Dagmar Fedderke: Couchette

14. November 2012

Angesichts der Hype, die sich um die „Shades of Grey“ entwickelt hatte, habe ich mal wieder bei mir im Regal unter „F“ nachgeschaut, „F“ wie Fedderke: Die Geschichte mit A., auch eine Beziehung, die submissiv ist, welche, so wie ich denke, das neuere Werk qualitative weit übertreffen dürfte. Wie dem auch sei, ich habe mir bei dieser Gelegenheit ein anderes Büchlein der Autorin herausgesucht, daß ich schon lange nicht mehr in der Hand hatte, trotz des durchaus ansprechenden Covers….

In „Couchette“ versammelt Fedderke 12 Geschichten, Episoden, bei denen es um die Liebe geht, um Momente, Augenblicke des großen oder auch kleinen Gefühls, das einen für eine zeitlang sprachlos mit Glück oder auch nur für einen Wimpernschlag mit Lust füllen kann. Es ist aber weniger der Sex, der hier im Vordergrund steht, es ist mehr die Erotik, das Knistern zwischen Mann und Frau, die Wechselwirkung und – last not least – sind es Reflexionen über das weibliche Selbstbewusstsein, das Frausein.

In ihrer Titelerzählung reist die erzählende Malerin im Nachtzug, sie sinniert über den Anblick der Aussenwelt in ihrer Unwirklichkeit, in der sie im vorbeihuschenden Zugfenster erscheint, lautlos, still, irgendwie irreal… Von den sechs Schlafplätzen sind nur drei belegt, sie geht nachts noch einmal auf den Gang, eine Zigarette rauchen, allein sein mit ihrem Gedanken. Sie ist nicht die einzige, die aufgewacht ist, ein junger Mann aus ihrem Abteil kommt ebenfalls auf den Gang, sucht die Toilette auf und bleibt dann im Abstand von ihr draußen. Sie flieht diese Gesellschaft, die sie stört und geht wieder in ihr Abteil, in ihre Nische, wartet, daß der Gang frei wird… dann hört sie, daß der junge Mann wieder in das Abteil kommt und sie spürt sich beobachtet, betrachtet, bestaunt, bewundert. Sie fühlt sich wie eine Frau auf einem Gemälde, hingestreckt auf einer Liege und von den Besuchern der Ausstellung ob ihrer Schönheit bewundert. Es wird zum körperlichen Gefühl, er erfüllt sie, streckt ihren Körper, sie streicht über ihn, über ihre Brüste, ihren Leib, ihre Beine… sie fühlt sich schön, begehrt von dem unbekannten Betrachter, den sie nicht sehen kann, der sie nicht sehen kann. Eine erregende Situation, der sie sich hingibt….

Am Ziel angekommen kommt sie mit dem jungen Mann aus ihrem Abteil ins Gespräch, gibt ihm ihre Karte und lädt ihn in ihr Atelier ein. Er kommt auch zu Besuch, eindeutig ist die Aufforderung der Frau, aber der Zauber dieses nächtlichen Moments im Couchette, den bringt er nicht mit… und so endet dieses Treffen mit einer Enttäuschung, der besondere Moment, der Zipfel des Glücks, der einen streift, wenn alles bereit ist, dieses Berührtwerden zu empfangen, ist nicht wiederholbar…

Gibt es diesen Blitzeinschlag, der durch einen einzigen Augenkontakt hergestellt wird, der einen Menschen stante pede aus seinem Universum herauskatapultiert und ihn die Verheißung, das Verlangen nachgehen läßt, ohne Reue, weil kein schlechtes Gewissen existiert? Unserer weiblichen Hauptperson, nicht mehr ganz jung, in glücklicher Ehe auf der -zigsten Honeymoon-Reise unterwegs, scheint dies zu passieren, im Eurostar, unter dem Wasser des Kanals entstehen auch andere Strömungen…

Das Fernsehen will ein Portraits mit ihr machen, Thema ist natürlich ihr Buch. Für diese Sendung, die sie in ihre eigene Vergangenheit zurückführt, soll sich die Autorin für eingestreute Clips noch einmal zurück verwandeln in die Frau von damals… sie sucht in ihren Schränken nach der  Wäsche, die sie damals trug, dem Corsett, den bestrapsten Strümpen, den Handschuhen.. und mit dieser Hülle kommt auch ein wenig das Gefühl wieder zurück… Beim Dreh kommt es mit dem Kameramann, der sie (es ist sein Beruf) sehr intensiv anschaut und wahrnimmt, zu einem sehr subtilen Spiel, sie wälzt sich, räkelt sich, geniesst das Gesehenwerden: „..Mir ist, als schmuse er, vereinige sich mit seiner Kamera über mir, meinen lasziven Leib….

Erotik, Sex ist das natürliche Bedürfnis des Körpers und damit auch des Menschen, es läßt sich nicht trennen. Es wird unterstützt durch Jahrtausende Kultur, die sich äußert in der Art sich zu kleiden, sich zu geben, sich zu benehmen. Gerade die Kleidung, die äußere Hülle ist ein wichtiges Requisit, das Sicherheit verleiht, Männer zu Bewunderung animiert: „.. Vous êtes ravissante, Madame….“ , Sie sehen fabelhaft aus, sie sind hinreissend…. Natürlich sein bedeutet, sich wieder zurück zu bewegen in der Zeit, Tausende Jahre Kultur zu ignorieren… „Am liebsten habe ich dich, wenn du noch ungeschminkt und nicht zurecht gemacht bist!“ Frau sollte dem nicht glauben….

Quel Malheur! Die zwei Kugeln, als Handschmeichler von der Freundin geschenkt bekommen, erinnern und rufen ins Gedächtnis zurück diese fernöstlichen Kugeln, nicht für die Hand gedacht…. eine nimmt ihr Körper in seine feuchte Höhlung auf, die zweite verweigert er genauso wie die erhoffte Wirkung der ersten… doch auch hergeben will er sie nicht mehr… Quel Malheur!, denn am nächsten Tag will sie doch mit ihrem Mann in Urlaub fahren, seit langem wieder mal Urlaub und – natürlich – die Blockade muss weg und der Mann, ihr Mann, soll davon auch nichts erfahren… ihrer Ärztin gelingt die Hilfe nicht, sie muss sie ins Krankenhaus, der Eile wegen in die Notaufnahme schicken, auch dort Probleme, eine richtige OP mit Narkose wird fällig, Komplikationen treten auf, starke Blutungen, ihr Körper, der nie Kinder auf die Welt brachte, will die Kugel nicht hergeben… und auch für sie, die nicht mehr ganz junge Frau, wird diese Kugel zu mehr, erinnert sie an ihre Abtreibung in frühen Jahren, gewinnt so Bedeutung für sie…

Fedderke beherrscht die Kunst, erotische Spannung aufzubauen, ohne daß sie dies verbal deutlich machen muss. Vergeblich wird man nach den üblichen Begriffen suchen, die normalerweise geschlechtliches und seine Werkzeuge bezeichnen, in diesen Geschichten sind Erotik und Sex integraler Bestandteil des Lebens. Fedderke reflektiert über diese Momente, über weibliches Selbstbewusstsein, über das Verhältnis der Geschlechter, über ihre eigene Rolle: „Wo bin ich zu Hause? In der Bügelfalte? Im Zug? Auf dem abgesoffenen Besenstiel im Katastrophenwasser?

Die Erzählungen dieses Büchleins sind in der Ich/Wir-Form geschrieben. Inwieweit sie autobiographische Elemente enthalten, wird die Autorin wissen.. jedenfalls ist die Erzählerin wie auch Fedderke Künstlerin, sie schreibt und malt wie diese…  ein häufiger Begleiter/Geliebter/“mon homme“ der Hauptperson ist ein gewisser „Jack“, der ihr bei aller auch körperlichen Vertrautheit immer auch ein wenig fremd ist und bliebt, so wie auch sie, die Künstlerin, ihm.  Ihre Bilder z.b., die sie in ihrer Wohnung aufhängt, um ihm etwas von sich zu zeigen, nimmt er praktisch nicht zur Kenntnis… (was eine Freundin, bei der sie sich beklagt, in etwa so kommentiert: „Was ein kluger Mann! Er schweigt zu Dingen, von denen er nichts versteht…“). Ordnet sie sich ihm unter im täglichen Leben, nimmt sie bei aller Reflektiertheit auch die Rolle der Hausfrau an? Der Band enthält eine Geschichte, in der Fedderke die Vorbereitungen für eine Reise schildert. Ihr organisierter Jack widmet sich der seiner morgendlichen Hygiene und packt dann seinen Koffer mit den ausgewählten Sachen, während sie hetzt und eilt, um die Zutaten für das gemeinsame Frühstück zu besorgen, in einer genau ausgetüftelten Reihenfolge der Geschäfte, alles nach Hause schleppt, das Frühstück zurecht macht, versucht, die Sachen für den eigenen Koffer auszuwählen, zum Schluss noch Abräumen, Abwaschen, die Blumen in den Vasen entsorgen, während ihr Geliebter sich seinem Koffer widmet… Eine „verstörende“ Szenerie („Reisefieber“), die – obwohl sie keine sexuelle ist – in ihrem Rollenverständnis eher zu A. passen würde…

„.. fremd ist und bleibt“ habe ich oben geschrieben. Es ist ein Element, das sich immer wieder findet in den Geschichten: trotz aller Nähe, trotz zusammen leben und – schlafen, es bleibt immer eine Restdistanz, eine Fremdheit bestehen… „…Wir sind uns sieben Jahre lang vertraut und fremd geblieben.“ schreibt sie als letzten Satz einer ihrer Geschichten („Schöner fremder Mann“)…. ist diese Fremde unvermeidlich zwischen Mann und Frau, wird immer irgendwo ein Bereich sein, den der andere nicht verstehen kann, in den er sich nicht einfühlen kann – und der vllt gerade deswegen einen immerwährenden Reiz, Anreiz bietet, an dem man sich reiben kann, um wieder zu entflammen? Wer weiß dies schon so genau….

Lassen wir an dieser Stelle, zum Schluss, der Autorin noch einmal das Wort oder die Antwort…..

Ich glaube, es ist das Element der Sehnsucht, die unerfüllt
bleiben muß. Vielleicht ist es das Rätsel, das Geheimnis, das
uns liebesfähig macht. Nicht der Erfolg. Nicht der Orgasmus.
Nicht das glühende Glück.

Dagmar Fedderke
Couchette
Konkursbuchverlag, HC, 192 S., 1998
Abbildungen im Text von Alexandre Dupoux und Berndt Milde

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4 Responses to “Dagmar Fedderke: Couchette”

  1. Schutzengel Says:

    Da dieses Büchlein natürlich schon wieder vergriffen ist, mußte ich es „unordentlich“ bestellen, denn Sie haben mich neugierig gemacht mit Ihrer Besprechung, lieber Flattersatz.
    Die Fremdheit, die Sie ansprechen, ist m.E. nicht nur auf Mann und Frau zu beziehen, sie trifft auf alle menschlichen Beziehungen zu……man kann sehr vertraut sein, sich einfühlen und doch zum Glück …nie Gedanken lesen….
    Ich lasse mich überraschen und werde das Büchlein auf die Heizung legen, damit sich die junge Dame auf dem Cover nicht den Podex verkühlt-:)))
    mit netten Grüßen fürs Weekend
    Karin

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    • flattersatz Says:

      ja, der popo sollte warm gehalten werden, das ist eine gute tat von ihnen…

      ach du je, diese verantwortung, wieder eine leserin, die wegen mir ein buch kauft… ich hoffe, es enttäuscht sie nicht! ;-)

      auch ihnen, liebe karin, ein schönes wochenende – oder das, was davon noch übrig ist….

      fs

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  2. so aus.gelesen……die Protagonistin ist sich ihrer Weiblichkeit sehr bewußt und spielt mit ihr…zu ihrem und der Männer Vergnügen…, sie hat ein wunderbares Körpergefühl, allerdings ist sie auch privilegiert……ihre 7-jährige Beziehung zu Jack entband sie aller finanzieller Nöte und sie bewegte sich in einem Umfeld der Haute-volée: sein Anzug von Armani, das Hemd von Yves-Saint-Laurent, das Baur au Lac, Botschafterempfänge, ihre ausgewählte Designergarderobe, der Luxus, ohne Geldsorgen schreiben zu können……
    mich hat diese Episode „Reisefieber“ auch verstört, denn da ist sie ganz in die Rolle der sich um alles kümmernden Hausfrau geschlüpft…..eher ein Dienstmädchen als Geliebte …wollte sie uns damit vor Augen führen, daß wir Frauen nie aus unserer Rollenhaut heraus kommen?
    Ansonsten haben mir diese leicht frivolen Geschichten gefallen, nicht aber die Bilder im Buch…sie wirkten fremd in meinen Augen, es ist keine subtile Erotik, sie ist mir zu direkt…
    aber das mag für Männeraugen anders aussehen -:))
    Die Fremdheit zwischen Mann und Frau wird nie zu überbrücken sein, aber sie gilt m.M. nach prinzipiell zwischen zwei unterschiedlichen Menschen egal ob Mann/Mann, Mann/Frau, Frau/Frau (s. die Geschichte Der blaue Mantel).
    Ich habe die Verführung zum Kauf, das Büchlein gab es ja nur noch spottbillig bei Amazon, nicht bereut, also bitte lieber Flattersatz, die Sorgenfalten glätten -:))

    mit leseverführten schmunzelnden Grüßen
    Karin

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