Ulrike Voss: Rebeccas Küsse

18. Januar 2017

…. und Liebe ist Liebe.

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Ulrike Voss ist Autorin aus der Nähe von Frankfurt, ihr Thema sind lesbisch-erotische Geschichten. So auch dieser Roman Rebeccas Küsse, der mit der Ich-Erzählerin Julia eine junge Frau als Protagonisten hat, die in einer festen Beziehung mit Gudrun lebt. Die beiden Frauen wohnen und arbeiten zusammen: sie betreiben eine Event-Agentur in Berlin. Das ist viel Arbeit und wie im richtigen Leben so leidet auch im Roman die erotische, prickelnde Seite der Beziehung unter der Belastung des Alltags und der Tatsache, daß es prinzipiell schwer ist, das Feuer über lange Zeit am Lodern zu halten: oft, meist, fast immer fällt die Flamme zur Glut zusammen, die sorgsam gepflegt werden muss. So auch bei Julia und Gudrun, wobei hier selbst die Pflege schon schwierig geworden zu sein scheint: Ein Vierteljahr ohne Sex, das konnte doch nicht wahr sein!

Hab gerade Ihre Nippel unter dem Hemd bewundert! Es herrscht nicht gerade eine harmonischer Stimmung zwischen den beiden, als Julia am Abend diese Nachricht auf ihrem Facebook-Account findet. Liegt es an dieser Mißstimmung, daß sie sie nicht einfach wegklickt, sondern reagiert? Von welchen Bildern sprechen Sie? Zwei Gefühle streiten in ihr: das der sexuellen Unterversorgung und die blitzartig auftauchende Gewissheit, mit dieser Frau im Bett zu landen sowie das Wissen darum, diesen beginnenden Kontakt besser abzubrechen.

Nein, sie bricht ihn nicht ab, vor Gudrun verheimlicht chattet sie mit Rebecca, so nennt sich die Unbekannte, von der sie fast nichts weiß. Manchmal macht sie den Rechner aus, es gibt Pausen, aber immer wieder kommt es zu Kontakten. Rebecca kann auch über Literatur reden, kennt sich in Lyrik aus, aber…. Julia fängt an, ihr Leben zu überdenken, die Beziehung zu Gudrun, sie erinnert sich an Liebeleien von beiden Seiten, die selten und kurz nur nebenher liefen…. Sie liebt Gudrun, natürlich….

Im Sommer fährt Julia in ein Ferienhäuschen auf Gran Canaria, sie fährt alleine, Gudrun will im Herbst endlich in den Norden, nach Skandinavien fahren und hat ihre Reise schon gebucht… Schrei, bitte schrei, lass es dir kommen! Allein, unter dem sternenbedeckten Himmel, ein wenig Wein – die Chats mit Rebecca werden heiß, die beiden reden nicht mehr um den heißen Brei herum, was sie sich schreiben ist klar und eindeutig und hart und heiß und nass. Dirty Talking. Und es ist gut, daß sie ihre Musikanlage so laut gestellt hat, denn ja, Julia schreit und schreit und wälzt sich während sie schier ausläuft… Rebeccas Sätze und ich auf dem Liegestuhl neben der lauten tobenden Palme, mit geöffneten Beinen…

Wer ist sie? Wieso machte ich das mit, was trieb mich?

Sie vertraut sich einer Freundin an, die nach zwei Wochen kommt und ebenfalls in dem Häuschen wohnt. Bis jetzt sei es ja eigentlich nur Selbstbefriedigung, so Claudia, aber sie solle vorsichtig sein, hinter dem Namen Rebecca könne sich jeder verbergen, auch ein Mann, der sich nur aufgeilen will… Oder hast du dich verliebt?  Hatte sie sich verliebt?

 Wieder zurück in Berlin genießt Julia einerseits die vertraute Nähe zu Gudrun, vermisst aber schmerzlich den Sex, zumal Gudrun ihr in ihrer Abwesenheit ein eigenes Bett in ihr Zimmer gestellt hat, damit sie beide ungestört schlafen können…

Der große, entscheidende Entschluß: Julia und Rebecca verabreden sich zu einem realen Treffen in Frankfurt, lernen sich kennen. Es ist für Julia nicht so, wie sie sich das ausgemalt hatte, Rebecca sieht so ganz anders aus wie in der Phantasie ausgemalt, groß und muskulös. Eine fremde Frau .. in einem schäbigen Zimmer mit häßlich grün-braunem Teppichboden und grünlich gelben Wänden auf einem weiß bezogenen Bett… der Sex ist nicht wild, eher verhalten, sie haben nicht viel Zeit und Julia ist befangen.

Aber sie treffen sich noch einmal und noch einmal und als Rebecca in Frankfurt die Wohnung einer Freundin nutzen kann, wird aus den gelegentlichen Treffen etwas Regelmäßiges. Gudrun gegenüber versinkt Julia immer mehr in Lügen, sie schiebt ihre Mutter vor, die krank sei und besucht werden müsse…. in Frankfurt mit Rebecca entwickelt sich still und unaufhaltsam eine Beziehung, mal rutscht das Wort ‚meine Freundin‘ aus Julia heraus, auch das Wort ‚Liebe‘ steht deutlich am Horizont…..

Das eine bekommen und das andere behalten. Kann man eine Nebenbeziehung, eine zweite Liebe führen neben der ersten? Die Wärme Gudruns, die Vertrautheit, die bekannte Nähe – Julia möchte das alles nicht verlieren, aber genauso wenig möchte sie Rebecca verlieren mit ihren Küssen… Um ihre Beziehung mit Gudrun aufzufrischen, fahren die beiden ein paar Tage nach Lanzarote, ins ‚Yaiza Princess‘ (eine gute Wahl, ich kenne das Hotel…), besuchen La Graciosa, die Sandinsel im Norden von Lanzarote. Sie urlauben auch in der Nähe, treffen sich mit Freundinnen, mit denen sie was unternehmen.

Wir müssen reden.

So wird Julia nach der Rückkehr von einem der Treffen mit Rebecca von Gudrun empfangen. Wir müssen reden.


Ein Thema, so alt wie die Liebe selbst. Es ist völlig unabhängig davon, wie man sexuell orientiert ist, niemand ist davor gefeit, einem Menschen zu begegnen, der einen im Innersten anrührt, man nennt das wohl Liebe. Das kann schon an sich kompliziert sein, noch komplizierter wird es natürlich dann, wenn man – wie es die Konstellation im Roman von Voss ist – schon fest liiert ist, halbwegs glücklich und zufrieden ist, auch wenn es an der einen oder anderen Stelle hin und wieder knirscht, so wie zwischen Julia und Gudrun. Trotzdem möchte man den anderen nicht missen, die Liebe zum Partner hört nicht automatisch auf, nur weil man sich in einen weiteren Menschen verliebt, das Gewohnte gibt auch Sicherheit, die man schätzt.

Das ist die uralte Frage: kann man zwei Menschen gleichzeitig lieben? Und kann man diese Beziehungen so gestalten, daß alle drei glücklich werden dabei? Sicherlich fängt die Zweitbeziehung erst einmal heimlich an, wird durch Lügen kaschiert so wie im Roman bei Julia. Dabei weiß sie, daß dies kein Dauerzustand sein kann…. aber der Mut zur Wahrheit, er ist schwer zu finden, zu groß auch die Angst vor einem Bruch….

Voss findet in ihrem Roman einen Ausweg aus dieser schwierigen Situation, ein Ausweg, der alle glücklich werden läßt (als Leser ahnt man schon vorher, in welche Richtung Voss ihre Geschichte auflösen will) und damit ein bischen arg zuckersüß erscheint. Ob sich solche Geschichten im ‚richtigen Leben‘ nicht doch anders abspielen? Aber gut, es ist nicht das richtige Leben, es ist ein Roman und da hat die Autorin für ihre Geschichte eben ein befriedigendes Ende gewählt, es ist ihr gutes Recht.


Was früher der Briefroman war, dann vor ein paar Jahren heutzutage schon fast rührend nostalgisch anmutend mit Glattauer (und anderen) zum erfolgreichen Mailroman wurde, ist im ersten Teil bei Voss eine Art Chat-Roman – zumindest passagenweise. Was mit Brief und Mail funktioniert, funktioniert auch im Chat: zwischen zwei Menschen, die sich nicht kennen, die noch nicht einmal wissen, wer der/die andere ist und ob er/sie nicht sogar fakt, entwickeln sich starke Gefühle. Es ist mehr als betreutes Masturbieren, die Emotionen sind real, besetzen die Fantasie und können zur Obession ausarten. Voss läßt ihre Protagonisten genau diesen Weg gehen: Wer ist sie? Wieso machte ich das mit, was trieb mich? 

Der/Die im Grunde unbekannte Gegenüber wird zur Projektionsfläche für eigene Wünsche und Bedürfnisse, da kein Bild existiert, mache man sich ein Bild, setzt es wahrscheinlich unbewusst aus Versatzstücken der eigenen Idealvorstellung zusammen. Vielleicht fällt es deswegen ab einem bestimmten Punkt so leicht, alle Hemmungen beseite zu schieben, denn gegenüber sitzt ja schließlich mein idealer Partner, vor dem ich keinerlei Scheu zu haben brauche. Da dies auch in der anderen Richtung funktioniert, schaukelt sich die virtuelle Beziehung schnell und leicht auf: aus Dirty Talking wird Very Dirty Talking. Ich bin nass. – Dann rein mit der Hand ins Nasse.


Der Lackmus-Test für eine solche virtuelle Beziehung ist die Realität, die nicht selten ein Schock ist. Voss arbeitet dies schön heraus. Was haben die heißen kanarischen Nächte voller Palmenrauschen unter klarem Sternenhimmel zu tun mit dieser fremden Frau, die groß und muskulös im Türrahmen des schäbigen Zimmers steht, dessen Interieur farblich sehr an Mageninhalt erinnert? Vorbei ist es mit der Hemmungslosigkeit, Befangenheit und Zurückhaltung dominieren, auch wenn Voss ihrer Julia einen immerhin leisen Höhepunkt gönnt. Aber wie auch immer, bei beiden verfliegt der Zauber nicht völlig, stellt sich, wie ich vorstehend angedeutet habe, wieder ein..


Voss ist mit Rebeccas Küsse ein frischer, unterhaltsamer, auch anregender Roman gelungen. Ein Roman, der seine nachdenklichen Passagen hat, der Zwiespalt, in dem die Autorin ihren Protagonisten schickt und der sie immer stärker in eine Geflecht aus Lügen und Ausreden einbindet, zwingt diese dazu, ihr Leben zu überdenken. Die Handlung ist in der Jetzt-Zeit angesiedelt und nah am Leben geschildert, junge Frauen (aber nicht nur diese!) in ähnlicher Lage können sich in Julia und ihrer Situation durchaus wiederfinden – unabhängig von der sexuellen Orientierung (Liebe ist schließlich Liebe). Wer sich schon einmal in einer ähnlichen Situation wie Julia befunden hat, wird sich in deren aufgewühlter Gefühlslage gut einfühlen können.

Die erotischen Szenen, die Voss anfänglich als Chat beschreibt, kann man nicht als raffiniert bezeichnen, sie kommen schnell zur Sache und benennen sie mit klaren Begriffen und Aufforderungen. Aber ok, auch ein Quickie hat schließlich seinen Reiz. Im zweiten Teil des Romans ändert sich die Art der Beschreibung und wendet sich vom Dirty Talking ab zugunsten einer subtileren Darstellung der erotischen Szenen, die aber keineswegs als Selbstzweck fungieren, die sich im Gegenteil harmonisch in den Zusammenhang der Handlung einpassen. Das zuckersüße Ende, das einer eher unwahrscheinlichen Auflösung der verzwickten Situation zwischen den Frauen entspricht, hat mich persönlich ein wenig gestört, es sieht mir ein wenig arg nach Wunschdenken aus… was mich aber nicht daran hindert, Rebeccas Küsse insgesamt als gelungenen Roman zu beschreiben, der gerade auch unter dem Aspekt des Erotischen aus dem, was der Buchmarkt auf diesem Sektor heute vorwiegend bietet, deutlich herausragt. Einen Dank auch an Claudia Gehrke, die mit ihrem konkursbuch Verlag immer wieder solche literarische Erotik anbietet.

Ulrike Voss
Rebeccas Küsse
diese Ausgabe: konkursbuch Verlag, Softcover, ca. 310 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Weitere Besprechungen vom mir über erotische Literatur sind über diesen Link zugänglich:
https://erotischebuecher.wordpress.com/autorenverzeichnis/

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One Response to “Ulrike Voss: Rebeccas Küsse”


  1. […] zur Buchbesprechung:  https://radiergummi.wordpress.com/2017/01/18/ulrike-voss-rebeccas-kuesse/ […]

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