Die Hauptpersonen Alice und Mattia sind zwei in ihrer Kindheit durch Unglücksfälle schwer traumatisierte Menschen, die Schwierigkeiten haben, im Leben zurecht zu kommen. Giordano schildert ihr Leben angefangen von den Unglücken, die sie prägten über das Sichkennenlernen in der Schule und die sich auseinander entwickelnde Zeit des Erwachsenseins.

Traumatisiert entwickeln beide ein gestörtes Verhältnis zu ihrer Umwelt und insbesondere zu sich und ihrem Körper. Latent suizidal versucht Alice sich magerer und magerer zu fasten während sich Mattia nur im Schmerz, den er beim Aufschneiden seines Körpers mit allen möglichen scharfen Gegenständen empfindet, noch lebend fühlt. (Nicht zu verstehen natürlich die Eltern, die in unfassbarer Vogel-Strauß-Manier nichts davon wahrhaben wollen und alles geschehen lassen… aber sei es drum, das ist ja nicht das Thema des Romans).

primzahlen

Während Alice als Schülerin und auch später immer noch versucht, sich in ein Leben einzufügen, sei es durch ihren Wunsch, DER Mädchenclique an ihrer Schule anzugehören, oder später durch ihre Arbeit als Fotographin und letztlich auch als Frau von Fabio, setzt Mattia allen Ehrgeiz hinein, ungesehen und unbemerkt durch den Alltag zu gehen. Er gewöhnt sich an, lautlos zu gehen, hat keine Freunde, praktisch nicht eigenes. Das Leben auch Freude heißt, versteht er nicht. Einzig die Mathematik, für die er eine besondere Begabung hat, gibt ihm einen Lebensinhalt.

Diese beiden Kinder also lernen sich in der Schule kennen und sie spüren eine Geistesverwandtschaft, begründet in ihrem vergleichbaren Schicksal. Ohne daß sich nun eine Freundschaft zwischen beiden entwickelt, wie man sie üblicherweise versteht, verbringen sie doch viel Zeit miteinander, denn nur sie, die sie sich in den anderen hineinversetzen können, bringen es fertig, mit dem anderen zusammen zu sein. So bilden ihre Traumata, ihre seelischen Verletzungen, das Zentrum einer Beziehung, die näher nicht werden kann, die nur in Respektieren der Grenzen Bestand haben kann. Ich musste beim Lesen unwillkürlich an Atome denken, die stabil sind, weil die Elektronen auf definierten Bahnen um das Zentrum kreisen, an Fermionen, Teilchen die sich immer in irgendeiner der sie charakterisierenden Quantenzahlen unterscheiden müssen, nie denselben Zustand einnehmen können (die Physiker mögen mir diese Formulierungen verzeihen….). Oder eben an die titelgebenden Primzahlzwillinge, nah aber immer mit Abstand….

Das Buch, das Erstlingswerk des Autoren, hat in Italien den renommiertesten Literaturpreis erhalten, zweifelsohne verdient. Es ist ein gutes Buch, eine sensible, einfühlsame, bilderreiche Sprache, die sich in die verquere Gefühlswelt ihrer Protagonisten hineintastet, nicht wertend, neutral, aber mit Sympathie. Sie erfasst die Probleme Heranwachsender, sich als Individuen zu definieren wo sich sich doch im Übergang befinden und zeigt die Unerbittlichkeit, mit der das Leben Wunden schlagen kann.

Und doch: eine Sache stört mich: Giordano beschreibt ja nicht zwei Jugendliche, die sich aufgrund ihrer Schwächen oder Stärken oder allgemein, ihrer individuellen Eigenschaften, von anderen absetzen, nein, er wählt sich zwei Kranke, seelisch auf Äußerste Verletzte zu seinen Protagonisten. Und über einen Zeitraum von 24 Jahren soll wirklich jeder, der mit ihnen zu tun hatte, die Augen zugemacht haben, kein einziger Versuch, ihnen zu helfen? Alice baut jahrelang zu Hause vor ihren Teller eine optische Wand aus Flaschen, Gewürzstreuern und ähnlichem auf, um dahinter unbemerkt (?) das Essen in ihre Serviette schaufeln zu können, um es dann im Klo zu entsorgen. Und in ihrer Ehe mit einem Arzt (!) führt sie das fort. Und niemand nimmt Anstoß daran, versucht ihr – wie auch immer – zu helfen?? Nein, das ist mir zu dick aufgetragen, das stört mich. Ähnlich bei Mattia, der sich dauern aufschlitzt. Nun ja, Verband drauf und das war es dann…. Nein, auch wenn das nicht das Thema des Buches ist, das kann ich mir so nicht vorstellen. Giordano erzählt hier ein Krankengeschichte und niemand merkt es. In gewissem Sinne missbraucht er seine Hauptpersonen, um ein Bild zu finden für die Einsamkeit des Menschen in seiner Welt, in der er anderen nahe kommen, sie aber nicht erreichen kann. Es ist aber nicht Einsamkeit, die er beschreibt, sondern Krankheit, seelische Verletzung zweier Menschen, die die Unfähigkeit nach sich zieht, wirkliche Nähe zu anderen zu finden. Und daß Alice und Mattia selbst sich zueinander gezogen fühlen, liegt einfach daran, daß sie sich so ähnlich sind und sie sich daher verwandt fühlen in in der Menge der Menschen um sie herum, die ihnen fremd ist. So ähnlich wie man es manchmal erlebt, wenn man weit weg von zu Hause auf Menschen trifft, die (relativ gesehen) aus der Nähe kommen: man hat sofort einen Bezug zu ihnen, mehr jedenfalls als zu den Fremden, unter denen man sich aufhält…..

Facit: „Die Einsamkeit der Primzahlen“ ist ganz sicher ein gutes, lesenswertes, nachdenkenswertes Buch, das für mich aber diesen einen, erwähnten Schönheitsfehler hat, der die Gültigkeit dessen, was Giordano uns sagen will, doch stark relativiert.

Links:
- eine Buchvorstellung im NDR mit Audio
- Wenn jemand ein wenig mehr über Primzahlen erfahren will….

Paolo Giordano
Die Einsamkeit der Primzahlen
Karl Blessing Verlag, August 2009, HC, 368 S.
ISBN-10: 3896673971
ISBN-13: 978-3896673978

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