Günther Grass: Im Krebsgang

Es gibt im Leben vieler Menschen und auch Staaten Daten, an denen sich schicksalhaft Bedeutendes ereignet hat. Für Deutschland zum Beispiel kann man den 9. November anführen, die Novemberrevolution 1918, die Reichsprogromnacht 1938 und der Fall der Mauer 1989 sind nur einige Ereignisse, die auf dieses Datum fallen [1]. Im Krebsgang von Grass ist solch ein Datum der 30. Januar, der für die Protagonisten schicksalhaft und ihr weiteres Leben bestimmend geworden ist. An diesem Tag des Jahres 1945 wurde die Wilhelm Gustloff, vollgepfropft mit Flüchtlingen, Matrosen und Marinehelferinnen, von einem russischen U-Boot in der Ostsee versenkt, eine Katastrophe, an der reinen Zahl der Menschenopfer gemessen, größer als der Untergang der Titanic. An diesem Datum auch wurde der Erzähler der Geschichte, ein gewisser Paul Pokriefke, geboren, während Wilhelm Gustloff, Namenspatron des Schiffes, ein halbes Jahrhundert vorher, am 30. Januar 1895 in Schwerin das Licht des Lebens erblickt hatte. Last not least birgt das Jahr 1933 ein Ereignis zum Datum: Hitler wurde zum Reichskanzler ernannt, was üblicherweise als Machtübernahme oder Machtergreifung bekannt ist.


grass krebs cover

Warum erst jetzt? mit dieser Frage eines im Hintergrund bleibenden, aber unschwer als altersmüden Autoren zu erkennenden Mannes, eröffnet Grass seine als Novelle bezeichnete Geschichte. Warum erst jetzt? – die Frage bedeutet auch: „Warum bis jetzt“ nämlich: bis jetzt den anderen, denen, die Verherrlichen, Mystifizieren, Glorifizieren, die Deutungshoheit überlassen worden, besonders jetzt, in diesen Zeiten, in denen das Internet die Welt zu einem Klick schrumpfen lässt und dumpfes, gestriges Gedankengut als unausrottbar immer und immer wieder in extrem dem Bierkonsum ergebenem Dummköpfem wabert.

Der müde gewordene Mann im Hintergrund beauftragt den mittelmäßigen und anpassungsfähige Journalisten Paul Pokriefke (geschieden, ein Sohn namens Konrad) damit, diese Geschichte zu eruieren und zu erzählen. Pokriefke hangelt sich nicht an einem Zeitpfeil entlang, vielmehr geht es schrägläufig in die Quere, … etwa nach Art der Krebse, die den Rückwärtsgang seitlich ausscherend vortäuschen, doch ziemlich schnell vorankommen. Eine Geschichte in Sprüngen also, in Rückblenden und Vorgriffen – und überhaupt ist es mehr als eine Geschichte, zumindest sind es zwei, wenn nicht sogar drei oder vier, die der Unbenannte durch Pokriefke erzählen läßt. So ist es die Geschichte des Schiffes „Wilhelm Gustloff“, das als KdF-Schiff in Dienst gestellt worden war, auf dem auch die Großeltern mütterlicherseits des Erzählers zum ersten Mal so etwas wie Urlaub erleben konnten, der „Wilhelm Gustloff“, die dann nach Kriegsbeginn Lazarettschiff wurde, bevor sie als Ausbildungs- und Wohnschiff für Jahre am Kai festmachte, ihre Seetüchtigkeit aber bewahrte. So daß sie noch einmal in See stechen konnte, bis oben hin voll mit Menschen. Denn in den letzten Kriegstagen, bevor Ostpreussen anfing ein großes Freiluftgefängnis zu werden, angeheizt von der prinzipiellen Angst vor den Russen, zusätzlich noch in Panik geraten durch die propagandistisch aufgebauschten Toten, die man nach der Rückeroberung in Nemmersdorf gefunden hatte, versuchten unendlich viele zu fliehen. Über die winterkalte, eisbedeckte Ostsee – entweder direkt über das Eis, von dem viele verschlungen wurden, denn oft war es brüchig, manches Mal wurde es auch brüchig gebombt. Oder nach Danzig, an den Hafen, auf eines der Schiffe, die nach Westen fahren sollten. Wie die „Wilhelm Gustloff“.

Wilhelm Gustloff. Geboren 1895 in Schwerin. Lungenleidend, deswegen verhindert, Meriten zu sammeln im ersten großen Gemetzel des letzten Jahrhunderts, im Gegenteil ging er nach Davos, sein Leiden auszukurieren. Er trat der NSDAP früh bei, wurde deren Repräsentant in der Schweiz, baute dort die Auslandsorganisation auf. Und traf auf den Studenten der Medizin David Frankfurter, den Sohn eines Rabbiners, der seinerseits knochenleidend war. Und – um genauer zu sein – eigentlich traf nicht Gustloff den Frankfurter, sondern dieser den Gustloff. Tödlich, viermal mit Kugeln aus einem Revolver, in dessen Haus in Davos. Gustloff war derart Blutzeuge der Bewegung geworden. Und Frankfurter, der sich sofort der Polizei stellte und sich zu der Tat bekannte, wurde in einem aufsehenerregenden Prozess in der Schweiz zu achtzehn Jahren Haft und anschließender lebenslänglicher Landesverweisung verurteilt. Es ist schon fast eine Ironie der Geschichte: wo hätte man als Jude das 3. Reich sicherer überstehen können als im geregelten Leben, das Frankfurter nun die nächsten Jahre in der Schweiz erwartete? Er arbeitete in der Weberei der Haftanstalt, auch sein Knochenleiden kurierte sich im Lauf der Jahre aus, nach dem Krieg wurde er freigelassen und wanderte nach der Ausweisung nach Israel aus und wurde dort Beamter im Verteidigungsministerium.

Zu erwähnen ist weiterhin folgenden Mann: Alexander Iwanowitsch Marinesko, der Kommandanten des U-Boots, aus dem am 30. Januar 1945 insgesamt 4 Torpedos auf die „Gustloff“ abgefeuert wurden, von denen jedoch nur drei die Rohre verließen und das Schiff trafen. Marinesko war ein Seemann, dessen soldatische Karriere etwas darunter litt, daß er bei Landgang sowohl den Frauen als auch dem Alkohol im Übermass zusprach…. wäre Anfang ´45 in der russischen U-Boot Flotte kein Mangel an Kommandanten gewesen, hätte ihn der NKWD solcher Fehltritte wegen wohl aus dem Verkehr gezogen und nach Sibirien verfrachtet. Wohin er Jahre später dann aber trotzdem kam…. Jedenfalls, im groben Überblick erfahren wir auch immer wieder Bruchstücke aus dem Leben dieses von russischer Seite aus an allem Beteiligten.

Jetzt wären sie zusammen: das Schiff, sein Namensgeber, der U-Bootkommandant und der Attentäter. Fehlt nur noch ein Schicksal, das übergreifend mit der Gustloff verbunden ist, das in dieser Form der Gustloff seinen Anfang verdankt. Unter den vielen nämlich, die auf dem Schiff Rettung vor dem Russen suchten, befand sich auch die in letzter Minute noch an Bord gekommene (zum zweiten Mal an Bord gekommene) Familie Pokriefke, Vater August, Mutter Erna und als Schandfleck der Familie mit dickem Bauch (für den verantwortlich zu sein (neben dem Mädchen selbst) kamen ursächlich verschiedene in Betracht) die erst siebzehnjährige Ursula, gerufen Tulla. Ja, jene, die in der Danziger Trilogie Grass´ zwar nur eine Neben- aber eine wichtige Rolle spielt. Hier in der Geschichte wird sie vom Erzähler häufig nur „Mutter“ genannt, denn in den chaotischen Momenten der Torpedotreffer und den ebenso chaotisch verlaufenden Rettungsmaßnahmen gelang es zumindest Tulla, die mit anderen werdenden Müttern auf der Gustloff separat untergebracht war, in eins der zu wenigen einsatzfähigen Rettungsboote zu kommen und von einem zweiten Schiff, dem begleitenden Zerstörer „Loewe“, aufgenommen zu werden. Dort flutschte bedingt durch die Umstände dann jener verfrüht aus ihr heraus, der uns hier als Paul Pokriefke von allem berichtet. Zumindest erzählt es Tulla so, Zweifel, ob es nicht möglicherweise doch anders war, sind jedoch erlaubt.

So macht sich Paul Pokriefke auf die Suche nach Daten, Fakten und Informationen. Er nutzt das Internet, ganz sicher Suchmaschinen, um oder kurz vor 2000 [2] war noch prä-Google, mag sein, er hat im Yahoo-Katalog gesucht, bei Fireball oder Altavista, was es damals halt so gab. Jedenfalls klingt aus dem Bericht ein gewisser Stolz heraus, sich auszukennen. Und auf „blutzeuge.de“ zu stoßen, eine Seite, die sich durchaus kundig und ansprechend gestaltet mit dem Schiff, seinem Namensgeber und dem Tod der vielen befasst. Es ist eine faktenreiche Materialsammlung mit vielen Bildern, eine Heroisierung des Schiffes, seines sozialistischen Ansatzes als KdF-Ausflugsschiff, bei dem Arbeiter und Angestellte bei Tisch und auch sonst nicht getrennt worden waren. Was er dort liest, ist antisemitisch, nicht im dumpfen Sinne des Absprechens der Existenzberechtigung allgemein, sondern eher die Ansicht vertretend, alle Juden gehörten nach Israel, dort sollten sie sich sammeln. Was er dort liest, ist verherrlichend, Gustloff als Blutzeuge der Bewegung, der von einem Juden gemeuchelt wurde, der ein Symbol wurde, dem in seiner Geburtsstadt Schwerin ein Ehrenmal gesetzt wurde.

Im Chat zu dieser Seite trat besonders einer hervor, der sich David nannte und der sich mit Wilhelm – unter diesem Namen agierte der Webmaster – Wortgefechte lieferte, die ein gewisses Niveau einhielten, sogar hier und da kumpelhafte Frotzeleien und Verständnis aufblitzen ließen. Ein Freundfeindverhältnis, so der lesende Pokriefke. Bei dem sich, nach anfänglichen Überlegungen, wer denn diese Seite wohl betreibe und pflege, langsam ein ungeheuerlicher Verdacht einnistete und zur Gewissheit wurde, bestimmter Details wegen, die er dort las und die ihm aus anderer Quelle bekannt waren….

Mit dieser Erkenntnis wird aus dem informationssammelnden Journalisten ein Beteiligter an der Geschichte. Pokriefke erkennt, daß das Böse ihn – der stellvertretend steht für die Generation derjenigen, die (kurz) nach dem Krieg geboren sind – einfach übersprungen, übergangen hat und sich in den Hirnen der nächsten Generation einnistet und sie vernebelt. Paul Pokriefke erkennt, daß er nicht nur dem Schicksal der Gustloff nachforscht, sondern auch seinem eigenen, dem seiner Familie.

Das hört nicht auf. Nie hört das auf.


Grass hat diesem als „Novelle“ eingestuften Text sehr akribisch das Schicksal des ehemaligen KdF-Schiffes „Wilhelm Gustloff“ recherchiert und mit der fikten Gestalt des Paul Pokriefke und seiner Familie verknüpft. Wir treffen auf Figuren, die wir aus der Danziger Trilogie schon kennen wie zum Beispiel Mutter Tulla, die, so muss man sagen, im Hintergrund der ganzen Geschichte die Fäden zieht. Sie lebt in Schwerin, macht dort im Arbeiter-und-Bauernstaat „Karriere“, läßt ihren Sohn Paul aber trotzdem noch vor dem Mauerbau in den Westen gehen mit dem Hintergedanken, daß er ihre Geschichte und damit auch die der „Gustloff“ für die Nachwelt aufschreibt. Sohn Paul jedoch erweist sich als Enttäuschung für sie, erst ihr Enkel Konrad, die übernächste Generation, ist ihren Gedankengut wieder aufgeschlossen und greift es – mit fatalen Folgen – auf, wobei kritisches Hinterfragen dessen, was die Großmutter ihm erzählt und was er aus anderen Quellen erfährt, unterbleibt. Und selbst bei der finalen Katastrophe, die eine Invertierung ist der Tat, die seinerzeit den Blutzeugen Gustloff ins Leben rief und die Konrad verbricht, ist Tulla diejenige, die sie erst möglich macht.

Grass arbeitet mit vielen Rückblenden, erklärt auch gleich anfangs, was mit Krebsgang gemeint ist, nämlich dieses anscheinend rück-/seitwärts ausweichen und trotzdem schnell vorankommen, und führt die Handlungsfäden erst allmählich zusammen. Kann man den ersten Teil des Buches als im wesentlichen eine Darstellung historischer Sachverhalte ansehen (es blitzt auch hie und so etwas wie ein etwas schnoddriger, „journalistischer“ Schreibstil durch), so „kippt“ dies nach dem Höhepunkt der Novelle, der Versenkung des mit Tausenden Flüchtlingen bevölkerten Schiffes, in eine Familiengeschichte um. Diese ist auf zwei Arten mit der „Gustloff“ verknüpft: zum einen durch die Geburt Pauls und zum anderen dadurch, daß Tulla auch nach Jahrzehnten (sie ist zum Zeitpunkt der Novellenhandlung 71 Jahre alt) noch von diesem Thema besetzt ist.

Der Nationalsozialismus und das 3. Reich sind die großen Themen des Danzigers, die ihn ein Leben lang umtrieben – inclusive seiner eigenen Vergangenheit als Angehöriger der Waffen-SS, die er erst spät offenlegte, die ihn aber innerlich wohl belastet hatte: Es musste raus, so wird er 2006 zitiert [4]. In diesen Themenkomplex reiht sich Im Krebsgang nahtlos ein, das braune Gedankengut, das sich eine Generation verpuppt hatte, überdauert hatte, weil diese Generation ihre Schuld verdrängte und überwiegend nach vorne schaute, dieses Gedankengut taucht in der übernächsten Generation wieder auf und breitet sich wie ein Krebsgeschwür aus, schwärmt aus, metastasiert.

Grass zeigt, daß der Ungeist auf zwei Ebenen wüten kann: im bierdumpfen Schädel der Masse sowohl als auch im Hirn eines Menschen, dem man Bildung, Rechtsempfinden und Intelligenz zutrauen sollte. Da diese Abneigung, Ablehnung und Bekämpfen des Fremden über das Gefühl gesteuert wird und nicht über die Ratio, ist sie so gefährlich: es entsteht ein Glaubensystem und Glaube ist kaum zu erschüttern.. ist ein sich selbst erhaltendes System. Und deswegen hört es auch nie auf, um den Grass´schen Stoßseufzer aufzugreifen, und deswegen ist auch Konrad zum Schluss so etwas wie ein Blutzeuge der Bewegung geworden, jemand, der sich für die Bewegung geopfert hat und dem jetzt gehuldigt wird.

Im Krebsgang – ein akribisch recherchiertes, detailreiches Stück Literatur, durch Rückblenden, verschiedene Erzählweisen und Perspektiven ein wichtiger und fesselnder Blick auf das Phänomen der Ewiggestrigen, die gerade jetzt, in unserer Zeit, wieder Zulauf bekommen.

Links und Anmerkungen:

[1] Übersicht in der Wiki zum 9. November (Deutschland): https://de.wikipedia.org/wiki/9.November(Deutschland)
[2] Beiträge zu David Frankfurter und dem Attentat auf Gustloff:  https://de.wikipedia.org/wiki/David_Frankfurter
Ludger Lütkehaus: Die Schweiz und der Schatten des Dritten Reiches – Eine Dokumentation zum Attentat David Frankfurters auf Wilhelm Gustloff, in: http://www.zeit.de/1986/43/die-schweiz-und-der-schatten-des-dritten-reiches
Sven Felix Kellerhoff: Wie ein Jude Hitlers Statthalter erschoss, in:  http://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article115696919/Wie-ein-Jude-Hitlers-Statthalter-erschoss.html
[3] „Ich war Mitglied der Waffen-SS“ in:  http://www.faz.net/….waffen-ss-1354882.html

Jasmin Lörchner: Drei Kugeln gegen den Nazi-Terror – Gustloff-Affäre 1936; in: http://www.spiegel.de/einestages/gustloff-affaere-1936-attentat-auf-schweizer-nazi-gauleiter-a-1075016.html (mit Fotostrecke)

Über die Versenkung der Gustloff wurden zumindest zwei Filme gedreht. 1959 entstand unter der Regie von Frank Wisbar der Streifen: Nacht fiel über Gotenhafen:

Fast fünfzig Jahre später kam mit „Die Gustloff“ (2008) eine weitere Verfilmung für das Fernsehen auf den Markt, die von der Kritik aber nicht sonderlich geliebt wurde:  https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Gustloff

Interessant ist auch diese Dokumentation des ORF2: Doku_ Der Untergang der Wilhelm Gustloff:

Günter Grass 
Im Krebsgang
diese Ausgabe: Steidl Verlag, HC, 216 S.m 2002.

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4 Kommentare zu „Günther Grass: Im Krebsgang

        1. das ist eine gute frage… ich bin kein besonderer grass-freund, so daß ich zwar viele werke von ihm im regal stehen habe, aber keins davon gelesen. der krebsgang – den ich skeptisch angegangen habe – hat mir zur eigenen überraschung gut gefallen. von dieser erfahrung her ist er meiner meinung nach durchaus als einstieg geeignet.

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