T.C.Boyle: Wassermusik

17. August 2008

Park, Mungo, Afrikareisender, geb 10.Sept. 1771 zu Fowlshields bei Selkirk (Schottland), studierte in Edingburg Medizin, fungierte hierauf als Wundarzt in London und zu Benkulen auf Sumatra und erhielt 1795 von der Afrikanischen Gesellschaft in London den Auftrag zu einer Reise ins Innere von Afrika. P. ging den Gambia aufwärts bis Pisania, der letzten Niederlassung der Engländer und durchwanderte von hieraus die Reiche Mullö, Bondu, Kädschaga, Kasson, Kaarta und Ludamar. Anfang März 1796 geriet er in die Gefangenschaft des maurischen Königs Ali, entkam jedoch und gelangte unter den größten Gefahren und Strapazen im Juli endlich wieder an den Niger. Diesen abwärts verfolgend erreichte er 16. September Kamilia im Königreich Manding, wo er 7 Monate lang krank lag. Hier schloss er sich einem Sklaventransport nach der Faktorei Pisania an, von wo er im Dezember 1797 nach England zurückkehrte. (Park, S. 733)

Noch einmal drang er von da, aufs reichlichste ausgerüstet, durch unwegsames Gebirgsland zum Niger vor; von aber 43 Begleitern brachte er nur 8 krank und entkräftet an den Strom. Auf einem Boot, welches er selbst gebaut, trat er die verhängnisvolle Stromfahrt 19. August 1805 an. Nach vergeblichen Versuchen, sich mit den Anwohnern friedlich zu verständigen, begannen die Angriffe der Tuareg von Kabara unterhalb Timbuktu. Zuletzt allein im heldenmütigen Widerstand, fuhr Mungo Park den Strom hinab, um nahe dem Ziel bei Bussa ein ruhmvolles, doch nutzloses Ende zu finden. (Afrika, S. 173)

zitiert nach: Meyers Konversationslexikon, 4. Auflage, Leizpig 1890
(würde mich natürlich interessieren, wie ohne Überlebenden Kunde von den Ereignissen in die Chroniken gekommen ist….)

Ein umfangreiches Werk, das Boyle hier geschrieben hat, im Grunde hätte es Material genug gegeben für zwei Bücher, beinhaltet es doch zwei Handlungsstränge, die er erst sehr spät zu einem verknüpft. Die erste, titelgebende Story erzählt die Geschichte von Mungo Park, dem schottischen Entdeckungsreisenden, der sich um die Jahrhundertwende vom 18. ins 19. Jahrhundert ins Innere von Afrika vorwagt, um den sagenhaften Niger zu finden. Dieser Fluss hat sich den europäischen Forschern und Entdeckern lange Zeit entzogen, denn er entspringt zwar nur wenige Hundert Kilometer von der afrikanischen Westküste entfernt, fließt dann aber im wesentlich in östliche Richtung ins Innere des Kontinents. Höchst erschwerend kam dazu, daß die afrikanisch Ostküste den Beinamen „Fieberküste“ nicht umsonst trug, -zig tropische Krankheiten grassierten dort und rafften die nicht daran gewöhnten Europäer scharenweise dahin. Wer dem entkam hatte dann gute Chancen, von den meist nicht freundlich gesinnten Einheimischen massakriert zu werden, denn ausser einer gewissen Abneigung Fremden gegenüber war insbesondere die Tatsache, daß Europäer gemeinhin Christen waren, vielen der islamischen Stämme ein Dorn im Auge. Und auch die lächerlich wirkende weiße Hautfarbe verschaffte normalerweise keinen Respekt im Auge des kritischen Gastgebers. So ist es nicht verwunderlich, daß bis Park alle Expeditionen, die zum Niger geschickt wurden, mit dem Tod der Entdeckungsreisenden endeten, mithin als gescheitert anzusehen waren. Und auch Mungo Parks Reise war alles andere als ein Erholungsurlaub. Die meiste Zeit war er mehr tot als lebendig, verbrachte die Zeit in Gefangenschaft oder auf der Flucht. Und zu diesem Zeitpunkt, Park ist Gefangener des Ludamarischen Herrschers Ali, setzt Boyle mit seiner Geschichte ein.

Es ist eine farbenprächtige Geschichte voller Abenteuer, schillernder Figuren und haarsträubender Erlebnisse. Boyle versteht es, den Leser in die Welt, die er schildert, hineinzuziehen, er schreibt spannend und anschaulich, bildgewaltig. Schnackselnde Schnaken gibt es bei ihm genauso wie die Farbe „Ecru„, von der ich bis dato noch nie etwas gehört hatte. Seinen Helden Park läßt er als naiven, man könnte auch sagen, leicht trotteligen Abenteurer durch Afrika reisen, der ohne seinen „Diener“, der ihn vor den schlimmsten Fehlgriffen bewahren kann, aufgeschmissen wäre. Dieser Diener, Johnson, ist eine der vielen Figuren, denen Boyle ein von Abenteuern und Zufällen geprägtes Leben verleiht. Von all den anderen muss vor allem die spätere Frau Parks erwähnt werden, Ailie nämlich sitzt zu Hause in Schottland und wartet auf ihren Mungo, unbeirrbar. Nur die Zeit zwischen den beiden Expeditionen gehören ihnen beiden zusammen, aber selbst in dieser Zeit ist Park in Gedanken meist in Afrika. So wird Ailie zur tragischen Gestalt in der Geschichte Parks, die ihr Leben, welches aufgrund ihrer Intelligenz und ihrer Persönlichkeit ganz anders hätte gestalten können, an Park verschenkt, der sie letztlich aber mit seinen afrikanischen Träumen verrät.

Was in diesen Zeiten gemacht wird sind keine Expeditionen im heutigen Sinne. Es sind Abenteuerreisen von Träumern, die sich durch nichts und niemanden abschrecken lassen (vgl. auch das Kehlmann-Buch über Humboldt in Südamerika, obwohl Park mit Humboldt als Person überhaupt nicht zu vergleichen ist), die in der sicheren Gewissheit leben, die primitiven Länder, die sie besuchen, mit ihrem Besuch zu ehren und ihnen die Zivilisation zu bringen (eine ähnliche Arroganz ist aber auch in die andere Richtung festzustellen). Die Leidensfähigkeit der Abenteuerreisenden ist bemerkenswert und die Fähigkeit des Körpers, alle möglichen Unbillen zu ertragen, kaum zu glauben. Die meiste Zeit auf der Flucht, in Gefangenschaft oder auf dem Krankenlager, der Habseligkeiten beraubt ist allein das „Dagewesensein“ und das „Zurückkommen“ schon das Erfolgskriterium solcher Reisen schlechthin. Insofern muss man die zweite Reise von Park dann als Misserfolg werten, die endgültige Erforschung des Nigers liess noch einige Zeit auf sich warten.

Der zweite Erzählstrang hat mit Ned Rise einen Menschen zur Hauptperson, der buchstäblich in der Gosse geboren und grossgezogen wurde. Daß zu den Erziehungsmethoden das Abhacken der Fingerspitzen gehörte, mag einen Eindruck davon vermitteln, unter welchen Verhältnissen Rise aufwuchs. Nur in einer kurzen Periode seines Lebens genoss er Fürsorge und Erziehung, leider jedoch verstarb sein „Mentor“ bei einem Duell, ein erster Zusammenhang zwischen Park und Rise, den Boyle hier knüpft. Rise ist intelligent, reaktionsschnell und, notgedrungen, skrupellos. Er entwickelt Geschäftsideen und sieht Marktlücken, ob es nun in Hinterzimmern Pornoshows für Honoratioren sind, den Verkauf gefälschten Kaviars oder das Verhökern frisch geklauter Leichen an Anatomen. Doch immer gilt die „Rise-Regel“: wenn es gut läuft, fällt man um so tiefer. Folgerichtig springt Rise dem Tod mehrfach von der Schippe, so knapp, daß es knapper kaum noch geht.

Auch im Rise´schen Umfeld gibt es eine Reihe von Personen und Schicksalen, die Boyle wieder – entsprechend wie bei Park – farbenprächtig, anschaulich und fesselnd darstellt. Parks Ehefrau Ailie entspricht bei Rise das Hausmädchen Fanny, die sich unsterblich ineinander verlieben. Fanny nimmt große Entbehrungen auf sich, um ihrem Ned aus der Gefahr zu helfen, allein, es nutzt wenig, beide verlieren sich aus den Augen und Fanny geht an ihrem traurigen Schicksal zugrunde.

Im Grunde wäre Rise der viel geeignetere für die Park´schen Entdeckungsreisen: mehr Übersicht, mehr Realitätssinn, weniger Träume und Fantasien, aber leider ist er nicht in diese Gelegenheit hineingeboren worden. Beide Figuren läßt Boyle auf der zweiten Park´schen Reise zusammentreffen, Rise macht diese Reise mit, um nach der Rückkehr begnadigt zu werden, es erweist sich schnell, daß er für das Fortkommen der Expedition mit zu den wichtigsten Teilnehmern gehört.

Facit: Wie schon angedeutet: ein spannendes, sehr gut lesbares, kurzweiliges Buch, das man eigentlich zu keinem Zeitpunkt aus der Hand legen will.

T.C.Boyle
Wassermusik
Rowohlt 2008
ISBN-10: 3499247380
ISBN-13: 978-3499247385

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2 Responses to “T.C.Boyle: Wassermusik”

  1. Eva Says:

    Hallo!

    Tolle Rezension! Die hat mir richtig Lust gemacht, das Buch noch mal zu lesen :)
    Ich habe „Wassermusik“ im Juli gelesen und war auch sehr begeistert davon, weil es beim Lesen war, als würde man selbst auf diese Reise gehen. Boyle hat einfach die Atmosphäre des Abenteuers & der exotischen neuen Länder so gut rübergebracht.
    Ich habe auch schon die echten Tagebücher von Mungo Parks auf meiner Wunschliste (http://www.amazon.de/Reisen-ins-innerste-Afrika-1795/dp/3865030475/ref=sr_1_3?ie=UTF8&s=books&qid=1221675932&sr=8-3) – bin schon sehr gespannt, inwiefern sich das mit „Wassermusik“ überschneidet.

    Liebe Grüße,
    Eva

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  2. flattersatz Says:

    Danke für deinen schönen Kommentar! Was die Mungoschen Tagebücher angeht, glaube ich, daß sie eher Märchengeschichten sind, so wie Boyle eben einen Roman geschrieben hat und keine Dokumentation. An ein oder zwei Stellen im Buch ist ja angedeutet, wie der (fiktive?) Park seine Aufgabe als Chronist sieht: im wesentlichen als Unterhaltungskünstler…

    Was dem Spaß an der Lektüre aber keinen Abbruch tun wird…..

    (Von der zweiten Reise sollte ja eh nichts schriftliches von Park erhalten sein.)

    liebe grüße auch an dich!
    flattersatz

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