Daniel Glattauer: Gut gegen Nordwind

Shit happens. Und so landet dank eines Flüchtigkeitsfehler die email der Emmi Rothner versehentlich bei Leo Leike, der aus Höflichkeit auf diesen Fehlläufer hinweist. Aus diesen Anfängen heraus entwickelt sich dann im Lauf der Zeit ein immer intensiveres Verhältnis zwischen beiden, und es als Liebe zu bezeichnen, wäre nicht übertrieben.

Was Nora Ephron 1998 mit Tom Hanks und Meg Ryan als „Email für dich“ visuell umgesetzt haben, hat in diesem Büchlein Glattauer mit Worten versucht: Darzustellen, wie sich zwischen zwei Menschen, die sich nie gesehen haben, die sich nur virtuell verständigen, Gefühle entwickeln und auch überhand nehmen.

Noch vor wenigen Jahren wäre diese Idee als unglaubwürdig abgetan worden, daß sich zwischen Menschen, die sich nicht kennen, Gefühle entwickeln können. Zumal die Kommunikation via Internet äußerst beschränkt ist, vergleicht man sie z.B. mit Briefen, wenn einem spontan z.B. Brieffreundschaften und -lieben, die es in früheren Zeiten gegeben hat einfallen. Aber dort hat man ausser dem geschriebenen Wort noch das Papier, die Handschrift, eventuell einen Geruch, taktile Reize etc pp, alles das, was einem der Bildschirm nicht bieten kann…. andererseits bietet dieser offensichtliche Mangel des virtuellen Kontaktes auch die absolute Freiheit, die man der Phantasie geben kann: In der Vorstellung formt sich, durch nichts eingeschränkt, ein Bild des Gegenübers, den man nie gesehen hat. Irgendwann hat man eine Person, eine Persönlichkeit vor Augen, die man sich ggf aus den Versatzstücken der eigenen Wünsche zusammengestellt hat und der virtuelle Partner war „nur“ der Katalysator für diesen Prozess. Obwohl – mehr wie ein Katalysator ist er schon, seine mails sind untrennbar mit dem Bild verbunden.

Dies erklärt auch die Angst der beiden Schreiber, sich in natura, von Angesicht zu Angesicht, zu treffen: Das Bild, die Idealvorstellung, geformt aus dem Wort des Gegenübers und den eigenen Begierden, würde zerstört. Die nüchterne Realität würde die Träume pulverisieren, die Beziehung dieser Probe kaum standhalten.

Solche Kontakte via Internet sind seltsame Korrespondenzen: sie sind in hohem Maße selbstbezüglich. Viele der Gesprächsthemen, die in der realen Unterhaltung wichtig sind, werden ausgespart: Hobbys, Familie, politische oder andere Diskussionen… vieles davon (und gerade das persönliche, private) Tabuthemen. Die virtuelle Welt, die sich im Kontakt aufbaut, wird nach eigenen Mustern strukturiert, fern jeder Konvention und Rücksicht, die man im realen Leben immer nehmen muss. Hier, im Virtuellen, kann man sich so geben, wie man sein möchte. Diese Welt beansprucht immer mehr Platz, sprich Zeit, in der realen Welt, ist klein, überschaubar, sie ist Fluchtpunkt des realen, mit Mühen beladenen normalen Lebens. Die Gespräche der beiden Schreibenden drehen sich fast ausschließlich um diesen Mikrokosmos, in Rede und Gegenrede nähern sie sich immer weiter einander an.

Diese Annäherung ist ein Prozess, dem man sich nicht entziehen kann, es ist wie ein Sucht. Glattauer beschreibt dies sehr schön, das Warten auf Post, die Erleichterung, wenn eine mail eingetroffen ist, die Spannung, was dort geschrieben wurde, das Hochgefühl – oder auch die Enttäuschung – wenn man den Text gelesen hat. Die Missverständnisse, die häufig aufgrund des sehr eingeschränkten Kommunikationskanals auftreten und die in langen Folgekorrespondenzen geklärt werden müssen. Von aussen gesehen vermittelt dies den Eindruck von Oberflächlichkeit oder Seichtheit, für das Innenleben der Korrespondierenden sind solche Diskussionen jedoch sehr wichtig, wenngleich oft frustrierend.

Das Buch ist wunderbar kurzweilig geschrieben, sehr unterhaltsam, aber auch sehr deprimierend. Es hinterläßt nur Verlierer, Verwundete und insbesondere mit Emmi leide ich mit. Mag in „normalen“ Fremdgeh-Geschichten immer noch die Aussicht auf ein Happy-End zumindest für zwei der Beteiligten im Bereich des Möglichen liegen, so gibt es das hier nicht, da weder Emmi noch Leo den Mut hatten, über ihre Schatten zu springen und die Entscheidung zu suchen. (Dieses absolute Sperre, irgendwas vom anderen real kennen zu lernen, ist im übrigen einer der wenige Punkte, die ich so nicht akzeptiere, für nicht realistisch halte, zumal beide ja wohl in der selben Stadt wohnen und ihren realen Namen kennen. Wer da nicht doch neugierig wird, wie der andere…. aber in Ordnung, Glattauer hat es eben anders geschrieben.)

Wenn ich schreibe, daß das Buch wunderbar kurzweilig geschrieben ist, geht dies für meinen Geschmack vorwiegend auf die Beiträge zurück, die Glattauer seiner Emmi in den Mund bzw. in die Tastatur legt.. herrlich spritzige, witzige, ironische, sarkastische, schlagfertige mails, die sie formuliert.. doch ja, man kann Leo verstehen, daß er ihr verfällt….

Facit: ein schönes, unterhaltsames Buch ohne Happy End, das sich in wenigen Stunden liest. Und das trotzdem zum Nachdenken anregt.

Links: Im Spiegel über den Nordwind
Als Theaterstück in der Josefstadt, Wien

Daniel Glattauer
Gut gegen Nordwind
Goldmann TB, August 2008
ISBN-10: 3442465869
ISBN-13: 978-3442465866

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