Stanisław Lem: Solaris

solaris

Im Zusammenhang mit Sanchez Pinols Buch „Rausch der Stille“ hat Eva eingeworfen, daß (nicht nur) ihr eine gewisse Analogie auffiel zum Lem-Klassiker „Solaris“. Also habe ich mir diesen Roman besorgt und am Wochenende gelesen.

Die Solaris ist ein Planet in einem Doppelsternsystem, ihre Oberfläche ist fast zur Gänze von einem galertartigen Ozean bedeckt. Ein ganzer Wissenschaftszweig, die Solaristik, widmet sich den völlig unerklärlichen Eigenschaften dieses Ozeans, die von vielen Expeditionen erforscht worden sind. Obwohl man anerkennen muss, daß der Ozean wie auch immer lebt bzw. Intelligenz aufweist, gelingt die Kontaktaufnahme, ein Austausch von Informationen nicht. Statt dessen kommt es in der Raumstation, die stationär über dem Ozean schwebt, zu seltsamen Erscheinungen, zu deren Untersuchung der Psychologe Kris Kelvin nach Solaris reist. Aber schon kurz nach seiner Ankunft auf dem Planeten, mit der der Roman beginnt, wird Kelvin selbst zum Objekt dieser Erscheinungen, er trifft auf dem Schiff seine schon lange tote Freundin, an deren Suizid er sich schuldig fühlt.

Natürlich ist der Roman ein Klassiker des SF-Genres, trotzdem fällt es mir schwer, ihn als reinen SF-Roman zu verstehen. Es fehlen die typischen Beigabe solcher Geschichten, etwas was die technischen/-logischen Möglichkeiten angeht (im Gegenteil, es ist geradezu nostalgisch, daß in „Solaris“ noch mit Tonbändern gearbeitet wird….), im Grunde weist der Roman auch kaum Handlung auf, nur an wenigen Stellen geschieht etwas im Sinne von „Action“. Es ist mehr eine wissenschaftstheoretische Erörterung, ein Werk mit philosphisch-religiösen Zügen.

Der Ozean ähnelt in seinen Fähigkeiten fast dem, was wir Gott nennen. Dies entspricht dem, was Muntius schreibt (S. 228 des Buches): die Solaristik als Ersaztreligion des Weltraumzeitalters. Ähnlich wie Gott bei der Erschaffung der Welt (so wie sie die Bibel schildert), kann der Ozean in nahezu unglaublicher Weise völlig unerklärlich „Dinge“ schaffen und auch wieder vernichten, Werke unfassbarer Dimensionen und Komplexitäten. Er kann die Naturgesetze ausser Kraft setzen oder modifizieren, z.B. die Stabilität von Planetenumlaufbahnen um zwei Sonnen (vgl. aber [1], offensichtlich neuere Forschungsergebnisse), er erschafft eine Frau so wie Gott Eva erschaffen hat, nicht aus der Rippe des Mannes, sondern aus seinem Unbewussten. Es ist Harey, die suizidierte Freundin von Kelvin.

Kelvin bekämpft diese Person, die (die echte) Harey nicht sein kann, kann sie auch mit einem Raumschiff aus der Station befördern – aber am nächsten Morgen, als er erwacht, ist sie wieder da, ohne Erinnerung. Im Gegensatz zu den anderen zwei Wissenschaftlern auf der Station hört er auf, sich gegen diese Erscheinung zu wehren, er akzeptiert sie und zwischen beiden entsteht eine Zuneigung, Liebe. Trotzdem bleiben sich beide auf seltsame Art und Weise fremd, und auch Harey verzweifelt mit ihrem stetigen Erkenntniszuwachs an ihrer Existenz.

Umfangreich sind die Ausführungen Lems zur Solaristik, die in vielen Phasen, Epochen, Schulen das Wesen der Solaris zu ergründen sucht(e), in vielen Aspekten der mittelalterlichen Scholastik, mit der das Wesen Gottes zu erfassen versucht wurde, ähnlich. Und so „unwissend“, wie es seinerzeit die Gelehrten waren, sind es hier die Wissenschaftler, die ratlos vor dem Ozean stehen, der ihre Fragen nicht beantwortet, auf sie nicht (erkennbar) reagiert, sie geradezu negiert.

Und doch ist er, auch hier wieder Gott ähnlich, allgegenwärtig, er durchdringt (womit??) das abgeschirmte Schiff, liest das Un(ter)bewusste der Menschen und formt daraus seine Werke.

Dieser Teil des Buches mit den Ausführungen zur Geschichte der Solaristik ist eine trefflich gelungene Satire auf die Wissenschaft, ihren Weg zum Erkenntnisgewinn. Und schlägt man jetzt den Bogen in die Neuzeit, so staunt man, wie vorausschauend Lem seine Kritik geschrieben hat, das Buch, 1968 erschienen, nimmt im Grunde (aus diesem Blickwinkel her gesehen) viele Aspekte der modernen Kosmologie vorweg. Setzt man den gesamten Kosmos für den solarischen Ozean, sieht man diegleiche mit religiösen Zügen versehene aktuelle Diskussion, in denen Strings eine Rolle spielen oder auch Branes, es soll Multiversen geben, für jede der überhaupt denkbaren Möglichkeiten ein eigenes Universum, in der sie realisiert ist (man kommt dann glaube ich auf insgesamt 10 hoch 500 existierenden Universen), es soll (aufgerollte) Dimensionen geben, Blasen und was weiß ich noch alles. All dies natürlich nicht oder kaum beweisbar, mithin ist wie bei einem religiösen System der Glaube an die Richtigkeit des Theoriengebäudes gefordert. Und wie bei religiösen Systemen üblich, bekämpfen sich die Anhänger der einzelnen Richtungen erbittert…..

Zur Ausgangsfrage zurück, der Analogie zwischen „Solaris“ und „Im Rausch der Stille“: ich denke, diese Analogie des Ozeans, aus dem Wesen zu den Menschen kommen, ist nur oberflächlich. Lems Ozean ist unergründlich und (wenngleich auch auf völlig unverstehbare Weise) aktiv gestaltend, Sanchez Pinols Ozean ist nur Herberge und Lebensort der fremden Wesen, spielt keine aktive Rolle. Bei Sanchez Pinol ist die Interaktion Froschmensch-Mensch das Wesentliche, bei Lem ist es das Ausgeliefert sein einer fremden Macht, die Unmöglichkeit, mir ihr Kontakt aufzunehmen und damit die Erkenntnis der eigenen Unbedeutung.

Facit: Sehr nachdenklich, empfehlenswert, aber nicht, wenn man „Action“ sucht.

Links: zum Autor:

Wiki, hier auch weitere Links
http://www.stanislaw-lem.de/index.shtml

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[1] heute weiß man, daß solche Systeme unter bestimmten, engen Randbedingungen stabil sein können.

eine schöne (möglicherweise) Visualisierung des Planeten ist bei den Stummen Erzählern zu finden…

Stanisław Lem
Solaris
List Tb., 282 S.
ISBN-10: 3548606113
ISBN-13: 978-3548606118

2 Kommentare zu „Stanisław Lem: Solaris

  1. Liebe Eva,

    vielleicht sollte man sich erstmal garnicht so sehr auf den Ozean versteifen, sondern sich um die Wesen kümmern, die aus ihm generiert werden: die Froschmenschen (insbesondere natürlich die Frau) und Harey. Ich hatte ja damals interpretiert, daß Sanchez-Pinol uns eine Reise in unser Unterbewusstsein anbietet, eine Konfrontation mit unseren Ängsten, mit unseren Vorstellungen… nichts anderes macht ja der Ozean auch: er materialisiert die verborgenen, versteckten Gedanken der Menschen, die ihn beobachten.

    …hihi.. dann schauen wir jetzt also beide auf Weißes…..

    liebe grüße und einen schönen tag für dich!
    fs

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  2. Oh, was für eine tolle Besprechung! Besonders interessant finde ich den Vergleich, den du zur modernen Kosmologie ziehst – der ist nämlich absolut zutreffend. Ich finde es immer wieder lustig, welche Theorien da entstehen und wie die eine Gruppe die andere von den ihren überzeugen will – das hat in der Tat etwas sehr Religiöses an sich, aber irgendwie auch etwas sehr Kindliches ;)

    Den Unterschied zwischen den beiden Ozeanen hast du gut beschrieben, und es stimmt schon, die Analogie ist oberflächlich. Bei mir war es vor allem dieses Gefühl von etwas nicht Begreifbarem, das ich bei beiden Büchern hatte – eben diese Fremdartigkeit, die beim Solaris-Ozean natürlich viel stärker ausgeprägt ist als bei den doch recht menschenähnlichen Meerwesen.

    Hm, irgendwie hätte ich jetzt große Lust, „Solaris“ noch mal zu lesen…

    Liebe Grüße aus dem mittlerweile auch verschneiten Ostösterreich,
    Eva

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