Philip Krömer: Ymir

26. März 2016

Aus Ymirs Fleisch ward die Erde geschaffen,
Aus dem Schweiße die See,
Aus dem Gebein die Berge, die Bäume aus dem Haar,
Aus der Hirnschale der Himmel.

Aus den Augenbrauen schufen gütge Asen
Midgard den Menschensöhnen;
Aber aus seinem Hirn sind alle hartgemuthen
Wolken erschaffen worden. [1]

ymir cover


Ymir oder aus der Hirnschale der Himmel ist das Romandebüt von Philip Krömer, einem jungen Schrifsteller, Herausgeber einer Literaturzeitschrift, der bisher Lyrik und Kurzgeschichten veröffentlicht hat. Ymir… ist ein fantastischer Roman (womit das Genre gemeint ist), der uns in das nebelumwallte Island führt, zu einer Zeit, in der im damaligen Deutschland das Nordische, das Arische, hoch im Kurs stand: August 1939.

Eine kleine Expeditionsgruppe, bestehend aus drei Mitglieder, wird in Marsch gesetzt. In Island war zuvor ein norwegischer Suchtrupp, der nach Wasseradern forschte, auf ein System unterirdischer Hallen, Gänge und Galerien gestoßen, an deren Ende ein dunkles Loch senkrecht hinab führt in das, was der Erzähler der Geschichte später „UrSchwarz“ nennen sollte und was es zu erforschen gilt.

Die Expedition ist nicht so sehr nach sachlichen Gesichtspunkten zusammengesetzt, eher nach ideologischen. Der Erzähler soll das Entdeckte später publikumswirksam aufbereiten, der SS-Mann KleinHeinrich (im Gegensatz zu GroßHeinrich, der der Himmler ist und das Ganze in Gang setzt) ist der körperlich fitteste und stärkste der Truppe, VonUndZu schließlich, NSDAP-Mitglied, ist überzeugt von allem, angefangen von der Hohlwelt bis hin zur Phrenologie. Er ist derjenige der erbkundliches Wissen mit einbringen soll und zu dessen Ausrüstung ein Grammophon gehört mit sämtlichen Partituren Wagners. ba-PAAA!

Ein holpriger Flug mit vomitierenden Passagieren, eine ebenso holprige Landung im Nichts, ein nur schütter beleuchteter Pfad übers Geröll, bis die drei vor einer Türe stehen und nach Betätigen eines Mechanismus empfangen werden. Bis zu dieser Tür erfolgte die rudimentäre Handlungsanweisung, die einzig KleinHeinrich empfangen hatte, ab nun war alles neu und unbekannt….

Am nächsten Tag beginnen sie ihren Abstieg in das UrSchwarz und somit in das große Abenteuer, das Unbekannte. Schier nicht enden wollend ist der steile Abstieg, den KleinHeinrich als erster beendet. Den beiden anderen öffnet sich am Grund in ihren den trüben Lichtern eine fast unendlich scheinende Halle. Die Hallendecke – irgenwo in der Unendlichkeit, die Strahlen ihrer Leuchten verlieren sich auf dem Weg nach oben im Nichts….. Der SteteWind.. es muss noch eine Öffnung am anderen Ende der Halle geben….und wieder ein Gang, gewunden, endlos, ohne Abzweig, der Entscheidungen fordern würde, ob rechts oder links… und ewig scheint der SteteWind ihnen durch Gänge und Hallen entgegen zu wehen…

da.. Gewisper… ist da wer? Wie Parkett sehen sie im Schein der leuchtenden Lampen seltsam anmutend Tote im Fischgrätmuster auf dem Boden liegen … Es gibt offensichtlich Leben hier, kilometertief unter der Erde, ist es das, was sie suchen, suchen sollen?

Schon hat der Erzähler eine Ahnung, wo sich befinden, was das für ein Höhlensystem sein könnte, nämlich….

.. das verrate ich hier jedoch nicht, obwohl der Roman selbst mit seiner besonderen Art, den jeweiligen Standpunkt seiner Figuren zu kennzeichnen, kein Geheimnis daraus macht. Bis dahin wird es für den einen oder anderen vielleicht aber doch überraschend sein…


Krömer beweist Fantasie mit dieser Geschichte, die im kleinen homunculus-verlag in Erlangen erschienen ist. Das Buch ist mit viel Liebe gestaltet, durchgängig mit Abbildungen aus dem medizinischen Bereich illustriert (auch wenn mir der Zusammenhang mit dem Text nicht immer klar geworden ist) und in der Bodoni Antiqua gedruckt.. Allein schon das Blätter in der Ausgabe macht Lust.

Inhaltlich kurz vor dem Beginn des zweiten Weltkrieges angesiedelt, finden ein paar der damals kursierender Ideen und Theorien Erwähnung. Sei es nun die Theorie von der Hohlwelt, die allerdings bei den Nazis möglicherweise ob ihrer amerikanischen Ursprung keine große Anhängerschaft fand [3] oder natürlich an vorderster Stelle die Idee, im Norden die Heimat des Urariers zu verorten und ihn dort nachzuweisen, des Stammvaters aller Person „deutschen oder artverwandten Blutes“, wie es seit 1935 in den Nürnberger Gesetzen offiziell hieß. Nun, ein Unternehmen, daß Krömer in seiner Darstellung grandios scheitern läßt. ba-PAAA!

Natürlich, das darf nicht unerwähnt bleiben, ist die Verwandtschaft der Krömerschen Romanhandlung mit dem berühmten Verneschen Werk von der Reise zum Mittelpunkt der Erde [4] nicht zu übersehen. Beide Reisen nehmen in Island ihren Anfang und führen tief in das Erdinnere hinein, wo beide Expeditionen auf unbekannte Welten stoßen, mit unbekannten Bewohnern und unbekannten Speisen…. sicherlich ließe sich dieser Vergleich beider Romane noch weiter ausbauen…

Ansonsten enthält das Buch natürlich auch andere Elemente, die die Spannung hochhalten, Streit und Zwist bis hin zu Mord und Totschlag beispielsweise, auch kommt die Liebe unter den Expeditionsteilnehmer nicht zu kurz…. ba-PAAA!


Das Ganze ist eingepackt in eine Art Rahmenhandlung, in der der Erzähler in seinem Haus Besuch empfängt, ihn nach oben in die Dachstube geleitet und ihm diese Geschichte der Expedition erzählt. Da der Besucher nur indirekt in den Fragen oder Bemerkungen des Erzählers in Erscheinung tritt und seine Identität bis zum Ende im Dunkeln gehalten wird, entsteht beim Lesen der Eindruck, man würde als Leser direkt angesprochen.

Ymir oder aus der Hirnschale der Himmel ist ein sehr kurzweiliger, sehr unterhaltsamer Roman mit einer fantasievollen Handlung. Zusammen mit der schönen und liebevollen Ausstattung hat mir das Buch ausgesprochen gut gefallen, wer also Spaß hat an intelligenter, etwas skurriler Literatur, dem kann ich diesen Roman empfehlen.

Links und Anmerkungen:

[1] aus Das Lied von Grimnir (Edda: http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-edda-4321/4.)
[2] Autorenblog von Philip Krömer: https://philipkroemer.wordpress.com und fb-Account: https://www.facebook.com/philip.kromer
[3] vgl hier: http://wiki.astro.com/astrowiki/de/Johannes_Lang
[4] vgl hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Reise_zum_Mittelpunkt_der_Erde

Philip Krömer und Laura Jacobi vom Homunculus-Verlag wurden auf der Leipziger Buchmesse von Uwe Kullnick (FDA) interviewt: https://radio.blm.de/radiobeitrag/fda-messe-interview-laura-jacobi-philip-kroemer-homunculus-verlag.html

Philip Krömer
Ymir
oder: Aus der Hirnschale der Himmel
diese Ausgabe: homunculus-verlag, HC, ca. 210 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

indie

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One Response to “Philip Krömer: Ymir”


  1. […] Rezensionen auf anderen Blogs Buchrevier Aus.gelesen […]

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