Michael Krüger: Das Irrenhaus

25. September 2016

irrenhaus

Er hat ein Haus geerbt, durch die Tante einer Tante, die ihn zum Ärger anderer ins Testament gesetzt hat. Nicht irgendein Haus, ein großes Haus, mit vielen Mietern, in bester Münchner Wohnlage. Die Geschichte dieses Hauses, besser noch, seines Besitzes ist wie so vieles im Immobilienbereich irgendwie undurchsichtig, ähnlich wie diese Beziehung zur Tante. Jedenfalls setzt das Haus ihn, den unbenamten Helden, in die Lage, seinen Posten zu kündigen. In einem Archiv hat er gearbeitet, dieser sterbenden Institution von Verlagen und Redaktionen, seit das Internet das Wissensmonopol übernommen hat und alles, was nicht im Internet zu finden ist, überhaupt zweifelhaft in seiner Existenz wird.

Er zieht inkognito selbst ein in dieses Haus, die Wohnung des Dichters Georg Faust ist freigeworden, obwohl niemand so recht weiß, wo er hingegangen ist oder allgemeiner (da im Grunde noch nicht einmal jemand weiß, ob er gegangen ist): was mit ihm geschehen ist. Lassen wie mal beiseite, wie dieser im wesentlichen erfolglose Dichter und Lyriker die monatlich fälligen zweitausend Euro für die Sechs-Zimmer-Wohnung aufbringen konnte, jetzt jedenfalls wohnt unerkannt unser Protagonist in den weitestgehend leeren Räumen.

Und leer sollen sie bleiben. Nur die spärlichst denkbare Möblierung, ein Tisch, zwei Stühle, ein Gestell für den nächtlichen Schlaf.  An den Wänden Schatten, wo früher mal Bilder hingen, an deren statt mehr und mehr gelbe Zettel angebracht werden mit Zitaten anderer Denker. Diese Leere sucht unser Held, der sich anderen gegenüber als ‚freier Philosoph‘ bezeichnet, das Leben nicht leben, sondern es geschehen lassen, eine Philosophie des Nichts, der Bewegungslosikeit und der Langeweile ist sein Thema, ‚zum ersten Mal in seinem Leben wollte er sich mit Hingabe langweilen, ein Leergelassensein von der Welt, das wollte er erreichen.‘

Ich bin. So herrscht der Baum den Baum an, und den Kiesel, den arglosen Kiesel.

Eine derartige Abstinenz von der Welt zu pflegen ist ein Mietshaus mit vielen Parteien ein ungeeigneter Ort. Ansonsten nur dem sizilianischen Wirt seines Lieblingsitalieners und dem türkischen Gemüsehändler verbunden, wird er in diesem Haus nolens volens zum Objekt der nachbarlichen Neugier der wundersamen Mitbewohner. Welche ihn zum Kauf exotischer Derivate animieren wollen, ihn als Kompagnon zur Neuordnung des Bestattungswesens (Friedhöfe zu Baugebieten, Verkehrsinsel für Urnenbestattungen) gewinnen wollen, ihn – benennen wir es so, wie es ist – ihn sogar ehelichen wollen… und diese Beispiele sind nur die Spitzen des mietwohnhauslichen Irrsinns. Einzig Sibelius ist noch ein Schutzschirm gegen die Anmutungen der Aussenwelt.

Zertifikate liegen vom Risikoprofil her meist zwischen der Anleihe und der Aktie.

Der Mieter ohne Namen, unser Held der Geschichte, Durchwanderer seiner sechs Zimmer, ist gleichwohl Empfänger von Post. Sein Vorgänger, besagter Georg Faust, erhält noch Briefe an diese Adresse, Briefe von Familienmitgliedern, aus denen sich auch Tiefpunkte eines Lebens schlussfolgern ließen, retournierte Manuskripte von Verlagen, besonders aber Schreiben einer Frau aus Gießen, die auf eine nähere, wenn auch einseitige Beziehung schließen lassen. Plagiatsvorwürfe, Obszönes bis hin zu Morddrohungen… nichts lassen diese wirren Schreiben aus, von Ekel, Hass und Erbarmungslosigkeit getränkt. Zunehmend nimmt der Erzähler diese Briefe persönlich: Georg Faust bemächtigt sich langsam aber sicher seiner. So nimmt die Gestalt des Vormieters Raum ein in der ansonsten weitgehend leeren Wohnung, nistet sich das Gefühl ein der Anwesenheit des Abwesenden, der Durchdringung unseres Protagonisten und der Verschmelzung gar mit Georg Faust. Ja, es kommt soweit, daß er sich ausgibt als jener…

Ich spürte, wie mir Ameisen oder winzige Käfer über die Hand liefen, die auch eine Botschaft hinterließen, gekritzelt auf die nackte Haus.
Und aus der Krone der Linde rieselte feiner Staub.

Ich saß wie betäubt am Küchentisch, das Elend neben mir. Mein Haus kam mir vor wie ein Container für extreme Unglückselten, und mir wurde immer klarer, dass ich etws mit dem Haus machen musste, bevor das Haus mich zur Schnecke machte, mich auslöschte, beseitigte. … Dann muss einer von uns weg, es oder ich. 

… du musst lernen, aufzugeben, sonst wird dir der Rest deines Lebens zur Last.

… der Ratschlag des Türken, dem alles ausserhalb seines Obststandes im Reich der Dekadenz angesiedelt war und mit dem der Erzähler Tee aus bauchigen Gläsern trinkt…


Krügers Irrenhaus, solches geworden nicht durch Bestimmung, sondern durch die normative Kraft des Faktischen, der Tatsache nämlich, daß die Bewohner – und Krüger schildert dies exemplarisch sehr anschaulich – als leicht abgedriftet, vulgo: irre angesehen werden können. Seien es nun der Händler der Derivate, dem der Erzähler erst einmal einen K.O. verpasst, sei es Frau Doktor Keller, die einst über Dionysos-Kulte promovierte, sei des der Revolutionär des Bestattungswesens, der beim Kauen des Nagelbetts ganze Finger der Haut entledigt…. Menschen also, die sich wie Fliegen auf den Protagonisten stürzen, diesen Menschen, der aus einer als immer sinnloser empfundenen Tätigkeit kommend im Bewusstsein neu gewonnener finanzieller Unabhängigkeit sein bisheriges Leben umstellen will: Der Zufall sollte die Abfolge meines Lebens regeln, ich wollte es von jeder Planung befreien. … Mein Platz in der Welt war der am Fenster geworden. …, der des Beobachters, des Schauenden, nicht mehr der des Handelnden.

Die Wand bleibt nur für den leer, der keine Fantasie hat.

Der Beobachter, der sich dem Philosophieren hingibt, dem kritischen Betrachten der Umwelt. Daß hier von Krüger, dem ehemaligen Chef des Hanser-Verlages, auch so mancher Seitenhieb auf die Literaturszene (immerhin ja ist der ominöse Faust ja Literatu und selbst der Erzähler hat ein kleines, klitzekleines literarisches Vorleben) gegeben wird, versteht sich von selbst. Eine schöne Passage ist auch die Beschreibung des Kataloges, der eines Tages als Postwurfsendung beim Protagonisten ankommt. Dinge des Lebens sind dort abgebildet, Dinge, die jeder kennt und auch braucht, jedoch sie kosten nichts mehr. Schopenhauers Aphorismen für 1,99 Euro zuzüglich Porto, ein Kleid für 30 Euro und ein Fahrrad für 69 Euro. Wenn man alle drei Gegenstände kaufte, erhielt man ein halbes Kilo Schweineleber gratis. …. 

Krügers Roman ist besonders. Ein Mann nimmt sich aus dem aktiven Leben heraus, wird dadurch frei und empfänglich für Neues, auch wenn er dies nicht vorgesehen hatte. Dies Neue belegt ihn bis ins Extreme: er identifiziert sich damit. Andererseits erscheint ihm die Umwelt in Gestalt seiner Mitbürger bzw. Nachbarn auf einmal nicht mehr normal, sondern eben ‚irre‘: sein Blickwinkel auf die Welt hat sich geändert, er ist nicht mehr Teil der Welt, sondern steht am Fenster und schaut auf sie. Aber da die Trennung nur einseitig proklamiert worden ist, läßt ihn andererseits die Welt nicht los: sie stellt Ansprüche an ihn, will ihn für sich vereinnahmen, wieder in Gestalt der Nachbarn mit ihren jeweiligen Plänen. So bleibt dem Helden nur die endgültige Flucht, denn letztlich erweist sich auch die Übernahme der Identität dieser anderen Person als Irrweg.

Dies alles erzählt Krüger in einem Stil, der sich Zeit für Gedanken läßt, der bedächtig ist, nachdenklich, aber auch bissig und ironisch sein kann, langweilig ist er dagegen nicht. Er hält uns, dieser unserer Zeit, einen Spiegel vor, führt uns den Wahn der zwanghaften Aktivität vor, die unser Leben beherrscht: immer etwas planen, machen, mit allen interaktive verbunden sein. Daß das Sichherausnehmen aus dieser ‚Modernität‘ offensichtlich auch weder wirklich möglich noch eine Lösung ist, könnte einem beim Lesen pessimistisch stimmen, dafür aber ist der Roman dann doch zu schön. Also wäre Nachdenklichkeit eine Alternative, die Überlegung also, wie man es selbst hält mit seiner Fähigkeit zur Muße, zum Müßiggang..

Mir hat Krügers Das Irrenhaus summa summarum also gefallen: intelligent, nachdenklich, aber mit ausreichend skurrilen und schrägen Szenen geschmückt, so daß es zudem noch unterhaltend und keineswegs langweilig ist. Und daß der Mann nicht nur verlegen, sondern auch schreiben kann (es ist mein erster Roman von ihm), das weiß ich jetzt auch.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Person Michael Krügers: Kurzbio in der Wiki:  https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Krüger_(Schriftsteller)
– Thomas Bärnthaler, Gabriela Herpell: Der Letzte seiner Art, (Interview in der SZ); http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/39949/Der-Letzte-seiner-Art
[2] Michael Krüger im Interview zum Buch, Haymon-Verlag; http://magazin.haymonverlag.at/2016/07/krueger-irrenhaus/

Michael Krüger
Das Irrenhaus
diese Ausgabe: Haymon, HC, ca. 190 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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One Response to “Michael Krüger: Das Irrenhaus”


  1. […] Ebenfalls gefallen hat der Roman flattersatz, nachzulesen hier. […]

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