Anilda Ibrahimi: Rot wie eine Braut

„Rot wie eine Braut“ ist eine ca. 80 Jahre überstreckende Familiengeschichte aus dem Land der Skipetaren. Es ist eine Zeitspanne, in der sich die Welt – nicht nur für, aber wegen der herrschenden „Rückständigkeit“ insbesondere – für die Albaner grundlegend ändert. Vor diesem Hintergrund erzählt uns Ibrahimi vom Schicksal der Familie.

Hauptperson des Buches ist Saba, die Tochter Melihas, die insgesamt 5 Töchern und 4 Jungs das Leben geschenkt hat. Meliha und ihr Mann Habib stehen einer wohlhabenden Familie in einem abgelegenen Bergdorf vor, bis ein Unglück über sie hereinbricht. Habib tötet bei dem Versuch, einen seiner Söhne aus einer Gefahr zu retten, einen anderen Jungen. Um die jetzt der Tradition gemäße Blutrache zu verhindern, kauft sich die Familie frei und büßt dadurch einen großen Teil ihres Vermögens ein. Und gibt Sultana, eine Schwester Sabas in die Familie des Opfers. Doch Sultana widerfährt etwas Ungewöhnliches: sie und ihr ausgesuchter Mann verlieben sich ineinander, nur Kinder kann sie ihm keine gebären, sie stirbt im Wochenbett. Omer, der Witwer, widmet sich daraufhin aus Kummer dem Raki, nach Jahren wird er wieder verheiratet und noch einmal muss Meliha eine Tochter geben: Saba, die jüngste, die zarteste, gebrechlichste. Ganz in Rot gekleidet kommt die 15jährige in das Haus ihres Mannes, der sich am Tag der Hochzeit mit seinen Freunden zusammen betrinkt. Saba interessiert ihn nicht, sie muss er schließlich noch ein ganzes Leben lang sehen und in seiner Sehnsucht ist er immer noch bei Sultana. Nachdem er dann die ganze Nacht besoffen im Bett geschnarcht hat und Saba, die die ganze Zeit schüchtern in der Ecke stand, am Morgen endlich wahrgenommen hatte erinnerte er sich daran, daß dies ja seine Hochzeitsnacht gewesen war. Und so überzeugte er Saba, seine Frau, durch ein paar Ohrfeigen davon, daß es für beide besser sei, jetzt gleich anschließend ein Bettlaken mit rotem Fleck vorweisen zu können.

Die schüchterne, ihr Mutter vermissende Saba hat einen schweren Stand in der Familie und muss sich in der Hierarchie der Frauen erst hochgebären, und wirklich anerkannt wird sie nach drei Töchtern erst mit dem Sohn Luan. Das Leben im Dorf ist wie es seit Generationen von Arbeit geprägt, Arbeit im Haus, Arbeit im Feld, von früh morgens bis spät abends. Der Sinn des Frauenlebens ist es, Kinder zu bekommen, die dann gut zu verheiraten sind. Gut zu verheiraten heißt insbesondere bei Mädchen strengstens darauf zu achten, daß die Ehre gewahrt bleibt, denn ein junger Mann wäscht sich die Hände, um eine Frau zu reinigen würde alle Seife dieser Welt nicht ausreichen. Im engen Bereich des Hauses, wo Männer nur Gäste sind, wie es an einer Stelle des Buches heißt, ist die Stellung der Frau besser, insbesondere natürlich der ältesten, der Mutter bzw. Schwiegermutter.

Der Krieg kommt und mit ihm Fremde, Italiener, Deutsche. Das Land wird besetzt und in einer Winternacht kommt es zu einem Zusammenstoß zwischen deutschen Soldaten und den Brüdern Sabas. Drei von ihnen sterben zusammen mit der von einem Bajonett aufgeschlitzten, schwangeren Schwägerin. Ein furchtbares Unglück, Saba wird von diesem Moment an nur noch in Schwarz gehen. Aber in nicht allzuferner Zukunft hat dieses Unglück auch eine positive Nachwirkung: die Familie hat im kommunistischen Nachkriegsalbanien Heldenstatus wegen der Opfer im Widerstand gegen den Faschismus.

Nach dem Krieg bessert sich die Stellung der Frau in der Gesellschaft, Schul- und Berufsausbildung ist gesellschaftlich erwünscht. Das selbst verdiente Geld gibt ihnen auch Selbstbewusstsein. Als Staat verliert sich Albanien in die Isolation, umgeben von Feinden und nur wenigen Freunden, erst sind dies die Genossen in der Sowjetunion, dann, nachdem mit denen gebrochen wird, sind es die Chinesen. Aber auch deren Freundschaft ist nicht von Dauer. Erst nach dem Tod Hoxhas, des Diktators, befreit sich das Land aus der Selbstisolation. Auch in Tirana gibt es einen Mauerfall, Ibrahimi erzählt von einem Albener, der mit seinem Auto solange rückwärts gegen die Mauer eines Botschaftsgebäudes fährt, bis diese ein Loch hat, durch das jetzt -zig Menschen in das Gebäude stürmen. Letztlich werden Tausende Albaner, die sich in westliche Botschaften flüchten konnten, still und leise ins Ausland abgeschoben.

Die Erzählerin der vor diesem ganz grob umrissenen politischen Hintergrund sich abspielenden Familiengeschichte ist Dora, eine Enkelin Sabas und ich denke, man geht nicht falsch, ein stark biographisches Element der Autorin Ibrahimi in diesem Roman zu sehen. Dora, mittlerweile nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Zürich nach Rom ausgewandert, hat die alte Truhe Sabas geerbt und die alten Ohrringe, dieselben, die Sultana und Saba bei ihren Hochzeiten trugen. Sie erzählt die Geschichte ihrer Familie, die archaische Lebensweise, die strengen Rituale, aber auch die kleinen Heimlichkeiten (die jedoch mit großen Gefahren verbunden waren) des Lebens auf dem Land in einzelnen Episoden. Im ersten Teil des Buches, der mit dem Tod Melihas endet, sind diese Abschnitte der Geschichte noch relativ eng miteinander verzahnt, im zweiten Teil des Buches dagegen wirkt der Roman eher wie eine Sammlung von Erinnerungen und Anekdoten einzelner Familienmitglieder. Jetzt sind aus den Brüdern und Schwestern Sabas Onkel und Tanten geworden, die Töchter Sabas sind jetzt Mütter (oder auch nicht…) und Luan, der Sohn, ist mit Genossin Klementina, die Augenbrauen hat wie weiland Breschnew, verheirat und Vater von Dora. Tragisch sind viele der Geschichten, keineswegs sind alle Familienmitglieder nur Engel. Besonders rührt das Schicksal von Atika an und das von Esma… der menschenverachtende Irrsinn des Regimes, der ohne Rücksicht Familien und Paare auseinanderreißt, die Absonderlichkeiten eines Systems, in dem Planer beauftragt werden, ein Gebäude zu planen, aber nicht wissen dürfen, welchem Zweck das Gebäude dienen soll….. Beispiele nur, aber aussagekräftige.

Das Heranwachsen und Erwachsenwerden von Dora ist um vieles leichter und einfacher als das z.b. ihrer Großmutter Saba. Sie geniesst viele Freiheiten, die für diese, die nur selten aus dem Dorf herauskam, noch undenkbar waren. Sogar einen Ausflug in die Protraitmalerei unternimmt sie…. sie geht zur Schule, auf die Universität, lebt dort unter Dauerpropagandabeschallung in einem Wohnheim, erlebt die Revolution mit und das anschließende Chaos der Freiheit…. letzlich gibt sie aber der Sehnsucht nach, ins Ausland zu gehen, die Enge und Provinzialität Albaniens hinter sich zu lassen.

„Rot wie eine Braut“ ist ein schönes Buch, ein gut lesbares. Durch die Strukturierung in die in sich weitgehend abgeschlossenen Abschnitte kann man es gut auch dann lesen, wenn man wenig Zeit hat oder zwischendurch. Es strahlt aber bei weitem nicht die Kraft aus wie es „Das ewige Leben der Albaner“ von Vorpsi tut, im Gegensatz zu diesem kommt es ein wenig wie „weichgespült“ daher.

Anilda Ibrahimi
Rot wie eine Braut
aus dem italienischen übersetzt von Franziska Kristen
btb 2011, 320 S.

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