Christian Buckard: Moshé Feldenkrais

Viele von uns, die ‚Rücken haben‘ (oder auch ‚Knie‘ etc pp), werden diesen Begriff schon gehört haben: Feldenkrais oder Feldenkrais-Methode. Was das genau ist, läßt sich auch nach dem Studium dieses Buches, das ich hier vorstellen möchte, nur schwer definieren, aber das ist auch nicht Ziel und Zweck dieser ersten Biografie über den Mann, nach dem diese Methode benannt: Moshé Feldenkrais. Um aber doch einen Eindruck zu geben, was sich hinter diesem Begriff verbirgt, will ich hier kurz die auf dem Vorblatt zu Feldenkrais‘  eigenem Werk Bewußtheit durch Bewegung [2] angeführte Beschreibung zitieren:

Drei Dinge sind es, die nach Moshé Feldenkrais‘ Überzeugung den Menschen prägen: Vererbung, Erziehung und Selbsterziehung. Feldenkrais zufolge ist der Mensch Gegenstand und Opfer einer repressiven Erziehung und muß sich erst seiner selbst, d.h. auch seines Körpers und dessen Funktionen, bewußt werden, wenn er wirklich Mensch sein will. Die Methode, mit der das erreicht werden kann, ist ein bewußtes Trainieren aller Funktionen, der geistigen ebenso wie der körperlichen. 


Geboren wurde Moshé Feldenkrais im Mai 1904 in Slawuta, einer Stadt in der heutigen Ukraine, damals im zaristischen Ansieldungrayon für Juden gelegen. Es war eine gefährliche Zeit für Juden, auch wenn sie in eine relativ gut situierte Familie hinein geboren worden waren: ab 1905 häuften sich Progrome und Slawuta wurde davon nicht verschont, die Familie Feldenkrais konnte sich 1907 im letzten Augenblick verstecken. Moshé war der Erstgeborene, nach ihm kamen noch die Brüder Baruch und Yona, sowie die Schwester Malka auf die Welt. In der Familie war die Mutter Sheindl die tatkräftige und auch die bestimmende Person, ihre Leidenschaft war es, Armen und Notleidenden zu helfen, eine Passion, die sie bis an ihr Lebensende beibehielt.

Den ersten Weltkrieg erlebten die Feldenkrais´in Baranowicze, einer damals ‚modernen‘ Stadt mit einem Eisenbahnknotenpunkt mit internationalen Verbindungen. Fast jeder zweite der gut zwölftausend Einwohner war Jude, was aber nicht hieß, daß jeder Juden liebte. Ein für den Schüler Moshé prägendes Erlebnis war damals der Zorn, den er bei seinem Lehrer erregte, als er diesen an der Wange berührte, um zu zeigen wo dieser einen Tintenfleck hatte. Nach dieser rüden Abweisung durch den christlichen Lehrer schwor sich Moshé, nie wieder in seinem Leben einen Christen zu berühren.

Die Familie überlebte den Ersten Weltkrieg mit all seiner Not und seinen Gefahren. Daß sich 1917 die Engländer in der Balfour-Erklärung mit dem zionistischen Ziel, in Palästina eine Heimstatt für Juden zu errichten, einverstanden erklärten, animierte (und ermöglichte es dem) den erst 15jährigen 1919 nach Palästina auszuwandern. Moshé wollte damit einerseits dem Erwartungshaltung der Eltern entkommen, erhoffte sich andererseits auch eine Verbesserung seines gesundheitlichen Zustands (er litt seit Monaten unter nicht kurierbaren Halsschmerzen), außerdem beunruhigten ihn die Gerüchte, die im Zusammenhang mit der Revolution herumschwirrten.

Ein Schleuser, so würde man heute sagen, führte ihn durch die Sümpfe auf polnisches Gebiet, von dort aus ging es immer weiter Richtung Mittelmeer. War er allein losgelaufen, so schlossen sich dem Jungen, der ohne Begleitugn anch Erez Israel unterwegs war, immer mehr Menschen an, so daß letztlich Hunderte von Emigranten mit Moshé am Hafen in Italien ankamen.

Tel Aviv – damals noch ein kleines Nest. Moshé muss ein ‚wilder‘ Kerl gewesen sein, als Bauarbeiter hat er mitgeholfen, Häuser für die neuen Siedler zu errichten, abends wurde gefeiert und getanzt, auch junge Frauen waren für ihn keineswegs tabu. Bei Auseinandersetzungen mit Arabern war er nicht feige: er wuchs zu einem ungestümen Muskelpaket heran. In dieser Zeit erlitt er eine schwere Knieverletzung, die Jahre später (indirekt) ausschlaggebend werden sollte für sein weiteres Leben.

Moshé wurde Mitglied der Haganah, der paramilitärischen Untergrundorganisation der Siedler. Er entwickelte ein auf Effektivität ausgelegtes Selbstverteidigungssystem, dessen Methoden bald in die allgemeine Ausbildung der Kämpfer einfloss.

Als ihm durch eine Abweisung klar wurde, welcher gesellschaftlichen Schicht er als Bauarbeiter angehört, beschloss er, sein Abitur nachzuholen. Dies schaffte er aber nur, weil er aufgrund einer schweren Krankheit aufhören musste, auf dem Bau zu arbeiten und er entsprechend dadurch Zeit zum Lernen hatte . 1925 legte er das Abitur ab, 1926 trat er eine Stelle als Landvermesser bei der britischen Mandatsregierung in Palästina an. Die er jedoch schon 1930 wieder aufgab, um nach Paris zu gehen und zu studieren. 1933 schloss er das Ingenieurstudium mit Auszeichnung ab, man bot ihm an, auf der Sorbonne zu promovieren. Zu dieser Zeit lernte der ehemalige Ausbilder der Haganah für Selbstverteidigung in Paris Jigoro Kano kennen, den Vater des Judo. Dieser zeigte sich von dem jungen Mann sehr beeindruckt: Feldenkrais hatte eine effektive Abwehr gegen Messerangriffe entwickelt, die dem Kodokan, dem heiligen Gral des Judo, unbekannt war. Bald war Feldenkrais der Repräsentant von Kanos Judo in Europa und lehrte diese neue Sportart [4].

Beruflich fand Feldenkrais Arbeit beim Ehepaar Joliot/Joliot-Curie, nach Beginn des Zweiten Weltkriegs arbeitete er für die Engländer in der Militärforschung, hier lernte er den bekannten Physiker Paul Langevin kennen. Zwar arbeitete er für die Briten, doch durfte er in Frankreich bleiben. Nach der Besetzung Frankreichs gelang es ihm nur knapp – beladen mit einer Menge geheimer Dokumente – mit dem letzten Schiff das Festland zu verlassen. Immer noch gab er – neben seiner militärischen Forschung – Unterricht im Judo. Dabei fiel er sehr unglücklich auf sein seinerzeit verletztes Knie, ein Kreuzbandriss, den er des Risikos wegen nicht operieren ließ. Ein paar Monate später fiel er wiederum – auf das gesunde Knie, das dadurch ebenfalls stark lädiert wurde. Er konnte sich nur noch mühsam hopsend bewegen. Als Moshé am nächsten Morgen erwacht war, versuchte er ins Badezimmer zu gehen. Zu seiner Überraschung ging dies leichter, als er erwartet hatte, denn sein bandagiertes Knie [i.e. die alte Verletzung] schmerzte plötzlich nicht mehr. „Irgendwie hatte das Trauma des bisher guten Knies“, so vermutete Moshé, „das verletzte Bein brauchbarer gemacht. …“. 

Die große, absolut rätselhafte Frage war für Moshé jetzt: Wie kann es sein, daß das gestern noch ‚unbrauchbare‘ verletzte Knie über Nacht – in Grenzen, aber immerhin – funktionsfähig geworden ist? Nach dem ersten ‚Schock‘ stürzte sich Feldenkrais auf alle Informationen, die er zur Funktionsweise des Körpers erhalten konnte – um zu erkennen, wieviel ‚vollkommener Schwachsinn‘ geschrieben wurde und daß es kein einziges Buch gab, das sich damit befasste, wie wir funktionieren. Also musste Feldenkrais dies selbst erforschen….

Ich habe diesen ersten Teil bis zur Geburts- bzw. eher Zeugungsstunde (denn es dauerte noch viele Monate und Jahre, bevor die Methode entwickelt war) etwas ausführlicher (aber keineswegs vollständig) dargestellt, um zu verdeutlichen, welch ein aussergewöhnlicher Mensch Moshé Feldenkrais gewesen sein muss. Es war ja nicht so, daß er bei all seinen Tätigkeiten nur einer von vielen war, sein strotzendes Selbstbewusstsein ließ ihm im Gegenteil jede ihm gestellte Aufgabe anpacken und mit großem Erfolg bewältigen, egal, ob nun als Judoka, auf wissenschaftlichem Gebiet bei Joliot-Curie oder in der Militärforschung bei den Briten, später dann den Israelis. Möglicherweise war es gerade diese Kombination von Fähigkeiten und Kenntnissen aus nicht-medizinischen Gebieten, die ihn seine Fragestellung zur Funktion des Menschen (womit er die unabdingabe und unauflösliche und sich gegenseitig beeinflussende Einheit von Körper und Geist verstand) unter neuen Gesichtspunkten erforschen ließ.

Nachdem er die Prinzipien dieser ‚Einheit‘ erkannt und formuliert hatte, versuchte er, seine Erkenntnisse zu etablieren. Er hatte viele Erfolge bei Einzelbehandlungen (das Biografie beginnt mit der Schilderung seiner ‚Heilung‘ Ben-Gurions), die ihm begeisterte Anhänger bescherten, von medizinischer Seite her schlug ihm jedoch eher Ablehnung entgegen. Sein Traum war ein anerkanntes und gefördertes eigenes Institut gewesen, die Erfüllung dieses Traumes war ihm jedoch nie vergönnt. Die wenigen Chancen, die es zur Gründung einer solchen Einrichtung gegeben hat, verstand er nicht zu nutzen. Es hat ihn auch zeitlebens gekränkt, daß er in seinem Heimatland viel weniger Anerkennung fand als beispielsweise in Amerika, wo er große Kurse abhielt und später dann auch in seiner Methode ausbildete: die Angst, daß sie mit ihm sterben würde, war übermächtig geworden und hatte ihn die Unausweichlichkeit einsehen lassen, Therapeuten und Trainer auszubilden.

Nach Feldenkrais sollte seine Methode den Menschen reifen lassen, er selbst, das erkennt man beim Lesen der Biografie, war für die Richtigkeit dieser These nicht unbedingt ein Paradebeispiel. So einfühlsam er in der Einzelbehandlung von Kranken war, so aufbrausend bis beleidigend konnte er bei der Gruppenarbeit sein. Er redete und diskutierte für sein Leben gern, er raucht, genoss das Essen und die Frauen (seine einzige Ehe wurde nach dem Krieg geschieden, man hatte sich auseinandergelebt).

Moshé Feldenkrais starb 1984 nach diversen Schlaganfällen, Spätfolgen möglicherweise eines Unfalls aus dem Jahr 1971.


Buckards Biografie über Moshé Feldenkrais ist verdienstvoll, um diesen Mann auch in der breiteren Öffentlichkeit etwas bekannter zu machen. Es ist außergewöhnlich, auf wieviel verschiedenen Gebieten Feldenkrais Ausserordentliches geleistet hat. Bleiben wird seine Methode, deren Grundlagen, die wechselseitige Beeinflussung von Psyche und Physis, die insgesamt gesehen eine Einheit bilden, die erst den Menschen in seiner Individualität ausmachen, durch die moderne Hirnforschung bestätigt wird.

Buckard konzentriert sich tatsächlich auf seine Hauptperson, andere Personen werden nur in dem Ausmass berücksichtigt, in dem sie für das Leben von Feldenkrais wichtig sind. Da dem Autoren dessen nicht veröffentlichte autobiografischen Aufzeichnungen zur Verfügung standen [3], bekommt der Text ein hohes Maß an Authentizität. Immer wieder unterbricht Buckard seine Ausführungen durch Zitate entweder von Feldenkrais selbst oder von Freunden über Feldenkrais. Der gesamte Text liest sich sehr flüssig, daß er hochinteressant ist, auch als Zeitdokument, versteht sich bei diesem Lebenslauf von selbst. Wie eingangs schon erwähnt, vermittelt das Buch nur bedingt, was diese von Moshé entwickelte Methode ist bzw. wie sie angewendet oder durchgeführt wird. Zwar wird immer wieder mal beschrieben, wie eine beispielsweise eine Einzelbehandlung (als Appetizer des Buches die von Ben Gurion) ablief, aber dies dient eher zur Illustration der Erfolge, die Feldenkrais so erzielte.

Was mich erstaunt hat, ist der enge Zusammenhang, der sich zwischen der fast meditativen Feldenkrais-Methode und dem Kampfsport Judo, erwiesen hat. Meditativ: als Körperspürübungen, als Achtsamkeitsübungen bauen einige Meditationslehrer Feldenkraiselemente beispielsweise in ihre Kurse mit ein, wobei es ausschließlich um die absichtslose Wahrnehmung dessen geht, was im Körper geschieht, wenn diese oder jene Bewegung gemacht wird. Judo dagegen hat ein Ziel, den Partner zu werfen oder auch (Feldenkrais schien dies als sehr effektiv eingeschätzt zu haben) durch Würgen zur Aufgabe zu zwingen. Feldenkrais bringt beides zusammen, das ‚ju‘ des Judo und Ausschöpfen er Potentiale, die Körper und Geist für den Menschen bereithalten.

Während die von Feldenkrais selbst geschriebenen Bücher keineswegs leicht verständlich sind (er wollte seine Leser durchaus mit Absicht zum Nachdenken über das Geschriebene bringen, nicht nur zum Konsumieren), ist seine Biografie, geschrieben von Bukard eine sehr gut und flüssig zu lesende, zudem noch hochinteressante Darstellung des Lebens von Moshé Feldenkrais. Ergänzt wird der Text ferner durch ein ausführliches Verzeichnis der Quellen und eine Bibliographie, Lea Wolgensinger steuert ein Nachwort bei.

Links und Anmerkungen:

[1] eine Übersicht über die biografischen Daten von Moshé Feldenkrais: https://feldenkraisleipzig.com/moshe-feldenkrais/
[2] Moshé Feldenkrais: Bewußtheit durch Bewegung, FFm, 1996
[3] vgl.: https://www.youtube.com/watch?v=-gbS7dMK_Js
[4] zum ‚Komplex‘ Feldenkrais und Judo vgl. z.B. hier: http://www.somatics.de/artikel/for-professionals/2-article/84-feldenkrais-and-judo

Christian Buckard
Moshé Feldenkrais

Der Mensch hinter der Methode
mit vielen Abbildungen
diese Ausgabe: Piper, TB, ca. 365 S., 2017

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4 Kommentare zu „Christian Buckard: Moshé Feldenkrais

  1. Die Feldenkrais Methode hilft.. auch bei Schlaganfall Pat. die sich besser bewegen konnten mit der Methode.. auch bei Unfallopfern.. bei „Rücken“ sowieso..
    Aber wird nicht in Krankenhäusern angewendet, weil es hilft !
    Ich habe bei unseren Physics im Krankenhaus mal nachgefragt… neeeeee, das gibts hier nicht.. soviel sie wüssten.. und wenn, dann evtl. mal n Kurs für Personal..
    zu einfach zu unspektakulär…. Ich habe 1988 einen Physiotherapeut kennengelernt, der die Fortbildung zum Feldenkraistherapeuten machte.. erfolgreich.. und diese auch in seinem Beruf angewendet hat. Allerdings nicht hier in Deutschland sondern in Norwegen.
    Gruss S.

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    1. danke für deine anmerkungen, liebe susann. ja, feldenkrais kommt mir manchmal so ein wenig wie ein geheimtip vor, man hat davon schon gehört, aber wie und wo…. ich habe glück gehabt, ich hatte feldenkrais als achtsamkeitsmeditation im rahmen von ’normalen‘ meditationseinheiten kennengelernt und bin jetzt in einer gruppe, die sich alle vierzehn tage trifft und die von eine tollen feldenkraislehrerin aus frankfurt betreut wird… es ist halt unspektakulär, auf dem rücken zu liegen und – von außen betrachtet – fast gar nichts zu machen… und ‚erfolge‘ stellen sich ja auch erst längerfristig ein, wenn man regelmäßig daran arbeitet und auch versucht, das tägliche leben ein wenig umzustellen….
      herzliche grüße!

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  2. Feldenkrais war hier mal lange Zeit „in“. Mittlerweile gibt es kaum noch Kurse, obwohl ich es gerne gemacht. Das Kampfsport mit hineinfließt wundert mich nicht. Im Tai Chi Chuan, nach dem asiatischen Prinzip, verbindet die Achtsamkeit mit Kampfsport. Das mehr der Gesundheitsaspekt im Vordergrund steht, liegt u.a das für den europäischen Raum, das manche Menschen mit beidem nicht zurechtkommen.

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    1. … wobei ich glaube, daß auch im asiatischen raum die positive wirkung von z.b. tai chi auf den organismus eine große rolle spielt, nur eben ganzheitlicher, nicht im sinne von: mir tut´s da weh, also mach ich mal die form 1 dagegen… fk als kurs ist glaube ich auch nicht so toll, weil man das als einstellung eigentlich ‚ein leben lang‘ regelmäßig machen muss…

      danke für deinen kommentar, liebe wortsonate!

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