Ævar Örn Jósepsson: In einer kalten Winternacht

4. Oktober 2015

island cover

Im Jahr 2008 begann mit der Insolvenz der Lehmann-Bank in den USA die weltweite Finanzkrise, die besonders in Island verheerende Auswirkungen hatte [1]. Die isländische Krone verlor sehr stark an Wert, die Wirtschaft schlitterte in eine tiefe Rezession verbunden mit hoher Arbeitslosigkeit, viele Privatleute, die die Jahre zuvor auf die blumigen Versprechen der Banken gehört hatten, gerieten in große wirtschaftliche Probleme. Dies zeitigte natürlich auch politische Turbulenzen, das Vertrauen in Politiker und in die Wirtschaft war zerrüttet, die Menschen gingen auf die Straße und demonstrierten, im Buch wird dies als „Topfrevolution“ bezeichnet: Ganz gegen ihre übliche Mentalität strömten die Isländer an den dunklen, kalten Winterabenden mitten in der Woche zum Austurvöllur und trommelten auf  Pauken,Töpfen, Pfannen und Tiegeln herum.. sie zündeten Feuer an unter taktfestem Trommelschlag und Kampfparolen. Und noch weniger entfachten sie die Glut in den Feuern aufs Neue, wenn Polizei und Feuerwehr sie gelöscht hatten, und klopften einfach weiter auf ihren Töpfen, Pfannen und Tiegeln herum als sei überhaupt nichts vorgefallen. Es war ein riesiges Gemeinschaftserlebnis, das Feuer, der pulsierende Takt des Getrommels und das Tanzen um das Feuer herum, schwarz gekleidet und mit der schwarzen Maske vor dem Gesicht unkenntlich… Sie lächelte hinter der Maske, hüftschwenkend vor und zurück, links rechts, Kreis auf Kreis, Brust, Hände, Kopf, Beine, Schenkel, Po, … alles vibrierte und bewegte sich im Takt mit universalem Leben. .. Denn genau das war es, … etwas, was größer war als sie selbst, … größer als alles um sie herum. ..

Erla Lif Bóasdóttir gehörte zu den diesen drei unbekannten jungen Frauen, die um das Feuer tanzten und die die Blicke der Umstehenden auf sich zogen. Es waren nicht nur wohlwollende, zustimmende Blicke, es gab Leute, junge Männer, denen diese Kommunisten, diese Aktivisten ein Dorn im Auge waren und gerade die tanzenden Frauen reizten sie auf und stachelten ihre Fantasie an….

War es Zufall oder hatte jemand Erla Lif doch erkannt, an ihren Bewegungen, ihrer Art, bestimmten Gesten vielleicht? Jedenfalls lauerten die drei ihr auf, die nach dem Ende des Tanzes auf dem Heimweg war.. Es war kein Problem für die drei ebenfalls maskierten Männer, sie zu überwältigen, ihr die Hose herunterzureißen und sie brutal zu vergewaltigen. Wegen der Maske, die sie noch trug, konnte sie nichts sehen, sie war wehrlos, fühlte sich wie ein Sexspielzeug und nur der Geruch verriet ihr, daß der erste, der kam, so roch wie ihr Ex-Freund, und daß der zweite einen Bauch hatte, wie der Freund ihres Ex-Freundes und so musste der nächste der dritte Mann sein, die zusammen in einer gemeinsamen Wohnung lebten.

Die drei von Erla beschuldigten Männer, ihr Ex-Freund Darri und seine Kumpanen Vignir und Jónas, werden festgenommen, aber letztendlich vom Oberstern Gericht freigesprochen. Sie selbst und ihre Väter sind nicht unbekannt, haben Beziehungen und Freunde, auch die Beweislage war wackelig…

Ein gutes Jahr später, die drei Männer sind auf freiem Fuß, wurde Erla Lif an der Mauer der Kirche, in der sie konfirmiert worden war, kaum noch lebend aufgefunden. Elf Messerstiche wies ihr Körper auf, sie war im sechsten Monat schwanger. Ihr Leben war nicht mehr zu retten, es gelang den Ärzten aber, ihre Körperfunktionen für eine Zeitlang aufrecht zu halten, um wenigstens das Leben ihres Babys zu retten. Jetzt musste die Polizei den oder die Mörder finden und die Frage klären, ob ein Zusammenhang bestand zwischen der Vergewaltigung mit der Beschuldigung der drei Männer und diesem brutalem Mord.


Es ist – dies zu vermuten liegt nahe – kein heiteres Buch, das uns der isländische Autor Jósepsson hier vorlegt. Der isländische Winter ist kalt, ist nass, ist ungemütlich, die Menschen sind deprimiert von den wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die sie haben, von der Aussichtslosigkeit und der Überzeugung, daß – egal wer an der Regierung ist – keine Besserung zu erwarten haben. Sie versuchen mehr oder weniger, sich durch diese schwierige Zeit zu lavieren.. dies gilt für die „normalen“ Menschen draußen, aber auch für die Ermittler der Mordkommission in Reykjavik. Wie schon im Fall der Vergewaltigung führt auch diesmal die Kommissarin Katrin die Ermittlungen, die sich aber zäh gestalten und nicht von der Stelle kommen. Ihr zur Seite steht der Kollege Arni, der gleich mehrfach gefordert ist, da er auch als frischgebackener Vater seine Kinder mitbetreuen muss. Immerhin ist Stefan, der Chef der beiden, wieder in den Dienst zurückgekehrt, eine persönliche Tragödie hat ihn lange Zeit sehr niedergedrückt. Mit seiner Rückkehr wird zumindest die chaotische Amtsführung des Interimschefs beendet….  Und dann wäre da noch der Kollege Guðni, der ein wenig wie die Axt im Walde ohne Rücksicht auf Verluste eine Art Privatkrieg gegen den größten Drogenboss Island führt, womit er seinerseits dem Chef der Droko, Þórður Guðmundsson, ziemlich in die Quere kommt. Aber wenn andere einen nicht aus der Schusslinie bringen, dann stellt man sich eben selbst ein Bein – so wie es Guðni hier macht, der dabei aber die ganz böse Arschkarte zieht….

Insbesondere Katrin ist gefordert, sie hat außer dem dienstlichen auch ein ganz starkes persönliches Motiv, den oder die Täter zu finden, kennt bzw. kannte sie Erla doch gut. Und mittlerweile nehmen ihr die Leute im Viertel ihre Erfolgslosigkeit übel…. Katrin steht unter Druck…

Zwei neue, unerwartete Spuren sollten die Ermittlungen wieder etwas in Schwung bringen: bei der Obduktion Erlas fand der Pathologe im Oberschenkelknochen ein winziges Stück von einer Messerklinge: die Spitze war abgebrochen und steckte im Knochen. Und dann klingelte eines Abends einer der drei Vergewaltiger bei Katrin an der Tür, um sein Gewissen zu erleichtern…

Immer wieder streut der Autor Schilderungen der Lebenssituation seiner Protagonisten ein. Da ist z.B. das schlechte Gewissen Katrins gegenüber ihren pubertierenden Kindern, für die sie einfach zu wenig Zeit hat. Hat ihre Tochter jetzt schon oder noch nicht? Sie weiß zu wenig von ihr, keine Zeit, mit ihr zu reden, der Dienst frißt sie auf… früh im Monat ist der Dispo ausgeschöpft, der uralte Mazda verreckt und für ein neues Auto ist kein Geld da. Dabei wollen doch die Kinder ihren Führerschein machen und für begleitetes Fahren bräuchte sie ein Auto…. Oder Guðni, der immer fetter wird, sich mit allen zerstreitet, geschieden ist, von seiner Tochter Helena um viel Geld angebaggert wird, aber jetzt ist Schluß, kein Geld mehr… ist Helena deswegen überfallen worden, wegen Drogengeschichten? Oder hat Stefan recht, der einwirft, der Denkzettel sei nicht Helena, sondern für Guðni bestimmt gewesen. Auch Arni hat seine Probleme mit dem Geld, die Familie ist eine kleinere Wohnung umgezogen, in ein Viertel, an das er sich erst einmal gewöhnen muss…

Island ist ein Dorf. Im Grunde scheint jeder mit jedem verwandt, man muss nur weit genug zurückgehen, das gilt auch für die Figuren dieses Romans. Egal, ob Opfer oder Verdächtiger, ob Ermittler oder Täter: irgendwo in nicht allzu ferner Vergangenheit gab es da sicher eine Verknüpfung, was die Sache nicht einfacher macht… Þyri beispielsweise, die Mutter Erlas, lebt mit Brynjólfur zusammen, der seinerseits ein guter Freund ist von Ingólfur, Darris Vater, der auch Abgeordneter ist….

Jósepsson, der 1994 in Freiburg seinen Magister in Philosophie und Englischer Literatur erwarb, hat mit In einer kalten Winternacht einen Roman verfasst, der zweierlei ist: eine Schilderung der (realen) trostlosen bis verzweifelten Verhältnisse in Island nach dem Ausbruch der Finanzkrise und der vor diesem Hintergrund laufenden zähen Ermittlungsarbeit bei zwei brutalen Gewaltverbrechen. Ermittlungen, die erschwert sind durch die eigenen privaten Probleme der Beamten, durch Voreingenommenheiten, durch die schlechte Indizienlage, auch dadurch, daß die Beschuldigten über gute Beziehungen verfügen….

So nimmt das Buch erst im Verlauf der Handlung wirklich Krimi-Charakter an und wird spannend, während man anfänglich als Leser von den diversen Abschweifungen des Autoren und auch der Menge der ungewohnten isländischen Namen verwirrt werden könnte. Hinzu kommt, daß Jósepsson seine Geschichte in drei große Abschnitte gliedert, die er nicht chronologisch angeordnet hat, so daß beim Lesen Fragen offen bleiben, die sich erst lösen, wenn in einem nachfolgenden Kapitel zeitlich zurückliegendes beschrieben wird.

So unerfreulich wie die gesamte Atmosphäre, die über dem Roman und seiner Handlung liegt, ist auch sein Ende: keineswegs fällt es in die Kategorie „Ende gut, alles gut“: die „Guten“ stehen am Schluss mit weitgehend leeren Händen da und die, die im Leben anscheinend immer auf der Gewinnerseite stehen, tun dies auch jetzt…. man legt diesen Roman nach dem Lesen also etwas unbefriedigt zurück, das Gefühl für das, was man für als „gerecht“ ansieht, wird von Jósepsson nicht bedient. So festigt sich der Eindruck eines Landes, das in einer großen Krise Mühe hat, einen Weg zurück in geordnete Bahnen zu finden.

P.S.: Inwieweit der langsame Tod der Erla Lif in der geschilderten Art und Weise realistisch ist, kann ich nicht beurteilen. Ich jedenfalls habe mit der Vorstellung, eine Frau, auf die vielfach eingestochen worden ist, der ein Messer unter anderen in den Bauch gerammt worden ist, könne noch tagelang am Leben bleiben, um dann als Hirntote künstlich beatmet zu werden, meine Probleme gehabt…. ganz abgesehen davon, daß das Frühchen offensichtlich alles unbeschadet überlebt und die Organe der dann Toten für Transplantationen entnommen worden sind.

Ævar Örn Jósepsson
In einer kalten Winternacht
Übersetzt aus dem Isländischen  von Coletta Bürling
Originaltitel: Önnur lif, Reykjavik, 2010
diese Ausgabe: btb, TB, ca 480 S., 2015

 

 

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3 Responses to “Ævar Örn Jósepsson: In einer kalten Winternacht”

  1. schifferw Says:

    Ja – ein wenig schwer tat ich mich mit dem Verlauf auch… Bei Interesse: https://wolfgangschiffer.wordpress.com/2015/09/08/in-einer-kalten-winternacht/

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    • flattersatz Says:

      lieber wolfgang, aber deine besprechung kenne ich doch selbstverständlich… ;-), schließlich bin ich durch dich ja überhaupt erst an den titel gekommen. mich haben anfänglich insbesondere die viele namen, die für mich alle fremd klingen, verwirrt – was man dem buch aber nicht vorwerfen kann. was mich auch beschäftigt hat, war die frage, inwieweit das szenario von ernas tod realistisch ist… aber in toto war der roman doch eine gute sache, eben wegen der schilderung der lebensumstände der menschen…

      herzliche grüße!
      gerd

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      • schifferw Says:

        Pardon, lieber Gerd – da habe ich wohl nicht genügend hingeschaut… Mit den Namen bin ich zum Glück recht vertraut – die bereiten mir keine Probleme, jedenfalls nicht, solange es nicht allzu Männer und Frauen mit demselben (Vor-)Namen gibt, deren Väter alle auch noch gleich lauten…Und die Todesumstände habe ich als gegeben genommen – es gibt m. E. in fast allen Krimis „Setzungen“, die man einfach hinnehmen muss – sonst bricht häufig das ganze Konstrukt zusammen! Gute Grüße, Wolfgang

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