Moyshe Kulbak: Montag

9. August 2017

Der russisch/litauisch-jiddische Autor Moyshe Kulbak (Vilnius 1896 – Sibirien 1940) ist für mich kein ganz unbekannter. In der wunderbaren Anthologie Federmenschen (herausgegeben von Andrej Jendrusch [2]) ist er mit einer unendlich traurigen Geschichte vertreten. Es ist die Geschichte von Munje, dem Vogelhändler, der keine Beine hat. Aber trotzdem eine Frau findet, die ihn heiratet. Doch schon bald geht sie abends weg zu Sifke und schon wenig später kommt Siske in das Haus Munjes, dem die beiden eine Liegestatt auf der Fensterbank zurecht machen, wo er aus dem Fenster starrt und die Geräusche hört, die seine Frau und Siske von sich geben… aber das ist eben eine ganz andere Geschichte und hier, in diesem kleinen Roman – so der Untertitel, präsentiert Kulbak etwas völlig andersartiges.

In ihrem Nachwort Nichts an diesem Roman ist klein gibt die Übersetzerin Sophie Lichtenstein, Literatur- und Sprachwissenschaftlerin aus Berlineinen Überblick über das Leben Moyshe Kulbaks, das in einer sehr unruhigen Zeit des russischen Reiches stattfand. So war Kulbak wie viele andere jiddische Dichter und Schriftsteller nach 1920 ebenfalls nach Berlin gekommen, um dort zu studieren und sich wohl auch vor den Unruhen in Russland in Sicherheit zu bringen. In Berlin verkehrte er in den Kreisen der künstlerischen Boheme und lernte im Romanischen Cafe [3] unter anderem auch Lasker-Schüler kennen, die ihn in seinem Stil beeinflusste. Kulbak gehörte zu den wichtigen jiddischen Schriftstellern, er war einer der ersten, der über die normalen Geschichten aus dem jiddischen Shtetl hinausging und (welt)politische Ereignisse in seine Handlungen mit einbezog, Montag ist ein hervorragendes Beispiel dafür. Das Ende Kulbak gleicht dem vieler jiddischen und jüdischen Intellektuellen: nachdem Stalin an die Macht gekommen war, wurde dieser Elite der Garaus gemacht. Der Verhaftung 1937 folgte nach dem Schauprozeß am 29. Oktober 1937 die Hinrichtung, nach anderen Quellen Lagerhaft und ‚erst‘ 1940 die Exekution [1]. Seine Rehabilition 1957 ist nur ein schwacher Trost.


Ist die erwähnte Kurzgeschichte um Munje im typischen Umfeld es armen jiddischen Shtetls angesiedelt mit seinen oft bedauernswerten Menschen, die in ärmlichster Umgebung hausen, so führt die Geschichte um Mordkhe Markus, dem Hebräischlehrer und der Figur, in der sich auch der Autor wiederspiegelt, uns in eine ‚revolutionäre Stadt‘. Wir schreiben das Jahr 1917, in dem Russland von zwei Revolutionen heimgesucht wird: in der Februarrevolution wird der Zar gestürzt und in der Oktoberrevolution erringen die Bolschewisten nach der Rückkehr Lenins aus dem Exil die Macht, es ist dies die Revolution, in der auch das Schicksal Mordkhes sich entscheidet.

Dabei ist Mordkhe kein Mann der Tat, im Gegenteil ist er ein Mann des Denkens, der Nichttat. Und ein Freund der Armen ist er, die er beobachtet, beobachtet aus dem Fenster seiner staubigen Dachstube heraus, wenn sie am Montag, nach der vorgeschriebenen Ruhe des Schabbes umhergehen und sich ihre Almosen erbetteln. Sah er dies, so dachter er: „Pure Armut ist erhaben.“. Nicht alles verurteilt er an der Revolution, nicht alles kann er mittragen. Als Freund der Armen ist er der Revolution per se verdächtig, er wird inhaftiert, verhört, wieder gehen gelassen, fragt jedoch bei seiner Entlassung, ob er nicht freiwillig in dem Gefängnis, das ihm eher eine Klause war als ein Ort des Weg- und Eingesperrtseins, bleiben könne…

Ein Freund der Armen, dem sie nachfolgen, den sie ein wenig als ihren Erlöser betrachten, als ihren Messias, der sie führen soll. Ein Denker, der diskutiert und seine Gedanken offenbart dem Fräulein Gneyse, der er vertraut, Gedanken, so tiefgründig gedacht, daß man sie nicht immer auf Anhieb versteht und sie gerade ob dieses Nichtverstehens den Eindruck erwecken, wahr sein zu müssen. Es sind mystische Gedanken, die Erkenntnis, daß Erkenntnis nur im Nichtstun, in der Einheit von Körper und Geist zu gewinnen ist, aber Kulbak läßt seine Figur auch moderne Philosophen mit bedenken: Nietzsche etwas oder Bergson. Zum Ende der Handlung wird Mordkhe doch noch geholt, geschlagen, in den Hof gebracht in seinem Nachthemd und an die Wand gestellt. Doch noch immer nicht ist dies der Tod, er wacht im Krankenhaus auf und bittet seine Freunde zu kommen, um seine letzten Gedanken zu hören.


Nicht nur im Sujet unterscheidet sich Montag von den bekannten jiddischen Geschichten, sondern auch in der Art und Weise der Gestaltung. Kulbak hat lyrische Stilelemente in seinen Text mit eingebaut, indem er Attribute oder Adjektive dem Substantiv nachstellt (… Es schleppte sich hinter den Bergen das Ende einer Unwetterwolke, einer zerrissenen, heran. …), oft läßt er einen Satz mit einer Konjunktion beginnen (… Es spritzten spärliche, dicke Tropfen vom Himmel, sie schlugen mit dem Widerhall auf, wie Finger auf Blechdächern, und setzten abrupt aus. Und unerwartet riss sich ein Donner los, …) oder ‚doppelt‘ auch seine Worte (… O, ich werde wohl gar nichts mehr tun auf der Welt. Nicht einmal mehr den Finger rühren. Und ich sage ihnen, es ist eine große Freude für den Menschen, zu dieser Erkenntnis gelangt zu sein. Jetzt werde ich überall-überall sein können, weil ich ab jetzt nur noch ein Zuschauer dessen sein werden, was da geschehen ist, verstehen Sie?“) und erzielt dadurch eine sehr poetische Wirkung, die er durch die phantastischen, surreal anmutenden Bilder, die er erschafft, noch verstärkt: … Am Himmel, zwischen den Unwetterwolken, kam ein Kopf herangeschwommen. Er wiegte sich mit geschlossenen, blonden Wimpern zwischen den Unwetterwolken, still, still ließ er sich von einer Wolke zu nächsten gleiten, … .

Nun sollte man ob dessen nicht dem Irrtum erliegen, der Text würde sich sozusagen auf einer Meta-Ebene befinden und sich über das reale Geschehen hinausheben. Das ist nicht der Fall, im Gegenteil: ein weiteres Stilelement, das im absoluten Gegensatz zum Gegenstand steht, den es schildert, verstärkt das Grauen, das ihm innewohnt: .… Eine Granate seufzte lang und fiel ins Flüsschen. Mit einem Mal explodierte sie dort, wie eine abgefeuerte Rakete, und atmete unter Wasser mühevoll weiter. Das hölzerne Brückchen erhob sich, und seine Einzelteile stoben über die Felder. … Es ist der kindlich-niedlich anmutende Diminutiv, den Kulbak häufig einsetzt, der diese Wirkung erzielt. Und Kulbak verschweigt das Grauen der revolutionären Bürgerkriegs nicht, er sieht die Toten, die Leichen, hört die Schüsse und die Granaten, Blut fließt, Frauen werden geschändet und Leichen liegen auf den Feldern. Ja, das Grauen besetzt sogar diejenigen, die es überleben: eine seiner Figuren mit zerfetztem Gesicht weist alles Symptome auf, die wir heutzutage als Posttraumatische Belastungsstörung bezeichnen.

Kulbak hat das Fenster der jiddischen Literatur nach außen geöffnet, ohne die Jüdische jedoch zu verlassen. Es ist eine weitere Komponente in seinem kleinen Roman: das Wirken der 36 Gerechten, die die Welt durch ihr Wirken zusammenhalten, die zehn Gerechten, die in der Synagoge ausharren. Und immer wieder ertönt Åses Tod…. Die Hoffnung auf die Erlösung, das Erscheinen des Messias: es wird immer wieder thematisiert. Wobei sich Mordkhe immer wieder der Frage der Erkenntnis stellt, denn Erkenntnis ist Religion, Religion…. , diesem Thema widmet Kulbak einen ganzen Abschnitt des Romans.


Kulbaks Text geht, so der Klappentext/die Übersetzerin, auf die großen Fragen der Menschheit: Wer bin ich? Woher komme ich? Was ist mein Ziel? Welcher Politik soll ich folgen? Wie zeitgemäß ist Religion? Welche Rolle spielt die Philosophie? Was ist Liebe? Welchen Idealen möchte ich mein Leben widmen? ein. Bei allem Respekt, das ist viel und damit ist der kurze Text meines Erachtens leicht überinterpretiert bzw. gleitet, was die Antworten auf diese Fragen angeht, ins Unspezifische ab. Schließlich ist ja auch ein Fussballspiel, obwohl es um die Frage ‚Drin oder nicht drin?‘ geht, nur ein Fussballspiel und kein Traktat über die Liebe… ;-). Nein, im Ernst, der Roman ist tiefgründig (ich habe es angedeutet) und enthält einiges an Gedanken zu Fragen zur Erkenntnisfähigkeit des Menschen, der Rolle/Funktion der Religion oder auch der Einheit von Geist und Körper, bei der Kulbak sich stark mystisch beeinflusst zeigt (... es gibt eine stille Freude das Garnichtswollens. .. überhaupt ist ’still‘ und ‚Stille‘ ein häufig auftretende Erscheinung im Roman). Diese oben zitierte Überfrachtung mit Fragen, denen es sich angeblich widmet, hat der Roman also gar nicht nötig, er ist auch so in Teilen schwierig genug zu verstehen, weil eben das mystische Element den Text hie und da in eine andere Dimension hebt.

Montag ist ohne Zweifel ein literarisches Kleinod, schnell gelesen oder auch nicht – je nachdem, wie man mit diesen anspruchsvollen Passagen umgeht. Er zeigt die Schrecken der Revolution und des Bürgerkriegs, er beschreibt einen Juden, der sich über dieses Geschehen hinaushebt. Dabei scheut er sich nicht, auch Elemente des Christentums zu verweisen, an einer Stelle wird der Begriff Madonna verwendet, wie Jesus kündigt auch Mordkhe sein baldiges Sterben an… damit öffnet Kulbak die jiddische Literatur zur Welt hin – ein großer Verdienst des kleinen Berliner Verlages, dies mit dieser Buchausgabe uns Lesern wieder zugänglich zu machen und Moyshe Kulbak dem Vergessenwerden zu entreißen.

Links und Anmerkungen:

[1] zum Autoren und seinem Werk:
– Sorrel Kerbel (Hrsg.): The Routledge Encyclopedia of Jewish Writers of the Twentieth Centuryhttps://books.google.de/books?..Vilnius%201896&f=false

[2] Moyshe Kulbak: Munje der Vogelhändler und Malkele, sein Weib; in: Andrej Jendrusch (Hrsg): Federmenschen – Jiddische Erzählungen und Gedichte über Feuervögel, Luftreisen, Unglücksraben und gestürzte Engel; HC, Wagenbach-Verlag, ca. 230 S., 1996; ab S. 89

Moyshe Kulbak
Montag
Ein kleiner Roman
Übersetzt aus dem Jiddischen von Sophie Lichtenstein
Originalausgabe: Montog. Eyn kleyner roman, Warschau, 1926
diese Ausgabe: edition.fotoTAPETA, Softcover, ca. 120 S., 2017

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tewje-coverScholem Alejchems Tewje, der Milchmann, gehört wohl zu den bekanntesten Werken der jiddischen Literatur. Das Jiddische… mit der Vertreibung der Juden im 14./15. Jahrhundert (der anschwellende Antisemitismus während des großen Pestzugs, aber auch die Kreuzzüge waren Anlass dafür) aus Deutschland nahmen diese ihre Muttersprache mit nach Osten in die neuen Siedlungsräume. Dort nahm die Sprache wenige neue Worte aus dem Slawischen auf, diese betragen im wesentlichen Begriffe des täglichen Lebens. Grund dafür ist die relative strikte Isolation der jüdischen Bevölkerung von anderen Bevölkerungsgruppen. Sie blieben im Wesentlichen unter sich, in ihren Shtetl , lebten dort ihre Traditionen und religiösen Riten. Einige wenige von ihnen gelangten zu Ruhm, Geld und Einfluss [4], die meisten dagegen blieben zeit ihres Lebens arme Schlucker, die oft nicht wussten, wie sie die vielen Mäuler der Familie satt bekommen sollten.

Das Jiddische war die Sprache des Alltags, es war eine gesprochene Sprache. In einer kurzen Zeitspanne Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts dagegen wurde das Jiddische literarisch, Gedichte wurden auf Jiddisch verfasst und Geschichten in dieser Sprache niedergeschrieben. Schreibt Jiddisch, dann werdet ihr der Welt nützlich sein, so wird einer der damaligen Schreiber wiedergegeben [3]. Diese „Karriere“ des Jiddischen endet jedoch jäh und blutig mit dem Versuch, das gesamte jüdische Volk auszurotten.

Scholem Alejchem (dies ist die jüdische Grußformel: Der Friede sei mit Euch!) ist einer der bekanntesten jiddischen Dichter. Er lebte von 1859-1916, Manés Sperber schildert in seiner Kindheitserinnerung Die Wasserträger Gottes, wie sich abends alle in der Stube versammelten, um den vorgelesenen Geschichten Alejchems zu lauschen [9]. Geboren wurde er als Scholem Rabinowitsch, Sohn eines Getreide- und Holzhändlers aus Perejaslaw (Ukraine). Er erhielt die jüdische Grundausbildung und lernte am russischen Gymnasium. 1879 begann er zu publizieren, jedoch noch nicht auf jiddisch, sondern auf hebräisch.

1883 heiratete er Olga Lojew. Zwei Jahre später stirbt sein Schwiegervater und er zieht mit seiner Frau nach Kiew um (dem Jehupez seines Werkes). Nachdem er 1890 bankrott ging, verließ er Russland und wechselte bis zu seinem Tod ( er starb an Tuberkulose) 1916 in New York noch sehr oft seinen Wohnort. Unter anderem lebte er auch für einige Zeit in Berlin.

Seine Werke über und für das einfache Volk begeisterte viele Menschen, gerade weil er auf jiddisch schrieb, das vorher nur als ungeliebter Umgangston galt. Scholem Alejchems Begräbniszug folgten tausende Menschen, insbesondere Juden, um damit ihren Dank auszudrücken.“ [z.T. 2 entnommen]


Tewje, der Milchmann wird zwar vom Verlag als Roman klassifiziert, er ist jedoch schon von seiner Entstehungsgeschichte her gesehen kein klassischer Roman. Vielmehr vereinigt er acht Geschichten um diesen Tewje, die Alejchem im Zeitraum von ca. zwei Jahrzehnten verfasst hat. Diese Erzählungen spiegeln jiddische Leben auf dem Dorf einerseits. Aber auch die große, die Weltgeschichte findet ihren Niederschlag in dieser abgelegenen und sich selbst genügenden Welt der kleinen Leute auf den Dörfern im russischen Ansiedlungsrayon um Kiew, dem Jehupez der Geschichten Alejchems.

Tewje und seine Familie, das sind die Frau Golda und sieben Töchter. Sieben, eigentlich ein biblisches Symbol für die göttliche Vollkommenheit, bringt den Eltern hier kein Glück, Töchter zumal, die verheiratet werden müssen und bei der Heirat spielt hie und da die Liebe eine Rolle und wer kann schon die Liebe beeinflussen, wo sie hinfällt und wo nicht… Fünf der Geschichten handeln davon, wie sich die ältesten Töchter verheiraten bzw. verlieben, die Schicksale der zwei jüngsten Tochter dagegen wird nichterwähnt, in der letzten Geschichte, in der sie eigentlich auftauchen müssten, denn diese handelt von der Vertreibung der Juden aus ihren Dörfern und sie müssten ja noch im Elternhaus sein, bleiben sie unerwähnt.

Die Geschichten sind als Erzählungen aufgebaut. Tewje nämlich trifft den Autoren Alejchem, spricht ihn an oder begrüßt ihn: Ein schönes, ein gutes, ein ausladendes ‚Scholem alejchem‘ auf Euch, Herr Scholem Alejchem! Friede über Euch und Eure Kinder! und erzählt ihm von seinem Schicksal. Entsprechend verabschiedet er sich am Schluss der Geschichte auch wortreich, entschuldigt sich dafür, so viel gesprochen zu haben und hofft auf ein erneutes Zusammentreffen mit Alejchem – oder er gibt Ratschläge bzw. äußert Bitten, wie Alejchem, der Autor, doch mit seiner Erzählung umgehen sollte, nämlich vergesst um Gottes willen nicht, worum ich Euch gebeten habe: Dass es nämlich pst! und pscht! bleiben soll, ich meine, Ihr sollt daraus kein Buch machen! Und wenn ihr nun mal schreiben müsst, dann schreibt über einen anderen, nicht über mich; …. Für Geschichten, die im Laufe einiger Jahre veröffentlicht werden, ist dies sicherlich ein sinnvoller Rahmen und die Selbstbezüglichkeit solcher Worte verleiht dem Ganzen einen lebendigen Charakter und gibt einen besonderen Reiz.

Die Geschichten im Einzelnen:

Ich bin zu gering
Das große Los (1895)
Wie gewonnen…. (1899)
Kinder von heute (1899)
Hodel 81904)
Chava (1906)
Sprinze (1907)
Tewje fährt ins Land Israel (1909)
Geh aus deinem Vaterland (1914)
Vachalaklakkoiß … Und schlüpfrig werden soll ihr Weg (1916)

Man sieht, daß die Geschichten über einen Zeitraum von gut zwei Jahrzehnten entstanden sind. Das als Einleitung und Einstimmung dienende Ich bin zu gering ist als Brief Tewjes an den Verfasser abgefasst, in dem er seine Verwunderung beschreibt, daß Ihr Euch mit so einem geringen Menschlein abgebt, mir sogar Briefe schreibt und, damit nicht genug, auch noch meinen Namen in einem Buch benützt, … , was ihn aber nicht hindert, in einem Postskriptum die Adresse anzugeben, an die der Verfasser, wenn das Buch beendet ist, etwas Geld schicken kann….

Das große Los beschreibt, wie aus Tewje, arm an Geld, aber reich an Kindern, der mit seinem Pferd und dem Wagen aus dem Wald Baumklötze zum Bahnhof holt und bringt, Tewje, der Milchmann wird. Weil er nämlich zwei seltsame Figuren, Weibsbilder, die sich im Wald verirrt hatten, findet und sie zurück in ihre Datscha bringt, in der sie als Sommerfrischler leben. Die Belohnung, die er dafür erhältm ist groß, für seine Verhältnisse groß und macht aus ihm den Milchmann, der Kühe sein eigen nennt, Milch melkt, buttert und käst und seine Waren an die Sommerfrischler verkauft.

In der nächsten Geschichte wird schon eine Ahnung der neuen Zeit wach. Menachim-Mendel, ein entfernter Verwandter, überredet ihn zu Finanzgeschäften, zum Kauf von ach was weiß ich, von Papieren, die billig gekauft werden, teuer verkauft werden und von diesem Geld kann man wieder billig kaufen und teuer verkaufen und haste nicht gesehen, macht man aus hundert Rubel tausend… oder auch null, so wie es Tewje geschieht… Gottseidank ist es nur das Geld, noch hat er seine Kühe, sein altes Pferd, den Wagen….

Die Töchter – wunderschön und heißgeliebt vom Vater, aber welche Bürde auch, denn sie wollen verheiratet werden. Da trifft es sich gut, daß der wohlhabende Schächter, Reb Leiser-Wolf, in Kinder von heute…. ein Auge auf die Älteste, Zeitel, geworfen hat…. doch was will man machen, Zeitels Augen schwimmen, ihr Herz hängt am armen Schlucker Mottel, einem Schneider…. nicht viel anders geht es bei Hodel, oder doch ganz anders.. es sind mittlerweile Zeiten angebrochen, in denen die jungen Leute lernen wollen, studieren anstatt zu arbeiten und Brot für die Familien zu verdienen. Hungerleider sind sie, mit seltsamen Ideen, die sich um die Arbeiter drehen und deren Los…. und ausgerechnet so einen gabelt Tewje am Straßenrand auf und füttert ihn mit Golda seiner Frau in seinem Haus, auf daß sich die Zweitälteste in ihn verliebt… kann er was dagegen machen? Wenn Gott es so gefügt hat? Was soll er sich dann dagegen stellen…. und so heiraten sie und schon bald sitzt Pfefferl und dann folgt ihm Hodel in die Verbannung…

Schlimmer noch ist das Schicksal Chavas für ihn, denn Chavas Herz gehört einem Abkömmling Esaus… Dein Kind bricht auf in eine andere Welt, und du verstehst sie nicht – oder willst sie nicht verstehen….. es zerreißt ihm das Herz, fast hält er es nicht aus, die Qualen Was ist meine Sünde, was ist mein Verbrechen? ruft er seinem Gott entgegen….. Steh auf, mein Weib, ziehe die Schuhe aus, wir wollen uns hinsetzen und die sieben Tage trauern, wie Gott es geboten hat. … Lass uns in der Vorstellung leben, … als hätten wir niemals eine Chava gehabt….

Noch ist das Kinder-Aufzuchtleid für Tewje und Golda nicht vorbei. In Sprinze zeigen sich die neuen Zeiten von ihrer schlimmen Seite: es kommt zu Progromen, viele Reiche verlassen das Land und gehen ins Ausland, andere fliehen aus der Stadt und kommen ist Umland, nehmen ihren Platz in Tewjes Kundenkreis ein. Eine davon, eine Witwe, hat einen reichen und verzogenen Sohn und – egal, wie es im Einzelnen dazu kommt – dieser verguckt sich in die Tochter Sprinze und diese sich in ihn…. im ersten Impuls ist Tewje davon nicht begeistert und redet dagegen… doch als ihm der Gedanke daran, im Alter vllt etwas bequemer leben zu können mit dem reichen Schwiegersohn im Rücken, kommt dieser nicht mehr zu Besuch. Im Gegenteil wird Tewje vom Onkel des Nichtsnutzes zu sich bestellt und beschuldigt, alles schlau zum eigenen Nutzen so eingefädelt zu haben…. aber das größte Unglück erlebt Tewje auf der Rückfahrt vom Onkel, der Menschenauflauf am Fluss… und seine tränenaufgelöste Golda inmitten der Menschen… Sprinze, die so still geworden war und so viel weinte, Sprinze war ins Wasser gegangen…

Das Schicksal meint es nicht gut mit Tewje selbst und mit den Juden… die geliebte Golda stirbt ihm, aber was nützt es, gegen den, der ewig lebt, aufzubegehren?  Bejlke dagegen, die nächste der Töchter fällt dem Pedazur ins Auge, einem Reichen, einem Kriegsgewinnler, einem Emporkömmlung, der seine Herkunft und die seiner Braut verschleiern will. Jeder kümmert sich selbst und hat auf die Welt vergessen…. Hemmungslos schwindelt er alle an und Tewje, den er zu sich rufen läßt, soll nicht mehr Milchmann sein als Vater der Frau.. am Geld soll´s nicht liegen und will er verreisen vielleicht? Israel, ja, nach Israel – da wird unser Tewje schwach, aber um ins Land Israel zu fahren, muss man … etwas haben… [..] ach die Macht des Geldes… er scharrt das bischen Papier, das Geld, das Pedazur ihm gab, zusammen und steckt es ganz tief in die Tasche….

Aber es ist nicht damit getan, daß Tewje ins Land Israel fährt, man muss ihn und die anderen Juden verprügeln, zumindest, man muss ihnen die Fensterscheiben einschlagen, zumindest, damit man selbst keine Probleme bekommt mit der Obrigkeit, die dies sehen will. … und warum kommt nicht endlich der Messias? Ein wenig hadert der Tewje mit seinem Gott…. käme er gerade jetzt auf einem weißen Pferd zu uns herabgeritten! […] Derweil, wie ich, in diese Gedankengänge vertieft, dasitze, blicke ich auf einmal auf – ein weißes Pferd! Und geradewegs auf mein Haustor zu! […] Doch: Sieht man dem Messias entgegen, kommt der Dorfpolizist… Drei Tage hat der Tewje Zeit, alles zusammenzupacken, alles zu verkaufen, man hat ihm gesagt, er solle gehen, also geht er….


Tewje ist ein einfacher Mensch, seine Ansprüche an die Welt sind nicht überbordend. Ein wenig Arbeit, um für sich und die Seinen genug zu Essen zu haben, ein Dach über dem Kopf, eine Bank vor der Tür, um in den wenigen Mußestunden die Wärme der Sonnenstrahlen zu spüren und nachzudenken – über Gott und die Welt. Belesen ist er, der Tewje, auch wenn er nicht alles verstanden hat, manches an der falschen Stelle zitiert und auch mit den Begriffen der neuen Zeit nicht immer konform geht. Ein Konfusius ist er, ein liebenwerter, der sich in sein Schicksal fügt.. ein Schicksal, das es einst so gut mit ihm meinte, ihn aus dem Wald holte und zum Milchmann machte. Dann aber nahm es ihm eine Tochter nach der anderen, es nahm ihm die Frau, es nahm ihm das Heim, die Heimat, es nagte letztlich sogar an seinem Gottvertrauen.

In der Figur des Tewje, der ein Dulder ist und ein Hiob, personalisiert Alejchem das Schicksal der Juden in Russland. Die lange Zeit friedliche Koexistenz mit den Christen löst sich peu a peu auf, die neue Zeit um die Jahrhundertwende mit den neuen, revolutionären Gedanken greift nach den Menschen, die jungen Leuten zumal, löst sie aus den alten traditionellen Gedanken- und Verhaltensmustern und damit aus der seit altersher gegebenen jüdischen Gesellschaft. Gleichzeitig werden die Ressentiments gegen die Juden wieder wach und gefördert, finden ihren traurigen Höhepunkt in den Progromen, die um 1905 einsetzen und letztlich mit der Vertreibung bzw. Emigration vieler Juden endet. So sitzt Tewje am Schluss des Buches da, hat keine Heimat mehr, ist, dem Bibelspruch nach, aus dem Vaterland gegangen (worden). Nach dem heiteren und optimistischen Beginn des Romans endet er letztlich in tiefer Dunkelheit.

Tewje lehnt sich gegen nichts auf. So wie er den Töchtern letztlich immer ihre Liebesheirat erlaubt (denn letztlich könnte es ja sein, daß genau das von Gott so gewollt ist), läßt er sich am Ende auch aus seiner Heimat vertreiben. Allenfalls rettet ihn seine Schlitzohrigkeit und seine Redseligkeit, mit der er seinen Gegenüber ohnmächtig quasselt, davor, in personam verprügelt zu werden, ja, man läßt ihm die „Freiheit“, sich seine Fenster selbst einzuschlagen – aber retten, das kann er sich nicht.

Unerforschlich ist für ihn das Schicksal bzw. Gottes Wille, denn für ihn ist alles Wille und Ausdruck von Gottes Plan – den Menschen unzugänglich und unergründlich. Deswegen hat er sich hineinzufügen, auch wenn manchmal der Wunsch durchscheinen mag, daß Gott – zumindest hin und wieder – mal ein anderes Volk auswählen könne als immer nur die Juden. Wie groß mag für Tewje die Enttäuschung gewesen sein, daß Gott just im Moment, da er die Frage stellte, wann denn der Messias auf einem weißen Pferd käme, ein Schimmel auf seinen Hof ritt – dessen Reiter die irdische „Ordnungsmacht“ vertritt und ihn von selbigen vertreibt.

Mit den Progromen von 1905 (Jabotinsky z.B. bescheibt die Zerstörung der heilen jüdischen Welt in Odessa in seinem schönen Roman Die Fünf sehr eindrucksvoll, auch z.B. Isaac Babel widmet sich diesem Thema in seinen Erzählungen [5]) wurden viele der russischen Juden in alle Welt vertrieben. Manchmal findet man die Spuren dieser Vertreibung auch ganz unvermutet, beispielsweise hier in Südamerika im Roman des argentinischen Schriftstellers Edgardo Cozarinsky Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich…. [5]. Die bis dato geordnete Welt der Ostjuden, die vorwiegend in ihren ‚Schtetl‘ lebten, wurde hinweg gefegt, die angeordnete Vertreibung, die instinktsicher seit alters her verwurzelte Antipathien und Vorurteile gegen Juden instrumentalisierte, zerstörte zusammen mit den sich sowieso radikal ändernden Lebensumständen Jahrhunderte alte Traditionen und Lebensweisen im zaristischen Ansiedlungrayon [6]. Tewje, der Milchmann, ist der Archetyp dafür, die Figur des Hiob, des Dulder, die Figur auch des in die Diaspora vertriebenen Juden, des Abraham, der eine neue Heimat sucht und de dabei trotz hin und wieder auftauchender dunkler Gedanken unverzagt an seinen Gott glaubt.

Die vorliegende Übersetzung von Armin Eidherr ist ergänzt durch ein Nachwort, in dem der Übersetzer auf die Lebensgeschichte und die Bedeutung des Autoren für die jiddische Literatur eingeht. Dabei hebt er hervor, das Bild des fröhlich-frommen Dulders Tewje, wie es z.B. im Musical Anatevka (Fiddler on the Roof) [7] vermittelt wird, nur bedingt stimmt. Desweiteren äußert er sich zur Bedeutung/Deutung des Werkes, das hier in einer Neuübersetzung erstmals vollständig vorliegt. Insbesondere sind auch die Eigenheiten von Tewjes Sprache nicht geglättet worden, das ‚Konfusius‘ wurde also nicht zum ‚Konfuzius‘, die ‚Birnillanten‘ nicht zu ‚Brillianten‘ und ‚Speck-Kohlant‘ nicht zum ‚Spekulanten’… auch die manchmal von Tewje nur lautmalerisch zitierten Sprüche aus Thora oder Talmud bleiben erhalten, Tewje liest viel, aber das Verständnis kommt nicht immer nach und so ergeben sich wohl eine Vielzahl von unfreiwillig komischen Wortspielen. „wohl“: weil man als deutscher Leser die angeführten Sprüche selbst nicht kennt (das gilt – denke ich – jedenfalls für die allermeisten Leser) und den Widersinn daher kaum beurteilen kann. Hier geben die Fussnoten des Buches leider nur sehr sporadisch Auskunft.

Letzteres ist aber auch schon mein einziger Kritikpunkt an diesen wunderschönen, traurigen Buch. Es entführt den Leser in eine verschwundene Welt, macht ihn zum Zeugen der Geburt einer Literatursprache, die aus einer bis dato weitgehend gesprochenen Sprache (in der Übersetzung, ich weiß…) entsteht, eines Prozesses, der wenige Jahre später blutigst beendet wurde [vgl. auch 8]. Ein zutiefst menschliches Buch, was die Figuren angeht, ein Roman, der die Ereignisse zweier bewegter und für die politische Entwicklung der ganzen „Welt“ wichtiger Jahrzehnte im Zarenreich auf die Ebene eines einfachen Juden herunterbricht.

Links und Anmerkungen:

[1] zum Autoren
[2] z.B. ist hier eine ausführliche Wiedergabe des Inhalts zu finden: Maria Klingner: Scholem Alejchem
Tewje, der Milchmann; in:  http://judentum-projekt.de/persoenlichkeiten/liter/alejchem/index.html
Bemerkenswert: während bei Klingner steht: „1883 heiratete er Olga Lojew. Diese stirbt 1885,..“, führt der Übersetzer in seinem Nachwort an, daß es der Schwiegervater ist, der 1895 den Tod findet, eine Aussage, die ich in meinen Text übernommen habe, ohne sie weiter zu überprüfen.
[3] Gilles Rozier erzählt die oder eine Geschichte des Jiddischen als Hochsprache in seinem wunderbaren Buch : Im Palast der Erinnerung (Buchvorstellung hier im Blog). Die Quelle des hier zitierte Spruch ist dort unter [4] zu finden
[4] vgl z.B. in dem wunderbaren Buch von Edmund de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen (Buchvorstellung hier im Blog)
[5] Buchvorstellungen hier im Blog:
– Vladimir Jabotinsky: Die Fünf,
– Isaak Babel: Erste Hilfe
– Edgardo Cozarinsky: Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich….
[6] Wiki-Artikel zum
– Schtetl: https://de.wikipedia.org/wiki/Schtetl
– Ansiedlungsrayon:  https://de.wikipedia.org/wiki/Ansiedlungsrayon
[7] Wiki-Artikel zu Anatevka:  https://de.wikipedia.org/wiki/Anatevka
[8] Gilles Rozier: Im Palast der Erinnerung (Besprechung hier im Blog)
[9] Manès Sperber: Die Wasserträger Gottes (Besprechung hier im Blog)

 

Scholem Alejchem
Tewje, der Milchmann
mit einem Nachwort vom Übersetzer
Übersetzt aus dem Jiddischen von Armin Eidherr

Originalausgabe: tevjeh der milchiger, (1894 – 1916)
diese Ausgabe: Manesse, HC, ca. xxx S., 2016 (der Verlagslink führt zu einer früheren Ausgabe)

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

 

 

Der Franzose Gilles Rozier ist ausgewiesener Kenner und Fachmann jüdischer und jiddischer Kultur und Literatur, sowie Schriftsteller und Übersetzer. Mit diesem Tatsachenroman „Im Palast der Erinnerung“ schildert er das eruptive Auftauchen des jiddischen als bedeutende Literatursprache im frühen 20. Jahrhundert und – wenige Jahrzehnte später – das Abmähen der besten Köpfe durch die großen Schlächter aus Deutschland und Russland. So ist der Sprachkontinent des Jiddischen, das imaginäre „Jiddischland“, zu einem Atlantis geworden, bevor er sich überhaupt festigen konnte, untergegangen und vernichtet die meisten Werke, gesammelt von einigen wenigen, die sich für sie begeistern und die das Andenken an den Aufbruch der frühen jiddischen Autoren lebendig halten – so wie es Roznier hier meisterhaft vorführt.

Welche jiddischen Autoren fallen uns spontan ein, wenn wir danach gefragt würden? Die Brüder Singer vielleicht (wage ich zu behaupten), Isaac Bashevis, den ich hier im Blog mit einem kurzen Roman, „Schoscha„, vorgestellt habe und Israel Joshua, dessen „Die Familie Karnovski ich vor kurzem besprach. Und wer sonst noch? Eine Auflistung jiddischer Autoren bietet die Wiki [1], seltsamerweise ist eine der Hauptfiguren des vorliegenden Romans nicht aufgeführt, nämlich Melech Radicz

Schreibt Jiddisch, dann werdet ihr der Welt nützlich sein. [4]

Was ist überhaupt so besonderes an dieser Entwicklung? Jiddisch, diese vor einem Jahrtausend am Rhein entstandene Sprache, die sich dann über Europa verteilte und besonders dessen jüdischen Osten prägte und im osteuropäischen Judentum wiederum vor allem Polen, das mit Warschau eine Art „geistiger Hauptstadt“ des Judentums – von Jiddischland – beherbergte, war in den engen, dunklen, stickigen Shtetls die Sprache der kleinen Leute („Jargon„). Die Entwicklung zu einer anerkannten Literatursprache, mit der jüdische Identität neu zu finden ist [4], den anderen Sprachen Europas gleichwertig, sollte erst um die Jahrhundertwende eintreten, sie ist Thema des Buches und wird von Roznier an drei prägenden Gestalten exemplarisch dargestellt und nachempfunden.

Der Wechsel vom 19. in das 20. Jahrhundert und dessen erste Jahrzehnte, ja, erste Hälfte ist unruhig, brodelnd. Politische und kulturelle Verwerfungen zeigen sich und haben einen ersten katastrophalen Höhepunkt im Ersten Weltkrieg. Aber schon vorher beginnen die Unruhen im riesigen Zarenreich, Aufstände, Revolutionen, Machtkämpfe führen zu Hassausbrüchen gegen die jüdische Bevölkerung, Jabotinksy hat dies in seinem Odessa-Roman geschildert [3]. Viele Juden fliehen nach Westen, tragen die Schreckenskunde mit sich. Noch ist die Stellung der Juden im Habsburger Reich durch gewährte Rechte und Freiheiten des Kaisers ungefährdet, doch die k.u.k. Monarchie sollte den bald ausbrechenden Weltkrieg nicht überleben… Die Grenzen… Keineswegs sehen die Staaten wie Polen oder die Ukraine geographisch so aus wie heute, die Grenzen verschieben sich, die Namen der Städte wandeln sich so wie das Kriegs“glück“ mal die eine, mal die andere Partei an die Macht bringt.

In dieser unruhigen, brodelnden Atmosphäre gründet sich in Warschau ein „Literaten- und Journalistenverein“, dem die intellektuelle Schriftstellerelite angehört und der in hitzigen Diskussionen die Weltläufte analysiert und kommentiert. Zu den Besuchern dieses Vereins gehören auch die drei im Roman betrachteten Autoren Uri-Zwi Grinberg (1896–1981), Perez Markisch (1895–1952) und Melech Rawicz (1893–1976), die auf diesem Gruppenfoto mit abgebildet sind [5].

palast gruppenfoto

In der Mitte, mit dem beeindruckenden Haarschopf liegt halb über den Tisch gebeugt Markisch, der bärtige, ihn intensiv, ja beinahe versunken betrachtende Mann ist Melech Rawicz und der über seinen Haarschopf hinweg in die Kamera schauende Jüngling endlich ist Uri-Zwi Grinberg. Aufgenommen wurde das Foto von dem ebenfalls Literaten und Fotografen Alter Kacyzne und damit bin ich endlich beim Buch angekommen, denn dessen die Wirren und das Morden der Zeit überlebende Tochter Sulamita ist die Protagonistin der Rahmenhandlung, in die Rozier sein Geschichtspanorama jiddischer Literatur bettet.

Männlicher Gegenpart dieser Rahmenhandlung ist der junge Franzose Pierre, ein hochintelligenter Mann mit exzellenter Ausbildung, dem die (französische) Welt offensteht. Durch familiäres Unglück bedingt – er ist Waise und hat praktisch keine Verwandten mehr – ist er bindungslos und nach „rückwärts“, in die Vergangenheit hin orientiert. Der Beruf, der er gewählt hat, Banker, erscheint ihm immer sinnloser. Sehnsuchtsvoll erinnert er sich an Kindertage, in denen dort, wo er wohnt noch alles anders war, wo es kleine Läden gab mit jüdischen Handwerkern, wo jüdisches Leben im Hinterhof stattfand und er jüdische Sprache hörte. Und dann ist da noch, für ihn völlig überraschend, eine polnische Großmutter mütterlicherseits, Anna Janowska, von deren Existenz er nichts wusste und erst recht nichts von ihr selbst.

Er fängt an, jiddisch zu lernen und stößt auf das Foto dieser sechs Autoren, aufgenommen im Sächsischen Park in Warschau, 1922. Und er erfährt von der Existenz Sulamitas, die abgeschlossen von der übrigen Welt in ihrem römischen Palast praktisch alles Material, dessen sie habhaft werden konnte, gesammelt hat, was mit diesen Männern aus Warschau, auf deren Schoß sie als Kind noch gesessen hat, zu tun hat.

Es entwickelt sich ein Kontakt zwischen diesem beiden ungleichen Menschen, dem jungen, suchenden Mann und der fast Hundertjähigen, die alles weiß und bewahrt, die noch (oder wieder) in dieser Vergangenheit zu leben scheint. Zögerlich reagiert Sulamita anfangs, bevor sie dem Neugierigen ausführlicher erzählt, schließlich reist Piere nach Rom und besucht Sulamita, zu der er eine immer stärkere Bindung in sich spürt.

In den Briefen Sulamitas, in ihre Erzählungen und Ausführungen, in Zitaten, in Auszügen von Gedichten entfaltet sich langsam diese Welt jiddischer Literatur, die sich Anfang des Jahrhunderts zu entwickeln beginnt. Es sind kraftvolle Gedichte, alles hinweg fegend, was es bis dato gab:

Weg da! An mir haftet der Gestank und auf mir kriechen Frösche!
Suchst du den Vater und die Mutter hier? Suchst du den Freund?
Sie sind ja hier! Sie sind ja hier! Doch sie verströmen einen scheußlichen Gestank!
Weg da! Sie lausen sich, die Vogelscheuchen, mit krummen Messinghänden …..

ist die Antwort Markeschs auf die Pogrome… (Die Pogromgedicht „Die Kupe“)

Ich will nicht im Einzelnen auf die Lebensläufe der drei Schriftsteller eingehen, diese sind leicht, zumindest in der Übersicht, aus der Wiki zu erfahren [6], bzw. auch in der Besprechung des Buches in der Jüdischen Allgemeinen [7]. Grinberg, Markisch und Rawicz sind im Grunde nur kurze Zeit zusammen, wenngleich sich in dieser Zeit eine enge Freundschaft entwickelt – die die Zeit so nicht überdauern wird. Der Erste Weltkrieg reißt die drei, die aus ganz unterschiedlichem Milieus kommen, auseinander, jeder der drei macht seine Erfahrungen, hat seine eigenen bitteren Erlebnisse. Aber sie überleben und nach dem Krieg beginnt ein oft unstetes, unruhiges Wanderleben. Paris, Berlin, London, Palästina sind Stationen ihres Lebens, dessen politische Grundüberzeugungen divergieren. Perez zieht es nach Osten, nach Russland, Warnungen von Grinberg überhört er. Tatsächlich wird er eine herausragende Figur unter den jüdischen Schriftstellern der Sowjetunion, erhält den Stalinorden und dann, 1952, nach drei Jahren Haft und Folter, die Kugel in den Hinterkopf.

Grinberg gelingt es, nach Palästina zu gehen, er wird dort zu einer Gallionsfigur der Orthodoxen und Rechten, zieht in die Knesset ein. Von ihm sagt Sulamita: Er hasst aus Liebe…  Melech schließlich, einst Sekretär beim Jüdischen Literatenverband, fand seine letzte Station in Montreal. So ist der Kontinent des Jiddischen wieder versunken, bevor er sich überhaupt entfalten konnte. Auch in Israel wird jddisch nur von einigen wenige gesprochen, zur Landessprache wurde das Hebräische gewählt.

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Ich möchte Ihnen erzählen, wie drei junge Leute in ihrer Dichtung ein Lebenszeichen hinterlassen haben,
und nicht, wie Millionen durchs Abflussrohr verschwunden sind, denn das berichten andere unaufhörlich. 

[Sulamita zu Pierre]

„Im Palast der Erinnerung“ ist ein sehr lesenswertes Buch mit einer behutsames Sprache. Das Schreckliche, durch das alles bedingt ist, wird erwähnt, weil es nicht verschwiegen werden kann, es spielt aber nicht die Hauptrolle in diesem Buch. Der Roman ist sehr faktenreich, von vielen Einzelheiten muss man sich lösen, wenn man die Gesamtschau aufrecht halten will, aber das ist kein Negativum, im Gegenteil, mit jeder Nennung eines Namens, der sonst ungenannt und unbekannt bliebe, wird ein Mensch, ein Künstler, ein Autor dem Vergessen entrissen. Das Jiddsche, das hier die Hauptrolle spielt, tritt uns heutzutage entgegen mit dem Wissen, daß viele Begriffe aus dieser Sprache in unsere Alltagssprachen eingeflossen sind, daß es eine Literatursprache ist war, lernen wir durch Sulamita.

Zum Schluss des Buches scheint Sulamita ihre Mission erfüllt zu haben, sie hat in Pierre einen Nachfolger, einen Bewohrer ihres Palastes der Erinnerung gefunden. Ihm vertraut sie nach ihrem Tod all das Gesammelte, die letzten Erinnerungen an eine untergegangene Welt an…

Ein wenig rätselhaft erscheint mir die männliche Hauptfigur des Buches, Pierre. Er „verfällt“ im Lauf der (Rahmen)Handlung der fast Hundertjährigen immer mehr, von „Liebe“ gar ist die Rede, natürlich von platonischer…. Rozier hat diese Figur sehr konsequent rückwärts gerichtet beschrieben, fast ein Verlorener in unserer Zeit… einen einzigen Freund gönnt ihm der Autor – und raubt ihm diesen gleich wieder, die moderne Seuche, AIDS,rafft ihn dahin… noch ankerloser treibt Pierre danach durch Zeit und Raum, halt gibt ihm nur die Vergangenheit… vllt hat der Autor diese Figur aber auch nur so geschaffen, damit sie ohne Bruch an Sulamitas Stelle treten kann….

Wie auch immer: Kauft dieses Buch, borgt es euch, zur Not: klaut es ;-), aber lest es…. es ist ein wunderbares Buch, es ist sehr interessant, es ist faktenreich, es ist voller Gefühle und dazu noch gut geschrieben. Was will man mehr?

Links und Anmerkungen

[1] Wiki-Artikel: Liste jiddischer Schriftsteller
[2] zur jiddischen Literatur: Kleine jiddische Literaturgeschichte, in: www.judentum-projekt.de
auch: Jiddische Literatur in der Wiki, interessant auch der kleine Beitrag in Hagalil.com über „Jiddisch“
gruppenbild: The „Chalastre“ – „The Gang“ (from the Russian) – a group of Yiddish authors in Warsaw. Photographed in 1922.
[3] Vladimir Jabotinsky: Die Fünf, Besprechung hier bei aus.gelesen
[4] Y.L. Peretz, nach: Angelika Glau: Jüdisches Selbstverständnis im Wandel: jiddische Literatur Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts , S. 130, zu finden hier: google.books
[5] In the photo: Mendel Elkin (on the left), Peretz Fiszbajn (second from the left), Uri – Zvi Greenberg (third from the left), Peretz Markish (third from the right), Melech Rawicz (second from the right) and Israel – Joshua Singer (on the right). quelle: Ghetto Fighters House Archives
[6] Wiki-Artikel zu
– Perez Markisch
 Melech Rawicz (auf polnisch….)
– Uri Zvi Greenberg
– Alter Kacyzne
– Sulamita Kacyzne: sie hat in der Tat, wie im Buch beschrieben, ihre Spuren verschwinden lassen…. was ich von ihr gefunden habe, geht kaum über dies hier hinaus: „Kacyzne’s daughter, Sulamita Kacyzne-Reale, survived the war in hiding. She later married an Italian diplomat. “ Quelle: http://www2.mcdaniel.edu/Psychology/HBO/Launderers.html
[7] http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/15062

Gilles Rozier
Im Palast der Erinnerung.
Übersetzt aus dem Französischen von Claudia Steinitz und Barbara Heber-Schärer;
Übersetzt aus dem Jiddischen von Nici Graça und Esther Alexander-Ihme;
Übersetzt aus dem Hebräischen von Ruth Melcer.
Originalausgabe: Paris, 2011
diese Ausgabe: Die Andere Bibliothek, Berlin 2012, 450 S., 38 €

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