Nancy Mitford: Englische Liebschaften

11. Oktober 2015

Dies ist Lindas Geschichte, nicht meine.

… und wenn es Lindas Geschichte ist, ist es nur recht und billig, mir ihr anzufangen, dieses Buch vorzustellen…

Linda ist eines von insgesamt sieben Kindern eines kinderhassenden englischen Landadligen, der zusammen mit Sadie, seiner Frau, in einem Zustand fortwährenden Staunens angesichts der zahlreichen Wiegen, die sie gefüllt hatten, in ihrem Landsitz Alconleigh leben. Sadie ist im Buch Tante Sadie, denn erzählt wird die Geschichte Lindas von Fanny, ihrer Cousine, der Tochter von „Hopse“, die so hieß, weil sie sich als zu jung und lebenslustig ansah, um sich schon im Alter von neunzehn Jahren mit einem Kind zu belasten. Auch den Vater Fannys verließ sie schnell und lief danach so oft und mit so vielen verschiedenen Leuten davon, daß die Familie und Freunde sie nur noch Hopse nannten. So kam Fanny zu Tante Emily, der dritten der Schwestern, die sie wie ein eigenes Kind annahm und zu Tante Sadie kam Fanny meist über die Feiertage, an denen Tante Emily für sich selbst eine kleine Auszeit nahm.

Beherrscht wird der Landsitz der Radletts von Onkel Matthew, einem exzentrischen Mann, der England über alles liebt und alles hasst, was ausländisch ist, vor allem die Hunnen… Gullis liebt er natürlich auch nicht, dieses niedere Volk kann ihm gestohlen bleiben. Onkel Matthew wird schon auf der ersten Seite des Buches treffend charakterisiert, Mitford läßt ihre Fanny ein Bild der Familie Radlett beschreiben, auf dem sie um den großen Teetisch sitzen: Über dem Kaminsims hängt … ein Schanzspaten, mit dem Onkel Matthew 1915 acht Deutsche totgeschlagen hat, einen nach dem anderen, wie sie aus irgendeinem Unterstand hervorgekrochen kamen. Noch immer kleben Blut und Haare an diesem Werkzeug, das wir Kinder stets nur mit fasziniertem Schauder betrachteten. mm

Nancy Mitford weiß, wovon sie schreibt. Sie ist selbst als älteste der sechs Mitford-Schwestern (und einem Bruder) auf so einem Landsitz aufgewachsen, das Buch enthält eine Menge autobiografischer Bezüge. Mag sein, daß sogar der dieser Buchvorstellung vorangestellte Satz, es sei Lindas Geschichte, insofern zutreffend ist, daß sich in Lindas Schicksal einiges von auch von dem der Autorin selbst wiederfindet, während in der Erzählerin Fanny einen Gegenpart geschaffen wurde, der ein Schicksal erfährt, das auch Mitford möglicherweise vorgezogen hätte. Aber das ist meine rein persönliche Spekulation….

Linda ist 1911 geboren worden, ihre Lebensgeschichte, soweit wir sie erfahren, spielt zwischen den Weltkriegen bis hin zum Anfang des 2. Weltkriegs. Es sind zwei Englands, in dem Linda aufwächst, es ist das des heimischen Herdes und – etwas später dann – des England der  „Bright Young People“, die in London ihr Leben genießen. Größere Gegensätze lassen sich kaum vorstellen. Das von Onkel Matthew dominierte Haus, in dem die Jagd eine große Rolle spielt, das alt ist und sich im Winter nicht heizen läßt, so daß die Kinder sich im wärmsten Ort des Hauses verkriechen, einem großen Wandschrank. Dort hocken sie stundenlang und leben in einer Fantasiewelt, die sie sich in kindlicher Unschuld zusammenträumen. Über die große Liebe, über die Männer, die einmal um sie werben werden…. Mädchenträume, Märchenträume… Da Onkel Matthew der Ansicht ist, Bildung sei für Mädchen unnötiger Luxus, besuchen die Radlett-Kinder keine Schule, Hauslehrer verlassen das Anwesen meist nach wenigen Tagen wieder im Zustand nervlicher Zerrüttung und so beschränkt sich die Bildung der Kinder auf ein Französisch, das ihnen das Kindermädchen Lucille beibringt und das zu regelmäßigen Ohrfeigen durch Onkel Matthew führt, wenn er es aus dem Mund der Kinder hört. Der Wortschatz entspricht anscheinend nicht dem von „Hons“ den Honorablen… ferner geniessen sie ein wenig Musikunterricht.

Fanny dagegen erhält bei Tante Emily eine solide Schulbildung, Tante Emily macht dies zu ihrem persönlichen Anliegen. Für Fanny ist Tante Emily die Mutter, ihr Verhältnis zur leiblichen Mutter wird immer distanzierter, wie zu einer Fremden bzw. zu einer Person, die eben zur Familie gehört.

Substrahiert man den ironischen, leicht spöttischen Ton, mit dem Mitford ihre Beschreibungen des Lebens in Alconleigh überzieht, bleibt eine recht traurige Szenerie für das Aufwachsen von Kindern übrig: ein strenger, übellauniger, wenig liebender, impulsiver Vater, mit einem immer antiquierter werdenden Wertesystem, ein im Winter eiskaltes Haus, keine Spielkameraden, keine Schulbildung für die Mädchen, was nicht nur eine Zementierung von Unwissen bedeutet, sondern auch ein Mangel an Fähigkeiten: sich Wissen zu erarbeiten beispielsweise oder sich zu strukturieren. So werden die Mädchen fast notgedrungen in eine Fantasiewelt abgedrängt, in der sie sich ihr Leben schön denken, und sich eine Zukunft mach ihren Vorstellungen zurecht planen. Oder sie sparen wie die junge Jassy schon im zarten Alter von sieben Jahren jeden Penny als Fluchtgeld an und rechnen anhand der Mietpreise für möblierte Zimmer in Zeitungsinseraten um, für wieviel Tage das Ersparte reichen würde….

Ein Mangel an Liebe, gezeigter, tätiger Liebe herrscht im Haus. Kein Wunder, daß Linda ihr Liebesbedürfnis auf Tiere fokussiert, daß sie viel in der Natur ist, die den Landsitz so wuchernd umgibt. Wobei sie die Tierliebe keineswegs hindert, eine begeisterte Jägerin zu sein….

In die Pubertät, bzw. in das Alter gekommen, müssen die Mädchen in die Gesellschaft eingeführt werden. Es werden Bälle gegeben, man mietet sich in London ein, um sich vorzubereiten. Da der Ungeselligkeit des Vaters geschuldet der eigene Bekanntenkreis recht dürftig ist (insbesondere was junge Männer angeht) lädt Tante Sadie nach einer längeren Auseinandersetzung mit Onkel Matthew den Nachbarn und dessen Bekannte, Lord Merlin ein. Dieser Lord Merlin ist genau das Gegenteil von Onkel Matthew: sein Haus ist modern und warm, er ist gebildet, kultiviert, kann sich über Literatur, Kunst, Musik, Politik unterhalten und seine Gesellschaft, die er mit auf den Ball zu den Radletts bringt, wirkt dort wie eine Ansammlung von Paradiesvögeln…. kein Wunder, daß Onkel Matthew Merlin nicht ausstehen kann.

Wundert es, daß die Mädchen, bzw. jungen Damen davon fasziniert sind? Und so bildet sich Linda sehr schnell ein, es wäre Liebe, was sie Tony gegenüber verspürt, der Interesse an ihr zeigt, mit dem sie sich amüsiert und wohl fühlt. Sie sieht Tony so, wie sie ihn sehen will und so kommt es schließlich dazu, daß Linda den Nachkommen eines Hunnen heiratet, denn daß die deutschstämmigen Kroesigs schon seit Generationen auf der Insel leben, ist egal: Einmal Hunne, immer Hunne.

Die Ehe mit dem Bankersohn dauert ein paar Jahre, es kommt sogar eine von Linda ungeliebte Tochter auf die Welt, aber Linda erfüllt weder die Erwartungen der Kroesigs an ihre Schwiegertochter noch die ihres Mannes an seine Frau. Die Scheidung erstaunt niemanden.

Der nächste Ehemann ist das ziemliche Gegenteil von Tony: Christian ist Anarchist, zumindest aber Kommunist. Das sind nach Linda im Allgemeinen süße Menschen, schrecklich komisch und auch rührend, aber nicht besonders lustig. Sie haben insbesondere einen Fehler: sie plaudern nicht, sondern halten nur große Reden… Daß Linda hier als Hausfrau völlig versagt (bei einem Treffen klagt sie Fanny gegenüber, daß die Hausarbeit viel anstrengender ist und viel mehr Angst macht als das Jagen – kein Vergleich – und doch gab es nach der Jagd immer Eier zum Tee um wir mußten uns stundenlang ausruhen, aber nach der Hausarbeit erwarten die Leute, daß man einfach weitermacht, als sei nichts gewesen. … ), stört Christian kaum, er entzündet sich nur an den großen Aufgaben, die die Welt bietet und der Haushalt und auch Linda gehören definitiv nicht dazu. Wohl aber die Versorgung von Flüchtlingen aus dem Spanischen Bürgerkrieg in Südfrankreich…

Linda und Christian fahren auf den Kontinent. Ins Ausland, für Linda ist dies eine wahre Schreckensreise, was könnte ihr im Ausland nicht alles zustoßen…. In Südfrankreich geht es eine Weile gut, Linda, die sonst wenig zur Hilfe beitragen kann, fährt Transporte hin und her. Aber irgendwann merkt sie, daß Christian und eine andere Engländerin, die im Team mitarbeitet, auf einer Wellenlänge funken: sie verläßt ihren Mann Hals über Kopf, melodramatisch mit einem Brief, den sie ihm auf das Kopfkissen legt.

Ohne Geld und gültigen Fahrkarte landet sie auf dem Gare du Nord in Paris, heulend auf dem Bahnsteig. Da wird sie von einem Mann angesprochen und trotz der Möglichkeit, daß sie derart nach Brasilien in ein Bordell entführt werden könnte, kommt sie seiner Aufforderung, mit ihm zu kommen nach… was jetzt folgt, ist das wohl schönste (knappe) Jahr im Leben Lindas. Der Mann, ein reicher, bekannter Frauenversteher, bringt sie in einer wunderschönen Wohnung unter und von abends über die Nacht bis zum Morgen verbringen die beiden zusammen. Tagsüber… Linda weiß es nicht, es interessiert sie auch nicht wirklich.

Lord Merlin, der sie mit dem Mann Tante Emilys ausfindig gemacht hat, besucht sie, sieht ihr Glück und schwindelt in England etwas über ihren Aufenthalt und ihr Tun vor. Doch der nächste große Krieg wirft seine Schatten voraus. Fabrice, so heißt der Mann, ist beim Geheimdienst, er kündigt Linda an, daß sie ohne Wenn und Aber nach England reisen müsse, wenn er es ihr sage. Und eines Tages sagt er es ihr….

In England wartet Linda auf ihn, auf einen Anruf von ihm, eine Nachricht. Sie weiß, daß sie schwanger ist von Fabrice, obwohl die Ärzte ihr nach der ersten Geburt gesagt haben, daß sie nicht mehr schwanger werden dürfe, es ist ihr egal. Als sie ausgebombt wird, zieht sie wieder zu den Eltern nach Alconleigh. Sie treffen sich dort wieder, mit dicken Bäuchen sitzen Linda, Fanny und Louisa (Lindas ältere Schwester) im eiskalten Haus herum. Dort ist mittlerweile auch „Hopse“ eingetroffen, in Begleitung eines jungen, bemitleidenswert ausschauenden Spaniers, der sich zur Freude aller kurz vor seinem Rausschmiss durch Onkel Matthew als begnadeter Koch erweisen sollte… und Jäger dazu.

Einmal hatten sie sich noch gesehen, Fabrice und Linda. Eines Tages stand Fabrice vor der Tür ihres Hauses, ein kurzer Aufenthalt nur, aber er reichte ihm, um Linda seine Liebe zu ihr zu gestehen.

Linda starb bei der Geburt ihres Sohnes, der von Fanny adoptiert wurde, ihre Geschichte war kurz, nur ungefähr dreissig Jahre lang…


Englische Liebschaften von Nancy Mitford ist wunderschöner Familien- und Gesellschaftsroman mit autobiografischen Elementen. Ihre Erfahrungen mit Männern wird  folgendermaßen beschrieben: Nancy Mitford glorified romantic love in her books but had rotten luck with men. The three she fell for didn’t return her feelings. Her first fiancé, Hamish St Clair Erskine, was „gay as gay“ and dumped her in 1932 with a brisk telephone call after an engagement that had lasted five years. She married Peter Rodd on the rebound. „Prod“ proved a feckless drunk, happy to live off her money. Her greatest love, Palewski, was chronically unfaithful and „operated,“ in the words of British historian Lisa Hilton, „on a principle of maximum returns, making passes at practically every woman he met.“ [3]

Die große Kunst Mitfords ist dir Art und Weise, wie es ihr gelingt, die an sich recht trübsinnigen Verhältnisse der Kindheit und Jugend so zu schildern, daß sie mit der Patina leichten Spotts und Ironie überzogen ihren Schrecken verlieren. Es ist witzig zu lesen und es gibt einige Stellen, an denen man spontan auflacht. Genauso wie es Passagen gibt, in denen man Linda zurufen möchte: Lass es sein! Sie tappt unvorbereitet in die Welt hinein als sei diese ein großer Wandschrank, in dem man träumen und sich eine eigene Welt erschaffen kann – und so scheitert sie ein ums andere Mal an der Realität.

Mich hat der Roman sehr gefesselt, unterhaltsam, witzig, ehrlich, flüssig und flott geschrieben: genau das richtige für die kommenden Herbstabende…

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zur Autorin:  https://de.wikipedia.org/wiki/Nancy_Mitford bzw. https://en.wikipedia.org/wiki/Nancy_Mitford
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/nancy-mitford-englische-liebschaften-liebling-wir-muessen-plaudern-11974521.html
[2] vgl. z.B. hier: http://www.vogue.com/873266/love-of-a-lifetime-a-new-book-looks-at-the-object-of-nancy-mitfords-affection/
[3] Moira Hodgson: The Horror of Love – Pursuer Become The Pursued, in: http://lisa-hilton.com/the-horror-of-love-reviews/

Nancy Mitford
Englische Liebschaften
mit: David Pryce-Jones: Die Mitfords, Ein Familenroman aus der englischen Aristokratie

Übersetzt aus dem Englischen von Reinhard Kaiser
Originalausgabe: The Pursuit of Love, London, 1945

diese Ausgabe: Eichborn (Die Andere Bibliothek Bd. 39), HC, ca. 342 S., 1988

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