Alberto Moravia: Ich und Er

4. September 2012

Männern wird ja ab und an unterstellt, sie seien – ich bitte um Verzeihung für die derbe Wortwahl, aber nennen wir es beim Namen – schwanzgesteuert, soll heißen, der Anblick (oder auch nur der Gedanke) einer wohlgerundeten z.B. blonden/rothaarigen/wie auch immer geformten/behaarten (oder auch da und dort nicht…) Frau schalte den Einfluss des Großhirns auf das Verhalten des männlichen Individuums zu(un)gunsten eher hormonell gesteuerter Vorgehensweisen aus. Selbstverständlich ist dies nur ein übles Gerücht, aber Moravia nimmt es trotzdem einmal auf und treibt es in seinem Roman aus dem Jahr 1971 [1] auf die Spitze, indem er die Persönlichkeit seines Protagonisten Frederico („Rico“) in der Tat ganz aufspaltet, sie sozusagen ins behandlungswürdig-pathologische führt, so er ihm sein bemerkenswert gewichtiges (es ist an einer Stelle von ca. 2 kg die Rede) Gemächt als quasi eigenständig agierenden und sprechenden Partner mit einem ausgeprägten Hang zur Selbstdarstellung zur Seite.. ähh… nein, rein „geographisch“ natürlich frontal .. stellt (hm… „stellt“ trifft es sogar recht gut…): Fredericus Rex, der gar so oft violettköpfige ist es, der ihm ein steter Begleiter, aber kein Freund ist, sondern im Gegenteil immer wieder dafür sorgt, daß Rico von einer Peinlichkeit in die anderer schliddert….

Mit Rico bricht eine Art Pan in die zivilisierte Welt: ein wenig ansprechendes Äußeres (kurzbeinig, klein, wenig Haare auf dem Kopf, mit Bauch), an dem das Bemerkenswerteste kaum zu verbergen ist, selbst bekleidet ist die Schwellung jedem erkenntlich. Nun ist es aber nicht so, daß Rico darüber sehr erbaut ist, er betrachtet „ihn“ eher als „Feind im Souterrain“. Für Moravia verkörpert Rico die stete Auseinandersetzung der Kultur, besonders natürlich der christlich dominierten, zwischen Geist und Körper. Und so, wie das Körperliche (Sexuelle) in dieser diametralen Tradition als schmutzig, triebhaft, animalisch, minderwertig und einzig zur Aufrechterhaltung der Art notwendig angesehen wird, das es zu beherrschen und zu unterdrücken gilt, will auch Rico seinen durch sein schier übermächtiges Glied personifizierten Trieb bändigen. Sein Stichwort (und seine Obsession) ist „Sublimierung“, d.h. die Umlenkung triebhafter Energie in höherwertige („sublime“)  künstlerische und geistige Werke, sein Weg soll sein die Schaffung eines künstlerischen Films über die Aktivitäten einer revolutionären Gruppe im Italien des Jahres 1970.

Beschreiben wir unseren Helden (na ja den einen von ihnen, den anderen kann sich wohl jeder selbst vorstellen…) also kurz. Ricos wenig attraktives Äußeres ist schon erwähnt. Momentan lebt er getrennt von seiner Ehefrau Fausta (zu der er früher, als diese noch als Prostituierte arbeitete, als Freier gegangen war) in einer äußerst spartanisch eingerichteten Wohnung, dies soll ihm bei der Enthaltsamkeit helfen und den Übergang vom Unsublimierten zum Sublimierten fördern. Durch seinen Geschlechtstrieb dominiert fühlt er sich allen Mitmenschen gegenüber als „unten“, als unterlegen, einzig gegenüber Fausta fühlt er sich überlegen mit der Folge, daß er diese Frau psychisch quält, weil er allen Frust bei ihr ablädt. Es gibt einen einzigen Menschen, dem er ein (subjektiv so empfundenes) Gefühl der Liebe entgegenbringt, da er dieser Frau, Irene, die bekennende und praktizierende Autosexuelle ist, egal ist, er bei ihr keinerlei sexuelle Reaktion hervorruft. Das Unerreichbare und ihr völliges Ignorieren von F. Rex gibt ihm die Sicherheit, die er für Gefühle braucht. Ansonsten ist er dem Willen von F. Rex widerstandslos ausgeliefert, die Diskussionen mit ihm verliert er mit steter Regelmäßigkeit und er folgt seinen Eingebungen stets. Und F. Rex ist unersättlich. Er, der sich für die Inkarnation aller Götter hält, für das Anzubetende schlechthin, für den zu verehrenden Götzen, dem alle Opfer zu bringen sind, schwillt bei der leisesten Ahnung von weiblicher Nähe an und treibt Rico dazu, egal wie, Hauptsache schnell und direkt Kontakt aufzunehmen, ob nun Sichtkontakt durch Entblößung oder eine Annäherung taktiler Art, wenn Rico unabsichtlich-absichtlich stolpert… müßig zu sagen, daß die Situationen von mal zu mal peinlicher werden und die so innig erstrebte Sublimation in immer weitere Ferne rückt.

Diese Konstellation, ein Mann in steter Kabbelei mit seinem (diesmal riesigen) Prinzen könnte komödiantisch sein mit einem Einschlag von Slapstick. Doch genau das ist Moravias Buch nicht, auch wenn der Irrwitz mancher Situation, die im Grunde nur peinlich und abartig sind, zum Lachen animiert. Aber im Grunde ist Moravias Buch tiefer gehend als eine solche als Komödie aufgefasste Geschichte, indem sie die stete Auseinandersetzung der Kirche (und damit der christlichen Kultur des Abendlandes) gegen die Sexualität thematisiert [2].

Dazu gebraucht er auch ein biblisches Bild. Jesus (und einige andere Figuren der Bibel) gingen seinerzeit für eine geraume Zeit in die Wüste, um zu fasten und sich zu geistig reinigen, auch in späteren Jahrhunderten taten dies z.B. die Anachoreten, bei denen die Wurzeln des christlichen Mönchtums liegen. In dieser Zeit (symbolisch immer 40 Tage) waren die Männer allein mit sich, nicht abgelenkt und der Teufel versuchte sie zu verführen, ihren Willen zu brechen. Nun will (und kann) ich wahrlich nicht behaupten, Rico sei wie Jesus, aber das von Moravia gewählte Setting ist vergleichbar: die kahle Wohnung, in die Rico nach der Trennung von Fausta gezogen ist, entspricht der Wüste, das Herauslösen aus dem normalen Lebensumfeld dem Verlassen der Gemeinschaft, die Suche nach der Sinn bzw. der „Sublimierung“ ist ein Analogon zur Selbstfindung. Und der Teufel: das ist bei Rico eben die absolute Dominanz seines anhängenden F. Rex, der ihn mehr und mehr vereinnahmt und ihn – in der Zuschreibung von Rico – bis kurz vor einen Lustmord treibt, um sich dadurch Befriedigung zu verschaffen. Mit diesem Beinahe-Lustmord läßt der Autor die Situation dann aber kippen, er löst das Dilemma Ricos auf: Dieser erkennt bzw. wird durch eine Brandrede F. Rexs darauf gestoßen, seine Situation und fügt sich resignierend in sein Schicksal als auf ewig Unsublimierter. Die Moral von der Geschichte? Vllt diese: Akzeptiere dich so wie du bist, mit all deinen Eigenschaften, die du hast….  das ging dann auf den letzten Seiten recht fix, diese Art der Auflösung der Problematik hat mich ein wenig an Theaterstücke von Volksbühnen erinnert. Nachdem anderthalb Stunden lang Irrungen und Wirrungen herrschten, kommt zwei Minuten vor Schluss der „Ach so“-Effekt und alles wird gut….

Neben dieser Fragestellung nimmt Moravia noch ein zweite Thema auf. Die Handlung des Romans ist 1970 angesiedelt, ein Jahr später erscheint das Buch, also zwei bzw. drei Jahre nach den 68er Studentenunruhen. In Italien wurden 1970 die  Brigate Rosse, die roten Brigaden, gegründet. Rico arbeitet im Filmgeschäft als Drehbuchautor für Protti, einen Produzenten, an einem Film mit dem Titel „Die Expropriation“, der die Geschichte einer solchen revolutionären Gruppe erzählt. In grandioser Verkennung der Gesinnung und der Ernsthaftigkeit der jungen Leute redet er z.B. immer wieder davon, daß man den „Kindern“ halt ihren Spaß lassen will, ihnen mit diesem völlig unwichtigen Film einen Gefallen tun will…. Für Rico sind diese jungen Leute, die dem Bürgerlichen, also seiner eigenen Herkunft, den Kampf angesagt haben, ein im Grunde selbstzerstörerisches Vorbild, sie sind sublimiert, was er erst werden will, indem er so wird wie sie, unter anderem durch diesen Film, für den er nicht nur das Drehbuch schreiben, sondern auch Regie übernehmen will. Es waren vllt vom Alter her noch Kinder, aber Kinder, die mit einer tödlichen Konsequenz an ihre „Mission“ glaubten, was sich damals wohl niemand wirklich vorstellen konnte. 1978 wurde Aldo Moro von den Roten Brigaden ermordet, die Zuspitzung einer Entwicklung (nicht nur in Italien), die anfangs sträflich unterschätzt wurde…

So widmet sich Moravia mit seinem Roman der „ewigen“ Auseinandersetzung und Gegnerschaft zwischen Geist und Fleisch, wie sie im Abendland vorwiegend durch den lustfeindlichen Zug des Christentums herrscht und betrachtet gleichzeitig auch die gesellschaftliche Situation in einem Italien, das im Umbruch ist, in dem die „Kinder“ anfangen, gegen die „Erwachsenen“ und ihren Lebensstil zu opponieren, bis hin zum Mord. Nicht mehr ganz taufrisch ist der Roman aber immer noch ein auch intellektueller Lesespaß.

Links und Anmerkungen:

[1] 1971 ist zumindest die älteste Ausgabe erschienen, die ich gefunden habe.
[2] Playboy-Interview (Sept. 1980) mit Moravia

Alberto Moravia
Ich und Er
aus dem Italienischen übertragen von Piero Rismondo
diese Ausgabe: Bertelsmann, HC, 384 S., o.J. (1988?)
Originalausgabe: Mailand, 1971 (?)

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2 Responses to “Alberto Moravia: Ich und Er”

  1. peterjkraus Says:

    Herrlich, Flatter Satz. Und Gemächt kam zum Einsatz! Gratuliere – muss Jahre her sein, dass ich das schöne Wort las.

    Gefällt mir


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