Jesmyn Ward: Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt

Die Autorin dieses in den Südstaaten der USA angesiedelten Romans, die auch ihre eigene Heimat sind, ist schon mit ihrem Erstling wie ein Sturm durch die Blogs und Feuilletons gegangen. Die Geschichte dieses Debüts, die das Leben einer Familie vor dem großen Hurrikan Katrina schildert, erntete großes Lob und Begeisterung [Jesmyn Ward: Vor dem Sturm]. Mit ihrem vorliegenden neuen Roman, ebenfalls mit dem „National Book Award“ ausgezeichnet [vgl hier: http://www.nationalbook.org/nba2017-finalist-fic-ward-sing-unburied-sing.html#.WsriQMWsbcs], führt uns Ward wiederum in die Südstaaten, und obwohl er in unsere heutige Zeit spielt, wirkt die Handlung seltsam zeitlos ist…

‚Pop‘ und ‚Mam‘ kümmern sich um die Erziehung von Joseph, genannt Jojo. Die Großeltern springen für ihre Tochter Leonie ein, der, so wird es die von Krebs gezeichnete Mam am Ende ihres Lebens festhalten, der Mutterinstinkt fehlt. In Jojo ist deutlich das Erbe, die Verwandtschft mit Pop zu erkennen, seine Haltung, sein gerader Rücken, seine Blick. Er ist dreizehn Jahre alt und das Buch beginnt sozusagen mit seiner Initiation: Pop nimmt ihn mit, als eine Ziege geschlachtet wird. Jojos Vater ist im Gefängnis, in Parchman, einer Hölle auf Erden, er heißt Michael und ist weiß, im Gegensatz zu Leonie. Für Michaels Vater Big Joseph ist diese Beziehung etwas Unmögliches, eine ‚Niggerschlampe‘ kommt ihm nicht auf Hof und als Michael doch einmal mit seiner Familie dort erscheint, kommt es zu einer üblen Schlägerei zwischen den beiden. Michael, Leonie und die beiden Kinder Jojo und Kayla (die eigentlich Michaela heißt) leben bei Pop und Mam. Kayla ist Jojos Schwester, um die dieser sich liebevoll kümmert. Wie ein Klammeräffchen hängt die Dreijährige an ihm, der für sie quasi die Mutterrolle angenommen hat und der das Versagen der eigenen Mutter deutlich spürt und verurteilt.

Die drei Jahre Parchman, dem gefürchteten Staatsgefängnis in Mississippi [vgl. hier:  https://de.wikipedia.org/wiki/Mississippi_State_Penitentiary], sind für Michael um, er wird entlassen. Leonie packt ihre beiden widerstrebenden Kinder ins Auto und sie machen sich auf den Weg, um ihren Mann bzw. Vater abzuholen. Begleitet werden sie von Misty, der Kollegin von Leonie aus der Bar, in der sie arbeitet, auch ihr Mann ist dort inhaftiert.

Aus dieser Konstellation heraus entwickelt Ward eine typische Road-Novel, eine Reise durch den unerträglich schwül-heißen Süden der USA, eine Reise auch durch drei Generationen Familienschicksal und Rassenhass.

Sie läßt ihre Familiengeschichte mit Pop beginnen, der als Jugendlicher einer Nichtigkeit wegen nach Parchman gekommen war. Und dabei hatte er noch Glück gehabt muss man feststellen, andere sind (oder sollten es noch Jahre später werden) größerer Kleinigkeiten wegen als einer Prügelei in einer Bar gelyncht worden. Wobei ‚Lynchen‘, also Aufhängen, fast noch human klingt, wenn Ward erzählt, daß nur noch das aufgehängt wurde, was nach der bestialischen Vorbehandlung übrig geblieben war…

Parchman war ein riesiges Areal, auf dem Baumwolle angebaut wurde. Es gab keine Zäune oder Mauern, die Weite war Mauer genug und dann waren da noch die Wärter mit ihrem Gewehren und der Lust am Töten und die Hunde… Nur die stärksten und widerstandsfähigsten überstanden die Zeit dort, Richie gehörte nicht dazu, obwohl sich Rivers, der später zu Pop wurde, wie ein Vater um ihn kümmerte und ihn zu schützen suchte. Richie war erst zwölf, halb verhungert und aus diesem Grund in Parchman, weil er für sich und seine vielen Geschwister Essen gestohlen hatte.

Rivers blieb nach seiner Zeit im Süden, er wollte das Meer, das Bayou, nicht verlassen. Mit Philomene hatte er zwei Kinder. Given, der Sohn, sollte als junger Mann erschossen werden, weil ein Weißer sich für eine verlorene Wette rächen wollte. Ein Mord, der zum Jagdunfall wurde… Leonie verliebte sich in den Cousin des Mörders, der als Schweißer auf der Deepwater Horizon [https://de.wikipedia.org/wiki/Deepwater_Horizon] arbeitete und der durch deren Explosion, bei der viele seiner Freunde starben, tief traumatisiert war. Und danach kamen ein paar Jahre Parchman für Michael…


Ward erzählt ihre Geschichte aus der Sicht dreier Personen: Jojo, Leonie und hin und wieder Richie wechseln sich ab. Es sind oft dieselben Situationen, die sich aus der Sicht der Erzähler ganz unterschiedlich darstellen, es sind aber auch verschiedene Lebensstationen, die sich auf die jeweiligen Erzähler konzentrieren. Jojo und Pop sind oft zusammen und Pop erzählt Jojo von seiner Zeit in Parchman und seinem besonderen Verhältnis zu Richie – was er jedoch nicht erzählt, das Ende der Geschichte. Das auch Richie selbst nicht kennt, das seinen ‚Geist‘ – denn Richies Körper ist schon lange tot und vergangen – unruhig sein läßt, auf der Suche nach seinem Schicksal zu Jojo führt. Und so wie Jojo Richie sehen kann, kann Leonie ihren toten Bruder Given sehen, beide haben sie diese Gabe von Mam geerbt, ebenso wie Kayla sie hat. Pop hat sie nicht, auch Michael natürlich nicht… Sie können die Toten nicht sehen, die Geister nicht spüren und hören so wie die Frauen – und Jojo es können…

Wie der Ozean. Nicht wie euer Ozean – ich meine, im Ernst, den sollte man nicht mal Golf nennen, so schlammgrau wie der ist. Ich meine echtes Wasser. Ich meine Jamaika, Santa Lucia, Indoniesen, Zypern. Schlammig, modrig, faulig, der Boden mit verrottenden Pflanzenresten bedeckt, so wie das Wasser in dieser Gegend und darüber die Luft, die aus Hitze und Schwüle besteht, so erscheint auch die Atmosphäre dieser Geschichte. Es gibt keinen Blick in die Zukunft, es gibt keine Zukunft, es scheint nur den Augenblick zu geben, in dem alle Zeit verschmilzt und dann den nächsten und dann den folgenden… die Vergangenheit zerrt an ihnen, hält sie, blockiert sie, die Gestorbenen sind nicht wirklich tot, sie sitzen auf den Bäumen, sie erscheinen denen, die mit der Gabe, sie zu sehen gesegnet (oder geschlagen) sind und verlangen Erlösung, verlangen Aufklärung… oder sind gekommen, jemanden abzuholen wie beispielsweise Mam, für die Leonie das alte Ritual, die alte Beschwörung durchführt. Für Maman Brigitte, Mutter der Ghede. Herrin der Friedhöfe und Mutter aller Toten. … es sind die alten Götter der Yoruba, die beschworen werden, die hier noch herrschen, die ihre Hand über die Menschen halten. Ich wusste, sie rief Unsere liebe Frau von Regla an. Den Stern der Meere. Beschwor Yemayá, die Göttin der Meere und des Salzwassers, mit ihrem Schsch und mit ihren Worten und sie hielt mich wie diese Göttin, ihre Arme waren die lebenspendenden Wasser der ganzen Welt. 

Eine Welt der Konflikte, der Arbeitslosigkeit, der Drogen, des Hasses der Hautfarbe wegen… Er hat mich vergewaltigt und gewürgt bis ich tot war ich habe die Hände hochgenommen und er hat achtmal auf mich geschossen sie hat mich im Schuppen eingesperrt und dort verhungern lassen während ich zuhörte wie meine Kinder im Garten mir ihr spielten sie kamen mitten in der Nacht in meine Zelle und haben mich erhängt sie merkten daß ich lesen konnte und da zerrten sie mich nach draußen zur Scheune und stachen mir die Augen aus bevor sie mich totschlugen … klagen die Geister an. 

Jojo und Kayla erinnern an die vierhändigen und -beinigen Wesen aus Platons Gastmahl, sie sind kaum zu trennen, Kayla umklammert Jojo und klettert auf ihm herum und beide halten sich im Schlaf umschlungen. Nur widerwillig gibt Jojo seine Schwester her wenn Leonie (oder später dann Michael) danach verlangen, meist auch mit Recht, denn es tut Kayla, die dann zu Michaela wird, nur selten gut, von Jojo getrennt zu werden. Die meiste Zeit leidet Kayla/Michaela in dieser Geschichte Hunger, was Leonie weitgehend egal ist, allenfalls stopft sie ihre Tochter mit Cheetos voll, die dann kurze Zeit später in einem Schwall zusammen mit dem eingeflößten Brombeersud lilafarben wieder aus ihr hervorbrechen. So wie bei Leonie Milch mit zerstoßener Grillkohle das Crystal Meth wieder zu Tage fördern, das diese bei der Polizeikontrolle in Panik verschluckt hatte… es wird viel gekotzt auf dieser Fahrt, die Menschen drehen ihr Innerstes nach außen, entleeren sich, bis nur noch die Hülle vorhanden zu sein scheint und alles andere ausgespuckt ist.

Eine Road-Novel, die die Frage offen läßt, was sich verändert hat in diesen Tagen. Jojo ist erwachsen geworden durch alles, was er auf dieser Fahrt erlebt und gesehen hat, inclusive der Pistolen des Streifenpolizisten an seinem Kopf, seine Initiation ist beendet. Und was hat sich für die anderen ergeben?


Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt ist ein packender Roman und das ist die Kunst Wards, denn im Grunde wird eine unspektakuläre Familiengeschichte erzählt, wie  im Süden der USA wahrscheinlich gang und gäbe ist. Aber Ward hebt die Grenzen des Alltäglichen auf, in ihrer Geschichten weilen die Gestorbenen noch unter uns, Vergangenheit und Zukunft verschmelzen mit der Gegenwart, die Zeit verliert ihre Grenzen, was aber erst die Gestorbenen erkennen, die Lebenden glauben noch an eine Zukunft – oder auch nicht, denn welchen haben sie schon, wenn die Hautfarbe nicht stimmt? Die alten Götter leben neben den neuen weiter, auch wenn nicht jeder die Gabe des Sehens hat. Der Hass hat sich nicht verändert, nach wie vor bestimmt die Hautfarbe den Wert des Menschen und damit sein Leben, seine Möglichkeiten. Und die sind für die, die dunkler sind, beschränkt. In der Bar kellnern, ein bischen was mit Drogen, Gelegenheitsarbeiten. Armut ist der Standard. So wird es weitergehen, wenn es Hoffnung gibt auf Änderung, dann erst bei Jojo, Kayla und deren Generation…

Ist es diese schwülfeuchte, alles erstickende Atmosphäre, in der sich die Geschichte abspielt, ist es dieses Durchbrechen der Rationalität, in dem die Geister der Gestorbenen genauso eine tragende Rolle spielen in der Handlung wie die Lebenden, ist es die Polarität, die sich zwischen Leonie und Jojo symbolisiert, zwischen dem sich Aufgegebenhaben und der Rebellion dagegen? Der Roman fasziniert auf vielen Ebenen, die Figuren werden in der Geschichte lebendig und die Handlung saugt einen beim Lesen ein, das Kopfkino, in dem sich alles spiegelt, springt sofort an. Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt ist ganz sicher einer der Höhepunkte in diesem Lesejahr.

Jesmyn Ward
Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt
Übersetzt aus dem Englischen von Ulrike Becker
Originalausgabe: Sing, Unburied, Sing; NY 2017
diese Ausgabe: Kunstmann, HC, ca. 300 S., 2018

Kurzlink zum Beitrag: https://wp.me/paXPe-9Wu

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Ein Kommentar zu „Jesmyn Ward: Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt

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