John Boyne: Der Junge im gestreiften Pyjama
Juli 20, 2009
Seit langem wieder einmal ein Buch in meine Kategorie „aus.sortiert“: nach dem Lesen von gut der Hälfte habe ich den Rest noch überflogen und das Buch dann weggelegt. Ich will damit nicht sagen, es sei ein schlechtes Buch, nur – für mich eben ein falsches.

Worum geht es in diesem Buch, das vom Verlag als „Fabel“ bezeichnet wird (im Grunde hat damit die Irritation bei mir schon angefangen, denn es kommen ja überhaupt keine Tiere drin vor…
[1]) und welches in einer einfachen, in der Tat fast an ein Märchen erinnernden Sprache, also offensichtlich für jüngere Leser, geschrieben ist?
Bruno, ein neunjähriger Junge, lebt mit seiner Schwester Grete, der Mutter und dem Vater in einem wunderschönen, interessanten Haus in Berlin. Eines Tages kommt er nach Hause und sieht, daß alle Sachen gepackt werden und die Familie umzieht.
Das neue Haus ist bei weitem nicht so interessant, es liegt einsam irgendwo bei Aus-Wisch, Bruno hat dort keine Spielkameraden, er kann nirgendswo hin gehen und ist garnicht glücklich. Wenn er aus dem Fenster seines Zimmer schaut, sieht er ein großes Areal, das eingezäunt ist und in dem viele Menschen wohnen, die alles gleich angezogen sind.
Nach einigen Monaten dort will Bruno seine Umgebung erforschen und geht am Zaun entlang. Irgendwann trifft er dort auf einen Jungen auf der anderen Seite der Absperrung, mit dem er sich anfreundet. Daraus entwickelt sich eine Freundschaft, die aber (wir ahnen es) nicht glücklich enden wird, denn auch dieser Junge mit dem seltsamen Namen Schmuel hat diesen gestreiften Anzug an.
So weit, so gut? schlecht?…..
Bruno ist in dem Buch ein neunjähriger Junge, die Erzählung spielt 1943 (in diesem Jahr hat in den Lagern in der Tat der Kommandant gewechselt [2]), mithin hat Bruno seine Kindheit in der „Hochzeit“ des Nationalsozialismus erlebt. Und trotzdem – so will es Boyne – kennt er den Führer (im Buch: den „Furor“) nicht, weiß nicht, wie er aussieht, kann mit dem gelben Davidsstern nichts anfangen, ich glaube, er weiß noch nicht einmal, was Juden sind….. und auch im Handlungsverlauf selbst ist er bemerkenswert lernrestistent, die Situation, die er in Aus-Wisch erlebt, durchschaut er nicht im geringsten. Daß sich in einem Lager, in dem sich Tausende Menschen befinden, die – so kann er beobachten – von Soldaten bewacht und schikaniert werden, irgendwas Schlimmes ereignet – auf die Idee kommt er offensichtlich selbst durch die Gesprächen mit Schmuel nicht….. Das war mir dann doch zu unrealistisch und gekünstelt.
Warum Boyne so wohl geschrieben hat? Ich denke mal, weil er wirklich ein Publikum im Blickwinkel hat, das mit den Vorgängen im Tausendjährigen Reich absolut unvertraut ist, wo er tatsächlich bei Null anfangen muss. Die Leserschaft in Deutschland fällt meiner Meinung nach nicht in diese Gruppe [3], wahrscheinlich zielt Boyne dann doch eher auf den angelsächsische Sprachraum ab.
Was ich für sogar kritisch halte, ist folgendes: wenn ein neunjähriger Junge (es gibt Weltgegenden, in denen Kinder dieses Alters schon für die Familie mitsorgen müssen.. in dem Alter ist ein Kind also schon in der Lage, Situationen zu beurteilen und einzuschätzen), nicht merkt, was im 3. Reich vor seiner Haustür (und nicht nur dort, sondern im Grunde ja sogar in seinem eigenen Haus) geschieht, ja, dann kann es ja nicht so schlimm gewesen sein…. und diesen Eindruck ggf. hervorzurufen, halte ich für gefährlich.
Nachtrag: heute ist mir der Gedanke gekommen, daß man das übernaive Nichtwahrnehmen wollen von Bruno natürlich auch als Bild sehen kann für den normalen Deutschen, von denen im 3. Reich ja auch keiner was gewusst hat….
Facit: ein sehr zwiespältiger Eindruck: als Erwachsenen hat mich die permanent zur Schau gestellte Ahnungslosigkeit von Bruno einfach mit der Zeit genervt und Kinder sollten das Buch sicher nicht ohne Begleitung durch Erwachsene lesen, damit nicht falsche Eindrücke entstehen.
John Boyne
Der Junge im gestreiften Pyjama
Fischer (Tb.), Frankfurt, 2009, 269 S.
ISBN-10: 3596806836
ISBN-13: 978-3596806836
[1] Begriffsbestimmung Fabel
[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Personal_im_KZ_Auschwitz
[3] Jugend und Holocaust



Juli 20, 2009 at 7:55
Das Buch habe ich nicht gelesen, da ich allein von der Sprache her auch eher den Eindruck hatte, es wäre eher an Kinder als an Erwachsene gerichtet.
Dafür habe ich den Film gesehen – und fand ihn richtig gut.
Mit der Realität – das ist richtig – hat die Geschichte natürlich wirklich nicht viel zu tun. Ich denke, darum geht es auch gar nicht. Viel mehr soll eine bewegende Geschichte erzählt werden, die nachdenklich macht. Und das ist hervorragend gelungen.
Dass weder Film noch Buch in Deutschland besonders gut ankommen würden, war abzusehen. Die Deutschen leiden ja an der seltsamen Krankheit, dass sie Angst davor haben, ein fantasievoller Umgang mit der Zeit des Nationalsozialismus könnte diesem dunklen Kapitel in ihrer Geschichte ihre Würde nehmen. Das ist jetzt keineswegs negativ gemeint; viel mehr zeigt sich in diesem sehr verkrampften Umgang mit der Vergangenheit, dass auch mehr als 60 Jahre nach Ende der NS-Diktatur diese Zeit nicht im geringsten aufgearbeitet ist. Noch immer steht der Deutsche fassungslos vor dem wozu er – und nicht nur er – offensichtlich in der Lage ist.
Genau diese Fassungslosigkeit aber vermittelt zumindest der Film.
Juli 20, 2009 at 7:55
Erst einmal danke für deinen Kommentar!
“ Viel mehr soll eine bewegende Geschichte erzählt werden, die nachdenklich macht.“
… dem stimme ich nicht zu, denn das hieße ja, den Holocaust zu instrumentalisieren, um eine bewegende Geschichte zu erzählen… das meinst du sicher nicht. Nein, ich denke, es ist schon absichtlich dieses Thema gewählt worden, um etwas über die Vernichtungslager zu sagen, in kindgerechter Sprache und angenommenen kindgerechtem Verhalten. Nur greigt Boyne, da widerspreche ich dir auch, nicht zur Phantasie, sondern blendet einfach die Realität aus, indem er sie mittels seine Hauptperson Bruno ignoriert bzw. verharmlost.
Verkrampfter Umgang mit der Vergangenheit: es würde mich interessieren, was du darunter verstehst. Und worauf gründet sich deine Feststellung, daß „… auch mehr als 60 Jahre nach Ende der NS-Diktatur diese Zeit nicht im geringsten [sic!] aufgearbeitet ist.“ Das würde mich noch mehr interessieren…
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Juli 20, 2009 at 7:16
Also ich denke jetzt nicht, dass ich verkrampfter mit den geschichtlichen Ereignissen umgehe, als Menschen in anderen Nationen.
Aber trotzdem hat mir das Buch nicht wirklich zugesagt.
Ich halte es nicht für gefährlich und finde auch nicht, dass es einen falschen Eindruck vermittelt.
Es war eben einfach unglaubwürdig.
Brunos Ignoranz hat ihn sehr unsympathisch gemacht und das Ende, obwohl es mich auch traurig gestimmt hat, hatte für mich irgendwas von „selbst Schuld“.
Den Film habe ich nur stückweise gesehen und der gefiel mir auch ganz gut.
Dort ist man als erwachsener Zuschauer auch in einer ganz anderen Position und muss sich nicht nur auf das verlassen, was einem ein kleiner naiver Junge glauben machen will.
Juli 20, 2009 at 7:45
Unglaubwürdig.. ja, das in jedem Fall (was zum Beispiel hat der Sohn eines hohen SS-Offiziers denn in der Schule beigebracht bekommen, wenn er noch nicht einmal den Führer kennt….) aber eben in dieser Unglaubwürdigkeit (die sich ja nur dem erschließt, der etwas mehr weiss) liegt meines Erachtens die „Gefahr“ des Buches: Verharmlosung.
Und ich denke auch nicht, daß meine Einstellung etwas mit verkrampft zu tun hat, denn man hat es ja erst vor wenigen Jahren in Ex-Jugoslawien gesehen: jenes ist immer und jederzeit, wahrscheinlich auch an jedem Ort möglich. Das ist einfach eine Realität, die wir zur Kenntnis nehmen müssen. Und deshalb sollte man solches auch nicht durch ein überignorantes Kind als ignorierbar schildern.
Den Film kenn ich nicht, da kann ich nichts zu sagen.
Danke für deinen Kommentar!
Juli 20, 2009 at 7:23
Leider kann ich das Buch nicht beurteilen.
Ich musste beim Film jedoch sehr an Imre Kértesz´ „Roman eines Schicksallosen“ denken, das aus der Perspektive eines naiven 15jährigen Jungen erzählt ist, der ins KZ verschleppt wird.
Die Wirkung dieses Buches beruht gerade auf der kindlichen Naivität, in der es erzählt.
Kennt Du das zufällig?