Stephen Vizinczey: Lob der erfahrenen Frauen

3. Juli 2010

Ich weiß nicht, wie lange dieses Buch schon bei mir im Regal steht, wahrscheinlich viele Jahre schon, denn es ist noch aus Buchclubzeiten und die sind lange vorbei….. jetzt ist es mir wieder in die Hände gefallen, ich suchte nach dem komplizierteren Stoff der letzten Wochen etwas leichteres ..

Und leicht ist dieses Buch, leicht, aber nicht seicht. Es ist ein beschwingtes, charmantes Loblied auf die Liebe, es schildert die Kindheit und die Jugend des Andras Vajda, der, solange er denken kann, auf der Suche ist nach Liebe und auch Sex und dieses vor allem bei den älteren Frauen findet. Die Geschichte endet, als der (fiktive) Autor 30 Jahre alt ist und schon länger in Amerika lebt, wohin er nach 1956 emigrieren musste. Geboren und aufgewachsen ist er in Ungarn, er erlebte die Wirren und die Greuel des Krieges mit und der unschuldigen Liebe zu seiner Mutter entrissen und ebenso den erhaschten und er“stohlenen“ Berührungen der weichen, warmen Leiber der Frauen, die seine Mutter regelmäßig zum Kaffee besuchten. So durchziehen das Buch auch immer wieder Schilderungen des ungarischen Alltags, der politischen Entwicklung im Land, der Repression durch das stalinistische Regime nach dem Krieg, die letztlich im Aufstand von 1956 und der Flucht vieler Ungarn ins Ausland mündete.

Die Probleme, die sich ergeben, wenn sich zwei junge Menschen verlieben, die Unsicherheiten, das Unwissen.. dies verwirrt den jungen Andras. Wie sinnvoll ist es, so fragt er sich, wenn sich zwei Nichtschwimmer aneinanderklammern, um sich dann gemeinsam ins tiefe Wasser zu begeben? Nein, bald schon findet er in der Ausstrahlung älterer Frauen, in ihrer Reife, ihrem Wissen und auch ihrer Erfahrung das, was ihn anzieht, was ihm auch Sicherheit bietet.

Schon früh kommt er mit Sex in Berührung. Am Ende des Krieges verschlägt es ihn nach Österreich, dort lebt er in einem Camp bei den Amerikanern. Er ist sprachbegabt, so wird er als 12jähriger schnell zu einer Art Dolmetscher und zu seiner Hauptaufgabe (neben den Schwarzmarktgeschäften, mit denen er viel Geld verdient) ist es, zwischen den Soldaten und den geflüchteten Ungarn, insbesondere den Ungarinnen, die jetzt in der Not auch das verkaufen, was im Frieden nie zum Verkauf steht, zu vermitteln und das Geschäftliche zu arrangieren. Er ist so nah am Ziel dessen, was er sich in seinen Träumen erhofft, und doch so weit weg. Selbstverständlich darf er nie dabei sein, wird weggeschickt, es geht ihm ein wenig so wie Tantalus…. aber er ist ein guter Beobachter, er sieht die Frauen, sieht ihre Augen, sieht, ob sie diesen besonderen Schimmer darin haben, denn er merkt rasch, wie Liebe die Ausstrahlung der Menschen verändert – oder auch nicht, wenn es nur ein Geschäft war….

Wieder zu Hause führt ihn, nachdem er allen Mut zusammengenommen und er seinen Wunsch offenbart hatte, Maya, die sinnliche Nachbarin in das Geheimnis des Einführens ein… bei ihr lernt er ohne zu lernen, sie gibt ihm ihr Wissen mit auf den Weg. Auch das Wissen darum, daß Liebe nicht ewig währt und daß Liebe nicht unbedingt auf einen Menschen beschränkt ist.

Die Verhältnisse, die Andras eingeht, kommen und gehen. Frauen werden und sind seine Begierde, sieht er eine, die ihn reizt, wobei sich dieser Reiz auch erst beim Sehen einstellen kann, so will er sie auch und er zögert nicht, dies zu sagen und sie zu verführen. Nicht immer gelingt es ihm, manche sind spröde, verweigern sich ihm bzw. dem Letzten…. Er ist ein Liebhaber, einer, der in die Ehen der Frauen ohne zu zögern einbricht, die die schönen Momente der Liebe sucht, die, die nicht durch die Pflichten des Alltags verdorben werden. So beginnen seine Affären meist leidenschaftlich und intensiv und nutzen sich dann irgendwann ab, bis er (oder sie) sie wieder beenden. Er zwingt die Frauen zu nichts, im Gegenteil, er ordnet sich ihrer Führung (oder auch ihren Launen) unter ….

Vizinczey läßt seinen Andras mit einem gewissen Abstand zum eigenen Tun über seine Jugend und seine Erlebnisse berichten. Die Hauptsache dessen, was geschieht, wird in dezenter Sprache meist nur angedeutet, der Phantasie des Leser überlassen, auch spielt ein Großteil der Handlung noch vor der „sexuellen Revolution“, die Andras erst in Amerika miterleben wird. So wirkt das, was im Bett geschieht, gemessen an dem, was heute üblich ist, harmlos, überhaupt spielt das Sexuelle an sich nur eine untergeordnete Rolle. Mehr Raum nehmen dagegen die Gedanken und Reflektionen des Andras ein, der versucht, seine eigenen Motive und die seiner Geliebten zu ergründen, die Philosphie, die er sich zurechtlegt, um sein Verhalten, sein Tun, zu rechtfertigen.

Facit: ein schöner (im Klappentext steht elegant, das trifft es wohl auch) Roman über das langsame Erwachsenwerden eines jungen Mannes

Stephen Vizinczey
Lob der erfahrenen Frauen
Erinnerungen eines Liebhabers
Erstausgabe 1965: „In Praise of Older Women“, Toronto

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