Albert Sanchez Pinol: Im Rausch der Stille

Selten ist es, daß man ein Buch aufschlägt und schon der erste Satz einen verzaubert, in Bann schlägt:

Wir ähneln denen, die wir hassen, mehr als wir denken. Und deshalb glauben wir, daß wir denen, die wir lieben, nie ganz nahe sind. …

Bevor ich meine Begeisterung über dieses Buch hier in Worte fasse, will ich doch erst einmal den Inhalt wiedergeben.

Der Ich-Erzähler, ein irischer Freiheitskämpfer, muss aus Europa fliehen und bekommt die Gelegenheit, am Ende der Welt, 1000 km nördlich der Antarktis, auf einem Eiland als Wetterbeobachter zu arbeiten. Auf der Insel angekommen ist sein Vorgänger nicht aufzufinden, nur ein allem Anschein nach sonderbar gewordener, feindseliger Leuchtturmwärter namens Batis Caffó, neben dem Wetterbeobachter das einzige Lebewesen auf der Insel.

Schon in der ersten Nacht in seiner Hütte tauchen seltsame, amphibische Wesen auf, die ihn (und den Leuchtturmwärter) angreifen und töten wollen. Es entbrennt in der Folge in jeder Nacht eine Schlacht auf Leben und Tod zwischen den beiden Männern und den „Froschmenschen“, die die Männer nur solange gewinnen können, wie sie Munition haben, und die ist endlich.

Zur großen Überraschung des Ich-Erzählers beherbergt der Leuchtturmwärter in seinen Leuchtturm eine Froschmenschenfrau, ein zartes Wesen ohne eigenen Willen oder Antrieb. Aber sie ist in der Lage, schier nicht enden wollende Lust zu spenden. Anfänglich hasst er sie, dieser Hass schwindet und wandelt sich in eine immer stärker werdende Liebe, und dieses Gefühl befähigt ihn, tiefer in die Seele der Froschmenschenfrau zu schauen und er erkennt, daß hier nicht seelenlose Tiere mit ihnen kämpfen, sondern Wesen, mit denen man verhandeln kann, die man nicht töten muss. Diese seine geänderte Einstellung führt zum endgültigen Zerwürfnis der beiden Männer, dem Tod von Caffó und dem psychischen Zusammenbruch des Ich-Erzählers.

Das Buch endet damit, daß sich in gewisser Weise der Kreis schließt: ein Schiff kommt, den Wetterbeobachter abzulösen, aber es findet nur einen Mann im Leuchtturm, der den spärlichen Unterlagen der Schifffahrtsgesellschaft nach Batis Caffó sein muss….

Es ist ein phantastisches Buch, obwohl ich – nachdem meine Buchhändlerin es mir in die Hand gedrückt hatte und ich ein paar Seiten mitten im Buch zu lesen versuchte – eher skeptisch war. Es sind Sätze in diesem Buch, die packen einen, die gehen mittendurch und rütteln wach:

„Auch die Zeit wird zu einem relativen Begriff. Der Tropfen, der am Faden eines Spinnnetzes hängt, kann Ewigkeiten brauchen, bis er fällt. Manchmal jedoch blinzle ich und eine ganze Woche ist vergangen.“

„Ich hätte nie gedacht, daß die Hölle so etwas einfaches wie eine Uhr ohne Zeiger sein könnte.“

„Alle Augen schauen, wenige beobachten, sehr wenige erkennen.“

In dieser Art ist das ganze Buch geschrieben, in einer packenden, fesselnden, spannenden Art und Weise, die trotz der oft weitschweifigen Reflektionen des Ich-Erzählerns nie langweilt. Es aus der Hand zu legen, war unmöglich, weiter lesen, um jeden Preis weiterlesen wollte ich (ich muss nur auf den Haufen unerledigter Arbeit von heute mittag schauen…).

Was sagt uns diese phantastische, unheimliche Geschichte, wie interpretiert man sie? Zeigt Pinol uns die Seelenreise eines Menschen in sein eigenes Ich, zu seinen eigenen Dämonen, mit denen er kämpft? Erkennt er diesen Kampf durch die Liebe als falsch, erkennt er, daß richtigeres Handeln die Auseinandersetzung mit den Dämonen ist? An manchen Stellen habe ich mich an Lenny erinnert gefühlt: „Stell dich deinen Dämonen“…. Vielleicht ist schon der erste Satz des Buches (s.o.) ein Schlüssel, vielleicht erkennt der Wetterbeobachter, daß er den Froschmenschen mehr gleicht, als man auf den ersten Blick meinen sollte?

Der Kreis schließt sich zum Ende des Buches, habe ich oben geschrieben. Der Wetterbeobachter, der nach Verständigung suchte, überlebt – als Batis Caffó, als Mensch, der in allem das Gegenteil von ihm ist….. eine hoffnungsraubende Interpretation…

Ich denke, das Buch wird mich noch eine Weile beschäftigen…

Facit: Ein phantastisches Buch. Ohne Einschränkung.

Nachtrag (durch Eva drauf aufmerksam gemacht): Rezension in der FAZ

Albert Sanchez Pinol
Im Rausch der Stille
Fischer, Tb, November 2006
ISBN-10: 3596165571
ISBN-13: 978-3596165575

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11 Kommentare zu „Albert Sanchez Pinol: Im Rausch der Stille

  1. Liebe Eva,

    erst einmal ganz lieben Dank für deinen Kommentar, ich habe mich sehr gefreut! Was deine Frage nach Lem angeht, ich habe mich da gerade etwas in meinem Blog drüber ausgelassen (https://radiergummi.wordpress.com/2008/11/09/bucherleben-lem-oder-nicht-lem-gelesen-oder-nicht/), die Kurzversion des Beitrags lautet jedoch: Leider nichts, da mir die Bücher aus dem Gedächtnis entschwunden sind…. tut mir leid, daß ich a) dir nicht helfen kann und daß b) wie so vieles im Leben auch die Erinnerung hier verflogen ist…. Letzteres ist so schade, denn so weiß ich auch nicht mehr, ob mir die Bücher gefielen, sie interessant waren, ich gute Stunden beim Lesen hatte…..

    …und wegen des Sonntags: da es ja schon wieder ein neuer ist, kann ich dir beruhigt noch einmal einen schönen wünschen! ;-)

    liebe grüße
    fs

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  2. Ach, ich bin auch nie zufrieden mit dem was ich schreibe – irgendwie tu ich mir immer schwer damit, das was ich wirklich über ein Buch denke zu sagen & muss es immer ungeschickt umschreiben ;)

    Ich kenne von Lem sonst nichts, was könntest du denn da empfehlen? Möchte nämlich unbedingt noch mehr von ihm lesen! Bei „Solaris“ hat mich sehr beeindruckt, dass er es geschafft hat, die Fremdheit des Ozeans so eindringlich darzustellen – dass da eine Lebensform ist, die für den Menschen nicht begreifbar ist, deren Gesetze & Handeln einfach nicht mit dem menschlichem Verstand erfasst werden können. Und das hat mich ein wenig an Pinol erinnert, obwohl der Ozean noch viel unbegreiflicher ist als die Wesen in „Im Rausch der Stille“, die ja doch recht menschenähnlich sind.

    Dir auch einen schönen Sonntag!

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  3. Danke für dein Lob, das freut mich, gerade weil ich eigentlich nicht so sehr zufrieden bin, mit dem, was ich schrieb….

    Vielleicht müßte man bei der Interpretation des Buches die Tatsache mehr berücksichtigen, daß Pinol von Haus aus Anthropologe ist …. und auf Pandora freu ich mich auch!

    Solaris.. ich habe jetzt gerade mal meine Regale durchgeforstet, einiges von Lem gefunden (ich sortiere nicht unbedingt nach Autor, sondern viel auch nach optischen Gesichtspunkten, Verlagen etc…. manchmal ist das unpraktisch *g*), aber Solaris nicht. Habe übrigens bei dir den Link zur FAZ-Rezension gefunden, danke dafür! Sehr interessant, was dort geschrieben steht. … Solaris…ach, die Tage sind einfach zu kurz, um alles zu lesen..

    ich wünsch dir noch einen schönen Sonntag!

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  4. Schöne Rezension! Ich war von dem Buch auch sehr begeistert, und wie bei dir hat mich der erste Satz sofort in seinen Bann gezogen. Ich musste beim Lesen immer wieder an Stanislaw Lems „Solaris“ denken, kennst du das?

    Ich bin auch schon sehr gespannt auf „Pandora im Kongo“…

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  5. Toll, das freut mich! Das Buch hat es verdient und ich stehe eindeutig auf der Seite des Händlers und deiner Freundin! Viel Spaß beim Lesen wünsch ich dir!

    liebe grüße
    fs

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  6. Hi, und meinen herzlichsten Dank! ;-) Eine Freundin erzählte mir von einem Buch über Menschen aus dem Meer. Der Buchhändler drückte es ihr in die Hand und meinte, es wäre total toll. Seine Kollegin war eher skeptisch. Absolute Begeisterung bei meiner Freundin! Leider hatte ich mir den Titel nicht gemerkt. Aber gerade hab ich alle Infos gefunden.
    Grüße
    Karen

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  7. Erst einmal danke für deinen Kommentar. Es freut mich, wenn ich Interesse an dem Buch bei dir geweckt habe, meiner Meinung nach hat es das Buch verdient. Die Inhaltsangabe von mir ist ja seeeeehr gestrafft, die Erzählung natürlich viel komplexer und tiefschichtiger. Mit Fantasy hat das ganze nichts zu tun, es ist eher eine in Bilder gebrachte Reise in die Tiefen einer menschlichen Seele…. zumindest ist das meine Interpretation.
    Wenn du das Buch liest, würde mich deine Meinung, dein Eindruck interessieren!

    liebe grüße
    fs

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  8. Hallo! Zunächst einmal: Schöner Blog! Habe ihn bei der Bloggerei gefunden.
    Ich habe zu diesem Buch schon eine andere Besprechung in einer Zeitschrift gelesen, da hat mich allerdings diese Froschmenschen-Sache eher abgeschreckt (klang für mich zu sehr nach „Fantasy“). Deine Rezension klingt aber interessant, jetzt steht es also auch auf meiner „Noch zu Lesen“-Liste.
    Liebe Grüße aus Freiburg!

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