Jürgen Bauer: Ein guter Mensch

10. September 2017

Jürgen Bauer ist ein junger österreichischer Autor, der mit Ein guter Mensch seinen mittlerweile dritten Roman vorgelegt hat [1, 2]. Es ist ein dystopischer Roman, der in einer nahen (?) Zukunft spielt (es werden noch fossile Betriebsmittel verwendet), in einem von Trockenheit gepeinigten Mitteleuropa, in dem Wasser ein kostbares Gut geworden ist, das rationiert und nach einem bestimmten Plan unter die Menschen verteilt wird.

Der Ort der Handlung liegt ‚dazwischen‘: im Norden ist es noch wasserreicher als hier, im ‚Süden‘ dagegen ist es noch trockener. So nehmen die Wanderungsbewegungen nicht wunder: viele der Bewohner haben sich nach Norden aufgemacht, vom Süden her rollt dagegen eine von Gerüchten über paradiesische Verhältnisse gespeiste Flüchtlingswelle in das trockene Land. Mit diesem Szenario, in dem sich kaum versteckt aktuelle politische Ereignisse niederschlagen, ist Bauers Roman auch der Versuch eines Kommentars zu diesen überregionalen Migrationsbewegungen, die durch eine Ungleichverteilung materieller Güter verbunden mit der Hoffung auf die Verbesserung der eigenen Verhältnisse ausgelöst wird.

Wir finden in Bauers Roman das wieder, was uns auch die Realität bietet: Mauern, Flüchtlingslager, Containerdörfer, Hoffnungslosigkeit, Verwahrlosung, Drogenkonsum, Aggressivität. Die Flüchtlinge sind die ersten, bei denen gekürzt wird, wenn die Zuteilungen mal wieder verknappt werden müssen, die ärztliche Versorgung ist schlecht, sie werden in den Lagern eingepfercht gehalten.

Die Hoffnungslosigkeit hat das Land fest im Griff, der Egoismus der Menschen nimmt zu, jeder denkt nur noch an sich, Neid herrscht und Misstrauen. Es dürstet, der Drang nach Wasser ist so allbeherrschend, daß Menschen (‚Die Durstigen‘) sich die Pulsadern aufschneiden, nur um ins Krankenhaus eingeliefert zu werden und dort zu Trinken zu erhalten, Tote sind keine Seltenheit. Rationierungen in der Strom- und Treibstoffversorgung tun ein Übriges zur Verschlimmerung der Lage. Und über allem die schier unerträgliche Hitze mit der gleissenden Sonne.

Inmitten dieser Zustände formiert sich mit ‚Die dritte Welle‘ im Land eine innere Protestbewegung aus jungen Leuten, die abstreiten, daß Wasser ein knappes Gut sei, die es im Gegenteil öffentlich für kindisch anmutende Spiele verschwenden und die so die herrschende Aggressivität unter den durstenden Menschen noch steigern.

Über alles herrscht das „Institut für Notfallbewirtschaftung“, das per Radio seine Parolen und Dekrete ex cathedra verkündet, ansonsten aber anonym und ohne Gesicht bleibt. Es ist wie eine unangreifbare Macht, die ihre Entscheidung nicht diskutiert, sondern sie zur Not mit Gewalt durchsetzt.

In diesem Szenario versucht Bauers Hauptfigur dem Titel gerecht zu werden, ein guter Mensch zu sein und zu bleiben. Marko Draxler ist Fahrer eines Tankwagens, damit er einerseits derjenige, der Wasser bringt, andererseits tut er das streng nach Plan, denn nur die Einhaltung des Plans garantiert, daß die Ordnung aufrecht erhalten wird. Wir helfen, so gut wir können. So gut wir dürfen…. erwidert er seinem Kollegen, als er an der Frau, die sich aus Durst und Verzweiflung die Pulsadern aufgeschnitten hat, vorbeifährt, das Problem ist, daß sie eben nicht dürfen….. Ein guter Mensch?

Was überhaupt ist ein ‚guter Mensch‘ in solchen Ausnahmezeiten? Ist es Kali, die Ärztin, die sich um die Menschen im Krankenhaus kümmert, ist es der ansonsten hallodrige Aleksander, der – in diesen Zeiten! – die ungewollte Rolle eines werdenden Vaters annimmt? ‚Gut sein‘ ist immer auch eine Sache der Position, aus der man es betrachtet oder der Angelegenheit, um die es geht: so pflichtbewusst, wie Marko der Durstigen seine Hilfe verweigert, so sehr kümmert er andererseits um seinen kranken Bruder Norbert, der weiterhin auf dem völlig verwahrlosten und verlassenen elterlichen Bauerhof lebt…. Nicht nur für Norbert, für viele Menschen ist Marko ein Anker in diesem trostlosen Leben: er vermittelt Arbeit, wenngleich nicht an jeden, er kümmert sich, er hält seiner Frau, die ihn verlassen hat, um in den Süden zurück zu ihren Eltern zu gehen, die Treue. Aber im Lauf der Wochen und Monate wachsen die Zweifel, bekommt das Selbstbild Markos Risse, immer mehr setzt ihm sowohl die äußere Situation als auch seine persönliche zu, bis er am Ende der Geschichte einen Entschluss fasst.


Das Umweltbundesamt erwartet bis 2100 für Mitteleuropa eine Zunahme der Hitzewellen [3]. Vor diesem Hintergrund hat Bauer seinen Roman entwickelt, der sich sowohl mit den politischen, den sozialen als auch mit persönlichen Auswirkungen einer ins Apokalyptische hin gesteigerten Trockenheit und Hitze befasst. Diese umfassen nicht nur den Mangel an Wasser zum Trinken, sondern bedingen eine Verwahrlosung der gesamten Gesellschaft, da auch grundlegende Bedürfnisse der Hygiene nicht mehr eingehalten werden können, Krankheiten zunehmen, asoziales Verhalten gegenseitige Rücksichtnahme verdrängt.

Unter diesen Umständen ein ‚guter‘ Mensch zu bleiben – unabhängig wie dieses ‚Gutsein‘ definiert wird – ist schwierig bis unmöglich, zu gegensätzlich die Positionen, die vereint werden müssten. Damit tritt automatisch die Frage nach Verantwortung und Schuld auf die Bühne, auf die der Autor aber nicht weiter eingeht. Er schildert seinen Protagonisten als eingebunden in ein anonymes Versorgungs- und Zuteilungssystem (dessen Erscheinungsbild mich an ‚Big Brother‘ in Orwells 1984 erinnert hat), dessen Vorgaben er erfüllt. Die Gegenposition zu diesem Marko bildet Kowalski, sein unmittelbarer Vorgesetzter, der korrupt ist und später auch abgelöst wird – Marko weigert sich in dieser Situation die Nachfolge anzutreten, er bleibt lieber als subalterner Tankwagenfahrer ohne die Last, Entscheidungen treffen zu müssen.

Ein guter Mensch ist ein schmaler Roman. Bauer beschränkt sich auf kurze Szenen, aussagekräftige Dialoge wechseln mit Beschreibungen und Schilderungen. Sein ‚Bühnenbild‘ ist auf eine heute für unsere Region (noch) nicht Extremsituation angelegt, die neben der physischen Not sämtliche Normen des Alltagslebens außer Kraft setzt und damit Fragen nach Schuld und Verantwortung, nach Gut und Böse aufwirft. Die politische Führung, vertreten durch das Institut für Notfallbewirtschaftung, wird seiner Verantwortung nicht gerecht, es gelingt ihr nicht, eine Ordnung aufrecht zu halten, umstürzlerische Umtriebe zu verhindern: Wir sind Gefangene von unvernünftige Positionen. … Man verkauft uns unsere Gefangenschaft auch noch als alternativlos. Wir hätten keine Wahl! Aber das glauben wir nicht mehr!

Ein guter Mensch ist dystopisch, klaustrophobisch und konsequent. Er treibt die zu erwartende Klimaänderung ins Extreme und seine Auswirkungen auf das menschliche Miteinander erschrecken, sind aber leider durchaus plausibel. Es ist ja nicht so, als ob es solche Phänomene in Ansätzen nicht schon zu beobachten gäbe oder gegeben hätte, vielleicht nicht gerade bei uns, aber dies ist weiß Gott keine Garantie für die Zukunft. Bauer jedenfalls ist ein Autor, der mit seiner fesselnd formulierten Geschichte zum Nachdenken verführt.

Links und Anmerkungen:

[1] Homepage Jürgen Bauers
[2] Jürgen Bauer: Was wir fürchten; Besprechung hier im Blog:
[3] http://www.umweltbundesamt.de/themen/klima-energie/klimawandel/zu-erwartende-klimaaenderungen-bis-2100

Aufgestoßen ist mir….:

Das erste Kapitel trägt die Überschrift: 2.-3. April. Auf S. 17 heißt es dann: …. auf dem Maisfeld stehen nur wenige Pflanzen aufrecht. Bald liegt Popcorn auf den Feldern. Mais jedoch wird erst im Frühjahr (bis Anfang Mai) gesät und braucht eine gewisse Bodenfeuchtigkeit zum Keimen, keineswegs hat er (in Mitteleuropa) Anfang April schon Kolben geschoben… es sein denn in einem Roman über Gentechnik…..

Der große Waldbrand ab S. 64: „Noch ist es weit genug entfernt“, … „Sicher fünfzig Kilometer. ..“ Fünfzig (!) Kilometer und wie geht es weiter im nächsten Satz: An die zwanzig Meter hoch schlagen die Flammen inzwischen und erleuchten das ausgetrocknete Flussbett und die Landschaft davor. Die Strommasten auf den Feldern werfen riesenhafte Schatten… Marko und seine Freunde mögen halb vertrocknet sein, die Augen jedenfalls sind allem Anschein nach noch gut…..

Jürgen Bauer
Ein guter Mensch
diese Ausgabe: Septime, HC, ca. 220 S., 2017

Ich danke dem Autoren für die Überlassung eines Lesexemplars.

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