William Boyd: Die Fotografin

22. Januar 2017

boyd-cover

Spätestens, wenn man im Kurzportraits des englischen Autoren William Boyd [1] den Namen Nat Tate liest, sollte man stutzen. Nat Tate – da war doch was [2]? Genau – ein riesiger Bluff, auf den viele reinfielen…. und derart misstrauisch geworden hilft die Internetsuche nach der Protagonisten dieses Romans mit dem Untertitel Die vielen Leben der Amory Clay ebenfalls weiter. Ich kann es hier ohne zu spoilen ruhig verraten, da es in den Kritiken, die schon publiziert sind, ja auch nicht verschwiegen wird: auch Amory Clay (1908 – 1983), deren vorgebliche Biografie Boyd vorlegt, ist eine fiktive Person.

Betrachten wir die Lebensspanne von Amory Clay: sie umfasst die beiden Weltkriege, die beiden Nachkriegszeiten, andere Kriege wie  den in Vietnam. Natürlich gäbe es außer diesen drei Nennungen noch viele weitere Ereignisse, aber diese Kriege mit den nachfolgenden Zeiträumen stehen sozusagen im Mittelpunkt des Romans. Denn Boyd hat nicht weniger vor, als uns Lesern einen großen Teil des letzten Jahrhunderts noch einmal durch das Leben seiner Hauptfigur vorzuführen.

Boyd nutzt das vorgebliche Leben der Amory Clay als Vehikel zu einer Tour de Force durch einen großen Teil des 20. Jahrhunderts. Sie ist das älteste Kind von insgesamt dreien, die jüngere Schwester sollte als musikalisches Wunderkind Pianistinnenkarriere machen, der Bruder, der die ersten Jahre Sorge machte, weil er ein Spätentwickler war, mauserte sich  zum Lyriker, der später im Weltkrieg No 2 bei der britischen Luftwaffe diente und über Frankreich abgeschossen wurde. Das schriftstellerische Talent verdankt Amory wohl dem Vater, obschon dieser mit seinen literarischen Werken einen gut überschaubaren Erfolg hatte, immerhin reichte es zum Leben. Was ist über die Mutter zu sagen? Nun, vielleicht soviel: Herzlichkeit und Mutterliebe waren wohl nicht ihre herausragenden Charaktereigenschaften….

Der entscheidende Moment im Leben Amorys war das Geschenk des von ihr geliebten Onkels Greville, einem Fotografen, der ihr, als sie sieben Jahre alt war, einen Fotoapparat schenkte. Von nun an fühlte sich Amory als Herrin der Zeit, die sie mit ihren Bilder anhalten und konservieren konnte….

Der Vater nahm am ersten Weltkrieg teil, überlebte ihn zwar, trug aber einen schweren seelischen Schaden davon, der auch Ursache war für einen weiteren Wendepunkt im Leben seiner ältesten Tochter. Die bis dahin hervorragenden schulischen Leistungen verschlechterten sich, die Aussicht auf einen anständigen Beruf sanken und Amory beharrte darauf, Fotografin zu werden. Für eine Frau war das Mitte der 20er Jahre ein recht ausgefallener Wunsch…

Kürzen wir es ab: mit Hilfe ihres Onkels konnte sie zumindest die ersten Schritte als Fotografin machen. Sie reiste mit seiner finanziellen Unterstützung in das verruchte und mondäne Berlin der Goldenen Zwanziger, die Bilder, die sie von Prostituierten und aus den Nachtclubs mitbrachte, provozierten in England aber einen (lokalen) Skandal, der die junge Fotografin ins gesellschaftliche Abseits manövrierte. Andererseits lernte sie durch die Ausstellung ihrer Bilder Cleve Finzi kennen, einen amerikanischen Verleger, der sie in die USA holte. Amory wusste natürlich, daß dies seinen Preis hatte, aber es war ihr nicht wirklich unangenehm, diesen Rate für Rate zu begleichen, Finzi war ein intelligenter und attraktiver Mann….. und auch der französiche Romancier, den sie interviewen sollte, hinterließ Eindruck bei ihr, er sollte Jahre später ihr Geliebter werden…

Doch zuvor wurde sie von Finzi nach London geschickt, um aus Europa zu berichten. Dort keimte und wuchs die faschistische Bewegung immer stärker… Amory erlebte ein Desaster: sie wurde von den britischen Braunhemden der BFU zusammengetreten und sehr schwer verletzt…. der neuen Job, den Finzi ihr nach langer Krankheit besorgte, die Arbeit als Modefotografin, lag ihr nicht besonders…. eher reizte sie dann, den 2. Weltkrieg, nachdem die Amerikaner in die Kampfhandlung eingetreten waren, als Kriegsreporterin zu begleiten… in den letzten Kriegstagen traf sie dort auf einen jungen Offizier, der offensichtlich Schweres hinter sich hatte…. Sholto Farr, der sich als Landwirt vorgestellt hatte, wurde 1947 ihr Mann und machte sie zur Lady, Lady Farr, Herrin über ein großes Refugium in Schottland. Die Bezeichnung ‚Landwirt‘ war etwas tief gestalpelt… die Ehe der beiden war einige Jahre glücklich, dann kamen völlig unerwartet (angeblich konnte Amory nach dem Zwischenfall in England keine Kinder bekommen) Zwillinge, zwei Mädchen, auf die Welt. Doch ihr Mann Sholto litt immer offensichtlicher an den seelischen Verletzungen, die er im Krieg erlitten hatte…. es gab Probleme mit dem Testament, mit der Verteilung des Erbes, die Exfrau Sholtos hatte noch große Ansprüche… Amory wählte für sich und ihre Kinder unter anderem ein altes, einsame Cottage als Wohnsitz aus, Barrandale, auf einer kleinen ‚Insel‘ vor der schottischen Küste.

Noch ein Krieg… Boyd schickt seine Protagonisten im zarten Alter von immerhin neunundfünfzig Jahren noch einmal in die Hölle, nach Vietnam [3]. Amory merkte aber dort, daß sie irgendwie zu alt war für diesen Job… außerdem geriet sie hinter den Kulissen in Gefahr, weil sie Dinge gesehen hatte, die sie nicht sehen sollte…

Barrandale, der Ruhestand… mit Sorgen, die ihr Blythe, eine der Töchter macht, mit gesundheitlichen Problemen, die sie mit einem (später auch umgesetzten) Suizid sympathisieren läßt….


Boyd läßt seine Amory, die sich immer wieder mit spontanen, hastig getroffenen Entscheidungen in Probleme brachte, als Ich-Erzählerin ihres eigenen Lebens schildern. Die Geschichte wird chronologisch erzählt, aber immer wieder durch Abschnitte unterbrochen bzw. aufgelockert, in denen die Protagonisten aus ihrer Gegenwart des Jahres 1977 auf ihr Leben zurückblickt. Daß die Hauptfigur trotz des biografischen Anstrichs, den sich der Roman gibt, fiktiv ist, ist kein prinzipielles Problem, teilt sie doch dieses Schicksal mit unzähligen anderen Romanfiguren, die von Autoren geschaffen wurden.

Was mich mehr gestört hat, ist die ausschließlich Konzentration der Geschichte auf ihre Hauptperson. Im Buch selbst ist in Bezug auf Cleve Finzi einmal von Solipsismus die Rede, genau dies trifft auf das Buch und seine Hauptfigur auch zu: nur deren Ich existiert. So schrumpft beispielsweise das Berlin der Goldenen Zwanziger, in dem Amory einige Zeit weilte, zusammen auf einen lesbisch-schwulen Kosmos, der sich zwischen Bordellen, halbseidenen Nachtclubs und privaten Pornoshows bewegt. Mehr des Alibis wegen wurden Amory und eine Freundin des Nachts auch mal von Braunhemden belästigt, aber das war es dann schon, mehr erfährt man von Berlin nicht. Weltgeschehen ist und bleibt nur Hintergrund für Amory Clays persönliches Schicksal.

Leider nimmt man dieser Figur auch nicht ab, daß sie als Fotografin besonderes geschaffen hätte. Der Roman ist, eine schöne Idee, illustriert mit (angeblichen) Bilder Amorys, deren Geschichte und Motiv in die Romanhandlung eingebaut ist. Oder waren am Ende die Bilder sogar zuerst da und der Roman wurde um sie herum geschrieben? Das läßt sich nicht entscheiden, entscheidend ist eher, daß die Bilder – auch wenn ich kein Fachmann für Fotografie bin – allenfalls die Qualität von Schnappschüssen oder Erinnerungsfotos haben.

Dabei ist der Roman jedoch flott geschrieben und unterhaltsam zu lesen. Allzuviel Ansprüche stellt er nicht, ich habe hin und wieder, wenn es mir zu langatmig wurde, auch einmal ein paar Seiten nur überflogen….

Was wollte der Dichter uns mit seinen Worten sagen? Das zu beantworten fällt mir schwer… ging es darum, die Biografie einer Frau zu schildern, die in eine Männerdomäne eingebrochen ist, die beruflich und privat ein Leben mit Brüchen geführt hat, die mehrfach indirekt von Spätfolgen des Krieges betroffen worden ist (Vater, Bruder und Mann waren jeder auf seine Art Opfer des Krieges)? Das Weltgeschehen, in dem Amory agierte blieb jedenfalls immer nur schwach ausgeleuchteter Hintergrund ihrer Geschichte.

So ist meine Begeisterung über das Buch eher verhalten, für eine Entspannungskur zwischendurch scheint es mir jedoch bei aller Kritik geeignet.

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite des Autoren: http://www.williamboyd.co.uk
[2] z.B. hier: William Boyd: How David Bowie and I hoaxed the art world; in: https://www.theguardian.com/music/2016/jan/12/art-david-bowie-william-boyd-nat-tate-editor-critic-modern-painters-publisher
[3] ich hatte mir noch nie klar gemacht, wie interessant und vielschichtig das Thema ‚Kriegsberichterstattung‘ ist. Z.B. hier: http://www.bpb.de/gesellschaft/medien/bilder-in-geschichte-und-politik/73169/kriegsberichterstattung?p=all

William Boyd
Die Fotografin
Die vielen Leben der Amory Clay

Übersetzt aus dem Englischen von Patricia Klobusiczky und Ulrike Thiesmeyer
Originalausgabe: Sweet Caress, 2015, London
diese Ausabe: berlin-Verlag, HC, ca. 560 S., 2016

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2 Responses to “William Boyd: Die Fotografin”


  1. Es gibt in der Tat bessere Romane von William Boyd. z.B. „Eines Menschen Herz“ und vor allem „Die anderen Bekenntnisse“. In einem Interview erklärte Boyd, dass er alte Fotos sammle und so könnte diese Geschichte wirklich um die Fotos herum entstanden sein …

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    • flattersatz Says:

      diese täuschend echte(n) Autobiographie(n) sind wohl sein Markenzeichen. Der Plot der Die neuen Bekenntnisse erinnert ja sogar in Ferne an den der Fotografin, ein zersetzendes Jahrhundert, ein Künstler…. ach, ich glaube, das Kapitel Boyd ist für mich dann doch erst einmal geschlossen. ;-)
      liebe grüße

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