Sue Monk Kidd / Ann Kidd Taylor: Granatapfeljahre

Ich habe die amerikanische Autorin Sue Monk Kidd in meinem Blog vor vielen Jahren mit zweien ihrer Romane vorgestellt: mit ihrem Erstling Die Bienenhüterin (https://radiergummi.wordpress.com/2010/06/16/sue-monk-kidd-die-bienenhuterin/) und mit ihrem Titel Die Meerfrau (https://radiergummi.wordpress.com/2010/05/16/sue-monk-kidd-die-meerfrau-2/)beides sehr einfühlsame Romane mit einer spitituellen Komponente. Zumindest Die Bienenhüterin ist auch für den vorliegenden Text von Bedeutung, weiß man, daß dies das (sehr erfolgreiche) Debut Kidds ist, erscheinen einem einige Passagen des Buches klarer. Die Meerfrau hat noch eine weitere Bedeutung für mich persönlich, es war der erste Text, aus dem ich sozusagen öffentlich, vor einem größerem Kreis von Bekannten vorgelesen habe. Mittlerweile hat sich daraus ja eine kleine Veranstaltungsreihe ergeben, zu der die üblichen Verdächtigen immer wieder kommen, Menschen eben, die sich durch nichts vergraulen lassen….


Die Granatapfeljahre sind  ein sehr persönliches Buch der beiden Autorinnen. Im Untertitel ist zwar vom Glück die Rede, vom ‚Glück, unterwegs zu sein‘ und zweifelsohne sind die beiden Frauen, Mutter und Tochter (wie unschwer zu erraten ist) viel unterwegs, aber diese Reisen sind allenfalls die Bühne für etwas sehr viel tiefgreifenderes, elementareres: es sind Pilgerreisen zweier Menschen, deren Leben sich im Umbruch befindet und die – rückwärts gewandt – mit Verlusterfahrungen umgehen lernen müssen und die sich andererseits auf eine neue Lebenssituation einstellen müssen.

Die Mutter Sue Monk Kidd ist gerade fünfzig Jahre alt geworden, sie spürt, daß ihr Körper sich im Wandel befindet, daß sie sich bald von der Phase der reifen Frau verabschieden muss, daß sie in eine neue Lebensphase eintreten wird. Immer wieder taucht das Bild der ‚Alten Frau‘ vor ihr auf, die noch nicht da ist, die sie aber erwartet und sucht. Gleichzeitig wird ihr schmerzlich bewusst, daß sie ebenfalls ihre Tochter ‚verlieren‘ wird, die jetzt ihr eigenes Leben, unabhängig von ihr, aufbauen wird. Der Mythos von Persephone und Demeter ist Metapher für diese Situation, Dieser antike Mythos erzählt von einer Entführung: Hades, der Gott der Unterwelt, verliebt sich in die junge Persephone und verschleppt sie in sein Reich. Ihre Mutter Demeter – Göttin des Korns und der Fruchtbarkeit – lässt aus Zorn und Schmerz über den Verlust der Tochter die Pflanzen auf der Erde verdorren. Göttervater Zeus schaltet sich ein, und Persephone kehrt zur Mutter zurück.  (https://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/persephone-und-demeter/-/id=660374/did=17212244/nid=660374/17ctmks/index.html)

Raub der Persephone. A-Seite des »Persephone-Kraters«, ein apulischer rotfiguriger Volutenkrater, um 340 v. Chr.
(Staatl. Museum Berlin)

Ein Drittel des Jahres aber verbringt sie weiter in der Unterwelt, weil sie von den Granatapfelkernen, die Hades ihr gereicht hatte, aß. Nun durfte aber niemand, der von der Speise der Toten kostete, immer auf der Oberwelt bei den Lebenden weilen, ein Drittel des Jahres musste Persephone auch nach dem Machtwort des Zeus in der Unterwelt verbringen. In dieser Zeit bleibt die Oberwelt unfruchtbar (siehe zum Beispiel hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Raub_der_Persephone). Unschwer ist dieser Sage das Bild der sich von der Mutter lösenden Tochter zu erkennen und damit die Analogie zu der Lebenssituation der beiden Autorinnen in dieser Lebensphase. Für die Mutter, selbst auf der Suche nach der ‚Alten Frau‘ (Ein Begriff, der mich jedesmal an die Figur der ‚Weißen Frau‘ erinnert, die ein fast vergessenes Bild für die weibliche Figur des Todes, die Tödin ist: https://radiergummi.wordpress.com/2017/01/11/erni-kutter-schwester-tod/ Diese Assoziation ist ja auch nicht völlig abwegig.) ist eine weitere Figur wichtig, nämlich die der Hekate, die Demeter als einzige auf der Suche nach ihrer Tochter half.

Die beiden Frauen unternehmen Reisen. Die erste führt sie nach Griechenland, wo sie diesem Mythos nachspüren. Ann (ich bleibe ab jetzt bei den Vornamen) war schon einmal in Griechenland, war begeistert, erlebte wunderbare Stunden hier, hatte das Gefühl, hier ihren Weg im Leben gefunden zu haben. Ein Gefühl, das verloren gegangen ist: ihr Wunsch, die Historie der Antike zu studieren, wurde durch die Absage der Uni zerstört, zusammen mit dem Selbstbewusstsein der jungen Frau, ihrem Selbstwertgefühl und ihrer Selbstachtung: Ann verfiel in eine Depression, die ihre Mutter zwar spürte, aber da sich die Tochter verschloß bzw. hinter einen harmlosen Maske nach außen hin tarnte, kannte Sue die Ursache dafür nicht. Ann also auch in der Situation, einen herben Verlust ertragen zu müssen und in einen neuen Lebensabschnitt einzutreten, wobei ersteres mit seinen psychischen Folgen diesen Übergang, der ja im Grunde mit Freude, mit Optimismus zu bewerkstelligen wäre, sehr erschwert.

Im ersten Teil des dreiteiligen Buches (‚Verlust) begleiten wir die beiden Frauen auf ihrer Reise durch das antike Griechenland. Athen mit der Akropolis und der Plaka, der unerträglichen Hitze, des Staubes (all das erinnert mich an so viele frühere, eigene Aufenthalte dort), sind der Ausgangspunkt, natürlich besuchen Ann und Sue auch Eleusis, den Ort, an dem wesentliche Ereignisse des Mythos lokalisiert werden, sie befahren die Ägäis bis hin zur türkischen Küste in die Nähe von Ephesus, wo sie das Haus der Maria besuchen. Maria, die 431 offiziell von der Kirche zur ‚Gottesgebärerin‘ (Theotókos) erklärt worden war, die Mutter Jesu, Tochter der Anna (und des Joachim, wie es im nicht zum offiziellen Kanon der Bibel gehörigen (Proto)Evangelium des Jakobus beschrieben wird) ist für Sue eine wichtige Figur, die Personalisierung des weiblichen Prinzips in einer von Männern dominierten Kirche, in der Zweiheit Anna – Maria taucht ferner wieder das Bild der Mutter auf, die ihre Tochter in die Eigenständigkeit entlassen ‚muss‘.

Dieses Bild da Vincis, das im Louvre hängt, mit Maria auf dem breiten Schoß Annas sitzend, die ihre sich nach vorne beugende Tochter und ihren nackeligen Enkel voller Liebe mit monalisigem Lächeln betrachtet, taucht immer wieder in den Reflexionen der Mutter auf ebenso wie das Urbild der ’schwarzen Madonna‘ (vgl. z.b. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarze_Madonna und https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_Schwarzer_Madonnen) für sie wichtig auf ihrer Suche nach der weiblichen Seite ihrer Spiritualität.

Die weibliche Trinität ‚junge Frau – reife Frau – alte Frau‘ umfasst die Doppelrolle der reifen Frau: sie ist selbst Mutter der ‚jungen‘, aber auch Tochter der ‚alten Frau‘:  daß Monk Kidd in diesem Zusammenhang auch ihre eigene Beziehung als Tochter zu ihrer Mutter reflektiert, sei hier nur angedeutet. Wichtig ist für Sue die Erkenntnis des Verschiedenseins: während ihre eigene Mutter zufrieden und glücklich ist im Sein, ist sie, Sue, jemand der im Tun, im Machen seine Bestimmung sieht. Beide Frauen jedoch sind zu der Überzeugung gekommen, daß die Eigenschaft der jeweils anderen wichtig für sie selbst waren und sind.

Auf dieser Griechenlandfahrt, dies als letztes, reift in Sue letztendlich auch der Entschluss, einen Roman zu schreiben und die Biene ist ihr Thema, ein Motiv, das sie ihr Leben lang schon begleitete und das sie in Ephesus in einem sehr symbolhaften Erlebnis überzeugte.


The Virgin and Child with Saint Anne
Leonardo da Vinci,
Louvre

Mit Suche ist der zweite Teil des Buches überschrieben. Inhaltlich umfasst er eine selbstorganisierte Reise der beiden mit einer größeren Gruppe von Frauen durch Frankreich. Sue hat angefangen, ihre neue Rolle als älter werdende Frau zu akzeptieren, als Mutter, deren Tochter nun mir ihrer Schönheit im Mittelpunkt steht, während sie in den Hintergrund tritt. Spirituell wird Maria als lebendiges Symbol für ein weibliches Gottesprinzip immer mehr ihr Bezugspunkt: Was spricht also dagegen, die bedeutendsten Ereignisse in ihrem Leben als eine Art Wegweiser für uns Frauen zu betrachten? Es folgt eine Aufzählung von Stationen aus Marias Leben und deren mögliche symbolische Bedeutung. Während Sue also ihre Symbolfigur in Maria (und ein wenig auch in Anna) gefunden hat, wird für Ann neben Maria die Heilige Johanna (Jean d’Arc) immer wichtiger, die trotz ihrer Jugend so Bedeutendes vollbrachte. Ihr weiht die immer noch von starken Selbstzweifeln geplagte junge Frau schließlich das Versprechen, Schriftstellerin zu werden, was sie zunehmend als ihre Bestimmung erkennt.

Während Ann, die bald heiraten wird, dadurch endgültig in das Stadium der reifen Frau eintreten wird, sieht sich Sue zunehmen mit der Frage der eigenen Sterblichkeit, mit dem Tod, konfrontiert, die sie bis dato erfolgreich verdrängt hatte. Ich erkenne, dass der ehrlichste Umgang mit dem Tod eine schrittweise Neuorientierung erfordert, weg vom äußeren Selbst, hin zum wahren Selbst. Eine Loslösung von meinem Ego, … eine Identifizierung mit dem, was größer ist als ich. Der Gedanke bringt eine tiefe, verblüffende Erleichterung mit sich.


Im Jahr 2000 kehren beide (wieder im Rahmen einer Frauengruppe) noch einmal nach Griechenland zurück (Rückkehr). Die spirituelle Suche nach Erkenntnis, die nach den jeweiligen Verlusterfahrungen zwei Jahre zuvor eingesetzt hatte, geht ihrem Ende zu. Ann hat geheiratet, hat in ihre Hochzeitszeremonie die weiblichen Aspekte Gottes einbezogen, sie konzentriert sich jetzt auf ihre Schreiberei. Sue (teilweisen von ähnlichen selbstzweiflerischen Momenten wie ihre Tochter heimgesucht) hat den ersten Teil ihres Manuskripts an eine Agentin geschickt, die auch sofort einen Verlag gefunden hat, der jedoch den zweiten Teil des Romans in einem halben Jahr bekommen möchte…

Sie sind jetzt gefestigt, Sue und Ann, in ihren neuen Rollen, in ihren neuen Lebensabschnitten. Es ist sozusagen der zehnte Tag, der Tag, an dem Demeter Persephone wiederfand und beide wieder vereinigt waren. Es war eine spirituelle Reise mit vielen Erkenntnissen, es war eine Suche nach Selbstwert und Vertrauen in sich selbst, es war auch die Anstrengung, das Leben mit all seinen Phasen, die es bereit hält, freudig zu akzeptieren.


Granatapfeljahre ist ein Bericht, der viel über die beiden Frauen verrät. Beide verändern sich im Verlauf der zwei Jahre, die das Buch überstreicht, ebenso wie sich das Verhältnis zwischen ihnen wandelt. Besonders Ann, die anfangs verschlossen war, ihre großen inneren Nöte nicht offenlegen konnte, fand schließlich den Mut, diese selbst errichtete Mauer nieder zu reißen und in eine neues, intensiveres Stadium der Vertrautheit einzutauchen. Auch wenn die Selbstzweifel nur langsam verschwanden, gewann sie doch im Lauf der Zeit ein neues Bild auch von sich, baute Selbstvertrauen bzw. Mut, zu sich und ihren Wünschen zu stehen, auf: sie verwurzelte sich und lernte es, derart Stärke zu gewinnen. Sue andererseits ließ ihrer Tochter die Zeit, die sich brauchte, ohne sie zu drängen. So waren tatsächlich alle Entscheidungen, die Ann traf, Entscheidungen Anns, die nicht von der Mutter angeregt worden waren.

Auch Sue hat ihre Entwicklung zur ‚Alten Frau‘ durchlaufen, die Rolle, die letztlich auch der Erkenntnis der eigenen Endlichkeit verbunden ist, akzeptiert, fast möchte ich sagen: freudig akzeptiert, zumindest ohne Trauer. Mit dieser Akzeptanz verschwanden letztlich auch die gesundheitlichen Probleme, die sie hatte.

Beiden Frauen war ihr Spiritualität sehr wichtig, beide maßen der von der offiziellen Kirche zurückgedrängten weiblichen Komponente im Bild Gottes große Bedeutung bei. Die Figur der Maria, aber auch der antike Mythos um Persephone und Demeter waren ihr ‚roter Faden‘, an dem sie sich entlang hangelten, der ihnen immer wieder Kraft und Mut gab, der immer wieder auf ihre persönlichen Situation gedeutet werden konnte.

Das Buch selbst… nachdenklich, ehrlich, einfühlsam, immer wieder auch eigene Gedanken anregend. Interessant ist der Aufbau, Ann und Sue schreiben im Wechsel der Abschnitte, meist über dieselbe Situation, so daß wir diese aus zwei verschiedenen Blickwinkeln geschildert bekommen.  Ich denke mal (ich will jetzt endlich auch fertig werden), Granatapfeljahre ist ein Buch nicht nur für Frauen, auch Männer können durchaus Gewinn daraus ziehen, denn sich mit sich und seinem Leben zu ‚arrangieren‘, ist eine Aufgabe, die jedem Menschen gestellt ist.

Bildquellen:

Anna Selbsdritt:
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Leonardo_da_Vinci_-_Virgin_and_Child_with_St_Anne_C2RMF_retouched.jpg; [Public domain], via Wikimedia Commons

Raub der Persephone:
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Persephone_krater_Antikensammlung_Berlin_1984.40.jpg,  [Public domain], via Wikimedia Commons

Sue Monk Kidd / Ann Kidd Taylor
Granatapfeljahre
Vom Glück, unterwegs zu sein
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Ursula C. Sturm
Originalausgabe: Traveling with Pomegranates; NY, 2009
diese Ausgabe: btb, TB, ca. 380 S., 2010

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Andrew Michael Hurley: Loney

loneyÜber den Autoren Andrew Michael Hurley habe ich relativ wenig Informationen gefunden. Die Autorenwebseite des deutschen Verlages glänzt durch Leere [Stand 13.01.2017, [2]], es gibt zwar einen Eintrag in der Wikipedia, aber auch der verrät kaum mehr über den Autoren als sein Geburtsjahr, 1975. So geheimnisvoll wie der Autor kommt auch sein Buch, bzw. natürlich dessen Inhalt, daher…

Ein Buch, das eine wahre Freude ist, wenn man es anschaut. Ein faszinierendes Bild auf dem Cover, faszinierend, weil es in den Verästelungen der Zweige so fein ist, weil es wie eine Lackmalerei wirkt und es haptisch ein tolles Gefühl ist, mit der Hand leicht über das Bild zu streichen. Ein roter Tropfen ist der einzige Farbfleck, den der Umschlag zu bieten hat….


Die Geschichte führt uns in den Norden Englands, in die Nähe von Lancaster, an die Küste, die dort rau ist und unwirtlich, an der das Meer gefährliche Strömungen aufweist und die Flut wie ein gefräßiges Raubtier am Land nagt und mit sich nimmt, was sich nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht hat. Schon so mancher ist Opfer geworden des kalten Wassers, es ist nicht selten, daß der Wechsel von Ebbe und Flut, der die Küstenlinie täglich neu verändert, Knochen freigibt, die das Land schon lange begraben hatte. An solch einem Knochenfund hängt sich die Geschichte Hurleys auf. Mitte des ersten Jahrzehnts dieses Jahrtausends wird durch einen Erdrutsch das Skelett eines Babys freigelegt. In den Berichten darüber, die im Fernsehen gesendet werden, ist die Rede davon, daß dieses Baby seinerzeit möglicherweise erschossen worden sei…

‚Tonto‘ Smith, ein introvertierte, eigenbrötlerischer Angestellter eines Londoner Museums sieht diese Berichte, die in ihm eine Erinnerung, eine verdrängte, fast vergessene Erinnerung wecken…..

Der Zeitsprung dieser Erinnerung führt dreißig Jahre zurück, ins Jahr 1976. Tonto und sein Bruder Edward (‚Hanny‘) gehören mit ihren Eltern einer kleinen katholischen Kirchengemeinde in London an, deren geistlicher Leiter, Father Wilfred, vor einigen Monaten durch einen Unfall (so sagt man) gestorben ist. Diese Gemeinde ist eigen, sie hängt einer Schmerzenstheologie an, die davon ausgeht, daß, je größer Schmerz, Not und Unrecht, desto größer auch die Gnade des Herrn sein kann. So äußert sich beispielsweise auch die Liebe Father Wilfreds seinen Ministranten gegenüber vorwiegend in Schlägen, bis das Blut fließt.

Nachfolger des Verstorbenen wird Father Bernard, ein Priester, dem diese Rigorisität seines Vorgängers fremd ist, der sich ebenso mit dem Bedürfnis der Gemeinde nach Strenge und unnachsichtiger Führung nicht anfreunden kann. Father Bernard ist durch seine Tätigkeit in Irland, in den dortigen Brandherden, den Kämpfen zwischen Katholiken und Protestanten geprägt, ihm ist menschliches nicht fremd und sein Gottesbild erlaubt es durchaus, fünfe auch mal gerade sein zu lassen. Oder wie er ausdrückt, daß es die Wahrheit nicht gibt, sondern nur Versionen der Wahrheit.

Der harte Kern dieser Gemeinde um die Familie Smith (das sind die beiden Brüder (ca 13, 14 Jahre alt) sowie die Eltern (‚Mummer‘ und ‚Farther‘)), das Ehepaar Belderboss (Father Wilfred war der Bruder des Mannes), Miss Bunce (die Köchin Father Bernard) und David, ihr Verlobter fuhren damals, 1976, in der Karwoche mit einem klapprigen Minibus an die nordenglische Küste, nach The Loney. Sie wollten damit an eine Tradition anknüpfen, die sie unter Father Wilfred gepflegt hatten, die aber seit mehreren Jahren ausgesetzt worden war: in der Osterwoche mit einer strengen Tagesordnung innere Einkehr halten und als Höhepunkt in der örtlichen Wallfahrtsstätte um die Heilung Hannys beten. Denn Hanny war sowohl stumm als auch geistig zurückgeblieben.

Unterkunft war ein altes Haus, einsam stehend, nicht allzuweit vom Strand weg, von einem Einheimischen mehr oder weniger in Schuss gehalten. Bevor die Gruppe aber dort eintrifft, muss sie noch die Fährnisse einer Autopanne überwinden, was jedoch mit Hilfe von ein paar dort zufällig (?) vorbeikommenden Männern gelang. Mit diesen Männern stellt uns Hurley auch schon die sozusagen Gegenspieler der kleinen Gruppe vor.

Damit wären die Ingredienzien, mit denen Hurley seinen Roman gewürzt hat, beisammen: eine kleine, fromme, auf ein Wunder hoffende Gruppe, die mit ihrem geistigen Leiter fremdelt, eine raue, einsame Gegend mit einer gefährlichen Küste und einem Wetter, daß durch den noch kaum zu ahnenden Frühling geprägt vorwiegend nebligt, diesig und regnerisch ist. Dazu die Einheimischen, die im besten Fall als Originale durchgehen können, im Grunde aber einen undurchsichtig, potentiell bedrohlichen Charakter haben. Das Haus selbst alt und muffig, zu allem Überfluss entdeckte Farther noch ein verborgenes Zimmer, in dem er seltsame Utensilien vorfand wie eine in einer mit Urin gefüllten Flasche schwimmende Figur des neu geborenen Jesus…

Es ist nicht mehr wie die Jahre zuvor. Etwas Beängstigendes, Bedrohliches, Unheimliches liegt in der Luft. Um dies deutlich zu machen, bedient sich Hurley der üblichen Mittel: des Wetters, einer Vodoo-ähnlichen Figuren, die im undurchdringlichen Wald an Bäumen hängen, nächtliche Geräusche, einer Vegetation, die sich nicht an die Jahreszeiten hält. Das Meer natürlich, das täglich neu und unberechenbar an die Küste schlägt… die Menschen, hinter deren Fassade man nicht blicken kann, die einem so fremd sind… es scheint, als hätte sich in der Region eine andere Art von Glauben etabliert gehabt…

Tonto erzählt die Geschichte dieser Pilgerfahrt aus seiner Perspektive. Er war damals für seinen Bruder Hanny verantwortlich, nahm diese Verantwortung auch sehr ernst. Doch im Lauf der Tage entgleitet ihm der Bruder, das Mädchen Else (irgendwoher muss das Babyskelett ja kommen), wohl noch ein wenig jünger als die Jungens, spielt dabei eine große Rolle. Und durch Father Bernard lernt er in dieser Zeit eine andere Art kennen, an Gott zu glauben, eine menschlichere… Höhepunkt der Wallfahrt sollte der Besuch des ‚Schreins‘ sein, mit dessen wundertätigem Wasser sollte Gott angefleht werden, ein Wunder an Hanny zu bewirken…

Hurley versteht es stilistisch vorzüglich, uns als Leser durch seinen Roman zu führen. Immer wieder baut er spannende Handlungstränge auf, die er jedoch nicht immer auflöst, vieles bleibt einfach ohne eine weitere Erklärung im Raum stehen. Das ist beim Lesen ein wenig unbefriedigend, passt aber natürlich in das Setting: als Leser weiß man nicht mehr als die Romanfiguren. Dies bleibt über den gesamten Roman so, alles bleibt unerklärt, wird nur beschrieben und als Ereignis geschildert. Wie beispielsweise die Tatsache, daß Hanny kurz nach der Rückkehr der Gruppe seine Sprache wieder findet… ist dies dem Wirken der dunklen Seite oder dem Anflehen Gottes zu verdanken oder hat es mit keinem von beiden zu tun? Wir wissen es nicht, wir erfahren es nicht.

Loney ist auch eine Auseinandersetzung mit einer bestimmte Art von Religiosität, einer, die den Menschen aus den Augen verloren hat: Je größer die Qual, desto besser konnte Gott sich einem zeigen … eine Formel, derzufolge Grausamkeiten umgekehrt proportional zu Gnade auftritt. Je unmenschlicher das Leid, das wir einander zufügen, desto barmherziger wirkte Gott als Kontrapunkt zu uns. Durch Schmerz würden wir lernen, wie weit unser Weg noch war, um in seinen Augen perfekt zu sein. Wer nicht litt, konnte also kein wahrer Christ sein, wie Father Wilfred uns einzuschärfen pflegte.

Zu diesem Fanatiker war Father Bernard, der auch mal ein Bierchen im Pub trank, der Gegenentwurf, kein Wunder, daß Mummer, die ihren einzigen Halt in der Rigorosität der Rituale und des Glaubens fand, mit ihm nicht zurecht kam. Und er auch nicht mit ihr und seiner neuen Gemeinde, lieber ging er nach Irland zurück.

… Dreißig Jahre danach.. Hanny, der tief in die damaligen Ereignisse verstrickt ist, dessen genauen Teil daran zwar nicht genannt wird, der sich aber beim Lesen aufdrängt, hat keine Erinnerung mehr an das, was damals geschah, nur ein undeutliches Gefühl von Schuld beunruhigt ihn… Noch immer, und damit schließt der Roman, fühlt sich Tonto als Beschützer seines Bruders, eine Rolle, die er gerne annimmt, auch in diesem Aspekt bleibt es unklar, ob Hanny einen solchen Schutz noch braucht, oder ob Tonto so mit seiner Beschützerrolle zusammengewachsen ist, daß er sich dadurch definiert.


Hurley hat mit seinem klaustrophobischen, dystopische Roman Loney ein gelunges Debüt vorgelegt. Er verstört den Leser, verunsichert, hat den Mut, Falltüren zu öffnen, die nicht gesichert sind, sprich: Dinge einfach stehen zu lassen, ohne sie aufzulösen. Vieles bleibt im Ungefähren, im Bereich der Vermutungen und Ahnungen, erzeugt dadurch eine durchgehend düstere, spannungsgeladene Atmosphäre. In dieses beunruhigende Panorama baut Hurley seine Kritik an der Rigorosität des von ‚Mummer‘ und ‚Father‘ gelebten Katholizismus ein praktisch konstituierendes Element ein, folgerichtig läßt er den liberaleren und menschlichern Nachfolger des alten, diesen Rigorosität fördendern und fordenden Geistlichen an dieser religiösen Haltung scheitern. Der Begriff der ‚Schuld‘ sthet explizit und implizit bei der gesamten Handlung des Romans mit im Zentrum. Zudem ist das Ganze sprachlich sehr gut umgesetzt und läßt für weitere Veröffentlichungen viel erwarten!

Links und Anmerkungen:

[1] Infos über Autor und Buch: http://www.foyles.co.uk/Andrew-Michael-Hurley
[
2] http://www.ullsteinbuchverlage.de/nc/autor/name/andrew%20michael-hurley.html

Andrew Michael Hurley
Loney
Übersetzt aus dem Englischen von Yasemin Dincer

Originalausgabe:
diese Ausgabe: Ullstein, HC, 384 S., 2016

 

Karin Seethaler: Die Kraft der Kontemplation

Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein,
einer, der etwas erfahren hat,
oder er wird nicht mehr sein.
(Karl Rahner)

kontemplation cover


Leser des Spiegel wissen es, zum Jahresende, im Weihnachtsheft, ist traditionell jedes Jahr ein Beitrag, der sich mehr oder weniger kritisch mit Belangen der Kirche, des Glaubens oder auch der Gottesvorstellung auseinandersetzt. Dieses Jahr 2015 ist es eine Diskussion zwischen einem Physiker und einem Pastoren um die Frage: Ist Gott ein Irrtum? Und der Mensch nur ein Zufall?

Ich habe den Beitrag nur überflogen, denn für meine Begriffe krankt er an einem grundlegenden Missverständnis. Der Mensch hat verschiedene „Kanäle“, mit denen er mit seiner Umwelt in Kontakt treten kann: den Verstand, das Gefühl, die Intuition und die Wahrnehmung. Denken ist eine schöne und stolze Beschäftigung beim Studieren. Aber aus schwierigen Gemütszuständen kann man sich nicht „herausdenken“. Dazu muss man anders vorgehen. Man muss sich passiv verhalten und horchen. Wieder den Kontakt mit einem Stückchen Ewigkeit finden. So zitiert Seethaler in ihrem Buch die holländische Jüdin Etty Hillesum [3], die in Auschwitz vergast worden ist und über ihre letzte, sehr intensive Zeit in Holland Tagebuch geführt hat. Es ist genau dies: der Physiker, der (Natur)Wissenschaftler kann mit seiner Ratio die Welt erklären (es zumindest versuchen), aber er kann mit dem Verstand nicht in die Dimension des Gefühls, der Wahrnehmung, der Intuition hineinhorchen, der Sphäre also, in der Glauben (wie immer auch er sich manifestieren mag) angesiedelt ist. So ist es auch für mich kein Widerspruch, wenn ein Wissenschaftler gläubig ist – es sind einfach zwei verschiedene Sachen, einerseits etwas zu wissen und andererseits wahrzunehmen, daß es ein Geheimnis gibt (das man Gott nennen mag), das hinter/über/in allem zu finden ist. Womit ich wiederum die Überleitung zu diesem kleinen Büchlein zur Kontemplation gefunden habe, denn der kontemplative Weg ist ein Weg, eine Methodik, sich diesem Geheimnis zu nähern. Er ist damit ein abendländischen Pendant zu den östlichen Meditionsformen, wie sie beispielsweise im Zen oder in Ausprägungen des Yoga praktiziert werden. Aus der muslimischen Welt wäre als mystische Bewegung der Sufismus zu nennen, möglicherweise besser als „Tanzende Derwische“ bekannt.


Karin Seethaler [1] stammt aus der Schule von Franz Jalics, SJ, einem bekannten Kontemplationslehrer, der in Gries ein Exerzitienhaus betreibt und dort Kurse anbietet und lehrt [2]. Dieses Büchlein über Die Kraft der Kontemplation legt seinen Schwerpunkt auf die praktischen Aspekte des Meditierens (die beiden Begriffe Kontemplation und Meditation werden weitgehend synonym verwendet), die Erklärung einiger grundlegender Begriffe und Fakten sowie etwas „Historisches“ sind vorausgeschaltet.

Nun ist Meditation auch bei uns im Westen mittlerweile kein unbekannter Begriff mehr. Seethaler legt aber einleitend auf die Feststellung wert, daß Meditation bzw. Kontemplation ein spiritueller Weg ist, Gott wieder zu entdecken, es ist kein Lifestyle-Produkt, um einem Bedürfnis nach Ruhe und Entspannung nachzugehen, es ist auch kein Therapieersatz, wenn (schwerwiegende) psychische oder seelische Probleme im Hintergrund auftauchen, die unter Umständen professionelle psychologische Unterstützung brauchen.

Die Sehnsucht nach Gott kann nur gestillt werden,
wenn der Mensch bereit ist, sich selbst zu begegnen.

Es ist im Grunde, von aussen gesehen, sehr einfach, zu meditieren. Man sitzt oder kniet, meist sind die Augen geschlossen, es herrscht Stille, man atmet ein und aus. Mehr ist eigentlich nicht. Und hier treten in der Praxis schon die ganzen Probleme auf… es können rein körperliche Probleme sein: die Knie fangen an zu Schmerzen, der Rücken tut weh, die Schultern verkrampfen… das Fehlen jeglicher Ablenkung kann dazu führen, daß aus dem Inneren Gefühle nach oben getragen werden: positive wie Freude oder Hoffnungen, negative wie Trauer, Angst oder Wut, die so stark sein können, daß man anfängt, zu weinen. Zweifel tauchen auf: was mach ich eigentlich hier, was soll das überhaupt und sowieso: kann mein Nachbar nicht mal mit den Schnaufen aufhören und überhaupt: die Tauben auf dem Dachfirst gegenüber machen wirklich einen ganz schönen Lärm…. Und nicht zuletzt der Ärger darüber, daß man offensichtlich noch nicht einmal in der Lage ist, nur für ein paar Sekunden seine Gedanken beiseite zu schieben, um endlich leer zu werden. Verflixt noch mal, jetzt habe ich doch vergessen, vorher noch bei Tante Else anzurufen! Die Stille kann manchmal sehr laut sein…

Seethalers Buch gibt hier Hilfen. Nach einführenden Abschnitten über die Methodik der Kontemplation wie das eigentliche Sitzen, die Bedeutung des Atems und des Gebetswortes sowie – typisch für die spezielle Methodik von Franz Jalics – die Ausrichtung der Wahrnehmung auf die Hände  widmet sie sich auftretenden Schwierigkeiten und Missverständnissen, mit denen jeder, der sitzt, zu tun hat.

Gegliedert ist ihr Buch in vier Hauptabschnitte, die helfen sollen, in die Grundhaltung der Kontemplation zu finden:

  • die achtsame Haltung bedeutet, aufmerksam sein, für das was ist
  • die zugewandte Haltung meint die Ausrichtung auf Gott
  • die vergebende Haltung beinhaltet die Bereitschaft, zu verzeihen und sich zu versöhnen und
  • die leidensbereite Haltung hilft, dem Schmerzhaften im eigenen Leben (und in der Kontemplation) zu begegnen

Mit vielen Beispielen aus ihrer Praxis macht die Autorin deutlich, was sich hinter diesen Begriffen verbirgt und wie sie sich in der Kontemplation verwirklichen lassen. Dabei geht sie auch auf häufig auftauchend Missverständnisse ein und erklärt sie. Wichtig ist ihr auch, daß der kontemplative Weg eine Weg ist, der das gesamte Leben umfasst und nicht beschränkt ist auf die Zeiten, in denen man sitzt. Kontemplation in diesem Sinne heißt, das, was man tut, jeweils achtsam tun: die Türklinke in die Hand nehmen, die Treppe hochgehen, einen Brief schreiben… die ganz alltäglichen Dinge des Lebens, die man oft unbewusst macht, bei denen die Gedanken irgendwo anders hin schweifen… wie oft laufen wir zurück, um uns zu vergewissern, ob wir wirklich abgeschlossen (das Licht ausgemacht u.a.m….) haben…. ein deutliches Zeichen dafür, daß wir nicht achtsam waren.


Wo soll ich anfangen? Am besten bei deinen zahlreichen Beschäftigungen, denn ihretwegen habe ich am meisten Mitleid mit Dir. Ich fürchte, dass Du, eingekeilt in Deine zahlreichen Beschäftigungen, keinen Ausweg mehr siehst und deshalb Deine Stirn verhärtest… Es ist viel klüger, Du entziehst Dich von Zeit zu Zeit Deinen Beschäftigungen, als dass sie Dich ziehen und Dich nach und nach an einen Punkt führen, an dem Du nicht landen willst…. Du fragst an welchen Punkt? An den Punkt, wo das Herz anfängt, hart zu werden…. Wie kannst Du aber voll und echt sein, wenn Du Dich selber verloren hast? Auch Du bist ein Mensch. Damit Deine Menschlichkeit allumfassend und vollkommen sein kann, musst Du also nicht nur für alle anderen, sondern auch für Dich selbst ein aufmerksames Herz haben…. Ja, wer mit sich schlecht umgeht, wem kann der gut sein? Denk also daran: Gönne Dich Dir selbst. Ich sage nicht: Tu das immer, ich sage nicht: Tu das oft, aber ich sage: Tu es immer wieder einmal. Sei wie für alle anderen auch für Dich selbst da, oder jedenfalls sei es nach allen anderen.

Geschrieben hat diese Zeilen, die Seethaler zitiert, vor über 800 Jahren Bernhard von Clairevaux an Papst Eugen III. [4] und wie aktuell sind sie heute noch, in Zeiten des Burn-outs, des beruflichen und privaten Stresses, der Arbeitsüberlastung, der stetig wachsenden Anforderungen des Alltags! ….wer mit sich schlecht umgeht, wem kann der gut sein?…. oder wie es in der Bibel steht: wenn ich mich nicht lieben kann, wie kann ich dann meinen nächsten lieben? Und es bedeutet, daß ich auch mich selbst aushalten muss und mir selbst vergeben muss, mich mit mir selbst versöhnen – mich akzeptieren, wie ich bin. Stufen auf dem kontemplativen Weg.


Natürlich gibt es Bücher. Aber was wollen Sie mit Büchern?
Sie müssen üben, üben, üben….. 

So beschied einer meiner Lehrer an einer der ersten Übungstage eine Frage nach Literatur über Kontemplation. Die Frage stammte zwar nicht von mir, aber ich haben Rat angenommen. Dieses Büchlein dagegen steht bei mir in Regal und wird häufiger herausgenommen. Nach meinem Empfinden kann es eine große Hilfe sein, wahrscheinlich vor allem für die Übenden, denen wie bei mir die Übung oft zäh, mühsam und vergeblich erscheint. Dokusan bzw. Einzelgespräche mit dem Lehrer ersetzt es natürlich nicht, aber wenn solche gerade nicht möglich sind, findet man hier möglicherweise Hilfe und Ermutigung.

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite der Autorinhttp://www.karin-seethaler-wendepunkte.com/Leitbild/
[2] zur Vita von Franz Jalics SJ: http://www.haus-gries.de/franz_jalics_sj.html
[3] Besprechung ihres Buches Das denkende Herz hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/2014/07/16/etty-hillesum-ein-denkendes-herz/ 
[4] zitiert nach hier: http://www.kirchameck.de/texte8.html

Karin Seethaler
Die Kraft der Kontemplation
In der Stille Heilung finden

diese Ausgabe: Echter Verlag, brosch., 208 S., 2014

Gerhard Wehr: Europäische Mystik

Das Mystische – meist kommt es uns im verwandten Begriff des „Mysteriösen“ entgegen, des nicht unmittelbar Einsichtigen, des nicht Erklärbaren. Als solches ist es oft Ingredienz eines Krimis oder Thrillers, gab andererseits aber auch einem ganzen Genre seinen Namen: Mystery. Wer würde sich nicht an Scully und Mulder erinnern…

Aber dies sind Profanisierungen eines Begriffes, der zutiefst spirituellen Ursprungs ist. Die Erkenntnis Gottes, des Göttlichen kann auf verschiedene Arten erfolgen, über den Glauben, über das Wort und über die unmittelbare Gotteserfahrung durch eine Erleuchtung, eine mystische Vereinigung mit dem Urgrund allen Seins. Dieses Phänomen ist nicht auf das Christentum beschränkt, es setzt noch nicht einmal einen Gottesbegriff voraus, mystische Traditionen gibt es ebenso in der östlichen Weisheitslehre des Buddhismus im Zen, auch die Hindus kennen den mystischen Weg, im Islam sind die Tanzenden Derwische ein Beispiel einer mystischen Tradition. Aus vorchristlichen Europa sind die Feste des Dionysos bekannt, die Bacchanalien, Mysterien, bei denen „…das orgiastische Auflodern … körperlich als die fleischliche Allgegenwart der Göttlichkeit empfunden wurde“ [1]. In der christlichen Theologie wurde dieses leibliche Element dann letztlich zurückgedrängt, der Leib und leibliche Begierden wurden im Gegenteil eher zur Last bei der Suche und der Schau Gottes.

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Das Mysterium ist mit Worten nicht zu beschreiben, die Einswerdung mit Gott, mit dem Göttlichen ist unfassbar, ein Beschreibung mit Menschenwort würde sie und damit Gott auf die Ebene des Menschen hinabziehen. „Es gilt ganz grundsätzlich, daß man Worte von der Gottheit geistig auffassen muss, auch wenn sie in menschlicher Ausdrucksweise ausgesprochen sind“ bescheidet uns Origines. Das mystische Geheimnis ist zutiefst arkan, es darf nicht verbreitet werden, nur dem Eingeweihten und Initiierten wird es zugänglich gemacht. In den ersten Jahrhunderten des Christentums ist diese Möglichkeit zur Schau Gottes nur dem geistlichen Stand möglich, da nur dieser der Schrift und des Lateinischen mächtig ist und so über den geheimen Inhalt der Schriften in das Mysterium eingewiesen werden kann. Entsprechend lebt die Mystik in Bildern, in Gleichnissen, deutet Gleichnisse in ihrem Sinn. Das Hohelied Salomons ist ein gutes Beispiel dafür: Zwischen Gott und der Seele besteht das Verhältnis von Braut und Bräutigam. Diese Bildsprache des Hohenliedes wird bei Origines und in den Jahrhunderten nach ihm zum Vokabular der Brautmystik. Der göttliche Logos ist der Same, den die Braut von ihrem Geliebten empfängt. Die erotischen Metaphern des Salomon´schen Lieds bieten sich für mystische Deutungen als besonders empfänglich dar: die Suche des Bräutigams nach der Braut ist die Suche des Mystikers nach Gott…. Ein weiteres Beispiel für das Bemühen, Arkane hinter dem geschriebenen Wort zu finden, ist die jüdische Mystik der Kabbala, deren Einflüsse auf die europäisch-christliche Mystik ebenfalls nachweisbar sind.

Von Bedeutung für die Entwicklung der Mystik in Europa ist gleichfalls die Spaltung der christlichen Kirche in eine Ost- und in eine Westkirche. Während die Westkirche zunehmend weltlicher agierte und auch den Missionsgedanken weiterhin pflegte, so daß die Innenschau theologisch an den Rand rückte, beharrte die Ostkirche viel stärker auf diesem kontemplativen Aspekt, der sich bis heute in Liturgie und Ritus erhalten hat.

Ein weiteres wichtiges Element war, daß im Zuge der Entwicklung der Nationalsprachen und der Übertragung von Schriften in diese Sprachen auch andere als nur Kleriker Zugang zum niedergeschriebenen Wort Gottes bekamen. Damit bekamen insbesondere auch Frauen die Möglichkeit, sich ihren spirituellen Zugang zu Gott schaffen. Theresa von Avila in Spanien, Hildegard von Bingen und ihre Zeitgenossin Elisabeth von Schönau (die Hildegard im Mittelalter an Reputation noch übertraf) sind bekannte Beispiele von Frauen, die ihre eigene mystische Gottesschau erleben durften. Insbesondere bei Hildegard ist erwähnenswert, daß sie die Einheit von Körper, Geist und Seele sah und sich auch den natürlichen Vorgängen des Körpers ohne Ablehnung zuwendete – eine Ausnahme in der Spiritualität der damaligen Zeit.

Mystik mit ihrer Bildersprache klandestiner Inhalte war dem Klerus ein stetes Ärgernis: es drohte ihm die Kontrolle zu entgleiten, Häresie und Ketzerei lag in der Luft. So wurde zum Beispiel der hochangesehende Dominikaner Meister Eckhart der Ketzerei angeklagt und auch verurteilt, nach seinem Tod, der um 1327/28 in Avignon eingetreten sein muss.

Die unmittelbare Gottesschau in der Mystik zu erreichen, ist nicht leicht. Es gibt aus heutigen Tagen die Lebenserinnerung eines Mönches, der davon erzählt, wie er in den Jahrzehnten des Chorgesang, den er geübt hat, Berge von Sand vor seinen Gott getragen hat und nur ganz vereinzelt, völlig unerwartet, tauchte ein Körnchen Gold wahrer Hingabe in diesem Sandberg auf. Es gibt keine Methode, vorherzusagen, wann und wo ein solches Körnchen zu finden ist, und so bleibt als einziges, weiterhin Sand vor Gott zu tragen, mit all der Hingabe, zu der er eben fähig ist…. Selbstverständlich wussten dies auch die Alten, sie wussten um die Rückschläge, die Verführungen, die Verzweiflungen, die den Übenden immer wieder überfallen konnten….


Der Theologe und Mystik-Experte Gerhard Wehr gibt ein seinem kleinen Buch eine Übersicht über gut zweitausend Jahre Mystik in Europa, die fast ausschließlich christliche Mystik ist, als solche aber zumindest in den Anfängen stark verwurzelt in der griechischen Philosphie des Platon und des Neuplatonikers Plotin. Ferner sind Einsprengsel aus der jüdischen Kabbala und auch Einflüsse aus dem Islam, der über Spanien einwirkte, nachweisbar. Erst in modernen Zeiten gewann man auch Kenntnisse über die östlichen Traditionen der Meditation, insbesondere der Zen-Buddhismus mit seiner Methode des Sitzens übte auf viele Westler, auch auf viele Ordensleute, eine starke Attraktion aus. Christliche Mönche gingen nach Japan, wurden dort Zen-Meister und kehrten dann nach Europa zurück, aber auch japanische Zen-Meister selbst kamen in den Westen, um zu unterrichten.

In seiner einführenden Übersicht über die Europäische Mystik vermittelt Wehr einen Eindruck über die Vielfalt dieses besonderen Weges der Gottesschau, die oftmals mit bestimmten Personen verbunden sind: Platon beispielsweise, der als geistiger, ja: geistlicher Führer anerkannt wurde, Origines als einer der großen frühen Theologen, Gregor von Nyssa, Augustinus natürlich, Bernhard von Clairveaux, Franz von Asissi sind einzelne Abschnitte gewidmet, während im zweiten Teil der Übersicht mehr geographische Gesichtspunkte in den Vordergrund gestellt werden. So stellt Wehr mystische Bewegungen in Italien, Spanien, Frankreich, England, Russland dar und natürlich als besonderen Schwerpunkt die Mystik in Deutschland/Niederlande (die geographischen Einheiten glichen damals nicht unbedingt den heutigen Grenzen).

Ein weiteres Kapitel befasst sich mit Mystik, die sich nach der Reformation im Protestantismus durchaus noch entwickelte, wenngleich nicht in der Bedeutung, die sie im Katholizismus hat und auch nicht immer zum Gefallen der Kirchenleitung: Wenn von einem Aufbruch mystischer Frömmigkeit innerhalb des Protestantismus gesprochen werden kann, so ist dies nicht auf die jeweils dominierende Theologie und Kirchenleitung zurückzuführen. … Die Zeugen spiritueller Erfahrung konnten in den landesherrlich kontrollierten „Landeskirchen“ keinesfalls der Duldung der jeweiligen Konsistorien gewiss sein. Folgerichtig sind die Namen, die Wehr in diesem Kontext nennt, weniger bekannt, die Wirkung ihrer Träger nach aussen hin wird begrenzt gewesen sein.

Ein letzter Abschnitt befasst sich mit der Mystik in der Moderne. Hier wird u.a. auf mystische Tendenzen bei Rudolf Steiner verwiesen, es wird über die Bedeutung der Meditation gesprochen, auch der gegenstandslosen Meditiation, der Kontemplation, auch die Rezeption östlicher Vorstellungen aus dem Zen oder auf das erwachende Interesse am Herzensgebet der Ostkirche wird angerissen. Mit einer kurzen Charakterisierung der Wirkideen Karlfried Graf Dürckheims schließlich endet die Übersicht.

Europäische Mystik“ ist kein Buch, das einführt in mystisches Denken, sondern es stellt die Entwicklung der Mystik in Europa anhand hervorragender Mystiker und Mystikerinnen dar. Deren Wirken wird mit charakterisierenden Zitaten belebt, es werden die Einflüsse dieser Männer und Frauen auf ihre Zeit und auf ihre Nachfolger geschildert. Naturgemäß kann so ein schmales Kompendium nur eine Auswahl bieten und nur einen ersten Eindruck vermitteln, den jeder bei Interesse für sich vertiefen muss. Ein umfangreiche Bibliographie erleichtert dies und gibt einen Einstieg, auch wenn diese Einführung schon 2005 erschienen ist. Aber was bedeutet dieses Jahrzehnt schon angesichts der Jahrtausende alten Geschichte, von der es handelt?

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag über Gerhard Wehr:  http://de.wikipedia.org/wiki/Gerhard_Wehr
[2] Georges Marbeck: Orgies, ipso facto publishers, 1999 (S. 210)

Gerhard Wehr
Europäische Mystik
in der Reihe: Grosse Denker
diese Ausgabe: Panorama, TB, ca. 308 S., 2005