Periklis Korovessis: Die Menschenwärter

Nach dem 21. April 1967 gab es für den politischen Menschen in Griechenland nur eine Legitimation weiterzuexistieren: den Widerstand.
Diejenigen, die darauf bestanden, politische Menschen zu bleiben, unterwarf das neue Regime einem Prozess formaler Anpassung an die neuen Idelale. Diesen Prozeß könnte man auch bürokratisch nennen; er kannte keinen anderen Hass als den traditionellen Antikommunismus.
Ich habe versucht, ein politischer Mensch zu bleiben.
P.K.

Griechenland hat nach dem 2. Weltkrieg lange gebraucht, um politisch zur Ruhe zu kommen. Zu den einschneidenden Machtwechseln gehörte der Putsch der Militärs am 21. April 1967, die für Aussenstehende recht unübersichtliche Geschichte des Putsches kann in der Wiki nachgelesen werden. Die Machtübernahme der Militärs war verbunden mit einem auf Angst, Einschüchterung, Denunziation, Gewalt und Terror begründeten Regime.

Periklis Korovessis war ein junger Intellektueller, der am Theater arbeitete, Stücke schrieb und sich mit seiner politischen Gesinnung eher am linken Rand des Spektrums angesiedelt hatte. Mithin war er als Opfer für Polizei und Geheimdienste geradezu prädestiniert. Sie holten ihn eines frühen Morgens aus seiner Wohnung, die sie „Durchsuchung“ genannt, verwüsteten. Damit hatte Korovessis einen ersten Vorgeschmack auf das, was ihn erwartete.

In der folgenden Zeit wird er vom Geheimdienst verhört, man will ein Geständnis, man will Namen haben. Periklis Korovessis kann und will keine nennen. Damit und nach einigen Schlägen ist der zivile Teil des Verhörs beendet und der wissenschaftliche beginnt. Das bedeutet, daß er auf eine Bank gefesselt wird und seine Fußsohlen mit Holzknüppeln zu Brei gehauen werden. In einer weiteren Stufe werden Metallschläger genommen. Ohnmachten werden durch Wasserbäder beendet, Schreie durch Verstopfen des Mundes mit schmutzignassen Putzlumpen gedämpft. Geschlagen (natürlich nicht nur auf die Fusssohlen) wird solange, bis der Schläger müde ist. Man zerrt ihn an die Brüstung und tut so, als sei man es leid und würde ihn hinunterstoßen. Geschlagen wird im Militärhospital, in das er zwischenzeitlich kommt, nicht. Er wird auch nicht behandelt. Dafür aber isoliert und mit Elektroschocks gefoltert. Irgendwann verlieren die Folterer die Lust und hören auf. Ausserdem braucht man die Bank für die neu eingelieferten.

Periklis Korovessis hat keine Namen genannt.

Diese sehr zusammengefasste Tortur zieht sich über viele Tage hin, Tage, in denen das Opfer die Orientierung verliert, nicht weiß, ob es Tag ist oder Nacht, nicht weiß, wo es ist. Es verliert auch die Erinnerung an die Einzelheiten dessen, was passiert ist, es kostet viel, sehr viel Mühe, sich alles ins Gedächtnis zurück zu rufen. Korovessis schafft es, der Qual zu widerstehen, nicht zusammen zu brechen, er ist in der Lage, sich selbst zu beobachten, sich nicht nur dem Schmerz zu überlassen, sondern ihn quasi zu analysieren, zu verstehen versuchen, was mit ihm passiert. Sehr detailliert beschreibt er die Wirkung der Schläge vom ersten, betäubenden Schmerz der ersten Schläge bin hin zu dem Zustand, in dem man keinen Schmerz mehr fühlt, weil man selbst der Schmerz ist. Es existiert nichts anderes mehr als nur der Schmerz. Der Schmerz ist überall, er ist im ganzen Körper, der Körper selbst hat sich aufgelöst und ist nur noch Schmerz. Und doch ist der Geist noch in der Lage zu denken, zu beobachten, zu analysieren….

Das Büchlein fiel mir beim Umsortieren meiner Regale, wahrscheinlich nach Jahrzehnten der Ruhe, wieder in die Hand. Es ist ein objektiver, das heißt, nicht durch Hass o.ä. verzerrter, nüchterner Bericht dessen, was Folter (und das kann man ja verallgemeinern, es galt nicht nur für die geschilderten griechischen Verhältnisse) ist und wie sie wirkt. Und das Erschreckende ist die weitgehende „Normalität“ der Folterer, die, wie jeder andere Arbeitnehmer auch, am Abend nach Hause gehen zu Frau und Familie…. Einer der Schergen verabschiedet K. bei der Entlassung damit, daß dieser ihm eigentlich ganz sympathisch sei und .. Schwamm drüber, jetzt seien sie Freunde und ob er, K., ihn nicht mal besuchen wolle…

Und doch braucht Folter offensichtlich ein Alibi. Warum sonst wären die Folterer so erpicht darauf, einen Namen genannt zu bekommen? „Es kann auch ein falscher sein!“ bekommt K. als Angebot gemacht, Hauptsache, er nennt einen. Dabei hat das Regime doch die Macht, sich ohne Begründung jeden x-beliebigen zu schnappen… nun, so erkäre ich mir das, das Verraten echter Freunde oder das Denunzieren andere ist eine Art moralischer Folter, der betreffende erkauft sich seine „Erlösung“, in dem er andere opfert. Er wird dadurch verantwortlich, auch wenn ihm das kaum vorzuwerfen ist (Belli beschreibt in ihrer „Bewohnte Frau„, daß es unter den Rebellen die Anweisung gab, eine Woche durchzuhalten, um den Companeiros die Gelegenheit zu geben, sich in Sicherheit zu bringen.), in diesem Sinne wird der Gefolterte sogar zum Komplizen der Folterer, er geht ein Geschäft ein mit diesen, indem er ihnen einen anderen gibt. Natürlich hat die Namensnennung im Kreis seiner Kameraden auch Rückwirkungen, was hat er alles noch verraten, kann man ihm noch trauen?

Folter, das Quälen von Menschen.. das Potential dazu, und das ist das Erschreckende, ist nicht so weit entfernt, wie man glauben mag. Ein „vernünftiger“ Grund, und viele wären bereit dazu, so wie der ehemalige stellvertretende Frankfurter Polizeipräsidenten Wolfgang Daschner zu handeln …. vllt kennt auch der eine oder andere „Das Experiment“ und die dem Film zugrunde liegenden Untersuchungsergebnisse entsprechender Versuche von Milgram. Ich habe vor ein paar Tagen Fromms „Die Kunst des Liebens“ hier vorgestellt, vllt sollte ich sein „Die Seele des Menschen: ihre Fähigkeit zum Guten und zum Bösen“ auch noch mal lesen….

Periklis Korovessis
Die Menschenwärter
Übersetzt von Armin Kerker (!)
Zweitausendeins, 1981, TB, 120 S.
Originalausgabe: Paris, 1975

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