Der deutsche Priester Johannes Kopp (1927 – 2016) gehörte dem Orden der Pallottiner an. Unter dem japanischen Namen Ho-un-Ken Roshi wirkte er als Zen-Meister, auf ihn geht das Programm Leben aus der Mitte des Erzbistums Essen zurück, dessen Führung jetzt bei seinem Schüler, dem Pallottiner und Zen-Lehrer Paul Rheinbay liegt. Kopp gehörte zu der ersten Generation christlicher Geistlicher, die sich vom Zen-Weg des Buddhismus inspirieren ließen und die eine innere und spirituelle Nähe zwischen dem Zen-Weg und der christlichen Mystik sahen. Kopp war gut bekannt mit dem Jesuiten Hugo Lasalle (bzw. nach dessen japanischer Einbürgerung Hugo-Makibi Enomiya-Lassalle), wohl dem ersten Ordensbruder, der trotz vieler Widerstände diese beiden Wege in sich vereinigte und beschritt.

Es war keineswegs der erste Kontakt des Westens mit dem Zen-Buddhismus. Schon in den sechziger Jahren weckte Zen unter vielen Intellektuellen großes Interesse, jedoch lag der Fokus seinerzeit auf ganz anderen Aspekten, der Titel des Buches von Daisetz Teitaro Suzuki und Erich Fromm (damals sehr verbreitet, aber nur eins unter vielen) Zen-Buddhismus und Psychoanalyse macht dies deutlich.

Halt an, wo läufst du hin?
Der Himmel ist in Dir.
Suchst du Gott anderswo, 
Du fehlst ihn für und für. [3]

Die vorliegende kleinen Schrift Gebet als Selbstgespräch, die 2015, also ein Jahr vor dem Tod P. Johannes Kopps erschienen ist, geht auf eine Frage zurück, die auf einer Veranstaltung (Tag der Priester und Diakone im Bistum Essen) im Jahr 2014 gestellt wurde, wie es nämlich zu verstehen sei, daß ein Zugang zur Heiligen Schrift für Glaubenserfahrung nur über die Koanweise erreichbar sei, dies – so der Referent – habe ihm ein japanischer Kollege gesagt. Diese Frage zu behandeln ist Ziel der vorliegenden Schrift von P. Johannes Kopp.


Es scheint wohl,
dass in unserer Zeit Gott sich vornehmlich finden lässt
im Gottsucher selbst.
Jeder ist auf dem Weg zu Gott die erste Instanz.

Dem Mystiker ist es eine den Verstand transzendierende Wahrheit, in der kontemplativen Innenschau sein Wahres Selbst und dessen Gottebenblichkeit zu erkennen. Je weiter der Übende auf seinem Weg zur Wahrnehmung des göttlichen Geheimnisses in sich fortgeschritten ist, desto intensiver wird seine Gotteserfahrung werden. Je mehr er sich selbst auf den Grund kommt, desto mehr leuchtet in diesem Grund die unendliche Wirklichkeit durch, in der in christlicher Offenbarung Gott sich erfahren läßt. Kopp hält auch folgendes fest: Die unendliche Wirklichkeit, die in größter Wortscheu in jüdisch-christlicher Tradition Gott genannt wird, ist in der menschlichen Natur angelegt. Besser gesagt: Die menschliche Natur ist auf Gott hin angelegt. Verliert mit dieser Feststellung bzw. ‚Definition‘ Gott seine Eigenschaft als Entität, als Wesenheit? Und wie sind dann all die Geschichten und Gleichnisse, die in der Bibel stehen, zu verstehen? Und was wird aus Begriffen wie Paradies, Auferstehung, Jüngstes Gericht? 

Die Anerkennung der unendlichen Wirklichkeit in der jedem Menschen eigenen Wesensnatur ist Voraussetzung für den ersten Schritt auf dem Zen-Weg. …. Ohne den Glauben, daß die unendliche Wirklichkeit in uns ist, ist der Zen-Weg unmöglich [dem Sinne nach zitiert]. … In christlichem Verständnis ist die Anonymität der unendlichen Wirklichkeit aufgehoben mit der offenbarten Wahrheit als Bild und Gleichnis Gottes. Diese Aussage erhebt den Menschen zu seiner unendlichen Würde, weil Größeres vom Menschen nicht gesagt werden kann. …  Mit diesem Verständnis ist Selbstfindung gleich Gottfindung, ist – um den Titel dieser Schrift aufzugreifen – jedes Gebet zu Gott Selbstgespräch.

Auf dem Weg zu dieser Erkenntnis müssen die limitierenden Grenzen des Verstandes mit seinen Gedanken überwunden bzw. umgangen werden. Umgangen in dem Sinne, daß man sich als Übender in die achtsame Wahrnehmung seines Atems und damit seiner Selbst begibt, daß man übt, durch schweigendes, absichtsloses, geschehenlassendes Sitzen und stete Zurückführung der Achtsamkeit auf den Atem im Hier und Jetzt zu verweilen und zu verbleiben – es ist der Weg des Zazen, der die Methodik dazu liefert, denn Zen, so Kopp, ist keine Religion, sondern ein Selbststudium zu meiner Vollendung. … Zen ist das eigentlich Religiöse in jeder Religion. 

Überwunden werden die Grenzen des Verstandes auf andere Weise. Denn das Schweigen ist nicht absolut und immer gut und weise, es ist nach Kopp töricht zu Schweigen, wenn Reden angebracht und töricht zu Reden, wenn Schweigen angebracht ist. So lassen sich die Gleichnisse der Bibel – wie vorstehend schon zitiert – (nur) über die zengemäße Koanweise ausdeuten.

Dies ist ein neuer Zugang zum Inhalt der Bibel, der viele Probleme, die man als moderner Mensch in heutiger Zeit mit dem dort seit Jahrtausenden festgehaltenen Überlieferten hat, vermeidet, weil er sie aus der Ebene des Verstandes in eine andere Dimension hebt. Mir jedenfalls ist der wörtliche Glaube an eine jungfräuliche Empfängnis, an eine Auferstehung von den Toten oder auch an eine Himmelfahrt nicht möglich. Sicherlich stehe ich damit aber nicht allein.

Zum Koan schreibt Kopp, daß es den Durchbruch zur unendlichen Wahrheit eines jeden Menschen [meint], die die Ratio nicht erfassen kann, weil sie nicht das Instrument dafür ist, die aber erfasst werden muss, damit der Sinn des Daseins erfüllt wird. Solange man diesem Sinn nicht nahekommt, solange bleibt Unruhe. … Daraus ergibt sich für den Christen eine Konsequenz: die Bibel zu werten und zu lesen als eine Koan-Sammlung. 


In den einzelnen Abschnitten seiner Schrift widmet sich Kopp folgenden Themen:

  • Schweigen und Reden
  • Selbstfindung und Gottfindung
  • Zen und Eucharistie
  • Koan-Zugang zur Heiligen Schrift
  • Biblische Koans
  • Christliche Kommentare zu Koans aus dem Mumonkan

Inhaltlich umfassen diese Kapitel natürlich sehr viel mehr als das von mit Angedeutete, deswegen hier noch ein paar wenige Stichworte:

Für Kopp ist Zen, dieser in der japanischen Tradition schwierige und ‚harte‘ Weg, keineswegs nur für starke Menschen, sondern auch für schwache gangbar, an zwei Beispielen kranker Nonnen beschreibt er dies.

Der Text enthält auch viel Biografisches zum Verfasser, speziell auch zur Bekanntschaft und Freundschaft mit P. Lasalle. Insbesondere ist diesem der Abschnitt über Zen und Eucharistie gewidmet. Auch verweist Kopp des öfteren auf das von ihm initiierte Programm des Lebens aus der Mitte.

In dem Kapitel zum Koan-Zugang zur Heiligen Schrift stellt Kopp die Forderung auf, daß die christliche Katechese einen neuen Schwerpunkt bekommen [muss]. Sie muss wegkommen von der Belehrung, von dem Eifer, eine sogenannte objektive Wahrheit darzustellen. Sie muss hinkommen zu der Leidenschaft, in der derjenige, der sich in irgendeiner Weise für das Christliche interessiert, zu der Erkenntnis kommt, dass das Wesentliche in ihm selbst ist [Hervorhebung von mir]. Das erinnert mich an eine Aussage, die ich vor geraumer Zeit [wo nur…] gelesen habe und die dem Sinne nach lautete, der moderne Gläubige könne nur noch ein Mystiker sein.

In den zwei abschließenden Abschnitten zeigt Kopp beispielhaft, wie zum einen biblische Gleichnisse auf Koan-Weise ‚verstanden‘ werden können, zum anderen reziprok dazu, wie klassische Koans im Sinne der Bibel ausgedeutet werden können.


Ein Schrift zu verfassen, die sich im Grunde damit beschäftigt, wie die Limitierung rationaler Erkenntnis zur Gotteserfahrung überwunden werden kann, ist – für mich – selbst eine Art Koan, ein Paradoxon: ich nutze das, was ich überwinden will, um zu beschreiben, wie ich es überwinden kann. Ich erinnere mich sehr gut und mit Vergnügen an meine eigene Einführung in die Kontemplation, in der der Lehrer am Ende gefragt wurde, welche Bücher er denn empfehlen könne. „Bücher? Bücher?“ Nicht nur im übertragenen Sinne schlug er die Hände über’m Kopf zusammen. „Was wollen Sie denn mit Büchern? Üben müssen Sie, üben, üben, üben….“

Jedenfalls bringt es das Thema mit sich, daß nicht alles, was man in Kopps Schrift liest, sofort oder überhaupt verständlich ist. Es ist mancher Satz dabei, der kryptisch scheint, sich wohl er auf einer anderen Ebene verstehen läßt. Doch das Wichtige des Textes wird deutlich und klar: Gott ist kein alter Mann mit Bart, der irgendwo auf einer weißen Wolke sitzt und sich von Münchnern mit Harfenklängen lobpreisen läßt. Wenn ich Gott suchen und schauen will, muss und kann ich mich auf den Weg dazu begeben. Es ist der Weg der Kontemplation, des Zen, und er führt durch die Selbstfindung zur Gottesfindung.

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite des Programms Leben aus der Mittehttp://zen-kontemplation.de
[2a] Wikiartikel zum Orden der Pallottiner: https://de.wikipedia.org/wiki/Pallottiner
[2b] – zu P. Lasalle:  https://de.wikipedia.org/wiki/Hugo_Makibi_Enomiya-Lassalle
[2c] – zu P. Johannes Kopp:  https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Kopp_(Pallottiner)
[3] Dieser Spruch des Angelus Silesius (z.B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Angelus_Silesius) ist nicht dem Buch entnommen, passt aber sehr gut zu dessen Aussage.

P.S.: Alles, was am vorstehenden Text unklar, undeutlich oder gar falsch verstanden und/oder wiedergegeben sein sollte: man kreide es mir an, nicht dem Autoren….

Weitere Titel zum Thema ‚Kontemplation‘ in diesem Blog:

Karin Seethaler: Die Kraft der Kontemplation
Gerhard Wehr: Europäische Mystik

Johannes Kopp
Gebet als Selbstgespräch
Gebet und Koan als Beziehung zu Gott in mir
diese Ausgabe: Hrsg: Freundeskreis LEBEN AUS DER MITTE, Softcover, ca. 96 S., 2014

Das Mystische – meist kommt es uns im verwandten Begriff des „Mysteriösen“ entgegen, des nicht unmittelbar Einsichtigen, des nicht Erklärbaren. Als solches ist es oft Ingredienz eines Krimis oder Thrillers, gab andererseits aber auch einem ganzen Genre seinen Namen: Mystery. Wer würde sich nicht an Scully und Mulder erinnern…

Aber dies sind Profanisierungen eines Begriffes, der zutiefst spirituellen Ursprungs ist. Die Erkenntnis Gottes, des Göttlichen kann auf verschiedene Arten erfolgen, über den Glauben, über das Wort und über die unmittelbare Gotteserfahrung durch eine Erleuchtung, eine mystische Vereinigung mit dem Urgrund allen Seins. Dieses Phänomen ist nicht auf das Christentum beschränkt, es setzt noch nicht einmal einen Gottesbegriff voraus, mystische Traditionen gibt es ebenso in der östlichen Weisheitslehre des Buddhismus im Zen, auch die Hindus kennen den mystischen Weg, im Islam sind die Tanzenden Derwische ein Beispiel einer mystischen Tradition. Aus vorchristlichen Europa sind die Feste des Dionysos bekannt, die Bacchanalien, Mysterien, bei denen „…das orgiastische Auflodern … körperlich als die fleischliche Allgegenwart der Göttlichkeit empfunden wurde“ [1]. In der christlichen Theologie wurde dieses leibliche Element dann letztlich zurückgedrängt, der Leib und leibliche Begierden wurden im Gegenteil eher zur Last bei der Suche und der Schau Gottes.

europaeische_mystik-cover

Das Mysterium ist mit Worten nicht zu beschreiben, die Einswerdung mit Gott, mit dem Göttlichen ist unfassbar, ein Beschreibung mit Menschenwort würde sie und damit Gott auf die Ebene des Menschen hinabziehen. „Es gilt ganz grundsätzlich, daß man Worte von der Gottheit geistig auffassen muss, auch wenn sie in menschlicher Ausdrucksweise ausgesprochen sind“ bescheidet uns Origines. Das mystische Geheimnis ist zutiefst arkan, es darf nicht verbreitet werden, nur dem Eingeweihten und Initiierten wird es zugänglich gemacht. In den ersten Jahrhunderten des Christentums ist diese Möglichkeit zur Schau Gottes nur dem geistlichen Stand möglich, da nur dieser der Schrift und des Lateinischen mächtig ist und so über den geheimen Inhalt der Schriften in das Mysterium eingewiesen werden kann. Entsprechend lebt die Mystik in Bildern, in Gleichnissen, deutet Gleichnisse in ihrem Sinn. Das Hohelied Salomons ist ein gutes Beispiel dafür: Zwischen Gott und der Seele besteht das Verhältnis von Braut und Bräutigam. Diese Bildsprache des Hohenliedes wird bei Origines und in den Jahrhunderten nach ihm zum Vokabular der Brautmystik. Der göttliche Logos ist der Same, den die Braut von ihrem Geliebten empfängt. Die erotischen Metaphern des Salomon´schen Lieds bieten sich für mystische Deutungen als besonders empfänglich dar: die Suche des Bräutigams nach der Braut ist die Suche des Mystikers nach Gott…. Ein weiteres Beispiel für das Bemühen, Arkane hinter dem geschriebenen Wort zu finden, ist die jüdische Mystik der Kabbala, deren Einflüsse auf die europäisch-christliche Mystik ebenfalls nachweisbar sind.

Von Bedeutung für die Entwicklung der Mystik in Europa ist gleichfalls die Spaltung der christlichen Kirche in eine Ost- und in eine Westkirche. Während die Westkirche zunehmend weltlicher agierte und auch den Missionsgedanken weiterhin pflegte, so daß die Innenschau theologisch an den Rand rückte, beharrte die Ostkirche viel stärker auf diesem kontemplativen Aspekt, der sich bis heute in Liturgie und Ritus erhalten hat.

Ein weiteres wichtiges Element war, daß im Zuge der Entwicklung der Nationalsprachen und der Übertragung von Schriften in diese Sprachen auch andere als nur Kleriker Zugang zum niedergeschriebenen Wort Gottes bekamen. Damit bekamen insbesondere auch Frauen die Möglichkeit, sich ihren spirituellen Zugang zu Gott schaffen. Theresa von Avila in Spanien, Hildegard von Bingen und ihre Zeitgenossin Elisabeth von Schönau (die Hildegard im Mittelalter an Reputation noch übertraf) sind bekannte Beispiele von Frauen, die ihre eigene mystische Gottesschau erleben durften. Insbesondere bei Hildegard ist erwähnenswert, daß sie die Einheit von Körper, Geist und Seele sah und sich auch den natürlichen Vorgängen des Körpers ohne Ablehnung zuwendete – eine Ausnahme in der Spiritualität der damaligen Zeit.

Mystik mit ihrer Bildersprache klandestiner Inhalte war dem Klerus ein stetes Ärgernis: es drohte ihm die Kontrolle zu entgleiten, Häresie und Ketzerei lag in der Luft. So wurde zum Beispiel der hochangesehende Dominikaner Meister Eckhart der Ketzerei angeklagt und auch verurteilt, nach seinem Tod, der um 1327/28 in Avignon eingetreten sein muss.

Die unmittelbare Gottesschau in der Mystik zu erreichen, ist nicht leicht. Es gibt aus heutigen Tagen die Lebenserinnerung eines Mönches, der davon erzählt, wie er in den Jahrzehnten des Chorgesang, den er geübt hat, Berge von Sand vor seinen Gott getragen hat und nur ganz vereinzelt, völlig unerwartet, tauchte ein Körnchen Gold wahrer Hingabe in diesem Sandberg auf. Es gibt keine Methode, vorherzusagen, wann und wo ein solches Körnchen zu finden ist, und so bleibt als einziges, weiterhin Sand vor Gott zu tragen, mit all der Hingabe, zu der er eben fähig ist…. Selbstverständlich wussten dies auch die Alten, sie wussten um die Rückschläge, die Verführungen, die Verzweiflungen, die den Übenden immer wieder überfallen konnten….


Der Theologe und Mystik-Experte Gerhard Wehr gibt ein seinem kleinen Buch eine Übersicht über gut zweitausend Jahre Mystik in Europa, die fast ausschließlich christliche Mystik ist, als solche aber zumindest in den Anfängen stark verwurzelt in der griechischen Philosphie des Platon und des Neuplatonikers Plotin. Ferner sind Einsprengsel aus der jüdischen Kabbala und auch Einflüsse aus dem Islam, der über Spanien einwirkte, nachweisbar. Erst in modernen Zeiten gewann man auch Kenntnisse über die östlichen Traditionen der Meditation, insbesondere der Zen-Buddhismus mit seiner Methode des Sitzens übte auf viele Westler, auch auf viele Ordensleute, eine starke Attraktion aus. Christliche Mönche gingen nach Japan, wurden dort Zen-Meister und kehrten dann nach Europa zurück, aber auch japanische Zen-Meister selbst kamen in den Westen, um zu unterrichten.

In seiner einführenden Übersicht über die Europäische Mystik vermittelt Wehr einen Eindruck über die Vielfalt dieses besonderen Weges der Gottesschau, die oftmals mit bestimmten Personen verbunden sind: Platon beispielsweise, der als geistiger, ja: geistlicher Führer anerkannt wurde, Origines als einer der großen frühen Theologen, Gregor von Nyssa, Augustinus natürlich, Bernhard von Clairveaux, Franz von Asissi sind einzelne Abschnitte gewidmet, während im zweiten Teil der Übersicht mehr geographische Gesichtspunkte in den Vordergrund gestellt werden. So stellt Wehr mystische Bewegungen in Italien, Spanien, Frankreich, England, Russland dar und natürlich als besonderen Schwerpunkt die Mystik in Deutschland/Niederlande (die geographischen Einheiten glichen damals nicht unbedingt den heutigen Grenzen).

Ein weiteres Kapitel befasst sich mit Mystik, die sich nach der Reformation im Protestantismus durchaus noch entwickelte, wenngleich nicht in der Bedeutung, die sie im Katholizismus hat und auch nicht immer zum Gefallen der Kirchenleitung: Wenn von einem Aufbruch mystischer Frömmigkeit innerhalb des Protestantismus gesprochen werden kann, so ist dies nicht auf die jeweils dominierende Theologie und Kirchenleitung zurückzuführen. … Die Zeugen spiritueller Erfahrung konnten in den landesherrlich kontrollierten „Landeskirchen“ keinesfalls der Duldung der jeweiligen Konsistorien gewiss sein. Folgerichtig sind die Namen, die Wehr in diesem Kontext nennt, weniger bekannt, die Wirkung ihrer Träger nach aussen hin wird begrenzt gewesen sein.

Ein letzter Abschnitt befasst sich mit der Mystik in der Moderne. Hier wird u.a. auf mystische Tendenzen bei Rudolf Steiner verwiesen, es wird über die Bedeutung der Meditation gesprochen, auch der gegenstandslosen Meditiation, der Kontemplation, auch die Rezeption östlicher Vorstellungen aus dem Zen oder auf das erwachende Interesse am Herzensgebet der Ostkirche wird angerissen. Mit einer kurzen Charakterisierung der Wirkideen Karlfried Graf Dürckheims schließlich endet die Übersicht.

Europäische Mystik“ ist kein Buch, das einführt in mystisches Denken, sondern es stellt die Entwicklung der Mystik in Europa anhand hervorragender Mystiker und Mystikerinnen dar. Deren Wirken wird mit charakterisierenden Zitaten belebt, es werden die Einflüsse dieser Männer und Frauen auf ihre Zeit und auf ihre Nachfolger geschildert. Naturgemäß kann so ein schmales Kompendium nur eine Auswahl bieten und nur einen ersten Eindruck vermitteln, den jeder bei Interesse für sich vertiefen muss. Ein umfangreiche Bibliographie erleichtert dies und gibt einen Einstieg, auch wenn diese Einführung schon 2005 erschienen ist. Aber was bedeutet dieses Jahrzehnt schon angesichts der Jahrtausende alten Geschichte, von der es handelt?

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag über Gerhard Wehr:  http://de.wikipedia.org/wiki/Gerhard_Wehr
[2] Georges Marbeck: Orgies, ipso facto publishers, 1999 (S. 210)

Gerhard Wehr
Europäische Mystik
in der Reihe: Grosse Denker
diese Ausgabe: Panorama, TB, ca. 308 S., 2005

 

Etty Hillesum war eine junge, lebensbejahende Frau. Hochintelligent studierte sie Jura und Slavistische Sprachen in Amsterdam, promoviert auch, studierte aber weiter. 1914 in Deventer geboren, wo auch die Eltern noch lebten und eine turbulente Ehe führten, war sie 26 Jahre alt, als die Niederlande besetzt wurden. „Das artverwandte germanische Volk“ [4] fiel unter Besatzungsregime, selbstverständlich fielen auch die holländischen Juden unter die nazistischen Judengesetze. Die junge Anne Frank ist für die Judenverfolgung in den Niederlanden zu einem symbolischen Namen geworden, den wohl jeder kennt.

Startseite des Etty-Hillesum-Centrums, Deventer Status: 6.7.14 Screenshot (zur Webseite verlinkt)

Startseite des Etty-Hillesum-Centrums, Deventer
Status: 6.7.14
Screenshot (zur Webseite verlinkt)

Etty (Esther) Hillesum war Jüdin, durch die Geschehnisse im Innersten aufgewühlt. Sie traf auf einen ebenfalls aus Deuschland geflohenen Juden, Julius Spier, einem Chiroanalytiker, der ihr zum Aufzeichnen ihrer Gedanken riet. So führte Etty in Jahren 1941/42 ein Tagebuch, das aus den Kriegswirren gerettet werden konnte und das, nachdem es Jahrzehnte später wieder auftauchte,  1981 veröffentlicht wurde.

Etty lebte mit Freunden zusammen in einer Wohnung in Amsterdam, hier bewohnte sie ein Zimmer, in dem sie ihr Tagebuch schrieb. 1942 wurde sie Mitarbeiterin des Judenrates, als solche hatte sie verschiedene „Privilegien“, sie konnte beispielsweise noch in ihrer Zeit in Westerbork („polizeiliche Judendurchgangslager Kamp Westerbork“ [5]) öfters nach Amsterdam reisen. Auch ihre Eltern waren mittlerweile in Westerbork interniert. Vor diesem Lager aus wurden die Transporte der Juden nach Polen organisiert. Am 7. September 1943 wurden sie selbst und auch ihre Eltern nach Auschwitz deportiert, wo sie am 30. November vergast wurde.

Der Begriff „Tagebuch“ für dieses vorliegende Bändchen stimmt insofern, als daß Etty Hillesum ihre Aufzeichnungen in Form eines Tagebuchs führte. Er führt dagegen in die Irre, wenn man ein normales Tagebuch, in dem Geschehnisse und Abläufe des Tages geschildert werden, erwartet. Es sind eher Protokolle der Selbstbeobachtung, der Selbstbegleitung einer jungen, von einer großen, übermächtigen inneren Unruhe getriebenen Frau auf der Suche nach dem „Eigentlichen“, dem Innersten, dem Sinn – auf der Suche nach Gott. Etty Hillesum war eine Sucherin geworden, eine Selbsterforscherin, sie war jemand, der wusste, daß die Antwort auf all ihre Fragen in ihr selbst ruhten und sie ging diesen Weg mit unglaublicher Konsequenz. Darüber berichtet ihr Tagebuch. Das äußere Leben, die Lebensumstände werden nur insofern erwähnt, als sie für den inneren Weg von Bedeutung sind. So erfahren wir beispielsweise in der ersten Hälfte des Büchleins kaum etwas über die Drangsale der Juden oder allgemein der Bevölkerung durch die Besatzung, aber viel hören wir von jenem schon erwähnten Julius Spier, mit dem sich ihre Beziehung, auch sexuell, immer weiter intensivierte.

Ursprünglich Banker von Beruf beeindruckte Spier mit seiner Fähigkeit, aus Händen zu lesen. C.G. Jung in Zürich war es, der ihm zu einer psychoanalytischen Ausbildung zum Psychochirologen riet. Spier floh in der Reichsprogromnacht 1938 aus Berlin nach Amsterdam, seine Verlobte ging nach London [3].

Julius Spier muß ein charismatischer Mensch gewesen sein, der großen Einfluss auf die Menschen ausübte, mit denen er in Kontakt kam. So faszinierte er auch die junge Etty, bald entdeckten die beiden die Seelenverwandtschaft, die sie verband und die im Lauf der Zeit zu einer Liebe werden sollte. Spier wird in den Aufzeichnungen Ettys durchgängig als S. abgekürzt, erst ganz zum Schluss des Büchleins, i Briefen aus Westerbork ist auch das Kürzel „Jul“ zu lesen. Zu dieser Zeit war Spier schon tot, er starb 1942 an Lungenkrebs, Etty beschreibt diese Zeit des Sterbens in ihrem Tagebuch.


Etty Hillesum war auf der Suche nach Gott. Nicht dem Gott der Juden oder Christen, sondern nach dem Göttlichen an sich, dem Numinosen, nach dem, was erst zu erkennen ist, wenn alles an Ängsten, Befürchtungen, Zweifeln, an Hass und Wut, an Zorn, Ärger und Missgunst, an Neid und Überheblichkeit in einem selbst beseitigt ist. Dieser Weg, dieser Zugang zu Gott, das zeigte sich für Etty immer mehr, ist nicht draußen zu finden, dieser Weg zu Gott führt an den Urquell des eigenen Seins, in das eigene Innerste. Dort, nur dort, ist Gott zu finden, aus dieser, bei den allermeisten verschütteten Quelle schöpft der Mensch sein Sein.

Es ist ein Weg der Mystik, den Etty beschritt. Ein Weg auch, der mit Zweifeln gespickt ist, der Rückschläge bringt. Das Menschliche, die Schwäche … sie sind stark. Aber Etty analysiert diese erlittenen (wirklichen oder auch eingebildeten) Rückschläge, sie deckt ihre Schwächen vor sich selbst schonungslos aus und es gelingt ihr so, sich immer intensiver zu ergründen.

Das Leben ist schön: wie oft steht dieser Satz in ihren Aufzeichnungen, an vordergründig widersinnigsten Stellen, in der Bedrängung, in der Verfolgung, in der Not. Lebenshungrig ist sie, die nach Bescheid des Arztes zu intensiv im Geistigen lebt, mehr die Realität wahrnehmen soll… aber gibt es nicht viele Realitäten, ist Gott, mit dem sie spricht, nicht auch eine Realität? Ihre Aufzeichnungen werden immer mehr zu Gesprächen mit Gott, zu Gebeten..

Ab ca. Mitte 1942 ändert sich der Duktus des Textes, er wird ruhiger, Zweifel und Irritationen nehmen ab, auch nimmt die äußere Realität mehr Raum an – notgedrungen wohl, die Beschränkungen für Juden nehmen immer mehr zu und bestimmen immer mehr den Alltag. So führt z.B. das Verbot, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, zu langen Fußwegen, die Juden für ihre Besorgungen zu bewältigen haben – für alte Menschen eine riesige Belastung, auch Etty klagt häufig über große Blasen an den Füßen. Eins spielt ins andere: in vielen Geschäften dürfen Juden nicht mehr kaufen, in Cafés nicht mehr einkehren, um sich auszuruhen….

Etty war sich der relativ guten Umstände, in denen sie lebte, bewusst. Irgendwie war sie durch die Raster der Nazis noch nicht erfasst worden, während viele Juden schon in immer engeren auch räumlichen Verhältnissen lebten, hatte sie immer noch ihr Zimmer, ihren Schreibtisch und die Möglichkeiten, eines zwar bedrohten, aber immer noch halbwegs geordneten Lebens.

Sie wurde gedrängt, sich für eine eine gewisse temporäre Sicherheit bietende Stelle im Judenrat zu bewerben – was sie nicht wollte, die sie dann aber letztendlich doch akzeptierte. Sie weigerte sich trotz des Drängens von Freunden, unterzutauchen, zu fliehen – gerade sie sollte entkommen und überleben. Aber flöhe sie, würde ein anderer an ihrer Stelle genommen und deportiert, und das könne und wolle sie nicht, war ihre Erwiderung. Ihre Mission, so wurde ihr immer stärker klar, war es, den Menschen zu helfen, ihnen auch in der Aussichtslosigkeit ihrer Situation beizustehen, da zu sein, einfach da zu sein für sie….. nicht, daß sie Hoffung gehabt hätte, daß die Vernichtung der Juden beschlossen war, war ihr absolut klar: Natürlich. Es ist die vollständige Vernichtung. (Oktober ´42). Und doch….

Es ist nicht so, als ob Etty in ihrer Umgebung nicht auch auf Unverständnis gestoßen wäre. Sie lebe zu sehr im Geistigen, diese Meinung ihres Arztes habe ich schon angeführt. Manche ihrer Gedanken vertraute sie wohl nur dem Tagebuch an, sie wollte (so begründete sie dies an einer Stelle) die anderen nicht aufregen. Ihre Arbeit im Judenrat (der „Hölle“, wie sie es nannte; einige wenige Juden helfen mit, viele Juden zu deportieren) interessierte sie nicht, kollidierte mit ihren innersten Überzeugungen. Lieber als Listen zu schreiben saß sie in einer Ecke auf dem Boden und las ihren geliebten Rilke, den sie als Begleiter auf ihrem gesamten spirituellen Weg bei sich hatte und den sie auf jeden Fall auch mit auf einen Transport nehmen wollte. Im Judenrat warf man Unkollegialität vor.

Ausschnitt aus der Transportliste Westerbork-Auschwitz Bildquelle [B]

Ausschnitt aus der Transportliste Westerbork-Auschwitz
Bildquelle [B]


Die Aufzeichnungen der Etty Hillesum enden 1942, aus dem nachfolgenden Jahr sind noch Briefe, die sich mit den Umständen im Lager befassen, erhalten und im Büchlein abgedruckt. Der letzte Satz in ihrem Tagebuch ist datiert auf den 12. Oktober 1942 und lautet:

Ich möchte ein Pflaster sein auf vielen Wunden.

Am 7. September 1943 war es dann soweit.  Trotz des Wissens, daß dieser Tag kommen musste, war er in der Plötzlichkeit doch überraschend: die Eltern kamen auf einen Transport nach Auschwitz und Etty  (sowie ihr Bruder Mischa) begleitete sie. Es gab keine Ausnahmegenehmigungen mehr für Etty.

Nach Berichten des Roten Kreuzes wurde sie am 30. November vergast.


Es sind schlimme Zeiten, mein Gott. Heute Nacht geschah es zum ersten Mal, daß ich mit brennenden Augen schlaflos im Dunkeln lag und viele Bilder menschlichen Leidens an mir vorbeizogen. Ich verspreche dir etwas, Gott, nur eine Kleinigkeit: Ich will meine Sorgen um die Zukunft nicht als beschwerende Gewichte an den jeweiligen Tag hängen, aber dazu braucht man eine gewisse Übung. Jeder Tag ist für sich selbst genug. Ich will dir helfen, Gott, daß du mich nicht verlässt, aber ich kann mich von vornherein für nichts verbürgen. Nur dies eine wird mir immer deutlicher: daß du uns nicht helfen kannst, sondern daß wir dir helfen müssen, und dadurch helfen wir uns letzten Endes selbst. Es ist das einzige, auf das es ankommt: ein Stück von dir in uns selbst zu retten, Gott. Und vielleicht können wir mithelfen, dich in den gequälten Herzen der anderen Menschen auferstehen zu lassen […]. Und mit fast jedem Herzschlag wird mir klarer, daß du uns nicht helfen kannst, sondern daß wir dir helfen müssen und deinen Wohnsitz in unserem Inneren bis zum Letzten verteidigen müssen. Es gibt Leute, es gibt sie tatsächlich, die im letzten Augenblick ihre Staubsauger und ihr silbernes Besteck in Sicherheit bringen, statt dich zu bewahren, mein Gott. Und es gibt Menschen, die nur ihren Körper retten wollen, der ja doch nichts anderes mehr ist als eine Behausung für tausend Ängste und Verbitterung. Und sie sagen: Mich sollen sie nicht in ihre Klauen bekommen. Und sie vergessen, daß man in niemandes Klauen ist, wenn man in deinen Armen ist.“

„Sonntagmorgengebet“ vom 12. Juli 1942 (als Zitat entnommen aus [1])

_______________________________________________

Ich ruhe in mir selbst. Und jenes Selbst, das Allertiefste und Allerreichste in mir,
in dem ich ruhe, nenne ich „Gott“.

Der mystische Weg der inneren Gottesschau mag auf Aussenstehende befremdlich wirken, zu sehr scheint der Mensch die „Realität“ zu negieren, zu inadäquat auf äußere (vermeintliche oder wirkliche) Zwänge zu reagieren. Und doch sind diese vermeintlich Weltfremden voll innerer Energie, voll innerer Gefasstheit. Leider sind kaum Äußerungen Aussenstehender über die Wirkung von Etty auf andere Menschen bekannt, dem wenigen nach, was man weiß, muss sie eine bemerkenswerte voller Ausstrahlung gewesen sein, eine „leuchtende Persönlichkeit“ nannten Überlebende aus Westerbork sie. Es ist zu hoffen, sehr zu hoffen, daß sie ihr Lebensziel, anderen zu helfen, auch in ihren agen in Auschwitz noch verfolgen konnte, daß ihre innere Kraft durch die Zwiesprache mit ihrem Gott groß genug war, um nicht gebrochen zu werden….

Ich habe in meiner Buchvorstellung viel von Ettys Suche nach Gott geredet, davon soll sich aber niemand, der keinen Bezug zu Gott hat, abschrecken lassen. „Das denkende Herz“, so wie sie in der Lagerbaracke genannt wurde, ist in allererster Linie ein beeindruckendes Dokument einer Frau, eines Menschen, der sich mit großer Selbstdisziplin und großer Ernsthaftigkeit auf den Weg macht, sein Selbst zu finden. Dies ist unabhängig von der Suche nach Gott ein Wert an sich, insofern können Etty Hillesums Aufzeichnungen eine große Inspiration für jeden Leser sein.


Zitate

  1. Juni 1941: Wieder Verhaftungen, Terror, Konzentrationslager, willkürliches Abholen von Vätern, Brüdern, Schwestern. Man sucht nach dem Sin des Lebens und fragt sich, ob es überhaupt noch einen Sinn hat. … Jedenfalls habe ich zur Zeit allen Zusammenhang mit dem Leben und den Dingen verloren. …“ [S. 37]
  2. August 1941: Liebe ich S.? Ja, irrsinnig. … Es ist schwierig, mit Gott und dem Unterleib in gleicher Weise zurechtzukommen. .. [S. 42/3]
  3. September 1941: Ich will dieses Jahrhundert kennenlernen, von außen und von innen. Ich bestaste dieses Jahrhundert, jeden Tag aufs neue, mit meinen Fingerspitzen taste ich an den Konturen der Zeit entlang. Oder ist dies nur eine Fiktion? [S. 53]
  4. September 1941 Ich fühle wie jemand, der von einer Krankheit genesen ist. Noch etwas schwindelig im Kopf und wackelig auf den Beinen. Gestern war mir sehr elend, ich glaube, daß ich innerlich nicht einfach genug lebe. Mich zu sehr in Ausschweifungen, in Bacchanalien des Geistes verliere. … Die Wirklichkeit interessiert mich sehr, aber nur vom Schreibtisch aus, nicht etwa um darin zu leben und zu handeln. … [S. 54/5]
  5. Juni 1942 Es gibt weder Unrast noch Hast um mich. [S. 109]
  6. Juni 1942: Der Frieden kann nur dann zum echten Frieden werden, irgendwann später, wenn jedes Individuum den Frieden in sich selbst findet und den Hass gegen die Mitmenschen, gleich welche Rasse oder welchen Volkes in sich ausrottet, besiegt und zu etwas verwandelt, das kein Haß mehr ist, sondern auf weigte Sicht sogar zu Liebe werden könnte. … Ich bin ein glücklicher Mensch und preise dieses Leben, jawohl, im Jahre des Herrn 1942, dem soundsovielten Kriegsjahr. [S. 115]
  7. Juli 1942: Ich habe unserem Untergang ins Auge geblickt, unserem vermutlich elenden Untergang, …. [S. 125]
  8. Juli 1942: Die Urkraft besteht vielmehr darin, daß man, auch wenn man elend umkommt, bis zum letzten Augenblick das Leben als sinnvoll und schön empfindet in dem Gefühl, daß man alles in sich verwirklicht hat und daß es gut war zu leben. [S. 134]
  9. Juli 1942: Für das ungebrochene und strahlende Gefühl in mir, das auch das Leiden und die Gewalt einbezieht, kann ich die richtige Sprache noch nicht finden. …. [S. 142]
  10. Juli 1942: Und mit dieser schlanken Füllfeder müsste ich ausholen, als wäre sei ein Hammer, und die Wörter müssten wie ebensoviele Hammerschläge von unserem Schicksal künden, von einem Stück Geschichte, wie es noch nie eines gegeben hat [S. 144]
  11. Juli 1941: Mein Gott, was hast du mit mir vor? [S. 156]
  12. September 1942: Eigentlich ist mein Leben ein unablässiges „Hineinhorchen“, in mich selbst, in andere und in Gott. Und wenn ich sage, daß ich „hineinhorche“, dann ist es eigentlich Gott, der in mich „hineinhorcht“. Das Wesentlichste und Tiefste in mir, das auf das Wesentlichste und Tiefste in dem anderen horcht. Gott zu Gott. [S. 176]
  13. Oktober 1942: Man sollte immer beten, Tag und Nacht, für all die Tausende. Man sollte keine Minute ohne Gebet sein wollen. [S. 201]
  14. Oktober 1942: Durch mich hindurch fließen breite Flüsse, in mir erheben sich hohe Gebirge. Und hinter dem Gestrüpp meiner Unruhe und Verwirrungen erstrecken sich die breiten Ebenen der Ruhe und Erhebung. … Die Erde ist in mir und auch der Himmel ist mir. … Ich falte die Hände mit einer Gebärde, die mir lieb geworden ist, und sage närrische und ernsthafte Dinge im Dunkel zu dir und erflehe einen Segen über dein ehrliches, liebes Haupt, all das zusammen könnte man mit einem Wort „beten“ nennen. .. [S 203/4]

Zuglaufschild Westerborg-Auschwitz, bewahrt in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Israel Bildquelle [B]

Zuglaufschild Westerborg-Auschwitz, bewahrt in der
Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Israel
Bildquelle [B]

Es sind Tagebuchaufzeichnungen, die mit einem bestimmten Ziel geschrieben wurden. Lange nach dem Krieg, 1981, tauchten sie wieder auf und mussten mühsam entziffert werden (Ettys Handschrift gleicht dem Schriftbild des Arabischen…). Es wurde eine Textauswahl getroffen, aber die Texte wurden nicht mehr bearbeitet. Das Buch ist aus diesem Grund und weil das Thema nicht einfach ist, nicht zu lesen wie ein Roman, man muss häufig Pausen machen und über das Gelesene Nachdenken. Erschwerend kommt hinzu, daß viele Einträge ohne Datum sind, nur die Tage und die Uhrzeiten sind angegeben, was ein wenig die zeitliche Orientierung behindert und zum häufigeren Vorblättern zwingt. Auch ist der Tagebuchcharakter dafür verantwortlich, daß vieles wiederholt wird, daß manches nach Selbst-/Eigenlob klingt oder auch autosuggestiv: Etty schreibt für sich und legt zuvörderst vor sich selbst Rechenschaft ab, dies muss man im Auge behalten. Dies alles mindert die enorme Tiefe des Textes nicht.

Für mich war dieses schmale Bändchen ein großer Gewinn.

Links und Anmerkungen:

[1] Beatrice Eichmann-Leutenegger: Ein denkendes Herz in Amsterdam – Zum 100. Geburtstag von Etty Hillesum (1914-1943); in: http://www.stimmen-der-zeit.de/zeitschrift/ausgabe/details?k_beitrag=3975003&query_start=1
[2] Webseite des Etty-Hillesum-Zentrums in Deventer: http://www.ettyhillesumcentrum.nl/index.php/de
[3] Der Magier Julius Spier, in [1]; http://www.stimmen-der-zeit.de/zeitschrift/ausgabe/details?k_beitrag=3975003&query_start=3
[4] zitiert aus: Das deutsche Besatzungsregime in den Niederlanden: http://www.dhm.de/lemo/html/wk2/kriegsverlauf/niederlandebes/index.html
[
5] – Wiki-Beitrag: http://de.wikipedia.org/wiki/Durchgangslager_Westerbork
– Holländische Webseite über das Lager: http://www.holocaust-lestweforget.com/transit-camp-westerborkdutch.html

[B]ildquellen:
– Zuglaufschild: http://www.ramakrishna.de/okzident/Etty_Hillesum.php
– Sceenshot „Transpotliste“: http://www.holocaust-lestweforget.com/westerbork-transport-scheduledutch.html

Etty Hillesum
Ein denkendes Herz
Die Tagebücher von Etty Hillesum
Übersetzt aus dem Niederländischen von Maria Csollány
Originalausgabe: Het Verstoorde leven, Haarlem, 1981
diese Ausgabe: rororo, TB, ca. 224 S., 19XX

%d Bloggern gefällt das: