Martin Bettinger: Die Liebhaber meiner Frau

Denn das ist der Unterschied. Daß Simon die Welt nicht klein, sondern groß sieht.
Wir sehen sie klein. ….sind selbst über die Jahre so mickrig geworden. Simon nicht.

Bettingers Buch erzählt eine kleine, beschwingte Geschichte für die heißen Tage des Sommers. Hauptpersonen des Buches sind Blum (nicht verwandt mit Katharina) und Simon, die zwei Arten zu leben haben, welche kaum unterschiedlicher sein können. Um sie herum ein kleiner Kosmos an Menschen, der sich zum Teil einfach aus den Mitbewohnern des Hauses ergibt, zum anderen aber auch aus dem Bestreben Lauras, die (vermeintlichen) Versäumnisse ihres bisherigen Lebens nachzuholen.

Und mit Laura fängt die Geschichte an. Sie, die geschiedene und erfolgreich (?) vom Brustkrebs geheilte alleinerziehende Journalistin lebt mit Blum, der sich seit Jahren an seinem 2. Staatsexamen Jura abmüht, in einer Wohnung. Sie hat das Gefühl, viel vom Leben versäumt zu haben, will dies nachholen, hat nichts dagegen, ihr Bett auch von einem zweiten Körper angewärmt zu bekommen. Blum, der eher rund- als sportlich ist, kommt ihr dafür nicht in den Sinn, daß er sie seit Jahren anhimmelt und in sie verliebt ist, dieser Gedanke ist ihr fremd.

Und so führt ihr Minibeitrag fürs 3. Programm, den sie über einen mehr oder weniger erfolgreichen Nebenrollendarsteller, dem ein mehr oder weniger bedeutenden Kunstpreis zugesprochen wurde, zielgerichtet zu einem auch körperlich intensiveren Kontakt. Der Beitrag wird trotz der innigen Vorbereitung stark gekürzt gesendet, ruft aber frühere Bekannte, die bei Funk und Fernsehen arbeiten, aus der Versenkung. Es kommt, wie es kommen muss, schon nach kurzer Zeit könnte sie die drei Herren aus eigener Erfahrung heraus in deren Art und Weise und Ausdauer vergleichen… Blum erlebt dies alles mit weitem Herzen mit. Nein, man kann nicht sagen, daß er die drei Liebhaber seiner Angebeteten („Libertinage“ .. wie frivol und frei, ungesetzlich und tabulos dies in Lauras Ohren klingt…) sonderlich mag, aber er arrangiert sich mit der Situation. Sicherlich, daß sie im Haus für eine gewisse Unordnung sorgen.. und die akustische Mithörerschaft, die sie ihm aufdrängen… er erduldet es, zumal er schnell merkt, daß die drei Herren so spritzig im Bett garnicht zu sein scheinen….

Und dann taucht Simon auf, Handelsvertreter für was eigentlich? .. Staubsauger und ähnliches, was halt anfällt. Simon ist der Gegenentwurf, unbelesen, kulturell ein unbeschriebenes Blatt. Aber er kann die Heizung reparieren, ein Regal aufstellen, eine Geburtstagsparty organisieren, er fährt Rad und nichts, aber auch garnichts kann ihn entmutigen (Always Look On The Bright Side of Life könnte in etwas sein Motto sein…). Und er steckt sie alle an mit seinem Optimismus, seiner guten Laune, seiner Fähigkeit, die Welt rosa zu sehen. Er erzeugt Zufriedenheit, Ausgeglichenheit, in seiner Nähe scheinen schlechte Laune oder Missstimmung nicht existieren zu können. Er wirkt auf Laura wie ein Lebenselexier („Simon, ich will bumsen!„) Die Radtouren, die er zu organisieren anfängt und an denen alle teilnehmen, Laura natürlich und Lauras Ex-Liebhaber, Nachbarn… Blum gibt mit anderen Fusskranken den Marketender, diese Radtouren sind die Höhepunkte der Woche für die immer größer werdende Gemeinschaft. Simon erscheint in gewisser Weise wie ein Messias, er impft diese Menschen, die am Leben müde geworden sind, mit neuer Lebensfreude.

Blum, der ewige, stille und sich verbergende Liebende ist sein Gegenentwurf. Er hat sich arrangiert, mit seinen Bemühungen, Jurist zu werden, mit seinen Jobs, die er lieblos runterarbeitet, ohne Schwung, ohne innerer Beteiligung. Blum ist der Prototyp desjenigen, an den sich keiner erinnert, wenn er mal weg ist…
Simon redet ihm ins Gewissen, er verführt ihn dazu Gelati-Italienisch zu lernen, um seinen Kunden das Eis, das er für das Gerichtscafé verkauft, stilgerecht anpreisen zu können. Er macht ihm klar, daß man selber hinter dem stehen muss, was man macht, daß man niemanden von etwas überzeugen kann, von dem man nicht selbst überzeugt ist.

Und dann passiert etwas seltsames in der Handlung. Simon, der Heilsbringer, der Quasi-Messias, stürzt ab. Er wird als Blender entlarvt, der dem Leben davon geeilt ist, so wie Blum ihm hinterherschleicht. Und nun holt das Leben Simon ein: unbezahlte Rechnungen, unbezahlte Waren, Banka rotta…. während auf der anderen Seite Blum die Lektionen von Simon verinnerlicht, sich an ihm ein Vorbild nimmt: er wird entschlossener, setzt sich Ziele, trifft Entscheidungen und wird nolens volens zum guten Geist der Gemeinschaft.

Ich habe mir lange überlegt, warum Bettinger seinen einen Helden so abstürzen läßt, kurz nachdem er ihm eine wahre Eloge auf seine Lebenssicht gegeben hat. Vielleicht, um zu zeigen, daß man die Erdung bewahren muss, daß man dem Leben nicht in eine Fantasiewelt entkommen kann, weil sie einen unweigerlich wieder einholt? Ich weiß nicht mehr, aus welchem Buch ich das habe: „in Alaska (?) gibt es einen Indianerstamm, der nach 3 Tagen Wanderung einen Tag Rast macht, damit die Seele Zeit hat, nachzukommen“, aber daran musste ich bei Simon denken: er hat keine Rast gemacht, hat die Seele, das Leben nicht nachkommen lassen. Blum dagegen hat das Leben entdeckt, er, der sich jahrelang davor versteckt hat, öffnet sich jetzt für das Leben und so endet das Buch folgerichtig mit seiner sich vorerst nur in der Fantasie des Lesers erfüllenden Liebe.

Das klingt jetzt garnicht so wahnsinnig sommerleicht, aber das täuscht. Das Buch ist ein Lesevergnügen, es ist witzig (ob nun gerade ein Schelmenroman, wie das Cover verspricht, darüber kann man sich streiten), voller Tempo, bietet Überraschungen und das Schicksal der „Lover of Laura“…. aber ich will nicht noch mehr vorgreifen, deswegen:

Facit: selber lesen, es lohnt sich!

Martin Bettinger
Die Liebhaber meiner Frau
Conte-Verlag, 2009, broschur, 222 S.

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