer Wolke zu nächsten gleiten, … .

Nun sollte man ob dessen nicht dem Irrtum erliegen, der Text würde sich sozusagen auf einer Meta-Ebene befinden und sich über das reale Geschehen hinausheben. Das ist nicht der Fall, im Gegenteil: ein weiteres Stilelement, das im absoluten Gegensatz zum Gegenstand steht, den es schildert, verstärkt das Grauen, das ihm innewohnt: .… Eine Granate seufzte lang und fiel ins Flüsschen. Mit einem Mal explodierte sie dort, wie eine abgefeuerte Rakete, und atmete unter Wasser mühevoll weiter. Das hölzerne Brückchen erhob sich, und seine Einzelteile stoben über die Felder. … Es ist der kindlich-niedlich anmutende Diminutiv, den Kulbak häufig einsetzt, der diese Wirkung erzielt. Und Kulbak verschweigt das Grauen der revolutionären Bürgerkriegs nicht, er sieht die Toten, die Leichen, hört die Schüsse und die Granaten, Blut fließt, Frauen werden geschändet und Leichen liegen auf den Feldern. Ja, das Grauen besetzt sogar diejenigen, die es überleben: eine seiner Figuren mit zerfetztem Gesicht weist alles Symptome auf, die wir heutzutage als Posttraumatische Belastungsstörung bezeichnen.

Kulbak hat das Fenster der jiddischen Literatur nach außen geöffnet, ohne die Jüdische jedoch zu verlassen. Es ist eine weitere Komponente in seinem kleinen Roman: das Wirken der 36 Gerechten, die die Welt durch ihr Wirken zusammenhalten, die zehn Gerechten, die in der Synagoge ausharren. Und immer wieder ertönt Åses Tod…. Die Hoffnung auf die Erlösung, das Erscheinen des Messias: es wird immer wieder thematisiert. Wobei sich Mordkhe immer wieder der Frage der Erkenntnis stellt, denn Erkenntnis ist Religion, Religion…. , diesem Thema widmet Kulbak einen ganzen Abschnitt des Romans.


Kulbaks Text geht, so der Klappentext/die Übersetzerin, auf die großen Fragen der Menschheit: Wer bin ich? Woher komme ich? Was ist mein Ziel? Welcher Politik soll ich folgen? Wie zeitgemäß ist Religion? Welche Rolle spielt die Philosophie? Was ist Liebe? Welchen Idealen möchte ich mein Leben widmen? ein. Bei allem Respekt, das ist viel und damit ist der kurze Text meines Erachtens leicht überinterpretiert bzw. gleitet, was die Antworten auf diese Fragen angeht, ins Unspezifische ab. Schließlich ist ja auch ein Fussballspiel, obwohl es um die Frage ‚Drin oder nicht drin?‘ geht, nur ein Fussballspiel und kein Traktat über die Liebe… ;-). Nein, im Ernst, der Roman ist tiefgründig (ich habe es angedeutet) und enthält einiges an Gedanken zu Fragen zur Erkenntnisfähigkeit des Menschen, der Rolle/Funktion der Religion oder auch der Einheit von Geist und Körper, bei der Kulbak sich stark mystisch beeinflusst zeigt (... es gibt eine stille Freude das Garnichtswollens. .. überhaupt ist ’still‘ und ‚Stille‘ ein häufig auftretende Erscheinung im Roman). Diese oben zitierte Überfrachtung mit Fragen, denen es sich angeblich widmet, hat der Roman also gar nicht nötig, er ist auch so in Teilen schwierig genug zu verstehen, weil eben das mystische Element den Text hie und da in eine andere Dimension hebt.

Montag ist ohne Zweifel ein literarisches Kleinod, schnell gelesen oder auch nicht – je nachdem, wie man mit diesen anspruchsvollen Passagen umgeht. Er zeigt die Schrecken der Revolution und des Bürgerkriegs, er beschreibt einen Juden, der sich über dieses Geschehen hinaushebt. Dabei scheut er sich nicht, auch Elemente des Christentums zu verweisen, an einer Stelle wird der Begriff Madonna verwendet, wie Jesus kündigt auch Mordkhe sein baldiges Sterben an… damit öffnet Kulbak die jiddische Literatur zur Welt hin – ein großer Verdienst des kleinen Berliner Verlages, dies mit dieser Buchausgabe uns Lesern wieder zugänglich zu machen und Moyshe Kulbak dem Vergessenwerden zu entreißen.

Links und Anmerkungen:

[1] zum Autoren und seinem Werk:
– Sorrel Kerbel (Hrsg.): The Routledge Encyclopedia of Jewish Writers of the Twentieth Centuryhttps://books.google.de/books?..Vilnius%201896&f=false

[2] Moyshe Kulbak: Munje der Vogelhändler und Malkele, sein Weib; in: Andrej Jendrusch (Hrsg): Federmenschen – Jiddische Erzählungen und Gedichte über Feuervögel, Luftreisen, Unglücksraben und gestürzte Engel; HC, Wagenbach-Verlag, ca. 230 S., 1996; ab S. 89

Moyshe Kulbak
Montag
Ein kleiner Roman
Übersetzt aus dem Jiddischen von Sophie Lichtenstein
Originalausgabe: Montog. Eyn kleyner roman, Warschau, 1926
diese Ausgabe: edition.fotoTAPETA, Softcover, ca. 120 S., 2017

Irène Nèmirovsky: Herbstfliegen

Irène Némirovsky war Kind gutsituierter Juden in Kiew, wo sie 1903 geboren wurde. Sie, die zu Hause ungeliebt und vernachlässigt wurde, begann früh zu schreiben, in die Welt der Gedanken und Worte zu wechseln. In der russischen Oktoberrevolution 1918 nutzte die Familie die Gelegenheit zur Flucht, vorerst nach Finnland, später dann ließen sie sich in Paris nieder. Dort studierte Irène Nèmirowsky Literaturwissenschaften, veröffentlichte Bücher und wurde zur anerkannten Schriftstellerin, die das Leben und die Gesellschaft liebte. Als Jüdin fiel sie nach der Okkupation Frankreichs durch die Nazis unter die Rassengesetze, der Übertritt zum Katholizismus, den sie 1939 vollzog, schützte sie nicht. Ihr großes Epos, Suite française [2], konnte sie nicht mehr vollenden. 1942 wurde sie interniert und nach Auschwitz deportiert, wo sie ermordet wurde [1]. Die zwei Töchter aus ihrer Ehe konnte sie in Sicherheit bringen.

herbstfliegen cover


Herbstfliegen ist eine kleine, aber sehr feine Erzählung über das Schicksal einer wohlhabenden russischen Familie, die (wie auch die Autorin mit ihrer Familie) den Wirren der Oktoberrevolution in Russland durch Flucht zu entkommen versuchte.

Némirowsky erzählt diese Geschichte in Bildern, die wie Szenen jeweils entscheidende Momente der Handlung wiedergeben.

Die Geschichte setzt im tiefen Winter, zu Weihnachten des Jahrs 1916 ein. Die beiden älteren Söhne der Familie, Kirill und Juri, sind einberufen worden und feiern ihren Abschied von zuhause mit einem rauschenden Fest. Die alte Dienerin Tatjana Iwanowna, die seit über einem halben Jahrhundert bei den Karins ist und als Amme den Vater Nikolai Kirillowitsch, seine Brüder und seine Kinder aufgezogen hat, hat den beiden die Koffer gepackt. Wehmütig läßt sie ihre Gedanken in die Vergangenheit zurück schweifen, die Zukunft scheint ihr wenig Aussicht auf Hoffnung zu geben. Einst, so denkt sie schwermütig, fand Alexander Kirillowitsch den Tod in einem Krieg, im Krieg 1877 gegen die Türken.. und auch jetzt ist die Stimmung von dunklen Ahnungen getrübt, es ist eine traurige Zeit….

Die Karins müssen fliehen, nicht vor dem Krieg, in den die Söhne zogen, sondern vor den „Roten“, die gegen die „Weißen“ revoltieren. Schon einige Monate lebt Tatjana allein im verbarrikadierten Haus der Familie, sah am Horizont Dörfer aufflammen, erlöschen und wieder lodern [—] jedesmal, wenn sie von den Roten in die Hände der Weißen und dann wieder in die der Roten fielen. Die kostbarsten Edelsteine der Familie hatte die Alte in den Saum ihres Kleides genäht.

Bist du es, bist du es, Jurotschka? Ja, die dunkle Gestalt in der Allee des verwildernden Gartens war Juri, zerlumpt, müde und ausgelaugt. Aus dem Gefängnis geflohen war er, erkrankte an Typhus, kämpfte sich durch in sein altes Elternhaus, um ruhig in [seinem] Bett zu sterben, ich bin müde….. Juri starb, ja, das tat er, an diesem Abend noch…. aber nicht in seinem Bett…

Durch einen Boten wird Tatjana von der Familie aufgefordert, nach Odessa zu kommen. Dort findet sie nach einem langem Marsch die Karins in ärmlichsten Verhältnissen, aber die Steine, die sie mitbrachte, ermöglichen der Familie die Überreise nach Europa. Über Konstantinopel und Marseille erreichen sie zu Beginn des Sommers 1920 Paris. Die Geldvorräte Karins nehmen langsam ab und wie im Herbst die Fliegen von einem Fenster zum anderen fliegen, so durchwandern die Karins die Zimmer ihrer kleinen, dunklen Wohnung von einer Wand zu anderen…. aber während sich die Familie mehr oder weniger in die neuen Verhältnisse einleben kann, bleibt die alte Tatjana ihrem Russland verhaftet.. sie vermisst es, dieses Paris ist nicht ihres, soll ich die Koffer der Kinder wieder auspacken? Wann reisen wir wieder ab?…. dieser Winter, der kein Winter ist, der nur Regen bringt, dessen Tropfen am Fenster herunterlaufen wie Tränen, keinen Schnee, keinen Frost zu kennen scheint….. kein Klirren gefrorener Zweige, die der Wind bewegt.. ach, der Schnee, sie vermisst ihn so… stundenlang sitzt die Alte bewegungslos in ihrem Zimmer und starrt in die Ferne… ihr geliebtes Russland, ihren Schnee, das Eis – sie sollte es nicht wiedersehen…


Herbstfliegen ist eine melancholische, elegische Erzählung. Wie ein Maler mit wenigen Pinselstrichen ein Bild skizzieren kann, so entwirft Nèmirovsky mit ihren kleinen Szenen und den wenigen Worten ein Bild von der Entwurzelung der Menschen, die in die Emigration getrieben sind. Während die jüngeren sich von außen gesehen noch umgewöhnen können auf die anderen Verhältnisse, wobei aber ihr Inneres leer bleibt, ist dies der alten Kinderfrau nicht mehr möglich. Deren Seele ist der alten Heimat auf ewig verbunden, diese andere Art, zu leben, die es in Paris gibt, die anderen Art zu wohnen, zu sprechen – all das versteht sie nicht, will sie nicht.

Nèmirowsky fängt all dies, die Melancholie des dräuenden Unglücks in Russland, die Gewalt des Umsturzes, die Trostlosigkeit der Flucht und die Entwurzelung in der Fremde meisterhaft ein. Herbstfliegen: ein Kleinod und der Beweis dafür, daß es, um viel auszudrücken, nicht unbedingt vieler Worte bedarf.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Autorin:  https://de.wikipedia.org/wiki/Irène_Némirovsky
[2] Buchvorstellung ihres Werkes Suite française hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com..suite-francaise/

Irène Némirowsky
Herbstfliegen
Übersetzt aus dem Französischen von Eva Moldenhauer
Originalausgabe: Les Mouches d`automne, 1931
diese Ausgabe: Manesse, HC, 95 S., 2008

Swetlana Alexijewitsch: Der Krieg hat kein weibliches Gesicht

Die Autorin dieses 2015 bei Suhrkamp erschienen Buches, Swetlana Alexijewitsch, wird dort noch als mehrfache Preisträgerin u.a.. des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2013, vorgestellt. Mittlerweile haben sich die Ehrungen vermehrt um die angesehenste im Reich der Buchstaben, i.e. den Nobelpreis für Literatur 2015 [2]. Herzlichen Glückwunsch!

Swetlana Alexijewitsch wurde 1948, wenige Jahre nach Kriegsende also, in der Ukraine geboren und wuchs in Weissrussland auf. Sie studierte in Minsk Journalismus und arbeitete als Journalistin ebenso wie als Lehrerin. Im vorliegenden Buch entwickelte die Autorin Anfang der 80er Jahre zum ersten Mal ihren eigenen Stil, in dem sie die Stimmen von Menschen in einer Art literarischer Collage zu einem Ganzen zusammenstellte und formte. [1] In hunderten von Interviews und Briefen hat sie Aussagen einer bis dato kaum beachteten Gruppe von Weltkriegsteilnehmer gesammelt, von Frauen nämlich, die aktiv als Soldatinnen im Zweiten Weltkrieg an der Front gekämpft hatten. Zwar waren viele dieser Frauen im Sanitätsdienst tätig (wie man es intuitiv vielleicht erwartet), holten die Verwundeten unter Beschuss von der Frontlinie und versorgten sie weiter im Lazarett, es gab aber auch Scharfschützinnen, Kraftfahrerinnen, Flagschützinnen; viele Frauen kämpften auch in den Reihen von Partisanen.

alexij - cover

Mit diesem Bericht über die Frauen im Krieg „eckte“ Alexijewitsch an: die russische Zensurbehörde warf ihr vor, mit ihm die „Ehre des Großen Vaterländischen Krieges“ beschmutzt zu haben. Erst 1985, nachdem Gorbatschow die Perestoika ausgerufen hatte, konnte dieses Buch in Russland erscheinen und rief eine ungeahnte Resonanz bei vielen Frauen hervor, die bis zu diesem Zeitpunkt noch nie über ihre Erfahrungen hatten reden können. Daraus resultiert die vorliegende, überarbeitete und erweiterte Ausgabe von Der Krieg hat kein weibliches Gesicht, die 2008 in Moskau und 2013 in Deutschland erschien. Unter anderen enthält das Buch jetzt eine Aufstellung von Aussagen, die seinerzeit von der Zensurbehörde herausgestrichen worden waren, ferner auch Texte, die die Autoren selbst gestrichen hatte.

 


Ausgangspunkt der Aufzeichnungen ist die sich selbst gestellte Frage der Autorin, warum haben die Frauen, die doch ihren Platz in einer ursprünglich absoluten Männerwelt behaupteten, ihre Geschichte nicht behauptet? Ihre Worte und ihre Gefühle? Sie haben sich selbst nicht vertraut. Sich nicht anvertraut. Eine ganze Welt blieb uns verborgen. Ein separater weiblicher Kontinent. … Es gibt einen Krieg, den wir nicht kennen. Ich möchte die Geschichte dieses Krieges aufschreiben. Die weibliche Geschichte.  .Nimmt man den Buchtitel ernst und setzt ihn in Bezug auf diese ausformulierte Intention, so ist man versucht, kurz und bündig festzustellen: gescheitert, die weibliche Geschichte des Krieges gibt es nicht: Der Krieg hat kein weibliches Gesicht, offenbar also doch ein männliches.

Ganz so einfach ist es aber dann doch nicht (was jetzt wiederum die Frage nach dem Sinn des Buchtitels auf den Plan bringt), wie sich im Lauf des Buches zeigen wird: Frauen erinnern sich an anderes und anders. Sie können Dinge sehen, die den Männern verborgen sind. Es ist eine andere Welt, anders als die der Männer. Mit Geruch, mit Farben, mit Alltagsdetails. .. Doch worüber Frauen auch sprechen, immer ist der Gedanke präsent: Krieg, das ist vor allem töten und – schwere Arbeit. Und auch – ganz normales Leben. Sie haben gesungen, sich verliebt, sich die Haare frisiert. Aber das Wesentliche ist: Wie unerträglich es ist, zu töten, denn eine Frau gibt Leben. ….

Ungefähr eine Million Frauen haben aktiv in der Roten Armee am 2. WK teilgenommen, ob hier die Kämpferinnen in Reihen der Partisanen mit einbezogen worden sind, weiß ich nicht. Die Frauen haben in allen möglichen Funktionen gedient, sogar für Frauen in der Marine auf See gibt es Beispiele. Sie waren (wie schon angeführt) Funkerinnen, Feldscherinnen, Krankenschwestern, Scharfschützinnen, Geschützführerinnen, Telefonistinnen, Wäscherinnen, Instrukteurinnen etc pp…. entweder direkt an der Front oder kurz hinter der Front, wo die für die Versorgung der Frontsoldaten/-innen zuständigen Einheiten liegen.

Sie wurden als junge, unschuldige, lachende, singende, auf Leben gespannte Mädchen überrascht vom Krieg, vom Überfall der Faschisten auf Russland. Und sie stürmten die Wehrkomitees, um sich registrieren zu lassen, um an die Front zu kommen: …ich hatte an diesem Tag ein Rendezvous. Ich dachte, an diesem Tag würde er mit gestehen: „Ich liebe dich“, aber er kam ganz traurig an: „Vera, es ist Krieg! Wir werden direkt von der Schule an die Front geschickt. … Ich musste unbedingt an die Front und unbedingt ein Gewehr in die Hand!. Vierzehnjährige gaben sich als Sechzehnjährige aus, Sechzehnjährige als Achtzehnjährige. Die Wehrkomitees wollten keine Mädchen an die Front schicken, aber sie gingen immer wieder ins Wehrkomitee, klopften wieder und wieder an., schmuggelten sich in die Truppentransporte an die Front, ließen sich dort nicht abschütteln, fuhren einfach nicht wieder zurück, bis man sie in die Truppe aufnahm. Alle waren bereit, die Heimat zu verteidigen, dies war ihnen wichtiger als der Tod: Wir waren so erzogen, … man hatte uns beigebracht, unser Land zu lieben. Offenbar war diese Erziehung sehr erfolgreich…

Sie kamen an die Front… dort jedoch war man auf Frauen bzw. Mädchen nicht eingerichtet. Es gab es keine Frauenausrüstung. Schuhgröße 34 in Stiefel 42., keine Blusen, keine Frauenunterwäsche, nur grobe Männersachen. Die Zöpfe wurden sofort abgeschnitten. Die Gewehre waren größer als die Mädchen…. Mancher Kommandeur wollte die Mädchen schonen, sie irgendwo auf der Schreibstube einsetzen: wütender Protest: „Genosse noch höherer Chef, ich fahre sowieso nicht nach Hause, ich komme mit Ihnen auf den Rückzug!“ Die militärischen Gepflogenheiten waren ihnen, wie man liest, (weitestgehend noch) fremd.

Die Konfrontation mit der Realität eines Fronteinsatzes muss grausam gewesen sein. Viele der Mädels waren zum ersten Mal von der Mama getrennt, Heimweh, Sehnsucht nach ihr. Die Angst unter dem Feindbeschuss, die fürchterlichen Verletzungen, der Hunger, die Armseligkeit des Soldatenlebens. Der Schlafmangel, der Lärm der Geschütze, das Eingewöhnen in einen militärischen Alltag, das Vergessen des Frau-Seins. Bei einigen Frauen reagierte der Organismus: sie bekamen während des Krieges keine Regel, andere Mädchen schrieen erschrocken auf und glaubten, sie seine verwundet.. sie waren so unschuldig, wußten noch nichts von der „Frauensache“… Drei Tage dauert es, bis man an der Front die Zivilisation abgelegt hat, halb Tier ist, halb Mensch….

Sie standen ihren Mann, so erinnern sie sich. Holten die Verletzen unter Feindbeschuss aus dem Gefecht, Mädels, die verletzte, zerfetzte Soldaten, die viel schwerer sind als sie, bergen. Grausige Szenen.. das Bein ist fast ab, aber beim Herankriechen ist die Tasche aufgegangen und alles ist herausgefallen. Also beisst sie die letzten Fleisch- und Hautfetzen durch… wurden selbst verwundet, das Bein musste amputiert werden, aber es gab keine Narkosemittel und nur eine Zimmermannssäge…. saßen am Flakgeschütz und schossen und schossen und schossen. Fuhren LKW und reparierten sie, wuschen die Wäsche, die immer blutig war und dreckig war, in endlos langen Schichten, kochten Kessel voller Grütze und am Abend kam keiner zum Essen: alle waren tot. Und sie überstanden auch die Folter des SD und der Gestapo….

… und doch blieben sie Frauen, dachten anders, achteten auf anderes, legten Wert auf anderes. Die hilflosen Versuche, das Gesicht zu schützen: wenn schon sterben, dann schön und nicht so verstümmelt. Nahmen Zucker als Haarfestiger anstatt ihn zu essen, wollten sich schminken, wuschen sich die Haare, nahmen zu Not Gras, um Dreck abzureiben. Entdeckten Blumen und Blüten, die die Männer nicht zu Kenntnis nahmen. Sangen Lieder…

Aber ihre Seelen blieben verletzt, ein Leben lang. Sie erzählen von Träumen, in denen alles wieder hochkommt. Für viele ist die Farbe „Rot“ unerträglich: die Farbe des Blutes… manche können kein Hühnerfleisch mehr essen, dessen helle Farbe gleicht dem Fleisch von Menschen… solche Beispiele liest man viele in den Aussagen. Womit wir bei einem weiteren traurigen Kapitel wären: der Zeit nach dem Krieg, als es für die Überlebenden wieder nach Hause ging.

Der Sieg war ein Sieg der Männer.

Manche wurde so empfangen: Wir wissen genau, was ihr dort gemacht habt! Ihr habt dort mit unseren Männer geschlafen. Frontschlampen! Soldatenflittchen! Hatten die Mädchen vor Jahren lernen müssen, im Krieg zu überleben, müssen sie nun den Frieden lernen und es wird ihnen nicht einfach gemacht. Oft ist nichts mehr da, das Haus verbrannt, die Sachen verbrannt, die Familie verbrannt. Kinder erkennen ihre Mutter nicht mehr mit den kurzen Haaren, den Militärklamotten, sie haben Angst vor diesem fremden Mann…. die einstigen Freundinnen haben jetzt vielleicht einen Beruf, haben was gelernt, haben einen Mann.. und was können sie außer töten? Die meisten haben zudem gesundheitliche Probleme, die jetzt in Friedenszeiten um so stärker zu Tage treten. Bei anderen wiederum tritt nicht der erhoffte Frieden ein: das eigene Land wendet sich gegen sie, der NKWD holt den einen oder anderen aus der Familie und wirft ihn für Jahre ins Lager. Man war denunziert worden….

Auffällig in den Aussagen der allermeisten Frauen ist der „positive“ Grundtenor. Sicher, der Krieg war grausamst, aber die Kameraden waren gut zu den Mädchen, schützten sie, die Verwundeten waren für ein Lächeln dankbar und starben dann mit einem solchen auf ihrem Gesicht. Man bzw. Frau war gut, manche versorgten sogar ohne Ansehen der Persönlichkeit Deutsche, wenn die Situation so war. Sogar Essen gaben manche ihnen, wenn ein Zug Gefangener an ihnen vorbei marschierte. Der anonyme Hass auf die Faschisten klang manchmal ab, wenn ein konkreter Mensch vor ihnen litt.

Mädchen, junge hübsche Mädchen unter vielen, vielen Männern. Die jahrelang keinen Urlaub bekamen, keine Frau sonst sahen. In einer Armee, die nicht wie z.B. die Wehrmacht, für die Triebabfuhr Bordelle betrieb (so verabscheuungswürdig dieser Betrieb auch war)… und das soll problemlos funktioniert haben? Es gibt zwei Frauen im Buch, die dieses Thema „sexuelle Übergriffe“ angesprochen haben: Wenn geschossen wurde, auf dem Schlachtfeld, da riefen sie „Schwester! Schwesterchen!“, aber nach dem Gefecht lauerten sie einem dauernd auf. Nachts traute man sich gar nicht aus dem Unterstand … Haben die anderen Mädchen ihnen davon erzählt oder nicht? Sie haben sich geniert, nehme ich an … und geschwiegen. Aus Stolz! Aber es war so. Keiner wollte sterben. Ein Gegenmittel war es, sich mit dem Bataillonskommandeur anzufreunden…. eine andere Frau berichtet, daß nachts, wenn sie schlief, immer Hände zu ihr kamen, sie berührten, über sie hinwegfuhren… im Lazarett fiel dann auf, wie unruhig, um sich schlagend, sie schlief…


Viele der Frauen, die Alexijewitsch aufgesucht hat, haben zum ersten Mal von all diesen Dingen erzählt. Nicht immer war dies den Männern recht, diese waren eher an Fakten interessiert: wer wann wo gekämpft hat und mit welchen Ergebnis. Die Gefühlsduselei ihrer Frauen war ihnen unangenehm, aber für diese war ihre Zuhörerin ein Geschenk Gottes: nach all den Jahrzehnten jemand, der sich Zeit nahm für sie, dem ihr Schicksal wichtig war… häufig flossen Tränen….

Die Erinnerung eines Menschen ist eine unzuverlässige Informationsquelle. Das Gehirn siebt, verdrängt, mischt aus einzelnen Erinnerungen neue zusammen, baut Gehörtes mit ein in die eigene Erlebniswelt, sortiert, wertet…. Aber es gibt auch objektive Kriterien für den Wert, den die Frauen für die Rote Armee hatten: viele von ihnen bekamen Orden und Auszeichnungen, wurden von den Kommandeuren gelobt und – soweit in Führungspositionen – auch von den Untergebenen respektiert und möglicherweise „geliebt“. Auch solches klingt immer wieder an.

Die enttäuschte Hoffnung: wenn der Krieg aus ist, wird es niemals wieder Krieg geben. Die Menschen werden sich lieben, werden in Frieden zusammen leben, werden arbeiten, Kinder bekommen, werden alt werden und in Frieden sterben…. Es sollte anders kommen.


Alles kann zur Literatur werden.

Bei der Buchveröffentlichung einer Autorin, die für ihr Werk den Literaturnobelpreis bekommen hat, stellt sich manchmal die Frage: kann man als Leser die Tatsache, daß das Werk der hier: Autorin (als Beispiel für ihr Schaffen diene das vorliegende Buch) derart geehrt worden ist, nachvollziehen?

Alfred Nobel, der die nach ihm benannten Preise für Chemie, Physik, Medizin, Frieden und Literatur gespendet hat, hat die Vergabekriterien für den Literatur-Nobelpreis vage gehalten. Es soll der ausgewählt werden, „der in der Literatur das Vorzüglichste in idealer Richtung geschaffen hat“ (so die Formulierung, die ich gefunden habe), ein Kriterium, das zumindest drei Parameter enthält, die der Definition bedürften: Was ist Literatur, was ist das Vorzüglichste und was ist mit idealer Richtung gemeint und ich bin ganz sicher nicht der Mensch, der diese Definitionen liefern kann (und es ja auch nicht muss)…..

Dennoch kann ich die Kritik von Iris Radisch [3] an der Verleihung des Preises an Swetlana Alexijewitsch gut nachvollziehen. Nehme ich dieses vorliegende Werk von ihr beispielhaft (so wie man liest, entsprechen die anderen Bücher von ihr diesem in seiner Konzeption und seinem Aufbau), so sieht man, daß von ca 350 Textseiten vielleicht 50 oder 60 von ihr sind, denen die anderen ungefähr 300 (bearbeiteten?) Seiten mit  Gesprächsprotokolle der Frauen gegenüberstehen. Unabhängig davon, wie wichtig das Werk, diese Zusammenstellungen an sich sind, entspricht das dem, was „man“ unter Literatur versteht? Radisch sieht hier einen sehr freien Literaturbegriff (und wenn alles Literatur ist, dann ist letztlich nichts mehr Literatur), der im Grunde alles schriftlich Niedergelegte umfasst und damit verschiedene Kategorien vermengt: Literarisches mit Journalistischem und mit Chronistenarbeit. Solches nämlich ist meiner Meinung nach die Arbeit das Buch/Werk Alexijewitschs eher denn Literatur im Sinne eines Grass, Böll, eines Modiano, einer Müller oder auch eines (immer wieder nicht ausgezeichneten) Philip Roth, selbst wenn Alexijewitsch im vorliegenden Buch konstatiert: Alles kann zur Literatur werden. Letztlich hat wohl auch die Vergabe des Literaturnobelpreises oft eine politische Komponente (in der Vergabebegründung dieses Jahres heißt es: „….für ihr vielstimmiges Werk, das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt„[4], was nicht unbedingt ein Hinweis auf neu erschlossene literarische Dimensionen ist als das sie eher auf gesellschaftliche bzw politische Aussagen hindeutet), womit ich nicht (noch einmal ausdrücklich) den Wert der Arbeit von Swetlana Alexijewitsch anzweifeln will.

Mit Der Krieg hat kein weibliches Gesicht (ich verstehe den Titel angesichts des Inhalts im Übrigen immer noch nicht) hat sie jedenfalls den Soldatinnen der Roten Armee eine gewichtige Stimme verliehen. Sie, die im Krieg zum Teil über sich hinaus gewachsen waren, wurden nach dem Krieg nicht geehrt, ihre Verdienste verschwiegen. Im Gegenteil ließ man sie mit all den Problemen, die sie aus dem Krieg mit hinüber in den Frieden brachten, allein. Dies wird sich auch nach der Veröffentlichung des Buches in Russland kaum geändert haben, aber zumindest  hat die Autorinnen den vielen Frauen, die für ihr Land kämpften, eine aufrüttelnde Stimme gegeben. Und sie hat – wie es schon so oft geschehen ist und immer vergebens – die Grausamkeit, die Menschenverachtung eines jeden Krieges dargestellt.

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite der Autorin in der Wiki:  https://de.wikipedia.org/wiki/Swetlana_Alexandrowna_Alexijewitsch
[2] siehe zum Beispiel hier auf der Autorenseite des Hanser-Verlages:  http://www.hanser-literaturverlage.de/autor/swetlana-alexijewitsch/
[3] Iris Radisch: Plötzlich ist jeder Text ein Kunstwerk;  http://www.zeit.de/2015/42/literatur-nobelpreis-swetlana-alexijewitsch
[4] zitiert nach: – : Swetlana Alexijewitsch erhält den Literaturnobelpreis;  http://www.zeit.de/kultur/literatur/2015-10/nobelpreis-literatur-2015-live

Ein Übersichtsartikel in der Wiki über Frauen beim Militär:  https://de.wikipedia.org/wiki/Frauen_im_Militär

zur Farbcodierung: grün markierte Stellen sind dem vorliegenden Buch entnommen (unter u.U. grammatikalisch leicht verändert in den Text eingefügt), violette Stellen sind Zitate aus anderen Quellen.

Swetlana Alexijewitsch
Der Krieg hat kein weibliches Gesicht
Übersetzt aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt

Originalausgabe:
diese Ausgabe: suhrkamp-taschenbuch 4605, ca. 360 S., 2015

Alexander Solschenizyn: Krebsstation

Die „Krebsstation“ Alexander Solschenizyns ist ein monumentaler Roman, nicht nur seines Umfangs wegen, sondern auch der Breite und Intensität wegen, mit der die Menschen beschrieben werden, die unter einem totalitären Staat leben müssen. Wir werden vom Autor in eine Sowjetunion versetzt, die gerade im Umbruch ist. Die Handlung spielt fast genau zwei Jahre nach Stalins Tod [2], Anfang Februar bis in den März hinein des Jahres 1955. In der Politik Russlands geschieht ungeheures und zum zweiten Todestag wird der ehemals uneingeschränkt Herrschende noch nicht einmal in der Zeitung erwähnt. Das Land atmet auf, Umwälzungen finden statt, eine Neuorientierung des Landes. Noch sind es Zeitungsartikel, die dies hier in die innerasiatische Provinz tragen und die bei den Lesern unterschiedliche Reaktionen von ungläubiger Hoffnung bis angstvoller Verzweiflung hervorrufen, aber in Moskau hat sich das Leben schon geändert, auch das Alltagsleben.

Solange Stalin lebte, hat er in ständiger Furcht und Angst gelebt. Er [i.e. die Person, über die die ZEIT schreibt] wußte nicht nur, daß er fast automatisch verhaftet würde, wenn ihm einmal ein Fehler in seiner Arbeit oder ein falscher Zungenschlag unterlaufen sollte. Noch schlimmer: Er wußte, daß er auch dann verhaftet werden konnte, wenn er bloß treu und brav wiederholte, was in der Prawda stand, und wenn er in seiner Arbeit pflichtbewußt alles tat, was man von ihm verlangte. Selbst wenn er in Wort und Tat als mustergültiger Sowjetbürger auftrat (ja sogar dann, wenn er es wirklich war!), hatte er nicht die geringste Gewähr dafür, daß er nicht eines Morgens verhaftet und ohne Federlesens zu zehn, fünfzehn, zwanzig, ja zu fünfundzwanzig Jahren verurteilt würde.“ So beschreibt DIE ZEIT den stalinistischen Terrors in ihrem Beitrag zum 10. Jahrestag des Todes von Stalin [1].

Der stalinistische Terror hat (wie jeder andere staatliche Terror auch) nur funktioniert, weil er seine Speichellecker hatte, die ihm die Opfer ins Maul warfen, es heißt natürlich hier anders, nicht Denunziation oder Verrat, sondern Pflichterfüllung, schließlich bedeutet Säuberung, daß man den Besen und die Kehrschaufel in die Hand nehmen muss –  und wenn man selbst dadurch Vorteile hat, weil die Nachbarwohnung frei wird…. eine der Hauptpersonen des Romans ist so ein Speichellecker, ein hoher Funktionär, der im Befragungswesen arbeitet und der jetzt am Hals eine Geschwulst hat, derer wegen er, weil es schnell gehen muss und Moskau weit weg ist, in dieses Krankenhaus, diesen für ihn abscheulichen Ortes voll mit einfachen Menschen, ungepflegt und primitiv, gegangen ist. Oh, welch ein Abgrund von Unzuverlässigkeit, Schludrigkeit und Renitenz breitet sich vor ihm da aus, seine Mitpatienten auf dem Zimmer – alle so krank wie er, aus allen Provinzen des Landes, alle so unwissend wie er, so ausgeliefert. Unbotmäßig hört Rusanow, immer noch Scherge des Systems, Zweifel, Überprüfen müsste man, melden.. unbedingt! Er ist es, dem die Angst die Kehle zuschnürt (das bischen, was die Geschwulst ihm noch frei ließ), dem der Alp die Träume schickt, in denen ihm die von ihm Ausgelieferten erscheinen, als ihn die Nachrichten erreichen von den Rehabilitionen (was ein Wort: Re-ha-bi-li-ta-ti-on!), davon, daß sogar die Mitglieder oberster Staatsorgane ausgewechselt worden sind…. Soll man diese Menschen, die jetzt jahre-, jahrzehntelang in der Verbannung gelebt haben, in Lagern, wirklich wieder herausreißen aus dieser ihnen nun vertraut gewordenen Umwelt [6]? Sie zurückwerfen in das Leben? Schließlich, irgendwas wird schon dran gewesen sein, irgendeine Schuld werden sie schon gehabt haben, damals, sie haben ja unterschrieben….. sogar das oberste Gericht…

Die Gegenposition dieses Paradebeispiels eines Funktionärs nimmt Oleg Kostoglotow ein. Ein Mittdreißiger, seit Jahren zu „ewiger Verbannung“ in ein Kaff in der kasachischen Steppe verurteilt, ist er mit Chuzpe in das Krankenhaus „eingedrungen“, indem er sich halbtot, vom Regen durchnäßt und völlig erschöpft, wie er nach einem kafkaesken und erfolglosen Staffellauf durch die Bürokratie der Ämter in der Stadt dort ankam, einfach in den Eingang legte und nicht mehr aufstand. Er war bereit, dort zu sterben. Aber er starb nicht, umging durch diese „Frechheit“ seines Handelns sogar die sonst übliche Wartezeit von Neuankömmlingen, die bis ein Bett frei wurde, im Flur und im Treppenhaus zwischengelagert wurden, und wurde direkt in das Zimmer, in dem auch Rusanow lag, gebracht.

Betrachtet man sich den Lebenslauf des Autoren [3], der bekannterweise selbst beim Regime in Ungnade gefallen war, verbannt worden war und auch an Krebs erkrankt war, der – wie sein Protagonist – in einem Krankenhaus in Taschkent durch Bestrahlung behandelt wurde, liegt die Vermutung nahe, daß in der Figur des Kostoglotow deutlich biographische Elemente enthalten sind. Und es ist ein Gewähr dafür, daß die Verhältnisse im Krankenhaus, die Solschenizyn schildert, die damaligen Realität widerspiegeln. Vielleicht ist es, was die damalige Euphorie und den Optimismus einer Behandlung von Krebs durch Bestrahlung angeht, sinnvoll, sich daran zu erinnern, daß Anfang der 50er Jahre Atomenergie (sprich: Energiegewinnung, Radioaktivität und Bestrahlung) geradezu als Allheilmittel angepriesen wurden. Was die Energiegewinnung aus Atomkraftwerken (die ihrerseits aus Schiffsreaktoren weiterentwickelt worden waren, was sich später rächen sollte, da im militärischen Bereich Sicherheitsaspekte eher nachrangig waren) anging, gab es Sprüche wie, daß es bald unsinnig sein, noch Stromzähler zu installieren, weil sich das ob der Billigkeit des Stroms nicht mehr lohnen würde. Entsprechend wurde damals auch alles bestrahlt (Medizin, Lebensmittel, Technik..), was nicht bei drei auf den Bäumen war [4].

Das Bild, das Solschenizyn gebraucht, ist unschwer zu deuten und ich bin nicht der erste, der das tut. Das Krankenhaus mit dem Krankenzimmer und den Patienten aus verschiedenen Regionen, die sich untereinander noch nicht einmal alle verstehen, ist ein Bild für die Verhältnisse in der Sowjetunion. Die Patienten/Menschen werden unmündig gehalten, sie bekommen keine Informationen, dienen zum Teil auch für „Experimente“, leben unter unwürdigen, armseligen Bedingungen. Die, die etwas wissen, wie die Ärzte oder Schwestern, haben die Macht über die, die unwissend gehalten werden. Nur wer ein gewisses Maß an Frechheit und Hartnäckigkeit an den Tag legt, kann sich ein paar Informationen ergattern, ist aber immer in der Gefahr, von den Rusanows ans Messer geliefert zu werden. Dieser ist der Fremkörper im Krankenzimmer, mögen die anderen auch Sympathien oder Antipathien verspüren, Rusanow ist derjenige, der immer noch im alten Geist Gesinnung und Vergangenheit der Mitmenschen überprüfen und merzen will. Er ist das Krebsgeschwür der Gesellschaft. Dieses Bild ließe sich an vielen Stellen weiter ausdeuten, interpretieren, aber das führte hier zu weit..

In anderer Hinsicht hat mich das Buch ebenfalls fasziniert. Vor ein paar Tagen stellte ich hier im Blog von Ernst Engelke das Buch „Gegen die Einsamkeit Sterbenskranker“ vor, indem u.a. die Situation dieser Menschen ebenso wie die daraus abzuleitenden Bedürfnisse analysiert werden [5]. Es ist faszinierend zu sehen, wie genau der Schriftsteller (und selbst betroffene) Solschenizyn diese elementaren Bedürfnisse und Wünsche, die Nöte und Ängste beobachtet und geschildert hat. Was wären das? Nun, die Angst natürlich vor dem Krebs und dem Tod, der totgeschwiegen wird, umschrieben wird, verdrängt wird. So unterschiedlich die Menschen in diesem Zimmer sind, der gemeinsame Feind schweißt sie – zumindest in dieser Hinsicht – zu einer (informellen) Gruppe mit identischen Interessen zusammen. Die Hoffnung haben alle und wenn es nur die auf einen zauselbärtigen Alten ist, der in irgendeiner Höhle weitab ein Mittel aus der Natur kennt, das wirklich hilft. Hier, im Inneren Asiens ist es der Birkenschwamm, der alle aufleben läßt, natürlich nur schwer erhältlich und teuer…. kolloides Gold, ebenfalls schwer zu beschaffen, die letzte Hoffnung. Es ist die Sehnsucht nach Menschlichkeit, nach Wärme, nach einem Gespräch und auch nach Liebe… insbesondere Oleg, der bei seiner Ankuft zwar halbtot war, dem die Behandlung aber gut geholfen hat, träumt davon, eine Frau an seiner Seite zu haben, die eigene, auch sie irgendwo in der Verbannung… er flirtet dort auf der Station und gar nicht mal so völlig aussichtslos…. die Verzweifelung, nach einer Operation verstümmelt und wertlos zu sein. Asja, die siebzehnjährige, die sich einer Mastektomie unterziehen muss. Ihre ganze Verzweifelung an der Welt konzentriert sich an der Überzeugung, nicht mehr begehrenswert zu sein, nie mehr im Badeanzug an den Strand gehen zu können….

Die Verhältnisse, die auf der Krankenstation herrschen, sind katastrophal, die Behandlungsmethoden rüde: denn sie wissen nicht, was sie tun…. Solschenizyn schildert in den Erinnerungen der Ärztin die ersten Anzeichen von Strahlenkrankenheit, seinerzeit ist im Grund alles bestrahlt worden bis hin zu gutartigen „Erscheinungen“ bei Kindern, mit teilweise guten Erfolgen. Jahre später treten an den bestrahlten Stellen jedoch schlecht heilende, schwärende Wunden auf, Entwicklungsstörungen sind bemerkbar…. es wird viel ausprobiert, die Patienten erfahren im Normalfall nicht, was mit ihnen gemacht wird. Hauptsache, keine Amputation oder Operation…. Die Ärzte: entweder sie opfern sich selbst auf unter den herrschenden Bedingungen oder sie sind Karrieristen.. oder auch Drückeberger, die sich im System eingerichtet haben

Dem Leser begegnen viele Personen in diesem Buch. In den jeweils grob gleichlangen Kapiteln erinnern sie sich an Zurückliegendes, erzählen dies und geben dadurch einen Überblick über die Verhältnisse im Land. Rusanow zum Beispiel repetiert aus lauter Angst seine ganzen Schandtaten, Oleg seine „Karriere“ als (politischer) „Verbrecher“ mit Lagerhaft und Verbannung. Durch die Rede Schulubins, eines Mitpatienten von Kostoglotow, gibt Solschenizyn einen Eindruck davon, wie die stete Drangsalierung der Menschen diese mürbe macht, sozial abwertet und resignieren läßt….  Es sind wie gesagt, viele Personen, durch deren Vita der Autor die Verhältnisse der sowjetischen Gesellschaft schildert, einer Gesellschaft, über der die Hoffnung auf Besserung schwebt, auf eine Amnestie zum Beispiel….

Im zweiten Buch konzentriert sich Solschenizyn mehr auf die Figur des Kostoglotows, der unangepassten, immer ein wenig rebellierenden, störenden, hartnäckigen. Für diesen hat die Medizin eine besondere Behandlung angeordnet: eine Hormontherapie. Natürlich – sofort ist die Angst da um die Männlichkeit, gerade jetzt, wo er spürt, daß ihn die Ärztin Wera und die Pflegerin Soja interessieren. Erwidern sie nicht sogar diese Aufmerksamkeit? Oder täuscht er sich, er ist doch so ungeschickt mit diesen komplizierten Wesen, den Frauen.

Irgendwann kommt die Zeit der Entlassung für ihn. Beide Frauen haben ihm ihre Adresse gegeben und zurm Übenrachten eingeladen, aus Gutmütigkeit – aber auf diese Idee kommt Kostoglotow nicht, natürlich vermutet er andere Motive, malt sich die Situation aus.. die Stadt, das leben, er ist voller Freude, aber es ist ein Auf und Ab der Gefühle. Er kommt mit dieser Stadtwelt nicht mehr klar, das Kaufhaus, in das er geht, verwirrt ihn und als er sich im Spiegel sieht, zerlumpft, dreckig und verrissen, bekommt er einen Schrecken. Wera ist nicht da, er besucht den Zoo, aber – ein starkes Bild – jedes der Tiere ist eingesperrt, wird widernatürlich gehalten, ist den Besuchern, denen, die draußen sind, ausgeliefert, ohne sich wehren zu können… schließlich schreibt er den beiden Frauen jeweils einen Brief, kauft sich eine Bahnkarte und fährt zurück in den Ort seiner Verbannung, dort fühlt er sich zuhause.

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„Krebsstation“ ist ein beeindruckender Roman, auch wenn seine Sprache mittlerweile etwas antiquiert wirkt (die Lizenzausgabe, die ich gelesen habe, enthält leider keine Jahresangabe, sieht aber nicht sonderlich modern aus. Ob es neuere Übersetzungen gibt, habe ich mich jetzt nicht informiert). Es ist ein wirkmächtiges Bild einer Gesellschaft, die Hoffnung spürt, nachdem die Krebsgeschwulst, die sie zu erdrosseln drohte, abgefallen war, sprich: nach Stalins Tod. Noch weiß niemand, was kommen wird, ob Heilung eintritt oder Linderung, ob amputiert werden muss und ob man weiter an Wundermittel glauben muss – alles ist möglich. Aber bezeichnenderweise läßt Solschenizyn niemanden auf dieser Station sterben, was im Grunde ja sehr unwahrscheinlich ist, prinzipiell und auch wegen der geschilderten Schicksale. Aber was immer auch kommen mag, das ist vorbei, nämlich „jene herrliche, anständige Zeit [für die Rusanow dieser Periode] in den Jahren 1937-1938 [7], in denen die gesellschaftliche Atmosphäre endlich einmal von allem Schmutz gereinigt war, damals konnte man frei atmen„! [grammatikalisch an den Text angepasstes Zitat]

Links und Anmerkungen:

[1] Rußland – zehn Jahre nach Stalins Tod,  DIE ZEIT, 1.3.1963 Nr. 09
[2] Berthold Seewald, Lars-Broder Keil: Stalin war sprachlos und lag in seinem Urin, Die Welt, 05.03.13
[3] Biographie von Alexander Solschenizyn aus der Wiki
[4] Es waren andere Zeiten – damals. Geprägt von Unwissenheit und grenzenlosem Optimismus. Außerdem war es ein Motiv, die Schrecken der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki vergessen zu machen…. so fand 1955 in Genf die erste Konferenz einer ganzen Serie von Veranstaltungen statt, die unter dem Schirm der Vereinten Nationen abgehalten wurden: „United Nations Conferences of Peaceful Uses of Atomic Energy“. Diese Quelle hier gibt sozusagen ein Leitmotiv zur ersten Konferenz wieder: http://web.ornl.gov/info/reports/1955/3445605715795.pdf
[5] in Wahrheit habe ich mir Solschenizyns Roman sogar nur besorgt, weil Engelke so viele Zitate daraus brachte….
[6] interessanterweise legt der Autor seinem Oleg K. in einer Passage des Romans Gedanken in den Mund, die diese auf den ersten Blick absurde Argumentation anscheinend bestätigen, überlegt dieser doch, wie glücklich man in der Verbannung ist – gemessen an anderen Schicksalen, die man auferlegt hätte bekommen können: Verbannung bedeutet Sicherheit, der Verbannte ist an einen Ort gekettet, er kann nicht mehr ohne weiteres von dort verwiesen werden, er braucht sich keine Sorgen und Gedanken zu machen, wo er hin soll, kann sich einrichten am Ort und leben. Wird ein Mensch jedoch von einem Ort verbannt, d.h. ihm dieser Ort verboten und er (ähnlich wie seinerzeit Adam und Eva….) vertrieben, dann ist sein Leben beherrscht von Unsicherheit, jederzeit kann er wieder von jedem Ort, an den er geht, verscheucht werden… Verbannung also kann das kleine Glück für diejenigen sein, für die das Glas halbvoll ist….
[7] wie frei man atmen konnte in diesen Jahren schildert Weissberg-Cibulsky in seinem Bericht „Hexensabbat“ (Buchbesprechung hier bei aus.gelesen)
[8] Wiki-Seite zum Roman

Alexander Solschenizyn
Krebsstation
Übersetzt aus dem Russischen von Christiane Auras, Agathe Jais und Ingrid Tinzmann
diese Ausgabe: Bertelsmann, HC, ca 735 S., o.J.