Michela Murgia: Accabadora

Sardinien in den 50er Jahren. Die kleine Maria, vierte Tochter der verwitwten Anna Teresa Listru, ist ein Nachkömmling, unerwünscht, übersehen, ein Nichts in der Welt. Die kinderlose, nicht unvermögende und  alleinstehende Schneiderin des Ortes, Bonaria Urrai, sieht sie im kleinen Lädchen und schließt das Mädchen in ihr Herz. Ein paar Tage später macht sie der Mutter ein Angebot, das diese nicht ablehnen kann und Maria verlässt das Haus der Mutter. Als „Fill´e anima„, Kind des Herzens (wörtlich: der Seele) wohnt und lebt sie zukünftig im Haus der Schneiderin.

Diese nicht offizielle Adoption von Kindern war im Sardinien dieser Zeit nichts aussergewöhnliches. Es war ein Abkommen beider Parteien untereinander, bei dem die Kinder ihre leibliche Mutter nicht verloren. Auch Murgia, die selber eine Fill´e anima war (und ihr Buch ihren beiden Müttern gewidmet hat) läßt Maria in den folgenden Jahren immer wieder ins Haus ihrer leiblichen Mutter gehen, damit sie dort bei besonderen Anläßen helfen kann. Aber ich greife vor…

Jedenfalls ist der Abschied Marias von ihrer Mutter und der Umzug in ihr neues Heim nicht von Trauer geprägt. Natürlich, an das Leben im neuen Haus musste sich Maria gewöhnen, noch nie hatte sie mehr Platz für sich gehabt als bis zu den Grenzen des Raums, den ihre Arme aufspannten. Hier jedoch, bei Tzia Bonaria, war viel Raum um sie herum, Raum, in dem sie sich so leicht verlor, Raum, der sich auf sie stürzt, über ihr zusammenstürzt, der ihr Angst macht… es dauert eine Zeitlang und Tzia Bonaria muss die Heiligenfiguren und -bildchen aus dem Zimmer entfernen, bis Maria mit der Weite des Raumes leben lernt…

Bonaria Urrai liebt die kleine Maria. Es ist nicht die verzärtelnde Liebe, die verwöhnende, die jeden Wunsch von den Lippen ablesende Liebe, nur ein einzige Mal nennt Bonaria das Mädchen „Kind“ und nur ein einziges Mal das Kind sie „Mama“….. nein, es ist die behütet ins Leben leitende, die umsorgende Liebe, eine Liebe, die auf Vertrauen beruht und auf dem Fehlen von Geheimnissen…. dem Fehlen von Geheimnissen… nein, es gibt ein Geheimnis der Tzia gegenüber dem Kind, nie erwähnt sie, warum sie hin und wieder nachts heimlich das Haus verläßt in ihren schwarzen Röcken… doch Maria hat das nächtliche Klopfen an der Tür gehört, hat den jungen Mann gesehen, den Mann mit den breiten Schultern, den sie bald darauf wieder sieht und erkennt…

Maria wächst heran, geht auf die Schule, lernt leicht und gut. Tzia Bonaria läßt sie auf die Schule gehen, weit über die übliche 3. Klasse hinaus. Sie lehrt sie das Schneidern und den Haushalt, Maria hilft bei der Ernte des Nachbarn mit und ist viel mit dem jungen Andria Bastiú zusammen. Und sie ist es auch, die die Ereigniskette in Gang setzt, die die folgenden Jahre beherrschen soll….

Bei der Weinlese nämlich hört sie ein Winseln, ganz leicht und zart weht der Wind es heran und sie und die anderen gehen dem Laut nach und kommen zur Grenzmauer und sie sehen, daß diese versetzt ist auf ihr Gebiet, der Nachbar hat ihnen derart Land gestohlen. Und sie tragen die aus Steinen gesetzte Mauer ab und finden darin einen winselnden, noch lebenden Welpen, ein Zauber, der die Entdeckung des Betrugs verhindern soll… Nicola, der ältere Sohn der Bastiús, will diesen Diebstahl rächen, aber die Rache schlägt auf ihn zurück, schwer verletzt wird er und verzweifelt am Leben.

Nicola wie fast alle im Ort kennt das Geheimnis der Bonaria Urrai und er fleht sie an, ihm zu helfen. Sie weigert sich, natürlich, aber tief in ihr drin hütet sie ein Geheimnis aus ihrer eigenen Jugend und so nimmt dieser Gedanke, den man so geheim halten muss, daß er noch nicht einmal das Tageslicht erblicken darf, langsam, sehr langsam Gestalt an….

Andria kann starr vor Angst die Bonaria Urrai beobachten, wie sie Nicola in der Nacht zu Allerseelen, in der alle Türen offenstehen, damit die Seelen ungehindert ein- und ausgehen und von den angerichteten Speisen essen können, besucht und wieder verläßt. Sie sieht ihn nicht, aber er erkennt sie im kurzen Aufblitzen des Mondlichts zwischen den Wolken….

Auf der Beerdigung seines Bruders macht Andria Maria einen Heiratsantrag, den diese für ein Zeichen der Verwirrung und der Trauer hält und ablehnt, außerdem liebt sie diesen Jungen, zu dem sie soviel Nähe spürt, nicht. Daraufhin verrät dieser ihr, was er in der Nacht beobachtet hat.

Zwischen den beiden Frauen kommt es zu einer Aussprache, bei der zutage tritt, daß Bonaria ein Geheimnis hat vor Maria, ein großes, wichtiges, bedeutendes Geheimnis, das sie ihr – so ihre Ausflucht – gesagt hätte, wenn es soweit gewesen wäre, das aber jetzt, da es keins mehr ist, zwischen ihnen steht. Maria fühlt sich getäuscht, tief getäuscht, ihr Vertrauen in die andere Frau ist zerbrochen, sie will und kann nicht mehr mit ihr unter einem Dach leben, denn Tzai Bonaria ist eine Accabadora, eine Frau, die – ähnlich wie eine Hebamme dem zu Gebärendem auf die Welt hilft – einem Menschen, der nicht sterben kann, obwohl seine Zeit gekommen ist, in die andere Welt hinüberhilft. Der aufs Festland Gehenden (die Lehrerin konnte ihr eine Stelle als Kindermädchen vermitteln) gibt Bonaria Urrai mit auf den Weg, daß man nie „Nie“ sagen sollte…

Nach zwei Jahren bekommt Maria die Nachricht, daß ihre Pflegemutter einen Schlaganfall gehabt hat. Sofort fährt sie zurück in das Haus, in dem sie ihre Kindheit verlebte und widmet sich aufopferungsvoll der Pflege der alten Frau, die immer weniger wird, von der immer weniger am Leben ist, an dem sie ein nicht reissen wollender Faden hält. Sag niemals „Nie“, dieser Satz lebt noch in ihr, sie weigert sich, ihn zu hören, aber immer quälender wird der Anblick der Frau, die ihre zweite Mutter ist. Schließlich ist sie bereit, das Notwendige zu tun, aber in diesem Moment, als sie die letzte Ermahnung Bonarias akzeptiert hat, wird diese durch den Tod erlöst.

Ob es die Gestalt der Accabadora wirklich gegeben hat, ist den Quellen (zumindest denen, die ich gefunden habe) nicht zu entnehmen. Eine Accabadora ist diejenige, die es „zuende bringt“, oder nüchterner gesagt, die aktive Sterbehilfe ausübt, sei es als fiktive Figur oder Legende, sei es als reale Person bis in die 50er Jahre hinein. Klar ist, daß diese Funktion sehr geheim war, nicht öffentlich praktiziert wurde und sozusagen die ultima ratio der Sarden war, wenn ein ganz offensichtlich dem Sterben geweihter nicht sterben konnte. Denn außer Maria, die nichts von dieser Frau weiß, ist ebenso die nicht aus dem Ort stammende Lehrerin unwissend. Überhaupt schildet Murgia uns das sardische Leben als archaisch, nicht nur die christlichen Symbole werden noch verehrt. Der Zugang zur Natur ist unmittelbarer als bei uns, Zeugung,  Geburt, Leben und Tod folgen aufeinander wie Frühling, Sommer, Herbst und Winter… Die Frauen haben eine starke Stellung, vllt auch, weil viele Männer im Krieg geblieben sind und sie als Witwen mit ihrem eigenen Leben zurecht kommen mussten.

„Accabadora“ ist ein wortmächtiger, intensiver kleiner Roman aus einer untergegangenen Welt einer abgeschiedenen Insel. Es ist eine Sprache voller Bilder, eine Sprache, in der der Wind zu spüren ist, der über die Hügel streicht, die Wolken zu sehen sind, die den Mond in den Nächten verdecken. Es ist auch ein Roman über das humanes, menschliches Verhalten und die Gefahr des Missbrauchs, die hier, an der äußersten Grenze des (zur Zeit und am Ort der Handlung Akzeptierten lauert. „Accabadora“ ist ein schöner Roman, unbedingt zu empfehlen.

Links und Anmerkungen:

[1] Von google aus dem italienischen übersetzter Wiki-Artikel „Accabadora
{2] http://www.mittelbayerische.de/index.cfm?pid=3090&pk=523535
[3] http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/1173247/

Michaela Murgia
Accabadora
übersetzt von
dieses Ausgabe: dtv, 176 S., 2011

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3 Kommentare zu „Michela Murgia: Accabadora

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