Jesmyn Ward: Vor dem Sturm

1. Februar 2014

Jesmyn Ward [Bildquelle 4]

Jesmyn Ward
[Bildquelle 4]

This is the story of a girl growing up
in a world of men,
a tale about her brother and his pit bull,
a novel about a family
in the maw of Hurricane Katrina.
This is about tragedy: this is about hope. [1]

Jesmyn Wards Roman „Vor dem Sturm“ führt uns in den dunklen, armen Teil Amerikas, in den Südosten, an die Golfküste. Dort, im subtropischen Klima in der Nähe des Mississipi-Deltas lebt die Familie Batiste auf einem Gelände, das mehr einem Schrottplatz ähnelt als einer Wohnstätte. Die Batistes, das sind die Jungen Randall, 17 Jahre, Skeetah 16 Jahre und Esch, die Ich-Erzählerin der Geschichte, mit 15 Jahren. Dann noch Claude Adam, genannt Junior, als Nachzügler mit seinen 8 Jahren. Die Mutter starb bei der (Haus)Geburt ihres Jüngsten, sie konnte zwar noch ins Krankenhaus gebracht werden, aber es halt nichts: der Vater kehrte einzig mit dem Bündel Junior nach Hause zurück… Man kann es sich ausmalen, wie Junior groß geworden ist, ein Vater, der dem Alkohol zuspricht, die Geschwister damals noch viel zu jung, um als wirklicher Elternersatz zu fungieren…

Weg des Hurrikans "Katrina" August 2005 [Bildquelle 3]

Weg des Hurrikans „Katrina“ August 2005 [Bildquelle 3]

Jesmyn Ward weiß, wovon sie spricht, sie ist selbst in dieser Region geboren und groß geworden. In diesem ihrem zweiten Roman schildert sie 12 Tage im August 2005, es sind die Tage, die dem Hurrikan „Katrina“ [3] vorausgehen. Es ist Wirbelsturmsaison und wie jedes Jahr kommen die Stürme und gehen auch wieder, sie gehören zum normalen Lebensrhythmus der Menschen. Deshalb werden auch die Meldungen, mit denen Katrina angekündigt wird, nicht sonderlich ernst genommen. Nur der Vater versucht, Schutzvorkehrungen zu treffen ….

Viel wichtiger und zentraler sind für die anderen Familienmitglieder andere Sachen. Randall hat die Tage ein Basketballspiel zu machen, bei dem es sich entscheidet, ob er eine Förderung erhält, für ihn die Chance, sein Leben anders auszurichten. Für Skeetah steht sowieso seine Hündin im Mittelpunkt seines Lebens, sie ist seine Göttin und er ihr Priester. Die weiße Pitbullhündin China, und damit läßt Ward ihren Roman beginnen, befindet sich in der Geburt, an die Welpen knüpft Skeetah seine Hoffnungen: ihr Verkauf soll ihm viel Geld bringen, denn sowohl China als auch der Rüde, der sie belegt hat, machen bei Hundekämpfen eine gute Figur. Und auch Esch, die Erzählerin, hat ihren Fokus auf einer ganz anderen Sache liegen: ein geklauter Schwangerschaftstest zeigt ihr, daß sie Mutter werden wird…

So entblättern sich die Lebensdramen der Figuren vor uns im Lauf dieser Tage und immer drohender wird der Schatten, den Katrina vorauswirft. Aber noch kann man sie übersehen, noch ist es wichtiger, China zu pflegen und zu hegen, die Welpen zu schützen. Skeet taucht dabei ab in ein anderes Universum, er grenzt sich ab zum Rest der Familie, wenn er wählen muss, zwischen drinnen ohne oder draußen mit seinem Hund wählt er das draußen….

Esch, das Mädchen, die Erzählerin. Sie, obwohl mit 15 noch ein Teenager zwischen Frau- und Mädchensein, ist die Frauenfigur, ja, sogar die Mutterfigur. Skeet zum Beispiel vertraut sich ihr an, ihr erzählt der Junge Dinge, die er sonst niemanden erzählt…. Sie wird Mutter… ihren ersten Sex hatte sie mit zwölf, es war (und ist) einfacher, die Beine zu spreizen als sich dagegen zu reden… sie kennt die Clique der Jungs, die immer wieder auf dem Gelände auftauchen, Freunde sind von Randall oder auch Skeet, sie kennt sie gut, sehr gut.. aber das Baby, da ist sie sich sicher, ist von Manny, den sie vergöttert mit seiner goldenen Haut, die in der Sonne leuchtet. Es ist ihr „goldenes Vlies“, das sie für sich erobern will, aber Manny will nicht, streitet alles ab… In ihren Gedanken ist sie Medea [2], die Königstochter, die grausam Rache übte am Verrat, den Jason an ihr begang…. immer wieder kreisen ihre Gedanken um diese antike Figur…

Die Schwangerschaft belastet sie, ihr Bauch, eigentlich flach, wölbt sich langsam, sie muss oft brechen und viel aufs Klo, pinkeln gehen.. noch verdecken die T-Shirts das Bäuchlein, niemanden hat sie, dem sie sich anvertrauen kann…

China ist die Göttin auf dem Gelände, wenn man es richtig betrachtet, bestimmt sie einen erheblichen Teil des Geschehens dort. Auch China ist Medea, eine Kämpferen, deren Kinder sterben, die den Vater der Kinder beutelt und vllt getötet hätte in dem Hundekampf. Eine Göttin, die lieber kämpft, als sich um ihre Welpen zu kümmern…. Skeet tut alles für sie und die Welpen, als er (Katrina ist nah) geschickt wird, Vorräte einzukaufen, kehrt er mit Hundefutter zurück – und einigen Konserven Erbsen für die Menschen…. von ihr erwartet der Junge sich Geld und Glück, ihr dient er, ihr legt er sein Schicksal in die Hände…

Die Wahrnehmung des Geschehens ist für uns als Leser und für die Figuren Wards nicht gleich. Während wir wissen, was „Katrina“ bedeutet und jeden geschilderten Tag warten, daß es und was passiert, ist für die Batistes erst einmal alles normal, die Warnung des Vaters vor dem Sturm wird belächelt und nicht ernst genommen. Erst spät, als Katrina immerhin in Kategorie 3 eingestuft wird, nimmt man den Sturm wahr, bei der Einstufung in 5 kommt dagegen nur noch ein erstaunter Seufzer und Erinnerungen werden wach an früherer Monsterstürme, die man nur noch aus Erzählungen kennt. Man möchte die Batistes aufrütteln, möchte ihnen sagen: macht, daß ihr weg kommt, kümmert euch! Doch, irgenwann tun sie es, versuchen aus dem Sperrmüllhaufen, auf dem sie wohnen, einen sturmsicheren Hafen zu machen…..

Sturmschäden.... [Bildquelle 3]

Sturmschäden….
[Bildquelle 3]

Der Sturm ist die Hölle, ist die Apokalypse: „Jetzt bin ich der Tod geworden, der Zerstörer der Welten„. Auch Katrina ist Medea, sie rast auf ihrem Drachenwagen über die Erde, durch den Himmel und sät Tod…. [5] Bäume brechen wie Halme, Wasser begräbt alles unter sich, flutet die Häuser, hebt sie von ihren Betonstützen, der Wind fegt die Dächer hinweg, drückt sie in den Schlamm, zerfetzt sie, zerreisst sie mit einem lachendem Heulen, wenn er heranfegt wie ein rasender Zug…

***********************

„… und dann starb Mama und ich hatte niemanden mehr,
an den ich mich klammern konnte.“

„Vor dem Sturm“ ist ein Buch über die Einsamkeit, über die Gemeinsamkeit, die Hoffnung und den Verlust, ein Buch über die Trauer. Keiner in der Familie ist wirklich hinweg gekommen über den Tod der Mutter. Das Weinen, die Tränen waren verboten, Tränen ändern nichts… so schwärt die Wunde unter der Oberfläche weiter und die Liebe, die der Mutter nicht mehr gegeben werden kann, wird auf andere konzentriert, andere sollen Anker werden im Leben.. China bei Skeet, Manny bei Esch, die sich in den Momenten, in denen sie die Männer in sich aufnahm, geliebt fühlte, wenigstens in diesen wenigen kurzen Momenten… der Alk beim Vater, der ihn in andere Welten entführt, so jämmerlich er ihn auch auf dieser zurücklässt….

„Immerhin haben wir die Erinnerung“, sagte ich, „Junior hat gar nichts.“

Aber sie halten zusammen, helfen sich gegenseitig, ja, als Skeet sich entscheiden muss zwischen China und Esch, läßt er China los… es sind Momente der Hoffnung, des Lichts in diesem Roman, der ansonsten nur von Verlierern handelt, Menschen, die nichts anderes kennen als zu verlieren und denen der Sturm jetzt selbst die Trümmer wegschwemmt, mit denen sie ihr Leben bisher gestalten haben.

„Vor dem Sturm“ entführt uns in den dunklen, dreckigen, vergessenen Hinterhof eines Amerika, das einen Teil seiner Leute einfach vergessen hat. Für die Bewohner dieser Region (zumindest die mit dunkler Hautfarbe) ist der „amerikanische Traum“ eine Fiktion, eine Illusion, der sie sich schon garnicht mehr hingeben. Satt essen und zu trinken, das würde ihnen schon reichen. Rebellion, Widerstandswillen, Aufbegehren ist nicht zu spüren, eine mögliche zweite Bedeutung des Titels, vor einem sozialen Sturm der Vergessenen gibt es nicht.

Wüßte man nicht, daß dieser Roman in Amerika spielt, so könnte man ihn an jeder beliebigen Elendsecke dieses Planeten verorten. Sie leben im Müll, im Schrott, im Abfall, selbst die Bretter, mit denen sie ihr Haus verbarrikadieren wollen, sind am verrotten. Die Menschen stehlen und klauen, um zu überleben, sie reagieren sich ab, in dem sie Hunde aufeinander hetzen, sie suchen den Moment des Vergessens im Sex, schmieden großartige Pläne, die nie in Erfüllung gehen. Es sind die Loser der amerikanischen Gesellschaft, farbig und ausgestoßen. Insofern ist Katrina auch Karthasis, die Reinigung: aller Unrat wird weggeschwemmt, auf der frisch bereiteten Plattform kann das Leben, muss das Leben neu gestartet werden.

Dieser zweite Roman von Jesmyn Ward ist in seiner bedrückenden Schönheit ein Genuss. Er ist atmosphärisch dicht, man meint, die Schwüle, die in der Luft liegt, am eigenen Leib zu spüren. Die Schilderung des Hundekampfes und auch des Wirbelsturms, des verzweifelten Kampfes der Batistes gegen den das Ertrinken: das ist Spannung pur bis zum Atem anhalten. Dazwischen die Gedanken und Reflexionen des Mädchens Esch, das von dem Wesen, das in ihr heranwächst und sich so unüberhörbar in Erinnerung hält, nichts wissen will und sich erst an diesen Gedanken, Mutter zu werden, gewöhnen muss. Wird es ein vaterloses Kind werden? Es ist zu befürchten, und es wird die Mutter, die sich so sehr mit Medea identifiziert, fesseln und festhalten, hier in den Bayous, im Bois Sauvage…. inmitten verrostender Pick-Ups, verrottender Bretter, scheppernder Blechdächer und umherstiebender Hühner…..

Links und Anmerkungen:

[1] Jesmyn Ward: http://jesmimi.blogspot.de/2011/08/my-second-novel-salvage-bones-is-out.html
[2] wer es ganz genau wissen will und viel Zeit hat, lese den ausführlichen Wiki-Artikel über die Figur der Medea: http://de.wikipedia.org/wiki/Medea.
Für alle anderen die Kurzfassung: Medea ist in der griechischen Mythologie die zauberkundige Tochter des Königs der Kolcher, in dessen Besitz das Goldene Vlies ist. Jenes nach Jolkos zu holen ist Aufgabe, die Jason von Pelias, dem König, bekommen hat mit dem Hintersinn, daß er scheitere und sterbe auf der Mission. Mit der Zauberhilfe Medeas, die in Liebe zu ihm entbrennt, kann er letztlich das Vlies rauben und auch entkommen. In der Heimat leben sie zusammen und bekommen Kinder, bis sich Jason einer neuen Frau zuwendet und Medea verstößt. Diese in ihrem grenzenlosen Rachedurst tötet die neue Frau und auch ihre Kinder, in einem von Drachen gezogenen Wagen flieht sie die Stätte ihrer Morde….
[3] Wiki-Artikel zu Katrina http://de.wikipedia.org/wiki/Hurrikan_Katrina; Bildquelle: By Nilfanion [Public domain], via Wikimedia Commons
[4] Wiki-Artikel zu Jesmyn Ward: http://en.wikipedia.org/wiki/Jesmyn_Ward
Bild: „This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license“
[5] einer der vielen, vielen Berichte, nur als ein Beispiel:  http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/ungluecke/biloxi-mississippi-ich-habe-noch-nie-soviel-zerstoerung-gesehen-1253464.html

Jesmyn Ward
Vor dem Sturm
Aus dem Englischen übersetzt von Ulrike Becker
Originalausgabe: „Salvage the Bones“; Bloomsbury Publishing 2011
diese Ausgabe: Verlag Antje Kunstmann, HC, ca. 320 S., 2013

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12 Responses to “Jesmyn Ward: Vor dem Sturm”

  1. Bücherphilosophin Says:

    Mit Deiner Besprechung hast Du mich nun richtig für das Buch entflammt. Danke dafür!

    LG, Katarina :)

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  2. Danke für diese schöne Besprechung, in der ich mich und mein eigenes Leseerlebnis sehr wiederfinden konnte. :-)

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  3. Karin Says:

    Nachdem ich dieses Buch bei „soeben eingetroffen“ , ihrer kleinen Schwester, entdeckt hatte, wollte ich auf Ihre Besprechung warten und bin jetzt doppelt neugierig und lesebegierig geworden.
    Zum Thema Medea möchte ich noch auf Christa Wolf’s Medea verweisen und auf dem bei Reclam Leipzig erschienenen Band Mythos Medea herausgegeben von Ludger Lütkehaus.
    mit herzlichen Grüßen in Ihr Wochenende
    Karin

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    • flattersatz Says:

      ja, medea ist sicher eine der faszinierendsten und auch verstörendsten figuren des griechischen mythenkosmos… es gibt so viel, was man lesen müsste, wissen müsste.. es ist manchmal zum verzweifeln! ;-)
      danke für ihren besuch und für den kommentar, liebe karin!

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  4. […] “Vor dem Sturm” “ist in seiner bedrückenden Schönheit ein Genuss”, findet aus.gelesen, in der Besprechung des zweiten Romans der amerikanischen Autorin. Die Bücherphilosophin findet […]

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  5. Hört sich sehr interessant an… Bin gerade über „die Sonntagsleserin“ hier gelandet und habe mich mal als Leserin eingetragen, damit ich künftig nichts verpasse. LG

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  6. il_libraio Says:

    Zum anschließenden ‚Nach dem Sturm‘ empfehle ich die großartige Serie Treme von David Simon.
    Vielen Dank für’s Bestärken im Lesewunsch.

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  7. Mariki Says:

    Ich fand das Buch ebenfalls grandios – sehr stark und beeindruckend.

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  8. […] Roman steht auf meiner Wunschliste spätestens seitdem ich diese Rezension auf aus.gelesen entdeckt habe. Was für ein Schauplatz und das vor allem, da man als Leser schon […]

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