Gisa Klönne: nacht ohne schatten

nacht

Ich habe mich, da mir die beiden ersten Bücher von Klönne („Unter dem Eis“ und „Der Wald ist Schweigen“ so gut gefallen hatten, auf die TB-Ausgabe (man hat ja schließlich doch nur ein begrenzt großes Bücherbudget…) von „Nacht ohne Schatten“ gefreut. So, und was schreib ich jetzt? Bei den Leserkritiken bei amazon kommt das Buch ja sehr gut weg, aber ich muss bekennen, mir gelingt diese ungeteilte Zustimmung nicht.

Zuerst einmal grob die Handlung: ein S-Bahn-Zugführer wird ermordet, die Spuren sind mehr wie mager. Am nächsten Tag brennt eine Pizzeria in der Nähe des Tatorts ab, aus dem Keller kann ein junges Mädchen, die dort offensichtlich als Prostituierte gehalten wurde, gerade noch vor dem Verbrennen gerettet werden. Der einzige Zusammenhang mit dem Mord vom Vortrag sind erst einmal die zeitliche und die örtliche Nähe. Dann spielt noch ein Haus voller KünstlerInnen, aus dem man den Tatort auch hätte beobachten können, eine Rolle, weil nämlich auch von denen eine spurlos verschwindet. Am Schluss gibt es dann ein spannendes Ende und der Bösewicht bekommt eben das verdiente.

In der Hauptsache aber handelt das Buch von Judith Krieger, der Hauptkommissarin, die durch diesen Fall daran erinnert wird, das sie früher mal voller Idealismus feministische Ziele vertreten hat und für die Rechte der Frauen kämpfen wollte. Alles im Zusammenhang mit Prostitution ist für sie eine Erniedrigung der Frauen, insofern steht sie auch mit den geänderten liberalen Gesetzen zur Prostitution vom Dezember 2001 auf Kriegsfuss, da es ihrer Meinung nach weiterhin die Macht der Männer über die Frauen zementiert, weil es das Gewerbe praktisch legalisiert, ohne daß sich in der Praxis für die Frauen viel ändert. Damit exponiert und isoliert sie sich im Kreis der Kollegen sehr und so splitten sich auch schnell die Theorien über die aufzuklärenden Verbrechen auf. Dies führt soweit, daß Judith Krieger, die alte Kontakte aus ihrer Vergangenheit wieder aufleben läßt, sogar beurlaubt wird.

Auf der anderen Seite ist ihr Kollege Manni Korzilius. Dieser verfolgt eine andere Theorie, beide arbeiten mehr gegen- als miteinander und bekommen sich wieder in die Haare. Ein großer Teil von Manni K.s Gedankenwelt wird von Sonja beherrscht, der Frau, die er für sich erobern will. Und so hat er dann auch am Schluss im entscheidenden Moment mal wieder das Handy ausgestellt…..

Die dritte wichtige Person im Buch ist die Russin Ekaterina Petrowa, die von den Solowetzkij-Inseln stammt, samischer Abstammung ist und in Deutschland als Pathologin arbeitet und ein Modellprojekt „Häusliche Gewalt gegen Frauen“ betreut. Ihre Großmutter war Schamanin. Als Petrowa noch ein Kind war wurde diese von jungen Männern mit toten Augen geholt und aus einem Hubschrauber geschmissen („Wenn du Schamanin bist, flieg!“). Nun trägt sie dieses Trauma mit sich herum und spürt auch, daß sie das Erbe ihrer Großmutter nicht verleugnen kann. Als Pathologin sehr kompetent, hat sie große Schwierigkeiten, mit ihrer Vergangenheit umzugehen und sich auf die realen Verhältnisse, in denen sie in Deutschland lebt, einzustellen.

Soweit zu Handlung und Personen. Der Fall selbst, die Aufklärung, die verschiedenen Spuren, das ging mir alles zu wirr. Dann noch diese mystische Komponente durch die Petrowa, die psychologischen Probleme der Krieger, der sonjafixierte Manni, der unter einem Pseudonym Freierforen, Bordelle und Straßenstrich auf der Suche nach Anhaltspunkten zur Aufklärung des Falles durchforstet – irgendwie „ging“ das nicht an mich, hat mir nicht gefallen. Es wirke alles etwas zu überfrachtet, zu viel des Guten für einen einzigen Roman. Klönne hätte ihre „Botschaft“ wahrscheinlich (für mich zumindest) klarer vermitteln können, wenn sie vielen Nebenschauplätze vermieden hätte und auch der Krimihandlung hätte eine stringentere Handhabung gut getan.

Denn natürlich packt Klönne hier gesellschaftliche Entwicklungen an, die voller Probleme stecken: zum einen der „Menschenhandel“ mit jungen Frauen aus vorwiegend Osteuropa, die unter falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt, hier auf übelste Art und Weise als Ware „verheizt“ werden und zum anderen die immer größer werdende gesellschaftliche Akzeptanz von Erotik und Sex als Alltagsphänomen in z.B. der Werbung. Ein schönes Beispiel für das, was ich meine: in der Print-Ausgabe der ZEIT von dieser Woche ist unter einem Beitrag über Intimrasur (allein die Tatsache, daß die ZEIT sich dieses Themas – in ihrer „Wissen“-Seite…. annimmt) eine rasierte weibliche Scham in Großaufnahme zu sehen (im online-Beitrag übrigens nicht….). Dazu kann man sich natürlich fragen: a) warum weiblich, nicht männlich, b) warum überhaupt das Thema/ein Bild/dieses Bild (siehe online-Ausgabe), c) warum nicht auch in der online-Ausgabe das Schambild und d) hätte die ZEIT dieses Bild vor z.B. 10 Jahren ebenfalls schon gedruckt… Es sind einfach in den letzten Jahren Hemmschwellen in der Gesellschaft gesenkt worden, die auch und gerade die kriminellen Seiten des Geschäftes mit Sex begünstigen. Dies im Rahmen eines Krimis anzureißen und ggf Problembewusstsein zu wecken, ist jedenfalls positiv. Nur ist mir in diesem Roman leider nicht klar geworden, ob Klönne einen Krimi schreiben oder sich über diese gesellschaftlichen Tendenzen auslassen wollte.

Facit: weniger wäre mehr gewesen, vielleicht haben meine Erwartungen auch einfach nicht auf das Buch gepasst…. trotzdem: immer noch lohnenswertes als manch anderes Buch zu lesen.

Gisa Klönne
nacht ohne schatten
Ullstein TB-Verlag, Juli 2009, 366 S.
ISBN-10: 3548280579
ISBN-13: 978-3548280578

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