Gerhard Wehr: Europäische Mystik

14. April 2015

Das Mystische – meist kommt es uns im verwandten Begriff des „Mysteriösen“ entgegen, des nicht unmittelbar Einsichtigen, des nicht Erklärbaren. Als solches ist es oft Ingredienz eines Krimis oder Thrillers, gab andererseits aber auch einem ganzen Genre seinen Namen: Mystery. Wer würde sich nicht an Scully und Mulder erinnern…

Aber dies sind Profanisierungen eines Begriffes, der zutiefst spirituellen Ursprungs ist. Die Erkenntnis Gottes, des Göttlichen kann auf verschiedene Arten erfolgen, über den Glauben, über das Wort und über die unmittelbare Gotteserfahrung durch eine Erleuchtung, eine mystische Vereinigung mit dem Urgrund allen Seins. Dieses Phänomen ist nicht auf das Christentum beschränkt, es setzt noch nicht einmal einen Gottesbegriff voraus, mystische Traditionen gibt es ebenso in der östlichen Weisheitslehre des Buddhismus im Zen, auch die Hindus kennen den mystischen Weg, im Islam sind die Tanzenden Derwische ein Beispiel einer mystischen Tradition. Aus vorchristlichen Europa sind die Feste des Dionysos bekannt, die Bacchanalien, Mysterien, bei denen „…das orgiastische Auflodern … körperlich als die fleischliche Allgegenwart der Göttlichkeit empfunden wurde“ [1]. In der christlichen Theologie wurde dieses leibliche Element dann letztlich zurückgedrängt, der Leib und leibliche Begierden wurden im Gegenteil eher zur Last bei der Suche und der Schau Gottes.

europaeische_mystik-cover

Das Mysterium ist mit Worten nicht zu beschreiben, die Einswerdung mit Gott, mit dem Göttlichen ist unfassbar, ein Beschreibung mit Menschenwort würde sie und damit Gott auf die Ebene des Menschen hinabziehen. „Es gilt ganz grundsätzlich, daß man Worte von der Gottheit geistig auffassen muss, auch wenn sie in menschlicher Ausdrucksweise ausgesprochen sind“ bescheidet uns Origines. Das mystische Geheimnis ist zutiefst arkan, es darf nicht verbreitet werden, nur dem Eingeweihten und Initiierten wird es zugänglich gemacht. In den ersten Jahrhunderten des Christentums ist diese Möglichkeit zur Schau Gottes nur dem geistlichen Stand möglich, da nur dieser der Schrift und des Lateinischen mächtig ist und so über den geheimen Inhalt der Schriften in das Mysterium eingewiesen werden kann. Entsprechend lebt die Mystik in Bildern, in Gleichnissen, deutet Gleichnisse in ihrem Sinn. Das Hohelied Salomons ist ein gutes Beispiel dafür: Zwischen Gott und der Seele besteht das Verhältnis von Braut und Bräutigam. Diese Bildsprache des Hohenliedes wird bei Origines und in den Jahrhunderten nach ihm zum Vokabular der Brautmystik. Der göttliche Logos ist der Same, den die Braut von ihrem Geliebten empfängt. Die erotischen Metaphern des Salomon´schen Lieds bieten sich für mystische Deutungen als besonders empfänglich dar: die Suche des Bräutigams nach der Braut ist die Suche des Mystikers nach Gott…. Ein weiteres Beispiel für das Bemühen, Arkane hinter dem geschriebenen Wort zu finden, ist die jüdische Mystik der Kabbala, deren Einflüsse auf die europäisch-christliche Mystik ebenfalls nachweisbar sind.

Von Bedeutung für die Entwicklung der Mystik in Europa ist gleichfalls die Spaltung der christlichen Kirche in eine Ost- und in eine Westkirche. Während die Westkirche zunehmend weltlicher agierte und auch den Missionsgedanken weiterhin pflegte, so daß die Innenschau theologisch an den Rand rückte, beharrte die Ostkirche viel stärker auf diesem kontemplativen Aspekt, der sich bis heute in Liturgie und Ritus erhalten hat.

Ein weiteres wichtiges Element war, daß im Zuge der Entwicklung der Nationalsprachen und der Übertragung von Schriften in diese Sprachen auch andere als nur Kleriker Zugang zum niedergeschriebenen Wort Gottes bekamen. Damit bekamen insbesondere auch Frauen die Möglichkeit, sich ihren spirituellen Zugang zu Gott schaffen. Theresa von Avila in Spanien, Hildegard von Bingen und ihre Zeitgenossin Elisabeth von Schönau (die Hildegard im Mittelalter an Reputation noch übertraf) sind bekannte Beispiele von Frauen, die ihre eigene mystische Gottesschau erleben durften. Insbesondere bei Hildegard ist erwähnenswert, daß sie die Einheit von Körper, Geist und Seele sah und sich auch den natürlichen Vorgängen des Körpers ohne Ablehnung zuwendete – eine Ausnahme in der Spiritualität der damaligen Zeit.

Mystik mit ihrer Bildersprache klandestiner Inhalte war dem Klerus ein stetes Ärgernis: es drohte ihm die Kontrolle zu entgleiten, Häresie und Ketzerei lag in der Luft. So wurde zum Beispiel der hochangesehende Dominikaner Meister Eckhart der Ketzerei angeklagt und auch verurteilt, nach seinem Tod, der um 1327/28 in Avignon eingetreten sein muss.

Die unmittelbare Gottesschau in der Mystik zu erreichen, ist nicht leicht. Es gibt aus heutigen Tagen die Lebenserinnerung eines Mönches, der davon erzählt, wie er in den Jahrzehnten des Chorgesang, den er geübt hat, Berge von Sand vor seinen Gott getragen hat und nur ganz vereinzelt, völlig unerwartet, tauchte ein Körnchen Gold wahrer Hingabe in diesem Sandberg auf. Es gibt keine Methode, vorherzusagen, wann und wo ein solches Körnchen zu finden ist, und so bleibt als einziges, weiterhin Sand vor Gott zu tragen, mit all der Hingabe, zu der er eben fähig ist…. Selbstverständlich wussten dies auch die Alten, sie wussten um die Rückschläge, die Verführungen, die Verzweiflungen, die den Übenden immer wieder überfallen konnten….


Der Theologe und Mystik-Experte Gerhard Wehr gibt ein seinem kleinen Buch eine Übersicht über gut zweitausend Jahre Mystik in Europa, die fast ausschließlich christliche Mystik ist, als solche aber zumindest in den Anfängen stark verwurzelt in der griechischen Philosphie des Platon und des Neuplatonikers Plotin. Ferner sind Einsprengsel aus der jüdischen Kabbala und auch Einflüsse aus dem Islam, der über Spanien einwirkte, nachweisbar. Erst in modernen Zeiten gewann man auch Kenntnisse über die östlichen Traditionen der Meditation, insbesondere der Zen-Buddhismus mit seiner Methode des Sitzens übte auf viele Westler, auch auf viele Ordensleute, eine starke Attraktion aus. Christliche Mönche gingen nach Japan, wurden dort Zen-Meister und kehrten dann nach Europa zurück, aber auch japanische Zen-Meister selbst kamen in den Westen, um zu unterrichten.

In seiner einführenden Übersicht über die Europäische Mystik vermittelt Wehr einen Eindruck über die Vielfalt dieses besonderen Weges der Gottesschau, die oftmals mit bestimmten Personen verbunden sind: Platon beispielsweise, der als geistiger, ja: geistlicher Führer anerkannt wurde, Origines als einer der großen frühen Theologen, Gregor von Nyssa, Augustinus natürlich, Bernhard von Clairveaux, Franz von Asissi sind einzelne Abschnitte gewidmet, während im zweiten Teil der Übersicht mehr geographische Gesichtspunkte in den Vordergrund gestellt werden. So stellt Wehr mystische Bewegungen in Italien, Spanien, Frankreich, England, Russland dar und natürlich als besonderen Schwerpunkt die Mystik in Deutschland/Niederlande (die geographischen Einheiten glichen damals nicht unbedingt den heutigen Grenzen).

Ein weiteres Kapitel befasst sich mit Mystik, die sich nach der Reformation im Protestantismus durchaus noch entwickelte, wenngleich nicht in der Bedeutung, die sie im Katholizismus hat und auch nicht immer zum Gefallen der Kirchenleitung: Wenn von einem Aufbruch mystischer Frömmigkeit innerhalb des Protestantismus gesprochen werden kann, so ist dies nicht auf die jeweils dominierende Theologie und Kirchenleitung zurückzuführen. … Die Zeugen spiritueller Erfahrung konnten in den landesherrlich kontrollierten „Landeskirchen“ keinesfalls der Duldung der jeweiligen Konsistorien gewiss sein. Folgerichtig sind die Namen, die Wehr in diesem Kontext nennt, weniger bekannt, die Wirkung ihrer Träger nach aussen hin wird begrenzt gewesen sein.

Ein letzter Abschnitt befasst sich mit der Mystik in der Moderne. Hier wird u.a. auf mystische Tendenzen bei Rudolf Steiner verwiesen, es wird über die Bedeutung der Meditation gesprochen, auch der gegenstandslosen Meditiation, der Kontemplation, auch die Rezeption östlicher Vorstellungen aus dem Zen oder auf das erwachende Interesse am Herzensgebet der Ostkirche wird angerissen. Mit einer kurzen Charakterisierung der Wirkideen Karlfried Graf Dürckheims schließlich endet die Übersicht.

Europäische Mystik“ ist kein Buch, das einführt in mystisches Denken, sondern es stellt die Entwicklung der Mystik in Europa anhand hervorragender Mystiker und Mystikerinnen dar. Deren Wirken wird mit charakterisierenden Zitaten belebt, es werden die Einflüsse dieser Männer und Frauen auf ihre Zeit und auf ihre Nachfolger geschildert. Naturgemäß kann so ein schmales Kompendium nur eine Auswahl bieten und nur einen ersten Eindruck vermitteln, den jeder bei Interesse für sich vertiefen muss. Ein umfangreiche Bibliographie erleichtert dies und gibt einen Einstieg, auch wenn diese Einführung schon 2005 erschienen ist. Aber was bedeutet dieses Jahrzehnt schon angesichts der Jahrtausende alten Geschichte, von der es handelt?

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag über Gerhard Wehr:  http://de.wikipedia.org/wiki/Gerhard_Wehr
[2] Georges Marbeck: Orgies, ipso facto publishers, 1999 (S. 210)

Gerhard Wehr
Europäische Mystik
in der Reihe: Grosse Denker
diese Ausgabe: Panorama, TB, ca. 308 S., 2005

 

Advertisements

3 Responses to “Gerhard Wehr: Europäische Mystik”

  1. Christiane Says:

    Sehr interessant. Vielen Dank.

    Gefällt 1 Person


  2. Sehr schön, an dieser Stelle über Mystik zu lesen! Mein Einstieg waren vor vielen Jahren die von Martin Buber herausgegebenen „Ekstatischen Konfessionen“, die offenbar ähnlich aufgebaut sind wie das Buch von Gerhard Wehr, allerdings ausschließlich aus Zitaten bestehen.

    Zum Thema der „Entsinnlichung“ der christlichen Mystik würde ich nur noch hinzufügen, dass zumindest in der Alten Kirche die Dionysos-Mysterien durchaus weitergewirkt haben, zumal der Wein ja auch im Christentum eine wichtige Rolle spielt. Wenn ich mich nicht täusche, gibt es beim Clemens von Alexandrien (dem Lehrer von Origenes) sogar eine Stelle, wo er Christus den „wahren Dionysos“ nennt.

    Gefällt mir

    • flattersatz Says:

      dank dir für deinen schönen kommentar!

      Christus – der wahre dionysos: mag sein, so gut kenne ich mich jetzt nicht aus… ;-) aber: das christentum war ja groß darin, alteingesessene riten, rituale und gepflogenheiten umzudefinieren und zu integrieren. was den wein angeht, so hat sich ja jesus selbst in einer seiner „ich bin“-aussagen als weinstock bezeichnet, so steht es ja bei johannes.. wobei prinzipiel das weintrinken in antiken zeiten gesünder war als das trinken von (möglicherweise schmutzigem/infektiösem) wasser….

      Gefällt mir


... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: