Jodi Picoult: Neunzehn Minuten

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Sterling, New Hampshire. Eine High School, wie es sie zu Tausenden in den USA gibt, alles völlig normaler Durchschnitt – bis zu dem Tag, an dem Peter Houghton das Schultor durchschritt, auf dem Parkplatz eine Bombe zündete und dann mit einem Rucksack voller Handfeuerwaffen in das Gebäude ging, um auf jeden zu schießen, den er sah. Zwischendurch frühstückte er in der Cafeteria und ging dann seinen blutigen Weg weiter, bis er schließlich (lebend) von der örtlichen Polizei überwältigt wird.

10 Tote gehen auf sein Konto, viele körperlich Verletzte und sehr, sehr viele seelisch Verletzte.

Die Fakten, so wie sie uns von Picoult dargelegt werden, sind klar. Auch am Ausgang der Gerichtsverhandlung kann nicht im Ernst gezweifelt, es gibt Hunderte von Zeugen für das Massaker.

Picoult erzählt in ihrem Buch über diesen fiktiven Amoklauf die Geschichte von Peter Houghton, dem Kind einer Hebamme und eines Collegeprofessors, der in der Familie immer so ein klein wenig die zweite Geige hinter seinem ein Jahr älteren Bruder spielt. Spätestens mit dem Beginn der Schule, dem ersten Schultag, ist klar, daß diese Jahre für Peter ein Martyrium werden.. er erweist sich als das ideale Mobbing-Opfer, er kann sich nicht wehren, ist ein Bilderbuchlooser. In den ersten Jahren hat er in Josie, der Tochter von Alex, einer Juristin, eine Freundin, die sich für ihn prügelt, die ihn schützt und ihm hilft. Doch in der Pubertät, mit den sich bei ihr einstellenden Problemen der Selbstwahrnehmung und -findung, als es für sie wichtig wird, die „richtigen“ Mitschüler zu kennen, in der richtigen Clique aufgenommen zu werden, kann sie sich den Kontakt zu Peter nicht mehr leisten. Peter vereinsamt daraufhin noch mehr, schafft sich eine Parallelwelt im Compüter, programmiert Spiele, in denen die Looser die Sportkanonen wegpusten und derart das Spiel gewinnen können.

Und als Peter dann eines Tages der absoluten Lächerlichkeit preisgegeben und zum Gespött der gesamten Schule gemacht wird, da rastet etwas in ihm aus, da erträgt er seine Situation nicht länger.

Picoult unternimmt in ihrem Buch ein kleines Wagnis, indem sie nicht einfach nur verurteilt, sondern darstellen will, daß ein junger Mensch mit entsprechender Veranlagung durch seine Umwelt in einen psychischen Zustand getrieben werden kann, aus dem heraus solche Taten erklärbar sind. Mit der Figur des Verteidigers von Peter führt sie die Posttraumatische Belastungsstörung [1] als (ein) Erklärungsmodell ein. Bei Menschen, die unter PTSD (post traumatic stress disease) leiden, findet man eine Fülle von Symptomen wie Vermeidungsverhalten (Orte, Personen, Aktivitäten), belastende Träume, intensives Leiden nach Kontakt mit auslösenden Reizen:

Psychologisch gesehen besteht kein wesentlicher Unterschied zwischen der Therapie eines jungen Menschen, der über Jahre hinweg von Mitschülern schikaniert wurde, under der Therapie einer erwachsenen Frau mit Misshandlungssyndrom. Letztendlich lautet die Diagnose bei beiden auf posttraumatische Belastungsstörung. … Wussten Sie, dass die Langzeitfolgen für jemanden, der als Kind ein einziges Mal Opfer von Schikanen war, genauso traumatisch sein können wie für jemanden, der in der Kindheit ein einziges Mal sexuell missbraucht wurde?…. Der gemeinsame Nenner dabei ist die Erniedrigung.“ [S. 300]

An die Waffen zu kommen, war für Peter leicht. Sein Vater nahm ihn schon früh mit auf die Jagd und hatte entsprechend Gewehre zu hause, beim Nachbarn fand Peter durch Zufall Pistolen in der Zuckerschüssel versteckt….So waren alle Zutaten vorhanden, aus Peter einen Amokläufer werden zu lassen.

Natürlich erinnert das Buch sofort stark an „… Kevin…“ [2], aus dem Grund habe ich es auch spontan mitgenommen. Im Stil sind sie dann doch unterschiedlich. Entwickelt Shriver ihr Buch in langsamen Schritten, greift Picoul mehr zu schnellen Schnitten. Oft wechseln die Abschnitte schnell zwischen verschiedenen Personen, Orten auch Zeiten. Es gibt eine Menge Rückblenden und auch Zeitsprünge nach vorne, auch geschieht bei Picoult das Massaker ziemlich am Beginn des Buches und sie rollt die Entwicklung von Peter von dort aus auf. Bei Shriver hingegen läuft alles auf das Massaker hin, das als quasi zwingender Abschluss eines „bösen“ Lebensweges steht.

Auch im Ansatz unterscheiden sich beide Bücher. Bei Shriver stellt Eva Khatchadourian zwar ihre Eignung als Mutter durchaus in Frage, aber im Grunde wird Kevin als böser Mensch dargestellt, den keine auch noch so gute Erziehung hätte in eine andere Bahn lenken können. Bei Peter hingegen ist die Entwicklung anders. Durchaus nicht einfach und wahrscheinlich auch nicht dem „Durchschnitt“ entsprechend, ist er jedoch trotzdem ein normaler junger Mensch, der eben nur das Pech hatte, sich als Opfer zu eignen. In einer anderen, weniger rücksichtslosen Umgebung wäre aus ihm (nach Picoult) nie ein Massenmörder geworden.

Das Buch hat mir sehr gut gefallen, auch wenn dann ab der zweiten Hälfte der nüchterne, z.T. reportagehafte Stil etwas aufgegeben wird zugunsten einer „Herz-Schmerz“-Komponente: die Elite-Juristin Alex erkennt, daß sie als Mutter versagt hat und will alles ändern, der Detective ähnelt lonesome wolf härri und verliert aber jetzt sein Herz an — na, an wen wohl? Der Verteidiger ist ohne Fehl und Tadel und sowieso der Rächer der Enterbten und das Sozialgefüge einer amerikanischen Highschool kennt keine Gnade. Und da ja auch nichts so ist, wie es scheint, muss ganz zum Schluss noch eine kleine, unerwartete Wendung ins Spiel gebracht werden….

Facit: Abgesehen von diesen Kritikpunkten (die den Lesespaß aber nicht trüben) absolut empfehlenswert.

[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Posttraumatische_Belastungsstörung
{2] L Shriver: Wir müssen über Kevin reden

7 Kommentare zu „Jodi Picoult: Neunzehn Minuten

  1. Ja, mir geht es gut, danke :) Habe nur ein paar recht aufregende Monate hinter mir, deshalb die lange Funkstille überall ;)

    Doch, das war „Bis ans Ende aller Tage“, habe mittlerweile nachgeschaut :D Ich fand das Buch schon spannend und interessant, aber die Geschichte an sich war für mich zum Teil unglaubwürdig bzw. nicht ganz nachvollziehbar, wenn ich mich richtig erinnere…

    Gestern und vorgestern habe ich „19 Minuten“ gelesen und bin hin- und hergerissen in meiner Meinung. Es war nicht schlecht in dem Sinn dass es eine typische Picoult-Geschichte ist, aber vor allem im Vergleich zu Kevin ist es dann doch zum Teil sehr klischeehaft und irgendwie zu „glatt“ (weiß nicht wie ich das sonst sagen soll). Die vielen Perspektiven haben mir gut gefallen, aber ich habe dieses Gefühl von Verstörung vermisst, das ich am Ende von „Kevin“ und „Beim Leben meiner Schwester“ hatte. Es hat mich einfach nicht so mitgenommen wie ich es erwartet hätte!

    Liebe Grüße! Eva

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  2. Danke für diese tolle Rezension, ich habe von Jodi Picoult vor einiger Zeit schon „Das Leben meiner Schwester“ gelesen, das ich sehr gut fand (ein anderes von ihr, dessen Titel ich nicht mehr weiß, hat mir hingegen gar nicht gefallen) und ich war (eben auch wegen „Kevin“ ;)) schon sehr gespannt was sie aus dieser Thematik macht! Ich glaube jetzt muss ich mir „19 Minuten“ wirklich endlich kaufen, habe gerade gesehen dass es das jetzt auch schon als Taschenbuch gibt, darauf hatte ich nämlich gewartet ;)
    Liebe Grüße, Eva

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    1. ach wie schön, lange nichts mehr voneinander gehört, ich hoffe, es geht dir gut!

      also, das lesen der „19 minunten“ lohnt sich auf jeden fall, du wirst es nicht bereuen.

      ich hoffe, der titel von picoult, der dir nicth gefallen hat, war nicht „bis ans ende aller tage“.. :-D

      liebe grüße
      fs

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    1. Nein, habe ich nicht, aber ich denke, das wird sich ändern. Ich muss sogar zugeben, daß mir der Name völlig unbekannt war…. kannst du ein Buch besonders empfehlen?

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