Paolo Giordano: Die Einsamkeit der Primzahlen

11. November 2009

Die Hauptpersonen Alice und Mattia sind zwei in ihrer Kindheit durch Unglücksfälle schwer traumatisierte Menschen, die Schwierigkeiten haben, im Leben zurecht zu kommen. Giordano schildert ihr Leben angefangen von den Unglücken, die sie prägten über das Sichkennenlernen in der Schule und die sich auseinander entwickelnde Zeit des Erwachsenseins.

Traumatisiert entwickeln beide ein gestörtes Verhältnis zu ihrer Umwelt und insbesondere zu sich und ihrem Körper. Latent suizidal versucht Alice sich magerer und magerer zu fasten während sich Mattia nur im Schmerz, den er beim Aufschneiden seines Körpers mit allen möglichen scharfen Gegenständen empfindet, noch lebend fühlt. (Nicht zu verstehen natürlich die Eltern, die in unfassbarer Vogel-Strauß-Manier nichts davon wahrhaben wollen und alles geschehen lassen… aber sei es drum, das ist ja nicht das Thema des Romans).

primzahlen

Während Alice als Schülerin und auch später immer noch versucht, sich in ein Leben einzufügen, sei es durch ihren Wunsch, DER Mädchenclique an ihrer Schule anzugehören, oder später durch ihre Arbeit als Fotographin und letztlich auch als Frau von Fabio, setzt Mattia allen Ehrgeiz hinein, ungesehen und unbemerkt durch den Alltag zu gehen. Er gewöhnt sich an, lautlos zu gehen, hat keine Freunde, praktisch nicht eigenes. Das Leben auch Freude heißt, versteht er nicht. Einzig die Mathematik, für die er eine besondere Begabung hat, gibt ihm einen Lebensinhalt.

Diese beiden Kinder also lernen sich in der Schule kennen und sie spüren eine Geistesverwandtschaft, begründet in ihrem vergleichbaren Schicksal. Ohne daß sich nun eine Freundschaft zwischen beiden entwickelt, wie man sie üblicherweise versteht, verbringen sie doch viel Zeit miteinander, denn nur sie, die sie sich in den anderen hineinversetzen können, bringen es fertig, mit dem anderen zusammen zu sein. So bilden ihre Traumata, ihre seelischen Verletzungen, das Zentrum einer Beziehung, die näher nicht werden kann, die nur in Respektieren der Grenzen Bestand haben kann. Ich musste beim Lesen unwillkürlich an Atome denken, die stabil sind, weil die Elektronen auf definierten Bahnen um das Zentrum kreisen, an Fermionen, Teilchen die sich immer in irgendeiner der sie charakterisierenden Quantenzahlen unterscheiden müssen, nie denselben Zustand einnehmen können (die Physiker mögen mir diese Formulierungen verzeihen….). Oder eben an die titelgebenden Primzahlzwillinge, nah aber immer mit Abstand….

Das Buch, das Erstlingswerk des Autoren, hat in Italien den renommiertesten Literaturpreis erhalten, zweifelsohne verdient. Es ist ein gutes Buch, eine sensible, einfühlsame, bilderreiche Sprache, die sich in die verquere Gefühlswelt ihrer Protagonisten hineintastet, nicht wertend, neutral, aber mit Sympathie. Sie erfasst die Probleme Heranwachsender, sich als Individuen zu definieren wo sich sich doch im Übergang befinden und zeigt die Unerbittlichkeit, mit der das Leben Wunden schlagen kann.

Und doch: eine Sache stört mich: Giordano beschreibt ja nicht zwei Jugendliche, die sich aufgrund ihrer Schwächen oder Stärken oder allgemein, ihrer individuellen Eigenschaften, von anderen absetzen, nein, er wählt sich zwei Kranke, seelisch auf Äußerste Verletzte zu seinen Protagonisten. Und über einen Zeitraum von 24 Jahren soll wirklich jeder, der mit ihnen zu tun hatte, die Augen zugemacht haben, kein einziger Versuch, ihnen zu helfen? Alice baut jahrelang zu Hause vor ihren Teller eine optische Wand aus Flaschen, Gewürzstreuern und ähnlichem auf, um dahinter unbemerkt (?) das Essen in ihre Serviette schaufeln zu können, um es dann im Klo zu entsorgen. Und in ihrer Ehe mit einem Arzt (!) führt sie das fort. Und niemand nimmt Anstoß daran, versucht ihr – wie auch immer – zu helfen?? Nein, das ist mir zu dick aufgetragen, das stört mich. Ähnlich bei Mattia, der sich dauern aufschlitzt. Nun ja, Verband drauf und das war es dann…. Nein, auch wenn das nicht das Thema des Buches ist, das kann ich mir so nicht vorstellen. Giordano erzählt hier ein Krankengeschichte und niemand merkt es. In gewissem Sinne missbraucht er seine Hauptpersonen, um ein Bild zu finden für die Einsamkeit des Menschen in seiner Welt, in der er anderen nahe kommen, sie aber nicht erreichen kann. Es ist aber nicht Einsamkeit, die er beschreibt, sondern Krankheit, seelische Verletzung zweier Menschen, die die Unfähigkeit nach sich zieht, wirkliche Nähe zu anderen zu finden. Und daß Alice und Mattia selbst sich zueinander gezogen fühlen, liegt einfach daran, daß sie sich so ähnlich sind und sie sich daher verwandt fühlen in in der Menge der Menschen um sie herum, die ihnen fremd ist. So ähnlich wie man es manchmal erlebt, wenn man weit weg von zu Hause auf Menschen trifft, die (relativ gesehen) aus der Nähe kommen: man hat sofort einen Bezug zu ihnen, mehr jedenfalls als zu den Fremden, unter denen man sich aufhält…..

Facit: “Die Einsamkeit der Primzahlen” ist ganz sicher ein gutes, lesenswertes, nachdenkenswertes Buch, das für mich aber diesen einen, erwähnten Schönheitsfehler hat, der die Gültigkeit dessen, was Giordano uns sagen will, doch stark relativiert.

Links:
- eine Buchvorstellung im NDR mit Audio
- Wenn jemand ein wenig mehr über Primzahlen erfahren will….

Paolo Giordano
Die Einsamkeit der Primzahlen
Karl Blessing Verlag, August 2009, HC, 368 S.
ISBN-10: 3896673971
ISBN-13: 978-3896673978

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20 Responses to “Paolo Giordano: Die Einsamkeit der Primzahlen”

  1. kirill Says:

    Das erste Kapitel hat mich echt gepackt: ich las dieses Buch – gegen die Uhr – in einem Zug.
    Weiss zwar noch nicht, was ich davon halten soll – doch das Lob ist gerechtfertigt.

  2. Eva Says:

    Danke für diese Rezension! In meiner Familie sind gestörtes Essverhalten und Selbstverletzung leider auch Thema, deshalb bin ich wirklich gespannt auf diesen Roman und wie die Autorin mit diesen Themen umgeht!
    Das ist das erste Buch das auf meine Weihnachtswunschliste kommt :)
    Lg, Eva

  3. Eva Says:

    So, jetzt hab ich’s gelesen :)

    Hat mir zwar gut gefallen, sprachlich war es okay und die Geschichte war auch nicht uninteressant, aber irgendwas hat gefehlt. Es ist einfach nicht wirklich was hängen geblieben, keine besondere Szene und auch kein außergewöhnlicher Gesamteindruck.
    Aber ich war positiv überrascht davon wie die Essstörungs- und Selbstverletzungsproblematik dargestellt wurde, nämlich sehr dezent und nicht mit den üblichen Klischees belegt, das fand ich gut.
    Am Ende dachte ich “oje, hoffentlich kommen die jetzt nicht wirklich zusammen”, und obwohl dem eh nicht so war, war ich mit dem Ausgang nicht zufrieden, weil er mir einfach zu positiv war ;)

    Ich hab das Buch gern gelesen (in einem Rutsch durch sogar), aber wirklich im Gedächtnis bleiben wird es mir glaub ich nicht, nur der Vergleich mit den Primzahlen vielleicht, das fand ich ein sehr schönes Bild. Es hat mir einfach an ein bisschen Tiefe gefehlt, aber wo man die hätte hineinbringen können kann ich selbst nicht genau sagen. Vielleicht empfinde ich das so durch die die lange Zeitspanne und die Zeitsprünge.

    Das war dich stört, dass niemand das in der langen Zeit bemerkt hat, halte ich schon für realistisch, weil vor allem Eltern oft nur das sehen können was sie sehen wollen, nicht aus Bösartigkeit sondern aus Selbstschutz. Aber dass Alices Mann da auch so blind ihrem Essverhalten gegenüber war ist wirklich übertrieben.

    Jetzt hab ich soviel geschrieben, da hätt ich gleich eine eigene Rezension schreiben können ;)

    Schönen Sonntag noch und liebe Grüße, Eva

    • flattersatz Says:

      “Das war dich stört, dass niemand das in der langen Zeit bemerkt hat, halte ich schon für realistisch, weil vor allem Eltern oft nur das sehen können was sie sehen wollen, nicht aus Bösartigkeit sondern aus Selbstschutz. Aber dass Alices Mann da auch so blind ihrem Essverhalten gegenüber war ist wirklich übertrieben.”

      Da du angedeutet hast, daß dies ein Thema ist, bei dem du Erfahrung hast, muss ich dir das glauben. Vorstellen kann ich es mir trotzdem nicht. Ich habe neulich eine Bekannte, die ich länger nicht sah, zur Begrüßung umarmt und war erschrocken, weil ich soviele Knochen spürte….
      Selbstschutz der Eltern: ja, das mag sein, daß man einfach die Augen zumacht, weil man einfach auch nicht weiter weiß. Und ganz sicherlich kann man letztlich nur den Menschen helfen, die sich helfen lassen wollen. Trotzdem…..

      Hab ein schönes Wochenende…. und danke für deine kommentare!

      lg
      fs


  4. [...] Mich hat das Buch zutiefst gerührt und ausgesprochen gut gefallen. Mit schöner Musik im Hintergrund war es genau das richtige für kalte Weihnachtsfeiertage. Eine etwas kritischere Rezension gibt es bei aus.gelesen. [...]

  5. martha Schädelin Says:

    Ich habe das Buch mit Spannung durchgelesen, war aber immer irritiert und fühlte mich auf die Folter gespannt. Es ist ein doppelter Krankenbericht, doch, medizinisch gesehen, unrealistisch. Kaputt sind die beschriebenen Hauptpesonen und abgelöscht die Eltern.
    Fast wütend habe ich das Buch beendet.
    Fasziniert haben auch mich die physikalischen Beschreibungen, man merkt, dass der Autor Physiker ist, in Physik ist er klar, sonst eben zu unrealistisch. Martha

    • flattersatz Says:

      Danke für deinen Kommentar!

      Ich bin mit dieser Krankengeschichte ja auch nicht ganz glücklich gewesen, auch wenn z.B. Eva in einem Kommentar meint, so eine Blindheit gegenüber Essstörungen könne sie sich durchaus vorstellen… ein wenig ja, so ausgeprägt habe ich meine Zweifel.

      lg
      fs


  6. Eine sehr gelungene, aussaggekräftige Rezension! Was deine Kritik angeht, da hatte ich ja in meinem Blog schon angedeutet, dass ich das leider sehr realistisch finde und sehe mich darin durch Evas Kommentar und persönliche Beobachtungen (zum Glück nicht Erfahrungen) auch bestätigt.
    Was aber nicht heißen soll, dass du dies nicht trotzdem kritisieren kannst. ;)

    Liebe Grüße,
    Nina

    • flattersatz Says:

      Ich danke dir für deinen Kommentar.. Vllt habt ihr Recht, manchmal ist man zu schwach, man läßt die Dinge einfach laufen, schaut weg oder gewöhnt sich an sie…. andererseits sind die beiden auch nicht so angelegt, als hätte man ihnen helfen können…

      liebe grüße
      fs


  7. ich habe das buch soeben zu ende gelesen und – obgleich ich in der regel um worte nicht verlegen bin – weiß ich dazu nichts zu sagen.

    hier und da fand ich es sprachlich sehr schön gelöst, aber diese sich auf 400 seiten erstreckende krankengeschichte hat mich deprimiert und – ich gebe es zu – auch etwas gelangweilt. vor allem mattias laxheit hat mit regelrecht aggressiv gemacht …

    LG, m.

    • flattersatz Says:

      es ist bei mir jetzt zwar schon etwas länger her mit dem buch, aber ich kann ganz gut nachvollziehen, was du meinst… als leser möchte man diesen gordischen knoten seelischer verkrüppelung einfach durchschlagen…..
      danke für deinen kommentar, vielleicht fällt dir beim nächsten buch ja mehr ein…. ;-)
      lg
      fs

  8. Ada Mitsou Says:

    Mit anderen Worten trifft deine Rezension in weiten Teilen genau das, was ich über das Buch denke, vor allen Dingen dein Fazit.

    Zum Thema Bemerken: Ich habe Erfahrungen mit Menschen gesammelt, die sich selbst verletzen und ich denke auch, dass Eltern nicht alles sehen können und wollen, was für andere offensichtlich ist. Doch in dem Buch werden Grenzen überschritten, die man nicht mehr ignorieren kann. Zumal sich Mattias Eltern durchaus Sorgen um ihn und sein Befinden machen (siehe soziale Kontakte, sexuelle Neigungen usw.). Ich finde es unrealistisch, dass sein autoaggressives Verhalten dann nicht zum Thema wird, gerade weil es nicht nur unauffällige Kratzer sind, sondern er sich regelrecht die Hand aufschlitzt. Das kann man als Eltern in meinen Augen einfach nicht mehr über Jahre hinweg ignorieren.

    In unserem Freundes- und Bekanntenkreis waren Autoaggressionen durchaus ein Thema, das nicht totgeschwiegen wurde, auch wenn der Umgang damit sehr dezent und vorsichtig war. Wenn man jemanden liebt, dann kann man irgendwann nicht mehr wegsehen, sondern möchte denjenigen beschützen, auch wenn das nicht einfach ist. So war es bei uns.

    • flattersatz Says:

      liebe ada,

      ja, das scheint ein phänomen zu sein, das man als aussenstehender so nicht wahrnimmt: daß die menschen, die solchen kranken am nächsten sind, die symptome der krankheit nicht erkennen (das ist ja auch in anderen kommentaren hier ein diskussionspunkt gewesen).

      totschweigen in der hoffnung, daß alles einfach eines tages verschwindet und nicht wahr gewesen ist, ist sicher die eine der schlechtesten varianten, mit dem thema umzugehen. aber ich kann mir vorstellen, gut vorstellen, daß es ein unheimlich zermürbendes thema ist, auch eins, bei dem die gefahr besteht, daß man irgendwann resigniert….. da brauchen auch die helfer hilfe…..

      danke für deinen kommentar, ich freu mich immer drüber!
      fs

  9. Natan Says:

    Ich bin nicht ein regelmässiger Leser solcher Romane, hatte jedoch das Bedürfnis andere Meinungen zu diesem Buch zu hören und fand mich in vielen Kommentaren auf dieser Seite teilweise Bestätigt.

    Zunächst doch zum Positiven:
    - Der Schreibstil gefällt mir gut. Ich bin einer, der ziemlich schnell ein Buch zur Seite legt, wenn mich das Ding nach 50 Seiten nicht packt. Giordano hat jedoch einen Schreibfluss und eine Sprache, die mich zu packen vermag (kurze Kapitel -> Fetzen zu Beginn, längere Szenen am Ende).
    - Die Vielfalt der Nebencharakteren und -schauplätzen ist ziemlich bunt und gut recherchiert. Besonders am Anfag vermag das den Leser zu packen, wirkte für mich jedoch gegen den Schluss abnehmend.

    Zum Negativen:
    - Ich kann Eva nur ganz fest zustimmen, dass mir ebenfalls ein Tiefgang stark fehlte in diesem Buch. Die zwei Hauptprotagonisten bleiben ihr ganzes Leben hindurch Kinder, die nicht Erwachsen werden wollen. Keiner übernimmt Verantwortung für sich, über seine Gefühle und Wunden. Die Kraft der Liebe würde es nämlich vermögen dies zu heilen, Mattia und Alice bleiben jedoch auf der Oberfläche und weichen der Realität aus. Ich kann mir kaum vorstellen, dass man solch starke Traumas aus der Kindheit so lange unterdrücken kann, und da stimme ich den meisten Kritikern zu, dass gar niemand hinschaut mag zwar vorkommen, ist aber trotzdem komisch. Auch die Charaktere der Eltern sind ziemlich eindimensional und werden zu wenig durchdrungen.
    - Normalerweise steht für mich persönlich die Atmosphäre einer Geschichte absolut im Zentrum und das Ende interessiert mich oft nur beiläufig. In diesem Buch jedoch wartete ich ständig auf den Ausgang dieser Geschichte und erhoffte ein überaschendes Ende. Ich bin absolut kein Fan von sülzigen Happy Ends, die den Leser einen ruhigen Schlaf bescheren sollen, war jedoch ziemlich entäuscht über das Ende dieses Buches. Denn diesen zwei wäre nur eine Freilegung ihrer Seele zum Ende eine Hilfe gewesen, in welcher Form auch immer. Ein kitschiges Happy-End wäre da für mich sogar realistischer gewesen, als dieses Schweigen und Weiter-vor-sich-hinvegetieren.

    Es war angenehm zu lesen, abwechselnd geschrieben, aber wie schon ein(e) Vorredner(in) muss ich sagen, tief in Erinnerung wird mir dieses Buch wohl kaum bleiben. Aber es war allemal unterhaltsam.


  10. [...] Informationen: Paolo Giordano @ Wikipedia – aus.gelesen – Rezension und ausführliche Inhaltsangabe von Dieter [...]


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