Meir Shalev: Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger

Nahalal… es ist ganz sinnvoll, sich mal auf der Karte anzuschauen, wo dieser Ort (https://de.wikipedia.org/wiki/Nahalalder hier zu sehende Wasserturm geht übrigens auch auf ein frühes Familienmitglied zurück), der nicht jedem geläufig sein wird, liegt. In Israel, das ist keine Überraschung bei einem Buch Shalevs, aber da diese Geschichte von Tonia aus Russland und dem Sweeper aus den USA biographisch ist, da viele Orte erwähnt werden, kann man sich einfach ein besseres Bild machen – auch wenn Jahrzehnte vergangen sind und sich alles verändert hat:  https://goo.gl/maps/ypBE9LvAwQN2. Es ist inmitten der Jesreelebene  (https://de.wikipedia.org/wiki/Jesreelebene) zwischen Haifa und Nazareth. Jerusalem, wo der Autor einige Jahre als Kind lebte, liegt ziemlich genau im Süden des Dorfes, vielleicht hundert Kilometer Luftlinie entfernt. Nahalal ist der älteste israelische ‚Moschaw‘, eine Siedlung also, die genossenschaftlich organisiert ist, die aber auch Güter im Privateigentum zuläßt (http://www.hagalil.com/israel/kibbutz/siedlung.htm). Wie Großmutter Tonia (Großmutter bezieht sich hier natürlich auf den Verfasser dieser Erinnerungen) es spät in ihrem Leben ausdrücken sollte, haben viele Kibbuzim ihren Kibbuz verlassen und sind in eine Moschaw gezogen. Den umgekehrten Weg ist keiner gegangen. Offensichtlich also entspricht diese Organisationsform der menschlichen Psycho wohl besser.

Dieses Buch setzt ein Denkmal. Es ist eine kleine Familiengeschichte (eine größere zu schreiben, so der Verfasser, ist noch seine Aufgabe für die Zukunft), in der die schon erwähnte Großmutter Tonia die entscheidende Rolle spielt. Sie ist früh in den Zwanziger Jahren mit der dritten Einwanderungswelle (vgl. hier: http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/laenderprofile/57631/historische-entwicklung?p=all) aus Russland nach Palästina gekommen. Ein junges Mädchen, noch in der Uniform des Gymnasiums, das es verschlagen in eine Region, in der es außer sommerlichem Staub, der im Winter zu kniehohem Matsch mutiert, kaum etwas gegeben hat. Von einem Tag auf den anderen war sie und waren ihre Schicksalsgenossen Pioniere, die ein Land urbar und bewohnbar zu machen hatten, unter einfachsten, ja, primitiven Bedingungen. Daß Tonia mit der dritten Alija kam ist insofern wichtig, da es in ihren späten Jahren ihrer ‚Verewigung‘ Probleme machte: der Dokumentation der frühen Siedler der vorangegangenen Alija, zu der sie eben nicht gehörte, was der eigensinnigen Dame nicht wirklich einleuchtete, denn verdient, davon darf man überzeugt sein, hätte sie diese Verewigung gehabt.

Sie war das entscheidende Glied der Sippe, hat ihr Rückhalt gegeben. Ohne sie wäre die Familie nicht in Nahalal geblieben. Sie hatte ihre Eigenarten (um es milde auszudrücken) und sie hatte einen Feind, den sie erbarmungslos bekämpfte: den Schmutz. Den Staub. Den Dreck. Den Schlamm. Den Unrat. Und der Bekämpfung dieses Feindes widmete sie einen Großteil ihres Lebens – unter Anwendung einer gängigen Regel: Vorbeugen ist besser als Heilen. Also wurde der Dreck ausgesperrt und mit ihm die Träger des Drecks: die Menschen. Sprich: es gab nur wenige, streng vorgeschriebene Wege, die ins Haus führten, viele Zimmer waren abgeschlossen (das Bad zum Beispiel) und erlangten im Lauf der Jahrzehnte mythischen Status. Die Klinken der Türen waren mit Lappen umwickelt, auf der Schulter Tonios wachte der Wächterlappen über den Glanz von und auf allem. Und wehe, ein Fingerabdruck oder ein Staubkörnchen hatte es gewagt…

Die Sippe ist groß, Onkel und Tanten und deren Kinder, die Brüder der Oma (die etwas verwirrend auch als Onkel tituliert werden): wir erfahren von ihnen, von ihren liebenswerten und auch von den weniger liebenswerten Eigenschaften, die sie selbstverständlich auch hatten. Doch halt: es gab da einen Abtrünnigen, einen doppelten Verräter, einen, der weder Zionist noch Sozialist geworden war, sondern Kapitalist, einen, der sich jetzt ‚Sam‘ nannte und im mythischen Amerika, das sich dem verachtenswerten Hedonismus ergeben hatte, fußend auf der Ausbeutung der Menschen: Onkel Jeschajahu, der in Amerika zu Geld gekommen war und für General Electrics arbeitete. Ich will es kurz machen, die Präliminarien weglassen und gleich zum Casus knacktus kommen: dieser Mensch schickte (nachdem Nahalal 1936 elektrifiziert worden war) aus niederen Beweggründen der Rache eine ‚Sweeper‘ [der mythischen Bedeutung, die dieses Gerät im Lauf der folgende Jahrzehnte noch erlangen sollte, wird die profane Übersetzung des Begriffs mit ‚Staubsauger‘ im übrigen nicht gerecht] auf  die lange Reise von Amerika in die Jesreelebene… verpackt nach allen Regeln der Packkunst und in der Innersten der Verpackungen verziert mit dem Bild einer Frau im rotgepunkteten Kleid mit einem Lächeln auf den Lippen und manikürten Fingernägeln [vgl. hier https://radiergummi.files.wordpress.com/2018/04/meir-400.jpg]! Welche Abgründe für den einfachen Moschawim, das war der ungebremste Hedonismus, der damit klandestin ins Dorf eingeschleust worden ist… Ein Sieg für Onkel Jeschahjahu. Denn welche Versuchung für die Umstehenden… wie würde es sich wohl anfühlen, um eine solche Taille den Arm zu legen auf der einen Seite, wie würde es sich wohl anfühlen, in so einem Kleid mit solchen Schuhen, einem solchen Lächeln durchs Leben zu gehen auf der anderen Seite…

Einzig Tonia konzentrierte sich auf die praktischen Aspekte, nahm den Sweeper beim Schlauch, zog daran und er folgte ihr wie ein Haustier zu seiner Bestimmung. Mit Leichtigkeit bestand er die schwere Prüfung des nach dem Probesaugens abgehaltenen Wischtests und Tonia war begeistert… bis nächtens sich ein nagende Zweifel bemerkbar machte, nämlich… aber lest selbst, wie es weiterging, was soll ich das jetzt hier alles erzählen….


Fabulierer – ich habe diesen Begriff jetzt des öfteren im Zusammenhang mit Shalev gelesen und er trifft zu, seine Sprache ist lebhaft, anschaulich, sehr lebensnah. Shalev erzählt seine Geschichte, die nicht unbedingt auch die Geschichte ist, die andere Familienmitglieder erzählen würden, denn in dieser Sippe hat jeder seine eigenen Version, die sich von der anderer unterscheidet, was mitunter zu Streit und Meinungsverschiedenheiten führt. Ja, sogar die noch nicht geboren Gewesenen streiten mit, denn selbstverständlich haben auch diese ein Recht auf ihre Version des Geschehenen. Aber gehen wir davon aus, daß Shalevs Darstellung recht nahe an der Wahrheit (was ein schwammiger Begriff, Wahrheit, was soll das schon sein, wenn jeder auf seine eigene Wahrheit besteht?) ist, hat er mit seiner Mutter doch eine vertrauenswürdige Zeugin und vieles hat er letztlich auch selbst erlebt und gesehen.

In dieser Familiengeschichte ist alles beseelt, die Menschen ebenso wie die Tiere. Hier hat der alte, gutmütige Zosse seine Persönlichkeit, hier fliegt der Esel Ah durch die Lüfte nach … ich glaube, es war Istanbul oder eine andere Stadt, nachdem er sich mit einem Draht (oder war es doch ein Schlüssel?) das Tor geöffnet hat, hier trauert der Staubsauger seinem verlorenen Schicksal nach und kommt zu der Erkenntnis, daß die Aufregung, das Besondere der Reise das, was folgen sollte, nicht aufwiegt… Es wachsen die Maiskolben an Zitrusbäumen, Shalevs Vater wird, wenn er stört, zum Schreiben von Gedichten weggeschickt, und Großmutter Tonia ist der Überzeugung, ein junger Mann solle die Freundinnen wechseln wie die Socken…

Neben dieser Familiengeschichte gibt Shalevs Erzählung aber auch einen direkten Einblick in das harte Leben der Pioniere im frühen Palästina, weit vor der Gründung Israels. Unbeugsam ist deren Geist, unbeirrbar ihre Einstellung. Man sagt, sie macht auch Maniküre ist eins der vernichtendsten Urteile, das sie über Frauen fällen, wenn diese sich – was selten genug, bei vielen nie vorkommt – auch nur ein wenig hübscher anziehen. Denn in dieser Gegend waren Sümpfe trockenzulegen, war der harte Boden für die Saat aufzubrechen, die Häuser mussten gebaut werden wie die Ställe. Es musste gefüttert werden und gemolken, die Eier waren einzusammeln, die Milch zu liefern, das Unkraut musste gerupft werden, gesät und geerntet, gepflanzt und gehegt… nichts wurde weggeworfen, alles konnte noch einmal Verwendung bringen, ein Drahtstück beispielsweise war geradezu ein Universalwerkstück, das für alles dienen konnte. Im Sommer die unendliche Hitze und der Staub, der in der Regenzeit zu knietiefem Morast wurde….

Die Geschichte endet ein wenig traurig, da der Gang der Dinge halt so ist und der Mensch ihm unterliegt und immer unterliegen wird. So berichtet Shalev von den Beerdigungen, die im Lauf der Jahre stattgefunden hatten, die der Großeltern, aber auch die der eigenen Mutter, Bestattungen, die immer auch mit Lachen und Geschichten von früher begleitet wurden…

Was mit dem Staubsauger geschah, wollt ihr wissen? Nun, es sei nur soviel verraten: das würde Meir Shalev auch gerne wissen, denn die Sache war so: das Haus der Großmutter gab nach deren Tod zwar viele Geheimnisse frei – aber eben nicht alle,  ….  ;-)

Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger ist ein Buch, bei dem man gar nicht aufhören will mit der Beschreibung. Es wäre noch so viel zu erwähnen, die besonderen Redewendungen in der Familiensprache beispielsweise oder Jerusalem als Stadt des Irrsinns, der Blindheit und der Verwaistheit, als die es der junge Shalev als Kind wahrnahm…. das Leben und das Gelebtwerden ist so anschaulich geschildert, mit so viel Liebe und auch Humor die Menschen, die Tiere und der Sweeper ebenso… untermalt ist das Ganze mit Fotos aus dem Familienalbum… ach, Schluss jetzt, einmal muss Ende sein mit dem Schwärmen: es ist einfach ein schönes Buch. Punkt. Aus.

Meir Shalev
Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger
Übersetzt aus dem Hebräischen von Ruth Achlama
Originalausgabe: Ha-davar haja kacha, Tel Aviv, 2009
diese Ausgabe: Diogenes, TB deluxe, 384 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Kurzlink zum Beitrag: https://wp.me/paXPe-9Xj

Ausser dieser kleinen Familiengeschichte habe ich von Shalev auf dem Blog zwei weitere, sehr lesenswerte Bücher vorgestellt:
Judiths Liebe und
Zwei Bärinnen

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