Michela Murgia: Murmelbrüder

30. August 2014

Michaela Murgia, die mich im vorletzten Jahr mit ihrem einfühlsamen Roman von der Accabadora [1] so begeistert hatte (ein Urteil, das mein Lesekreis neulich teilte), legt hier eine weitere, kleine Erzählung aus ihrer Heimat Sardinien vor. Die Geschichte führt uns zurück in die Mitte der achtziger Jahre nach Cabras [3], an die Westküste der Insel, wo auch die Heimat der jetzt wieder auf Sardinien lebenden Autorin liegt, es ist daher ganz sicher auch eine Geschichte, in der Erinnerungen an ihre eigene Kindheit mit einfließen.

murgia cover

Vordergründig handelt die Erzählung von drei Jungs, so um die zwölf Jahre alt, die eine Straßenfreundschaft miteinander haben, eine Freundschaft, die auf Freiwilligkeit beruht, mit Freunden, die man sich ausgesucht hat und die einem nicht durch irgendwelche zufälligen Blutverwandtschaften vorherbestimmt sind. So sind Freundschaften, die auf der Straße, beim Spiel, gegründet werden, oft haltbarer und tiefer als die durch das Blut gegebenen….

Franco und Giulio sind Kinder dieser kleinen Stadt, Maurizio dagegen kommt von ausserhalb und ist nur in den Ferien – heiß ersehnt – bei den Großeltern im Städtchen Cabras, das seinen eigenen Rhythmus hat, in der des Abends die Erwachsenen die Stühle vor die Tür rücken, auf die Straße, denn Straße und Haus sind nur zwei verschiedene Worte für ein und dasselbe, und sie lauschen der Erzählerin, die gruselige Geschichten erzählt von unerlösten Geistern und Gespenstern und das es unsere Aufgabe sei, sie zu erlösen, wie es zum Beispiel in dieser oder jener Geschichte so geschehen sei. Nicht nur die Erwachsenen, auch die Kinder hängen an den Lippen der Erzählerin, hocken sich nieder und tauchen ein in diese Bilder. Aber das Fremde hält schon Einzug: es gibt Kinder, die anders aussehen, die sich anders benehmen, die am Rand stehen bleiben: Kinder von Fremden, von Touristen, für die das hier nicht ihr Leben ist, sondern das Leben, das sie sich neugierig anschauen….

Am bezeichnendsten aber – und das ist das Eigentliche der Geschichte – ist das “Wir” unter den Menschen. “Haben wir Angst?” wird Maurizio von seinen Kumpels gefragt.. es ist die Gruppe, die zählt, die Gemeinschaft, die Freunde: das “Wir” eben… und folgerichtig führt Murgia ihren Text auf zwei Ebenen weiter: zum einen erzählt sie vom Leben der Jungs, vom Rattenmassaker, vom Fangen der Seevögel auf den mit Leim bestrichenen Schilfrohren im nahen See, vom Bau der Flöße aus den Styroporkisten der Fischfabrik… zum anderen schildert sie, wie dieses “Wir” durch eine unbedachte Entscheidung eines älteren, naiven Menschen, der immerhin Bischof ist, zerstört wird, wie auch aufgedeckt wird, daß keineswegs alle unter dieses “Wir” gefallen sind….

Der Bischof nämlich verfügt, daß die Kirchengemeinde des Ortes geteilt wird, daß eine weitere Kirchengemeinde mit einem eigenen Pfarrer und eigener Kirche eingerichtet wird. Das “Wir” wird durch eine Grenze gespalten werden in “Wir” und in “Die Anderen”, die ihrerseits ein “Wir” ausbilden, in denen viele der sich finden, die bislang ausserhalb standen. Praktische, organisatorische Fragen: in wessen Gemeinde wird das Rathaus liegen, gibt es jetzt zwei Prozessionen, wie hält man es mit den Ritualen und Heiligen, wem gehören sie jetzt, welche wird die neue Gemeinde für sich reklamieren? stehen im Raum und müssen gelöst werden – die Zähne knirschen…..

Es wird ein mehr oder weniger funktionierender Kompromiss zwischen den beiden Gemeinden geschlossen, der jedoch bei der ersten passenden Gelegenheit in einem Machtkampf ausartet: die Osterprozession bestand bisher aus zwei Umzügen, einer mit der Figur trauernden Mutter Maria, einer mit der Jesusfigur. Diese beiden wurden am dem Platz vor dem Rathaus zusammengeführt zur frohen Botschaft der Auferstehung des Herrn. Jetzt planen beide Gemeinde diese beiden Umzüge und die neue Gemeinde will sich genau wie die alte auf den zentralen Platz zum Höhepunkt der Feier begeben…..

Auch das “Wir” der drei Freund ist gespalten, Franco wechselt in die neue Gemeinde über, wird dort Obermessdiener. Bei der Prozession treffen sie aufeinander, Franco führt den einen Zug der neuen Gemeinde, Giulio und Maurizio den der alten…. Auf dem Platz treffen sie schließlich zusammen, zu einer Art Show-Down…. Wie diese brenzlige Situation letztlich durch die drei Jungs aufgelöst wird, möchte ich hier nicht verraten, es ist jedenfalls eine wunderbare, salomonische Lösung: die Freundschaft, die einst auf der Straße geschlossen worden war, lebt eben doch so tief in der Seele als daß die künstliche Grenze an der Oberfläche sie zerstören könnte….

Die drei Jungs kommen wieder zusammen, spielen wieder am See, im Schilf. Und doch hat sich etwas geändert: Maurizio akzeptiert das bedingungslose “Wir” so nicht mehr, wehrt sich gegen die Vereinnahmung durch den Plural: er hat sein “Ich” gefunden, seine eigene Meinung als Individuum innerhalb der Freundesgruppe.


Muss ich sagen, daß mir das Büchlein mit dieser kurzen Geschichte wieder sehr gut gefallen hat? Murgia versteht es, die Atmosphäre dieser sardischen Gesellschaft einzufangen und in ihren Worten zu transportieren (wobei man immer im Auge behalten muss, daß wir ja das Werk der Übersetzer(in) lesen und nicht (hier) Murgia herself…), auch aufzuzeigen, daß diese Gesellschaft langsam von den Rändern her angegriffen wird (die Touristen mit ihren neuen Sitten, die Arbeitslosigkeit bzw. Armut, die die Menschen auf´s Festland treibt….) und daß damit eine besondere Kultur in Gefahr gerät… Somit sind die Murmelbrüder eine Momentaufnahme, ja, ein sensibler, nostalgischer Rückblick auf etwas, was – das ist wohl einfach so – langsam, aber unvermeidlich vergehen wird….

Sardinien hat in Murgia eine wundervolle Stimme gefunden!

Links und Anmerkungen:

[1] Michela Murgia: Accabadora; https://radiergummi.wordpress.com/2012…../
[2] Über die Autorin:
– Homepage von Michela Murgia (auf italienisch): http://www.michelamurgia.com
– (kurzer) Beitrag auf der Wiki: http://de.wikipedia.org/wiki/Michela_Murgia
[3] Wiki-Seite zu Cabras: http://de.wikipedia.org/wiki/Cabras

Michela Murgia
Murmelbrüder
Eine Geschichte aus Sardinien
Übersetzt aus dem Italienischen von Julika Brandestini
Originalausgabe: L`incontro, Turin, 2012
diese Ausgabe: Klaus Wagenbach (Salto), HC, 120 S., 2014

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2 Responses to “Michela Murgia: Murmelbrüder”

  1. Karin Says:

    Guten Morgen, lieber Flattersatz, Ihre Besprechung hat mich animiert, mir beide Bändchen, ich habe auch nochmal die andere gelesen, als Urlaubslektüre zu bestellen, denn bisher fehlt diese Autorin in meiner Bibliothek.
    Der deutsche Titel ist wunderschön ausgewählt seitens der Übersetzerin, viel poetischer als im Italienischen, wobei das Murmeln ja das Spiel bedeuten kann, aber auch das Flüstern, Raunen.
    Jetzt werde ich nochmal bei Ihnen stöbern, was Sie mir an modernen griechischen Autoren zu bieten haben?
    Mit liebem Samstagmorgengruß
    Karin

    • flattersatz Says:

      liebe karin, der hinweis auf die weitere bedeutung des “murmelns” ist sehr schön, ich bedanke mich dafür! sie werden es bestimmt nicht bereuen, sich michela murgia zu widmen, gerade als lektüre für den urlaub ist es das genau die richtige wahl. was griechen anbetrifft, werden sie bei mir leider nicht fündig werden. das ist keine absicht, aber griechisches ist mir einfach noch nicht unter gekommen (abgesehen von ein oder zwei krimis vor ein paar jahren). dabei bin durchaus ein fan griechenlands… für tips bin ich jedenfalls dankbar!
      lg
      fs


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