John Burnside: Glister

glister

Burnside entführt uns in seinem Buch in eine Landschaft, über die der Vierte der apokalyptischen Reiter hinweggefegt sein muss. In Schottland, eine Landzunge, in der sich Niedergang, Furcht, Krankheit und Tod angesiedelt haben. Die Wälder stehen voller dunkler, sterbender Bäume, der Boden ist getränkt mit todbringenden Flüssigkeiten, die Luft trägt mit jedem Atemzug das Verderben in die Körper der Menschen.

Was hier so ein wenig mystisch klingt, hat in Burnsides Roman einen ganz „einfachen“ Hintergrund: die Handlung spielt in einer Stadt, in der eine Chemieanlage angesiedelt war. Niemand der Bewohner kann so ganz genau sagen, was dort hergestellt wurde, Düngemittel, Pestizide, vielleicht sogar chemische Kampfstoffe, denn es gab auch Anlagenteile, Räume, von denen niemand wusste, wozu sie dienten. Dienten, weil die Fabrik stillgelegt ist und langsam verrottet und zerfällt. Ohne, daß es jemanden kümmerte, sind über viele Jahre hinweg giftige Substanzen in den Boden eingedrungen, in die Luft abgelassen worden und haben alles verseucht. Früh sterben die Menschen hier, krank werden sie an seltenen Krankheiten, desinteressiert, apathisch, sie resignieren, fallen dem Wahn anheim und „…manche Jugendliche schaffen es nicht einmal bis zu ihrem zwanzigsten Lebensjahr.“

Die ehemaligen Chefs des Werkes leben etwas ausserhalb in einer schönen Gegend, die Arbeiter dagegen nahe bei dem ehemaligen Werksgelände. Die Kinder bleiben sich selbst überlassen, streifen in der Gegend herum, bilden Gangs oder bleiben Aussenseiter. Nie aber kommen sie aus ihrer Stadt heraus, sie bleiben in Innertown, so nennt Burnside seine Stadt, wie Fliegen auf einem Klebstreifen gefangen. Und trotz aller Häßlichkeit strahlt die Fabrik eine seltsame Faszination aus, sogar eine Schönheit muss man ihr zubilligen, nicht die Schönheit der Gärten und Häuser reicher Leute, aber die Anlage läßt immer noch erahnen, „..wie herrlich es gewesen sein muss, damals, in der guten, alten Zeit.“

Beherrscht wird diese Region von einem gewissen Brian Smith, der über seine Firma Regierungsgelder, die zur Entwicklung der Stadt fließen, verwaltet – mehr oder weniger korrekt. Aber er hat Macht und Einfluss, er korrumpiert und besticht, er kann seinen Willen durchsetzen und fast jeder ist von ihm abhängig.

In dieser Situation verschwinden dann nach und nach fünf Jugendliche, ohne daß man eine Ahnung hat, warum. Das heißt, Morrison, der Polizist, hat schon eine Ahnung, aber er ist ja abhängig von Smith und so bleibt er schön ruhig und macht nichts und ist sich seiner Feigheit wohl bewusst. Als Erklärung muss das Dürftigste herhalten: die Jugendlichen hätten es nicht mehr ausgehalten und seien einfach fortgegangen, um woanders ihr Glück zu suchen. Niemand, auch die Eltern nicht, stört sich an den Ungereimtheiten dieser faulen Ausrede…. Nur Leonard Wilson, ein Sonderling, 15jähriger Schüler, glaubt nicht an diese Erklärung, weil er weiß, daß sie nicht stimmen kann. Leonard ist anders als die anderen Jugendlichen, er liest für sein Leben gerne und er denkt… gleichwohl ist auch er fasziniert von der Anlage, durchkämmt sie auf seinen Streifzügen und zieht sich in sie zurück.

In großen Teilen des Buches wandern wir durch Leonards Gedankenwelt, er nimmt uns mit auf seine Reise voller Resignation, voller Wut und Zorn, auch voller Traurigkeit: „Dafür sind Schulen schließlich da. Sie trainieren uns in der lebenswichtigen Disziplin, machtlos zu sein.“ ist einer dieser Sätze, in denen diese ohnmächtige Wut über die realen Zustände in der Welt herauskommt, aber bei weitem nicht der einzige. Und immer wieder kreisen seine Gedanken darum, was diese Fabrik aus den Menschen gemacht hat, wie sie ihren Körper und ihre Seelen im Lauf der Jahre vergiftet hat.

Das Buch enthält auch eine Menge religiöser Elemente, Lichter, Erscheinungen, Tore, durch die man in eine andere Welt hineingelangt. Es ist dies insbesondere der Apparat, den der Mottenmann in der Fabrik baut, und der, wie auch immer, eine Art Erlösung verspricht.

In weiten Teilen hat mich das Buch an Pinols „Im Rausch der Stille“ erinnert. Was dort das Meer war ist hier die Landschaft mit der Fabrik, der Ort nämlich, der Unbekanntes, Gefährliches aber auch Erlösendes beherbergt oder verbirgt. Und ebenso wie Pinol führt Burnside seine Leser durch eine aus Gedanken errichtete Landschaft, durch eine Imagination aus Vorstellungskraft und Phantasie, durch eine einsame Welt einsamer Menschen. Es beschreibt eine Gesellschaft, in der die Sünde wohnt: „.. die Sünde der Unterlassung, die Sünde, unseren Blick abzuwenden und nicht zu sehen, was direkt vor unserer Nase geschieht. Die Sünde, nicht wissen zu wollen; die Sünde, alles zu wissen und nichts dagegen zu tun. Die Sünde, etwas auf Papier zu wissen, es aber nicht ins Herz vorlassen zu wollen. Jeder kennt diese Sünde…“

Facit: Die Frage zu beantworten, ob mir das Buch gefallen hat, fällt schwer. Die Gedankenmonologe sind oft lang und schwierig zu lesen bzw. nachzuvollziehen. Andererseits ist es eine fesselnde Lektüre, ein beeindruckendes, düsteres Bild einer Gesellschaft, die einfach immer nur wegschaut. Und den Schluss, den habe ich, wie ich zugeben muss, auch nicht so richtig verstanden…. das Buch läßt viel Raum für Interpretationen….

Links: http://www.sepa.org.uk/land/contaminated_land.aspx
Außer einer kurzen Kritik gibt´s hier einen podcast/Leseprobe zum Buch

John Burnside
Glister
Knaus, September 2009, 288 S
ISBN-10: 3813503496
ISBN-13: 978-3813503494

5 Kommentare zu „John Burnside: Glister

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