Frank McCourt: Die Asche meiner Mutter

Natürlich hatte ich eine unglückliche Kindheit, eine glückliche Kindheit lohnt sich ja kaum.
Schlimmer als die normale unglückliche Kindheit ist die unglückliche irische Kindheit,
und noch schlimmer ist die unglückliche irische katholische Kindheit.

Wahrscheinlich hätte ich mir diese Kindheitserinnerungen von McCourt nie gekauft, würde btb sie nicht in dieser schönen und gelungen Sonderausgabe herausgegeben haben, die so gut in der Hand liegt, sich durch den textilen Einband so gut anfühlt und mit dem Lesebändchen sowieso schon einen sympathischen Eindruck macht. Ausserdem habe ich ja schon andere Bücher in dieser Edition und da passte dieses immerhin über 760 Seiten starke Buch gut hinein. Soviel zum Kaufmotiv…

Frank McCourt ist das erste von vielen Kindern der Angela Sheehan und des Malachy McCourt, der, weil er ständig Ärger mit den Engländern hatte, von der IRA nach New York geschickt wurde. Dort traf er Angela, die ihrerseits von ihrer Mutter dorthin abgeschoben worden war, da sie zuhause zu nichts taugte. Nachdem dann offensichtlich wurde, daß der zukünftige Frank auf dem Weg war, heirateten die beiden und lebten mehr schlecht als recht in Brooklyn. Als Frank dann „… vier war und [sein] Bruder Malachy drei, und die Zwillinge Oliver und Eugene … eben gerade ein Jahr alt [waren], und die Schwester Margaret … tot und weg [war] .“ erbettelten sie sich Geld für die Rückfahrt und kehrten nach Irland zurück.

Lebten sie in NY schon armselig, so wurde es in Irland, wo keiner sie vermisst hatte und niemand auf sie wartete, nur noch schlimmer. Der Vater, der an der irischen Krankheit leidet, bringt nie Geld nach Hause, denn selbst wenn er mal welches hat, bleibt es im nächsten Pub. Torkelt er dann irische Freiheitslieder grölend nächtens in die Behausung läßt er seine Kinder antreten und schwören, für die Freiheit Irlands zu sterben. Manchmal bleibt ein Penny übrig, den er ihnen dann gibt… zu essen ist nie was da, die Babys (es bleibt ja nicht bei denen, mit denen sie aus Amerika zurückkamen, es ist ein stetiges Geborenwerden und Sterben bei den McCourts…) bekommen Zuckerwasser statt Milch, damit sie nicht so schreien und als die Großmutter die Brüder mal fragt, ob sie ein Haferschleimsuppe wollten, antworteten sie erstaunt zurück „Was´n´das?“.

Sie leben von der Mildtätigkeit, von Stempelgeld (soweit der Vater damit die Wirtschaften Limericks unterstützt), von Almosen, von kleineren Diebstählen. Die Orte, an denen sie wohnen (ich weigere mich, „Wohnungen“ zu schreiben) werden immer noch schlimmer. Die meiste Zeit des Buches vegetieren sie dann in „Italien“, dem Obergeschoss der Klitsche, deren unteres sie „Irland“ nennen. Dort sind sie ausgezogen nach oben, weil bei Regen und schlechtem Wetter nicht nur das Regenwasser durch das Zimmer läuft, sondern auch der Inhalt des Gemeinschafsklos nebenan. Des Klos, in das die gesamte Gasse ihre Rückstände per Eimer entsorgt, neben der McCourt´schen Küche…. Ratten, Fliegen, Gestank und Ekel….

Die Kleider fallen ihnen vom Leib, die Schuhe sowieso. Die Mutter beantragt bei den Brüdern vom Hl. Vincent neue Schuhe für die Kinder und die Brüder kommen, um die Bedürftigkeit zu kontrollieren. Dieser Kontrollbesuch war für mich eine der erschütternsten Szenen, weil eigentlich hier erst deutlich wurde, wie die Verhältnisse wirklich sind, die McCourt beschreibt. Bei solcherart Kontrollen, zumindest in meiner Vorstellung, die geprägt ist von dem, was man so liest, hört und sieht, ist ja oft die Tendenz, die wahren Verhältnisse zu verstecken, damit die Bedürftigkeit nicht aberkannt wird. Und so habe ich auch, als McCourt schildert, daß sich die Kontrolleure angekündigt haben, sofort gedacht: oje, hoffentlich geht das nicht schief und sie verlieren das bischen auch noch…. Die beiden Männer fragen Frank nach den Eltern, die oben sind, in Italien, wo es trocken ist. Frank erklärt ihnen, warum es in der Küche so naß ist und erzählt von dem Klo. Sie glauben ihm das nicht, „….sie sagen, heilige Mutter Gottes.. sie sind ganz vorsichtig, wie sie in den See in der Küche steigen, und sie machen Ts-ts- und Ui-jui-Geräusche und sagen zueinander, ist es nicht eine Schande… sie schütteln immer wieder den Kopf und sagen, Allmächtiger! und heilige Mutter Gottes, das ist ja entsetzlich. Das da oben ist nicht Italien, das ist Kalkutta.

„An Leamy´s National School sind sieben Lehrer, und alle haben Lederriemen, Rohrstöcke und Schwarzdornzweige. Damit schlagen sie einen auf die Schultern, den Rücken und, ganz besonders, auf die Hände. Wenn sie einen auf die Hände schlagen, nennt man das einen Tatzenhieb. Sie schlagen einen, wenn man zu spät kommt, wenn die Feder vom Federhalter tropft, wenn man lacht, wenn man redet und wenn man was nicht weiß.
Sie schlagen einen, wenn man nicht weiß, warum Gott die Welt erschaffen hat, wenn man den Schutzheiligen von Limerick nicht weiß, wenn man das Apostolische Glaubenbekenntnis nicht aufsagen kann, wenn man nicht neunzehn und siebenundvierzig addieren kann, wenn man neunzehn nicht von siebenundvierzig subtrahieren kann, wenn man die wichtigsten Städte und Erzeugnisse der 32 Grafschaften von Irland nicht weiß, wenn man Bulgarien auf der großen Wandkarte nicht findet, die fleckig von Spucke und Rotz ist und von Tinte aus Tintenfässern, von wütenden Schülern geschmissen, nachdem sie von der Schule geflogen sind.
Sie schlagen einen, wenn man seinen Namen nicht auf irisch sagen kann, wenn man das Ave Maria nicht auf irisch sagen kann, wenn man nicht auf irisch Darf ich mal austreten? fragen kann. Es ist gut, den großen Jungs eine Klasse höher zuzuhören. Sie können einem von dem Lehrer berichten, den man jetzt hat, was er mag und was er haßt.
Ein Lehrer wird einen schlagen, wenn man nicht weiß, daß Eamon De Valera der bedeutendste Mann ist, der je gelebt hat. Ein anderer Lehrer wird einen schlagen, wenn man nicht weiß, daß Michael Collins der bedeutendste Mann war, der je gelebt hat.
Mr. Benson haßt Amerika, und man darf nicht vergessen, Amerika zu hassen, sonst schlägt er einen.
Mr. O`Dea haßt England, und man darf nicht vergessen, England zu hassen, sonst schlägt er einen.
Sie alle schlagen einen, wenn man irgendwas günstiges über Oliver Cromwell sagt.“

Der Katholizismus beherrscht das geistige Leben Irlands. Er fördert den Hass auf alles Nichtkatholische, das per se der Verdammnis anheim gefallen ist. Die „Suppenseelen“ werden verachtet, diejenigen, die in der großen Hungersnot ihre Seele für einen Teller Suppe von den Presbyterianern verkauft haben… Die Priester sind pompös und arrogant, sie leben gut und schlagen den Armen die Türe vor der Nase zu…

Der 2. Weltkrieg bringt den Armen etwas Erleichterung: Wegen des Mangels an Arbeitern gehen viele zu den verhassten Engländern, arbeiten dort und schicken Geld zur Familie. Auch McCourts Vater geht, aber auch in England leidet er an der irischen Krankheit und versäuft alles. Immer mehr gleitet die Familie in den Abgrund und als sie aus lauter Not beginnen, die Hütte, in der sie leben, in Stücke zu hauen und fürs Teekochen zu verfeuern, werden sie endgültig rausgeschmissen….

Frank McCourt übersteht dies alles, die Umstände und auch die Krankheiten. Er ist intelligent und er will arbeiten, Geld verdienen, ein Mann sein, der Familie helfen. Er will wieder nach Amerika zurück. Und er schafft es, als Telegrammzusteller, Drohbriefeschreiber, Botenjunge, nicht immer ganz legal, aber wer wollte ihm dies verdenken?

„Die Asche meiner Mutter“ ist auch ein Bild eines Landes, das gefesselt ist in den Grenzen des Hasses zu seinem großen Nachbarn, den Engländern, in dem engen Korsett des Katholizismus, der mit seinem Heilsversprechen auf das ewige Leben vertröstet und das hiesige vernachlässigt. Es schildert eine kaum durchlässige Klassengesellschaft, denn natürlich gibt es neben dem hier geschilderten Leben auch das einer anderen, besser gestellten Schicht, derjenigen nämlich, die die Dienstboten, die Kindermädchen, die Arbeiter aus der Unterklasse rekrutieren, diejenigen, deren Kinder nicht in Lumpen, sondern in guter Kleidung zur Schule gehen, die nicht vor Hunger stehlen und langsam vor sich hin faulenden Zähnen durch den Dreck der Gassen laufen müssen, sondern die gut ernährt und versorgt eine ordentliche Schulbildung bekommen…. Es ist das Bild einer gesellschaftlichen Klasse, die sich am irischen Freiheitstraum berauscht, die sich die Auseinandersetzungen und Kriege mit den Engländern als Schutzmantel und Entschuldigung für alles überhängt und die im Hier und Jetzt versagt. Oder besser gesagt, der Männer versagen, als Väter und als Männer, die ihr Geld lieber der Familie Guinness geben als den eigenen Kindern, deren Frauen hinter ihrem Rücken betteln gehen müssen, da die Männer zu stolz dazu sind, es ihnen verbieten und ihre Kinder lieber in Lumpen herumlaufen lassen ….

Es sind weit über 700 Seiten einer erschütternden Kindheit, aus der Sicht eines Kindes geschildert. Ein Kind, das vieles für schlecht und schlimm hält, es aber nicht anders kennt. Und das damit auch den Leser schont, denn wenn dieser Schleier der kindlichen Sicht weggezogen wird, kann man dieses Elend eigentlich nicht aushalten, selbst als Leser nicht. Aber so, wie McCourt seine irische Kindheit geschildert (und Rowohl sie toll übersetzt) hat, auch mit den Glücksmomenten, die selbst diese Kindheit hatte, fesselt sie einen, macht einen nachdenklich, läßt einen an vielen Stellen ungläubig zurück, weil man vieles einfach nicht für möglich hält….

Facit: Für diese gesellschaftliche Schicht muss Irland in den 40er Jahren die Hölle gewesen sein. Und das zeigt McCourt hier sehr, sehr eindringlich.

Frank McCourt
Die Asche meiner Mutter
Irische Erinnerungen
Erstausgabe 1996, NY

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3 Kommentare zu „Frank McCourt: Die Asche meiner Mutter

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