Jón Kalman Stefánsson: Das Herz des Menschen

Jón Kalman Stefánssons Das Herz der Menschen bildet den Abschluss seiner beeindruckenden Trilogie um seinen namenlos bleibenden, immer nur ‚der Junge‘ genannten Protagonisten. Die Geschichte selbst führt uns ein gutes Jahrhundert in die Vergangenheit, sie führt uns nach Island, in den kalten, dunklen Norden dieser Insel, in eine Landschaft, die den Menschen, die in ihr leben, überleben wollen, so viel abverlangt. Noch herrscht die Natur fast absolut über die Menschen und diktiert die Bedingungen, unter denen sie leben müssen: Wind und Sturm, Regen und Meer, den Schmerz der Engel und den Rotz des Teufels, Berge, Fjorde und Hochflächen – all das muss der Mensch dort ertragen und sich in diesen Gewalten einrichten. Vom Fisch ist er abhängig, vom Dorsch, der aus dem Meer geholt wird, in Nussschalen rudern die Männer hinaus und werfen ihre Leinen ins Meer an denen der Fisch anbeißt und hochgezogen wird und wenn es gut geht, ist es ein guter Fang und unter der Voraussetzung, das Meer läßt das Boot und die Männer wieder ans Ufer kommen und der Fisch wird gut gesalzen, hilft er beim Überleben, denn er kann verkauft werden bis in den Süden, dort, wo die Sonne nicht nur die Haut, sondern auch das Herz wärmt.

Vergisst man aber seinen Anorak, wenn man in einen der dieses Jahr nicht weichen wollenden Winterstürme rudert, so dudrchnässt einen das Meer und man stirbt, wird als Eisklotz wieder angelandet, genauso wie es Bárður im ersten Band der Trilogie ergangen ist, der sich eines Gedichtes wegen, in das er sich verloren hatte, eilen musste und den lebensschützenden Anorak vergass…

Bárður war der Freund des Jungen und nach dessen Tod hatte der Junge den sehnlichen Wunsch, auch zu sterben, Bárður wieder zu treffen und seine eigene Familie, von denen auch die meisten schon gestorben waren. Doch vorher musste er dieses Buch zu Kolbeinn zurückbringen in die kleine Stadt, das Buch, in dem Bárður noch das Gedicht lesen musste anstatt sich um sein Leben zu kümmern.

So kam der Junge in die Stadt, traf dort auf die stolze Geirprúður, die sich um die Meinung der Leute nicht scherte und auf Kolbeinn, den blinden Kapitän, der Besitzer dieser sagenhaft vielen Bücher. Geirprúður nahm sich des Jungen an, der seinen Plan, zu Bárður zu gehen, zurückstellte, der im Gegenteil, als er die hochmütige und schöne Ragneiður im Laden traf, ein anderes Gefühl in sich sich regen spürte. Doch bevor er sich darüber klar werden konnte, schickte Geirprúður ihn als Begleitung von Jens, dem Postboten, mit diesem nach Norden, einen Auftrag zu erledigen.

Auf dieser Reise bringen sie die Stürme des nicht weichen wollenden Winters an den Rand des Todes, fast sterben sie, nur knapp finden sie Unterschlupf in zugeschneiten Torfhäusern, in denen der Tod haust oder sich ankündigt, in denen die Armut aus jeder Ritze stinkt und die Hoffnung oder auch die Hoffnungslosigkeit – wer könnte dies schon unterscheiden, wenn man auf den Frühling wartet, der Winter aber nicht gehen will – in den Augen flackert oder auch nur stumpft…

Des letzten Bauern verstorbene Frau Asta zum Friedhof zu bringen in ihrem nach geräucherten Fleisch riechenden Sarg, ist ihr Versprechen. Zusammen mit dem Knecht ziehen sie im wütenden Schneesturm los. Und es stürzen alle vier, Jens, der Knecht, der Junge und Asta im Sarg irgendwann, weil weder oben noch unten, weder vorn noch hinten, noch rechts und links im Sturm noch zu unterscheiden sind, einen Hang hinunter, aber es kommen nur drei von den Vieren im Ort, der unten am Hang liegt, an. Der Knecht bleibt verschollen.

herz menschen


Hier setzt der dritte Teil der Romanreihe ein. Jens und der Junge werden im Haus des örtlichen Arztes von Slèttueyri wach, sie sind völlig erschöpft, Jens hat einige Erfrierungen, wie sie dort hingekommen sind, wissen sie nicht… sie werden versorgt, die Frauen kümmern sich gut um sie, besonders die rothaarige Álfheiður bewegt etwas im Jungen, manchmal schaut er sie länger an als es gut ist…. Jens und der Junge kommen schnell wieder auf die Beine, haben keine Ruhe, vor allem Jens nicht, der schwach geworden ist und sich quälen muss … das Schiff von Kapitän Brynjólfur nimmt sie mit zurück von Slèttueyri nach Hause, aber nicht bevor der Junge noch im Kaufladen war und nach Büchern geschaut hat….

Endlich scheint auch der Frühling anzubrechen, es fängt an zu tauen, die Düsternis weicht dem Licht der Sonne, der Goldregenpfeifer ist zu hören, so sehnsüchtig erwartet, daß er Tränen in den Augen hervorquellen läßt. In der Stadt nimmt die Aktivität zu, die Menschen arbeiten ohne Rast, den Fisch anzulanden und zu konservieren: ohne den Fisch kann der Mensch nicht leben. Der Junge wird wie versprochen von Gisli, dem Rektor, unterrichtet, Gisli, diesem schwachen Mann, dem schwächsten Glied einer starken Kette, der im Alkohol Trost sucht…

Die Macht der Worte… der Brief, den der Junge vor wenigen Tagen (sind wirklich erst so wenige?) an Andrea schrieb, die Frau von Petur, in dessen Boot vor wenigen Wochen  Bárður erfroren war.. Worte sind gefährlich, Worte können die Welt ändern: Andrea hat der Worte des Jungen wegen ihren Mann verlassen, eine unerhörte Tat, eine Frau hat dem Mann zu gehorchen, nicht ihn zu verlassen… auch Andrea findet bei Geirþrúður  Unterschlupf und Arbeit, der Junge dagegen ist sich nicht sicher, was er fühlt, als er Andrea sieht…. denn auch er ist der Macht der Worte ausgesetzt: „Du bist ein Idiot, wenn du an mich denkst. Tust Du das?“ schreibfragt ihn die Rothaarige, die ihm nicht mehr aus dem Sinn geht…

Ein schweres Schiffsunglück mit vielen Toten überschattet das Leben im Hafenort. Ein plötzlicher Orkan hat das entladene Schiff des Kapitäns, den Liebhaber Geirþrúðurs, zum Kentern gebracht… Geirþrúður, die so vielen ein Dorn im Auge ist mit ihrer Intelligenz, ihre Selbstsicherheit, ihrer Unangepasstheit, man muss etwas tun gegen diese Frau und man tut etwas… aber kampflos gibt diese Frau nicht auf, auch wenn nicht sicher ist, ob ihr Plan aufgeht, auf was ist schon sicher im Leben, sicher ist nur der Tod….

Der Roman und damit die gesamte Trilogie endet unerwartet. In gewisser Weise schreit das Ende geradezu nach einer weiteren Folge, der Autor hatte sich ja schon im Schmerz der Engel nicht gescheut, die Helden in aussichtslos erscheinender Situation einfach überleben zu lassen – warum nicht auch hier? Andererseits könnte es hier aber genauso gut tatsächlich das Ende sein – für mich als Leser allerdings ein sehr unbefriedigendes Ende, ich bekenne es, etwas gewollt und konstruiert wirkt es, als wolle der Autor an dieser Stelle einfach einen Schlusspunkt setzen und den Gegensatz auflösen, in den sich der Junge manövriert hatte: er, der in Büchern das Leben entdeckte, Bücher zu seinem Lebensinhalt gemacht hatte, war dabei, sich für ein ’normales‘, armes, entbehrungsreiches isländisches Leben zu entscheiden….


Das Herz der Menschen greift die dunkle, melancholisch bis niederdrückende Atmosphäre der beiden Vorgängerromane auf. Es ist ein zähes Ringen um das Leben wie um die Erkenntnisse vom Leben, alle Kraft wird zum Überleben gebraucht und es bleibt wenig übrig, sich mit anderem zu befassen. Nur sehr langsam finden modische und technische Neuerungen Eingang in diese Welt: symptomatisch geht im Orkan das Segelschiff unter, wenige Tage später kommt das erste Dampfschiff, das einem Isländer gehört in den Hafen gefahren… Erste Kabel für Telefonleitungen werden gespannt, bei den Kaufleuten, die das Geld dafür haben, die auch Kontakt haben in die ‚große Welt‘. Diese andere Welt weit ab ist auch die Quelle für andere Neuerungen, gelbe Kleider zum Beispiel, die die Tochter des Kaufmanns Friðrik, Ragnheiður, trägt… und das größte Übel sind die Bücher, die vom Arbeiten abhalten, die auf dumme Gedanken bringen… in dieser Gesellschaftsschicht, in der der Roman spielt, in der der Arbeiter und der Fischer sind Menschen, die sich mit Worten befassen, Exoten – ohne daß sie dieses Wort kennen würden.

Geld bedeutet auch in dieser Welt und damals schon Macht. Und das Geld ist beim Manne, in dieser Geschichte beim Kaufmanne. Insofern ist Geirþrúður mit ihrer Unabhängigkeit (finanziell, aber auch gesellschaftlich) für die Männer ein Störfall, zumal sie in ihrer Wirtschaft zum Sammelpunkt wird für andere unangepasste Menschen: der blinde Kapitän Kolbeinn mit seinen vielen Büchern mag noch angehen, aber schon der Junge passt nicht ins Bild, ein Junge aus diesem Milieu, dem Ragnheiður, die Tochter des Kaufmanns, unerhörterweise hinterherruft? Andrea, die ihrem Mann weggelaufen ist, die Frau des trinkenden Kapitäns Brynjólfur, die bei ihr arbeitet.. all dies Menschen, die gegen die ‚Ordnung‘ verstoßen und die Mächtigen stören in ihrem Weltbild.

Die andere Art von Männern findet in Petur ihr Bild: hilflose Gestalten, die mit allem, was über ihre Arbeit, das Fischen, hinausgeht, überfordert sind, die diese Hilflosigkeit angesichts der ‚Komplexität‘ (alles ist relativ) mit Gewalt zu kompensieren versuchen – oder mit Alkohol.

Im Gegensatz zu den beiden ersten Bänden enthält Das Herz des Menschen überraschend viele Szenen, in denen Körperlichkeit und Sex eine Rolle spielen. Ob sich nun Geirþrúður unter ihrem Kapitän in dem sich im Winde biegenden Grase windet, ob der Junge in ähnlichem Setting eine Unschuld verliert, ob Marta die Dänen provoziert, um ihren Mann aus der Lethargie zu wecken (auch Andrea und Petur begegnen sich noch einmal)…. manchmal geschieht es aus Liebe, manchmal ist es pure Machtausübung, manchmal einfach auch nur die nicht mehr beherrschbare Sehnsucht nach Nähe und Wärme, die die Menschen dazu bringt, sich aneinander zu reiben, aneinander zu pressen, denn wo beginnt das Leben und wo wird dem Tod Einhalt geboten, wenn nicht in einem Kuss?


Stefánssons Trilogie um den ‚Jungen‘ ist ein beeinruckendes Werk, das uns Lesern das Leben, das vor ungefähr einem Jahrhundert in Island gelebt wurde, plastisch vorführt. Die Figur des Jungen steht zwischen den Welten, der althergekommenen isländischen Leben der Fischer, das dem Überleben gewidmet war und der anderswo schon längst angebrochenen neuen Zeit mit neuen technischen Errungenschaften. In diesem Zwiespalt versucht sich der Junge zurecht zu finden, dies kommt in der Trilogie teils sehr bedeutungsschwanger und etwas quälend daher, ich selbst habe daher zwischen den einzelnen Bänden immer eine kleine Lesepause eingelegt. Dies tat dem Genuss des Werkes, das auch und gerade der Bedeutung des Wortes, des Geschriebenen, gewidmet ist, gut.

Links und Anmerkungen:

Die Besprechungen der Teile 1 und 2 der Trilogie:

Jón Kalman Stefánsson:
– Himmel und Hölle
– Der Schmerz der Engel (hier ist eine Landkarte von der Region zu finden, in der die Geschichte spielt)

Jón Kalman Stefánsson
Das Herz des Menschen
Übersetzt aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig
Originalausgabe: hjarta mansinns, Reykjavik, 2011
diese Ausgabe: Piper TB, ca. 415 S., 2014

 

 

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2 Kommentare zu „Jón Kalman Stefánsson: Das Herz des Menschen

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