Bruce Chatwin: Utz

31. August 2012

Ich tauche ja in den letzten Wochen vorwiegend hinab in die Tiefen meiner eigenen „Bibliothek“ (wenn ich die Ansammlung meiner Bücher mal so hochtrabend bezeichnen darf), bin deswegen mit den aktuellen Neuerscheinungen (oh, ist das jetzt ein Hendiadyoin?) ein wenig im Verzug (wer weiß, vllt finde ich die ja dann in einigen Jahren beim nächsten Tauchgang…. ;-) ), habe andererseits und voll entschädigend dafür aber das Vergnügen, ungeahnte Schätze zu finden…

Der „Utz“ ist so einer, verfasst von Bruce Chatwin, dem … tja, was eigentlich? Was ein Lebenslauf [2]! Der Engländer hat als Journalist angefangen, wurde dann Auktionator und Kunstsachverständiger bei Sothebey´s bevor er dies alles hinter sich ließ und als Suchender (?) die Welt bereiste. Nicht genug damit, hat er Bücher geschrieben und auch fotografiert, beides mit großer Könnerschaft. Hier bei mir im blog habe ich vor geraumer Zeit ja schon sein Australien-Buch: „Traumpfade“ vorgestellt, vllt raff ich mich auch noch einmal zu einem seiner Bildbände auf….

Kommen wir zum „Utz“ zurück, einem kurzen Text über einen Menschen, der sich dem Sammeln von Meißner Porzellan gewidmet hat. Es ist leicht zu lesen, leicht an einem Nachmittag zu bewältigen, aber das bedeutet nicht, daß nicht viel in diesem Text versteckt wäre…

Utz, mit vollem Namen Kaspar Joachim Baron Utz, aber im real existierenden Sozialismus der Vor-Prager-Frühlings-Tschechoslowakei werden diese Petitessen weggebügelt, ist ein rechter Schlawiner, ein famoser Sich-Durchschlängler, sonst hätte er es nicht geschafft, sich durch die Zeit des Nationalsozialismus zu lavieren, den anschließenden Sieg des Stalinismus zu überleben und sich letztlich im real usw usw zu arrangieren. Und nicht nur sich allein, sondern ebenfalls seine dekadente, bürgerliche Sammlung Meissner Porzellans, die ihm sein Leben bedeutet. Utz hat die Gabe der Abwägung und die Fähigkeit, kleinere Opfer zu bringen, um das Große und Ganze zu retten, und er hatte die Chuzpe, den Nazischergen, die ihn sein anteilig jüdischen Blut ins Gedächtnis zurückriefen, die Orden seines Vaters um die Ohren zu hauen und sie anzuschreiben, was ihnen einfallen würde, den Sohn eines Mannes, der so viel für Deutschland getan hätte, zu belästigen…. ja, er hatte kollaboriert mit Görings Kunstgreifertruppe, aber was zählen Gemälde, wenn man dadurch Menschen retten konnte? Nach dem Krieg besorgte er sich schnell anstatt seines deutschen einen tschechischen Pass, brachte seine Sammlung in Sicherheit und verhielt sich unauffällig, bis das Ende des Stalinismus absehbar und die Nachfolger am Horizont waren. Auch mit diesen konnte er sich arrangieren und so lebt er jetzt in Prag, in einer Zweizimmerwohung mit seiner ihm ergebenen Haushälterin und tausenden Stücken seines geliebten Porzellans…..

Dieser besessene Sammler wird dem Alter Ego Chatwins, dem Ich-Erzähler des Romans, als Ansprechpartner auf seiner Reise durch Europa genannt, auf der dieser die Psychologie bzw. Psychopathologie zwanghaften Sammelns erkunden will.  Es ist Sommer 1967, der Ich-Erzähler und Utz treffen sich in einem Lokal, ein weiterer, ebenfalls recht skurriler Zeitgenosse, der mit Utz ritualisierte Streitgespräche führt und sich ansonsten der Erforschung von Musca domestica widmet (er hält Kafka für einen unnützen Schriftsteller, da er dessen entymolgische Beschreibung des Käfers in der Verwandlung für schwammig ansieht…), und bevor Utz seinen Gast endlich in seine Wohnung führt, flanieren sie noch durch die Stadt. In der Wohnung endlich, einer kleinen, muffigen Zweizimmerwohnung mit Hausmädchen, steht die Sammlung, in Spiegelschränken, in fünf oder sechs Reihen hintereinander, auf dem Boden, in Vitrinen: es ist eine schaurige Pracht, die Utz zusammengeführt hat, vieles monströs und nur der perfekten Ausführung wegen und der Idee dahinter ein Kunstwerk.

Für Utz wie für jeden besessenen Sammler ist das Sammeln ein Götzendienst, die Anbetung „seines“ Objekts, in der sich für ihn ein höheres Gefühl, eine Befriedigung offenbart. Sammeln ist Retten, und wenn es nur darum geht, die Figur ist den schwitzigen Händen des Händlers zu befreien und ihr einen ihr würdigen Standort zu geben dagegen ist, sie selbst in ihrer Historie anzuerkennen. Seinem Fetisch „Meissner“ zuliebe kehrt er von jedem seiner jährlichen Aufenthalte in Vichy nach Prag zurück (für seine Umwelt ist dies nicht begreifbar, keiner rechnet damit)… er kennt die Geschichte der einzelnen Stücke, die der geniale Kändler [7] seinerzeit am Sachsenhof mit unbändiger Phantasie kreiiert hat. Die Sopranistin, die am Flügel von einem Fuchs begleitet wird: ihr Geliebter hieß Fuchs.. die Affenkapelle als Verspottung des Privatorchesters des Grafen Brühl… Utz ist dem anderen Sammler ebenbürtig: August der Starke, Kurfürst von Sachsen und nach dem Übertritt zum Katholizismus auch König von Polen. Dieser litt an der Porzellankrankheit, das weiße Gold war ihm alles… verbunden noch dem Gedankengut der Alchemie war es ihm ein Gegenmittel zum Altwerden, Jugend versprach es wie das andere Ziel der Alchemisten, das Gold. Sechshundert lange Kerle lieferte er an den Friedrich auf der anderen Seite der Grenze, im Austausch gegen ein paar -zig Figuren für seine Sammlung.

Gott selbst hat die erste Tonfigur geschaffen, Adam, dem er Leben einhauchte, in gewissem Sinn der erste Golem, wenn man diese jüdische Figur uralter kabbalistischer Legenden aufgreift, dem der berühmteste Sohn des alten Prager Gettos (aus dem die Nazis seinerzeit ein „Judenmuseum“ im Sinne einer Einrichtung für ausgestorbene Völker schaffen wollten), der Rabbi Löw, Leben einhauchte und es zum Schutz seiner Gemeinde aussandte, um Anschläge gegen sie aufzuspüren und zu vereiteln [5]. Es sind solche Geschichten, die im Buch erwähnt werden, auf die man neugierig wird, ihnen nachzugehen… „Der Golem“, ich habe mir den (bislang) ungelesenen Roman Meyrinks aus dem Regal geholt, allein der erwähnten Beschreibung des alten Prager Gettos wegen….

Ein zweiter Schlaganfall raffte Kaspar Joachim Utz 1974 nieder. So beginnt Chatwin seinen Roman mit der Schilderung der von Utz selbst noch minutiös geplanten Beerdigung, in der sich aber nur das Grau sozialistischer Realität spiegelt. Außer dem Fliegen erforschenden Freund und der Haushälterin nimmt niemand teil…. was geschah in der Zwischenzeit mit Utz, seine Sammlung, vor allem dieser… Chatwins Alter Ego gelingt es, auf einem Abstecher, den er nach Prag machen kann von einer seiner Rückreisen nach England, den alten Fliegenfreund wieder zu treffen, der ihm von den letzten Jahren erzählen kann und langsam bilden sich die Geschehnisse dieser Zeit wieder ab, die noch so manche Überraschung zu Tage fördern…

„Utz“ ist ein Roman, dem man einfach verfallen kann, sensibel, einfühlsam, voller ausgelegter Fährten, denen man nachzugehen nicht versäumen darf, ob es nun die Geschichte des Golems ist oder allgemein die des sächsischen Porzellans [6], der Zusammenhang zwischen dem weißen Gold und der langsam in ihrer Bedeutung absinkenden Alchemie, die politischen Konsequenzen der August´schen Porzellankrankheit… so viel, so viel….

Links und Anmerkungen:

[1] eine Hörprobe des Bayerischen Rundfunks aus dem „Utz“, auf youtube gibt es auch ein Video, in dem der Chatwin (kurz vor seinem Tod – den man ihm überdeutlich ansieht..) über seine Figur spricht
[2] Angelika Overath in der Frankfurter Rundschau, 14.12.2001: Flirt mit der Welt, eine Besprechung des „Utz“
[3] Joyce Youmans on February 4, 2009: Porcelain Obsession in Bruce Chatwin’s Utz, eine Besprechung mit Abbildungen
[4] eine kurze Würdigung der Arbeit Böttgers aus der Ärztezeitung
[5] Wiki-Artikel über die Figur des „Golem
[6] Wiki-Artikel zum Meissner Porzellan
[7] Wiki-Artikel zu Kändler
[8] noch mal eine Übersicht: Was ist Porzellan?

auch noch sehr interessant: Katja Blomberg: Chatwins Roman „Utz“ heizte Porzellan-Auktion in London an, FAZ, 12.12.2001

ferner gibt´s den Utz natürlich auch als Film, mit Armin Müller-Stahl in der Hauptrolle, hier eine Besprechung: http://www.filmzentrale.com/rezis/utzdk.htm

Bruce Chatwin
Utz
übersetzt aus dem Englischen von Anna Kamp
diese Ausgabe: Fischer TB, 166 S. 1991

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5 Responses to “Bruce Chatwin: Utz”

  1. atalante Says:

    Eine interessante Empfehlung, das kommt auf meine Liste. Von Chatwin kenne ich bisher nur den Roman „Auf dem schwarzen Berg“, auch schön, darin wird atypisch überhaupt kaum gereist.
    Am Schluss noch eine kleine Klugscheißerei, kein Hendiadyoin ist’s sondern ein Pleonasmus. Sehr schön aufgedröselt wird der Unterschied hier:

    http://www.netzwort.de/commentarium/index.php?id=23

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    • flattersatz Says:

      :-) ich habe es fast befürchtet, aber hendiadyion klang halt noch etwas belesener! :-))) ok. ich kenn´s jetzt und sprech nicht wieder drüber…

      ich könnte mir tatsächlich vorstellen, daß dir dieses büchlein gefällt….

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  2. Herr Flattersatz, Sie sind ein Schatz -:)))

    wir müssen Sie viel mehr in die Untiefen Ihrer Bibliothek scheuchen, wenn Sie solche Schätze ausgraben und natürlich dürfen Sie Ihre Sammlung so nennen, wenn schon die Zeitschrift Schöner Wohnen zwei 80cm Regale mit ca. 20 Büchern drin in einem durchgestylten Promihaus als Bibliothek bezeichnet -.)))
    Utz fällt ja aus dem Rahmen seiner sonstigen Bücher heraus, aber auch ich habe es mit großem Vergnügen damals gelesen und noch einmal nach der Verfilmung.
    und das Video kannte ich noch nicht, haben Sie Dank für die Links… auch Sie sind ein Sammler…..Pfadfinder für uns -:)))

    und jetzt mache ich mich schlau, was handiadyion und Pleonasmus bedeutet -:)))

    mit schönen Wochenendgrüßen in die Runde

    Karin

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    • flattersatz Says:

      … getreu dem motto: der trend zum zweitbuch wird stärker… das schöne an vielen büchern ist ja, das sie zeitlos sind bzw. die billigste möglichkeit darstellen, zeitreisen zu unternehmen und der „utz“ gehört sicher zu diesen ausgewählten romanen, die das ermöglichen….

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