Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen

4. Januar 2010

1944, im Frühling, wird in der Wohnung der jüdischen budapester Familie Köves der Abschied vom Vater begangen, der eine Einberfung in ein Arbeitslager erhalten hat. Sicherlich, eine unangenehme und gefährliche Sache, insbesondere im Zusammenhang mit anderen Einschränkungen, die jüdischen Geschäftsleuten auferlegt werden, aber – so wissen es die Verwandten – es sind Verhandlungen im Gange, in denen die Juden Budapests als Faustpfand der Deutschen gegen die Alliierten dienen und so wird es nicht zum Äußersten kommen. Und überhaupt – so ein anderer Verwandter – hat Gott ihnen dieses Schicksal um ihrer einstigen Sünden willen zuteil werden lassen. Und er würde erwarten, daß wir [i.e. die Juden] in diesen schweren Zeiten an dem Platz bleiben, den er uns zugeteilt hat. [Dem Sinn nach zitiert, S. 31].

Zwei Monate später erhält auch der Ich-Erzähler, der 15 jährige György (das alter ego des Autoren) seine Arbeitsverpflichtung in einer etwas ausserhalb gelegenen Fabrik, der Shell-Erdölraffinierie. Die Juden unterliegen mittlerweile (wie Kertesz sehr beiläufig und ohne groß Aufhebens davon zu machen) einer Vielzahl von Beschränkungen: so dürfen sie mit dem gelben Stern das Stadtgebiet nicht verlassen (den Stern natürlich auch nicht abenehmen oder verdecken), man darf auch nur bis 20:00 Uhr mit dem gelben Stern auf die Straße. Ferner darf niemand Handel treiben, der nicht reinen Blutes ist. Jüdische Personen haben mit geringeren Lebensmittelzuteilungen zu leben. Und ordnungsgemäß handelt heißt für Juden, auf die allerletzte Plattform im letzten Anhänger der Straßenbahn zu gehen.

György fährt täglich mit anderen Jugendlichen zusammen in die Fabrik, wegen der kriegswichtigen Tätigkeit haben sie eine entsprechende Erlaubnis. Doch eines Tages wird der Bus angehalten und alle Juden werden herausgeholt und aufgehalten. Erst am Ende des Tages geschieht aber etwas: offenbar von höherer Stelle aus koordiniert marschieren die Festgehaltenen los, vereinigen sich mit anderen Marschgruppen und treffen schließlich in einer Ziegelei ein. Dort verbringen sie die Nacht, zusammengepfercht mit vielen anderen, die schon an diesem Ort waren.

Beim Lesen dieses Abschnitts habe ich mir gedacht, daß ich mein Urteil, das ich bzgl der Naivität des Jungen im Buch John Boyne: Der Junge im gestreiften Pyjama zurücknehmen muss. Kertesz schildert hier, wie „er“ zum Beispiel das Untertauchen und Verschwinden eines Kameraden aus dem Zug, als dieser mal stoppen musste, verurteilte, weil es nicht anständig war. Eine eigenes Entkommen, welches ihm ebenso möglich schien, hat er deswegen nicht ernsthaft in Erwägung gezogen. Und ebenso hat der Polizist, der einen Bestechungsversuch ablehnte, mit dem einer der Festgehaltenen entkommen wollte, anständig gehandelt… Nach all den Einschränkungen, Willkürakten, der Vater schon im Arbeitslager, kann man da wirklich so unbedarft sein? Ich muss es wohl glauben, denn der Autor beschreibt ja sein eigenes Schicksal….

Der Junge kommt nach einer qualvollen Bahnfahrt (es wird ihnen Wasser verweigert) nach Ausschwitz. Dort – auch das scheint ihm alles seine notwendige Ordnung zu haben – durchläuft er die Eingangsprozedur mit Selektion („Eine Tauglichkeitsprüfung wohl im Hinblick auf die Arbeit…„, Leibesvisitation, Bad, Friseur. (Mit der Einschätzung der Selektion als Tauglichkeitsprüfung lieg György ja garnicht so verkehrt…. jedoch: „From a transport consisting of about 1.500 people, about 1200 to 1300 went to the gas chambers…. [4]“) Es ist geradezu makaber, wenn Kertesz schildert, daß der Junge nach der Selektion im Kreis seiner Freunde steht und die hinter ihm vor den Arzt tretenden betrachtet, im Geiste ebenfalls selektiert und mit mancher Entscheidung des Arztes nicht zur Gänze einverstanden ist. Erst das Aushändigen der Sträflingsklamotten weckt Zweifel in ihm. [1]

Drei Tage nur bleibt der Junge in Ausschwitz, es reicht, um die wesentlichen Abläufe und vor allem auch den Hunger im Lager kennen zu lernen. Danach wird er nach Buchenwald transportiert, das im Gegensatz zu Auschwitz kein Vernichtungslager ist und letztlich landet er im Aussenlager Zeitz. Was ihn besonders schmerzt ist die Trennung von den anderen Jungen, mit denen er bisher zusammen war. Aber er lernt in Zeitz [3] einen Freund kennen, von dem er sich einiges abschauen kann, der seine Moral stützt. Aber irgendwann ist selbst ihm, der in allem, was er sieht, einen Sinn sucht, alles zuviel: György ist erschöpft und am Ende, gibt sich auf, wird apathisch und es wird ihm alles egal.

Wegen einer Phlegmone am Knie kommt er auf die Krankenstation, wird dort behandelt. Wieder zurück nach Buchenwald ist er mehr Tod wie lebendig, schon kurz davor, auf den Karren mit den Leichen geworfen zu werden. Aber dann wird er völlig überraschend von einem Pfleger der Sanitätsstation gepackt und auf selbige eingewiesen. Schnell fasst er Vertrauen in den Pfleger und den Arzt, es geht ihm immer besser und über die Lagerlautsprecher kann er das Geschehen draußen verfolgen. Am 11. April 1945, gegen 12 Uhr hört er dann, daß alles SS-Angehörigen aufgefordert werden, das Lager zu verlassen. Damit ist das Lager de facto befreit.

György braucht eine Zeit, bis er dies fassen kann. Schließlich schlägt er sich nach Hause durch, dort erfährt er, daß sein Vater in Mauthausen ermordert wurde, seine Stiefmutter hat in der Zwischenzeit den Verwalter des alten Geschäfts geheiratet.

Die letzten Sätze sind die rätselhaftesten im Buch:

„… Denn sogar dort, bei den Schornsteinen , gab es in der Pause zwischen all den Qualen etwas, das dem Glück ähnlich war. Alle fragen mich immer nur nach den Übeln, den „Greueln“: obgleich für mich vielleicht gerade diese Erfahrung die denkwürdigste ist. Ja, davon, vom Glück der Konzentrationslage, müßte ich ihnen erzählen, das nächste Mal, wenn sie mich fragen. … „

Der Titel des Buches: Roman eines „Schicksallosen“ läßt stutzen, ist seltsam. Aber vielleicht führt dieses Zitat [2] auf die Spur:

Natürlich“, „das sah ich ein“, auf diesen Ton ist alles gestimmt. der junge Köves revoltiert nicht, er versucht, die Welt zu verstehen. Er weiß nicht, was auf ihn zukommt (Kertész hat immer wieder bekräftigt, dass dies für die meisten galt, die deportiert wurden), so tritt er jeder neuen Lage innerlich frei gegenüber. In Buchenwald lobt er Landschaft und Proportionen als „gemäßigt, ja, ich darf sagen lieblich“. Ihm gefällt der kleine Tierpark der SS mit dem spaßigen Bären, und später, als er aus dem Lager Zeitz nach Buchenwald zurückkehrt, da zeigt sich ihm ein freundliches Bild und es war die „Stimme einer leisen Sehnsucht nicht zu überhören: ein bißchen möchte ich noch leben in diesem schönen Konzentrationslager.“

Denn, so sagt er nach seiner Rückkehr: “ es war nicht einfach so, daß die Dinge „kamen“, wir sind auch gegangen. Nur jetzt wirkt alles so fertig, so abgeschlossen, unveränderlich…. wenn es ein Schicksal gibt“ so sagt er weiter, „dann ist Freiheit nicht möglich: wenn es aber die Freiheit gibt, dann .. gibt es kein Schicksal, das heißt also ….. wir selbst sind das Schicksal…. .. Ichso beschwört er seine Gesprächspartner, „könne die dumme Bitternis nicht herunterschlucken, einfach nur unschuldig sein zu sollen.“

Kertesz schreibt oder besser läßt seinen Helden alles ganz unaufgeregt erzählen über die Lager, das Leben dort, den Alltag und auch die Greuel, die er selbstverständlich miterlebt. Die Zählappelle, die an seinem Fuss festwachsenden „Schuhe“, über die Latrinen, die Seife, die Stunde am Abend, in der Neuigkeiten ausgetauscht werden können, in denen gehandelt wird unter den Häftlingen… „Gute Häftlinge“ zu sein, das war das Bestreben der meisten, denn dann dauerte der Appell nicht ganz so lange, waren die Schläge nicht ganz so häufig….

Facit: Zu ergründen, was Kertesz uns sagen will, ist nicht einfach, zu sehr widerspricht es unseren Vorstellungen. Aber um so mehr denkt man auch über das Buch nach…..

Anmerkungen:

[1] Was die Eingangsprozedur angeht verläuft sie von den Umgangsformen her weitgehend zivilisiert (wenn man das so sagen kann). Die Jungen werden sogar noch von Häftlingen gewarnt, ihr Alter mit 16 anzugeben. Bei Kogon [s.u., S. 75] heißt es dagegen: „Ein Rudel herumlungernder Scharführer stürzte sich lüstern auf die neue Beute. Es regnete Schläge und Fusstritte…… “ Und auch die Zeugenaussagen im Dokument F 321 gehen in diese Richtung. Hier nur die kürzeste: „Zwei Riesen peitschten mit Lederriemen auf die hereinkommenden Häftlinge ein.“ [S. 28]

[2] Eine Besprechung der Verfilmung „Fateless“ in der Berliner Zeitung

[3] Das Lager konnte ich nicht verifizieren, weder in der Auflistung von Kogon [a.a.O., S. 271] noch über google. Habe aber auch nicht allzu intensiv gesucht…

[4] Die Transporte aus Ungarn begannen wohl im späten Mai 1944. O. Wolken (ein österreichischer Arzt) beschreibt dies so: „Als die Transporte aus Ungarn ab spätem Mai 1944 einsetzten gab es nicht genug Verbrennungsöfen. So wurden große Gräben ausgehoben, um die Körper verbrannt wurden. Das Holz wurde mit Petroleum getränkt. Die Körper wurden in diese Gräben geworfen, oftmals waren die Kinder und Erwachsenen noch am leben. Sie starben einen fürchterlichen Verbrennungstod. Das Fett und Öl, das zum Verbrennen benötigt wurde, wurde zum Teil aus den Leichen der Vergasten gewonnen, um Petroleum zu sparen.“ in: Robert Jay Lifton: The Nazi Doctors, Basic Books, NY, 1986, ISBN 0465049052; Übersetzung von mir.

Imre Kertész
Roman eines Schicksallosen
Rowohlt TB-Verlag, Sonderausgabe HC, 2009; 381 S.
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3499253690
ISBN-13: 978-3499253690

Falls möglich, sind z.B. diese beiden Bücher als Hintergrund zum Roman sehr hilfreich. Insbesonder Kogon beschäftigt sich exemplarisch mit Buchenwald, also genau dem Lager, in dem ein großer Teil des Romans spielt.

Französisches Büro des Informationsdienstes über Kriegsverbrechen (Hrsg)
(Neitzke P; Weinmann M: Erläuterungen)
Konzentrationslager Dokument F 321
Zweitausendeins, Ffm, 1988; Tb, 343 S.

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Eugen Kogon
Der SS-Staat
Kindler, 1974, 413 S.
ISBN 3463005859 (von mir zitierte Auflage)

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2 Responses to “Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen”


  1. […] zur Geschichte des Lagers: http://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Buchenwald. [3] Vgl. auch Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen. [4] Zur Geschichte des KZ Buchenwald: http://www.rolfschwarz.com/SCI/Buchenwald/buchenwald-dt.htm. […]

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  2. Danke für die Besprechung! Ich wollte es schon lange lesen. Gut, dass ich daran erinnert werde…

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