tschick ist sicher einer der erfolgreichsten Romane der letzten Jahre in Deutschland. Dafür lassen sich zumindest zwei Gründe finden. Der eine ist naheliegend: die Geschichte der beiden Jungs aus Berlins Osten ist schlicht und einfach schön, sie ist gut in Szene gesetzt, sie ist einfühlsam und voller Liebe für die Figuren. Der zweite Grund des Erfolgs ist das tragische Schicksal seines Autoren: Wolfgang Herrndorf hat sich 2013 suizidiert, bevor das in seinem Hirn wuchernde Glioblastom ihm endgültig Würde und Persönlichkeit nehmen konnte. In einem Blog bzw. später auch als Buch [2] hat Herrndorf seine Krankengeschichte in selten eindringlicher und bewegender Weise festgehalten.

Der Pressestimmen und Besprechungen zu tschick (ich verwende in meinem Beitrag, sofern ich mich auf das Buch beziehe, die Schreibweise, wie sie auf dem Cover verwendet wird) gibt es viele, sehr viele. In dieser Taschenbuchausgabe musste man sogar das ansonsten leere erste Blatt mit Zitaten füllen, das war wohl der einzig freie Platz im Buch. Auf die sonst üblichen leeren Seiten am Anfang und am Ende des Buches hat man wohl aus Sparsamkeitsgründen verzichtet. Was etwas ungewohnt und auch nicht wirklich schön ist.

Aber nun zur Vorstellung des Buches, dessen Inhalt ich hier nur grob skizzieren will, er dürfte mittlerweile bekannt sein, kann auch im Beitrag zur Wiki [3] noch einmal rekapituliert werden.


Hauptperson und Erzähler ist der vierzehnjährige Gymnasiast Maik Klingenberg. Er leidet unter einem typisch pubertären Problem: er ist schüchtern, fühlt sich als Langweiler und sieht sich selbst als Aussenseiter. So sehr Aussenseiter, daß er noch nicht einmal einen Spitznamen hat. Bis auf das eine Jahr, das man ihn ‚Psycho‘ nannte, weil er in einem Schulaufsatz voller Naivität etwas über seine Mutter schrieb. Was an sich nicht schlimm gewesen wäre, nur, seine Mutter ist Alkoholikerin, daher war es dann doch irgendwie schlimm. Jedenfalls war er danach Psycho, solange, bis der Neue in die Klasse kam. Denn der mischte die Klasse irgendwie auf, indem er – nichts tat. Er ignorierte alles und jeden, wohin er mit seinen Schlitzaugen sah, ob in die Ferne oder nur an die Wand, war nicht unmittelbar zu erkennen, daß da jedoch Alkohol im Spiel war, fiel allerdings spätestens dann auf, wenn er vom Stuhl rutschte. Andrej Tschichatschow. Seit vier Jahren in Deutschland und irgendwie beginnend bei der Förderstufe bis hin ins Gymnasium gelangt. Und sofern er nüchtern war, waren seine Noten auch gar nicht mal so schlecht.

Noch einmal kurz zurück zu Maik, denn der hatte ein weiteres Problem. Wie alle anderen Jungen in der Klasse war er verknallt. In Tatjana. Nur, daß Tatjana ihn mit dem ***** nicht anschaute. Und erst recht nicht auf ihre große Geburtstagsfete einlud. Obwohl er doch ein megageiles Geschenk für sie gemacht hat. Wahrscheinlich als Einzigen auf der ganzen Schule nicht eingeladen hat.

Der Start in die Sommerferien konnte also kaum vielversprechender sein. Wenigstens war er allein, die Mutter im Trockendock, der Vater mit der Sekretärin auf … egal. Die junge Frau sah jedenfalls nicht nach Arbeit aus, als sie Vater Klingenberg abholte. Etwas schwindlig schien ihr jedoch zu sein, immerhin legte Vater den Arm und sie, um sie zu führen. Ne, war jetzt `n Witz von mir, Maik wusste schon, was Sache war und das mit dem ‚in-den-Arm-nehmen‘ noch auf dem Grundstück fand er ziemlich daneben.

Und just in dieser Situation tauchst Tschick bei ihm auf. Tschick, der das hat, was ihm fehlt: Selbstbehauptungswille, Selbstbewusstsein  – und Mut zur Lücke. Und außerdem kutschierte Tschick mit einen Lada durch die Gegend. Ausgeliehen natürlich…. Selbstverständlich war auch der ‚Mongole‘ bei Tatjana nicht eingeladen, was ihn jedoch nicht hinderte, hinzufahren. Mit Maik, der sich mit Händen und Füßen sträubte. Und Maiks Geschenk. Sie hinterließen, nicht zuletzt wegen der 180-Grad-Drehung, die Tschick mit ’seinem‘ Lada gekonnt hinlegte, einen Rieseneindruck… Adrenalin und Euphorie pur!

Nach dieser Aktion wartete die Welt auf Tschick und Maik und die beiden waren gewillt, dem Ruf der Welt zu folgen. Sie packten den Lada mit allem möglichen voll und starteten still und heimlich ihre Reise ins Irgendwo, denn wo die Walachei nun wirklich lag, wussten die beiden nicht genauer als daß es südlich war. Sie mieden die großen Straßen, nahmen schon mal ein Weizenfeld durch Durchpflügen in Kauf, erlebten Gewitter, die alles durchnässten, schliefen irgendwo im Wald und mussten feststellen, daß aufgetaute Tiefkühlpizzas eher als zum Diskuswurf denn als geniessbare Nahrung geeignet waren. Essen musste her, bloß fanden sie den blöden Supermarkt nicht. Dafür aber den ‚Kleinen Herrn Friedemann‘ (Spontanassoziation bei mir –> [4]), einen aus der Schar der Kinder einer leicht abgedrehten, aber liebenswerten Ökofamilie….

Selbst im beschaulichen Brandenburg (waren sie überhaupt noch in Brandenburg, aus Berlin jedenfalls waren sie draußen) oder wo immer sie waren, fielen zwei Vierzehnjährige, die einen schrottreifen Lada fuhren, irgendwann der Polizei auf… aber auch das Abenteuer überstanden sie unbeschadet, nur war dann plötzlich der Tank vom Auto leer…. Tankstelle, schön und gut, aber das gleich Problem wie gegenüber der Polizei und außerdem: wie tankt man eigentlich? War es vielleicht doch einfacher, das Benzin aus anderer Leute Tank abzuzapfen, weil, mit kommunalen Röhren sollte man das können…. also musste ein Schlauch her und den fanden sie mit Isas Hilfe. Isa, die erstens ohne Pause redete und zweitens stank, das jeder Iltis neidisch und den Jungs schlecht wurde. Denn ganz offensichtlich lebte Isa auf einer Müllkippe. Also schmissen die beiden dieses stinkenden Wesen kurzerhand in einen See und das Duschgel gleich hinterher. Und als sich Isa dann wusch, merkte Maik, der gar nicht wusste, wie er seine Augen nicht auf Isa richten sollte, daß Tatjana beileibe nicht das einzige Mädchen auf dieser Welt war…. und in der Nacht sind die Sterne zum Greifen nah…

Es konnte nicht für ewig gut gehen, dieser Trip der beiden Aussenseiter, der letztlich in einem großen Crash endete und da beide strafmündig waren, auch noch vor Gericht kam. Womit wir wieder beim Anfang der Geschichte wären, denn die beginnt mit Maik, der mit vollgeschifften Hosen und blutend auf der Polizeiwache sitzt und der uns dann erzählt, wie es dazu gekommen ist. Aber das habe ich ja auch schon getan…..

Quasi als kleinen Nachspann erfahren wir noch vom Ende der Familienidylle Klingenberg. Die Eltern trennen sich endgültig, die Mutter befördert im Rausch alle Einrichtungsgegenstände der Wohnung in den Pool und Maik hilft ihr. Vor der alarmierten Polizei ‚fliehen‘ die beiden auf den Grund des Pools und lassen von dort Luftblasen nach oben steigen, wo die ratlosen Polizisten stehen und ins Wasser starren….


So mit vierzehn ändert sich die Welt oder vielleicht auch nicht, möglicherweise hat man nur diesen Eindruck, weil man selbst sich ändert, man aber keine Ahung hat, was da mit einem geschieht. Man merkt, daß die Welt dort draußen auf einen wartet, auf einmal werden Mädchen interessant, aber warum zum Teufel sollten die sich für einen selbst interessieren. So jedenfalls geht es den schüchterneren unter den Pubertieren und Maik ist so einer. Da ist der Tschick schon anders, mit vielen Wassern gewaschen, hat schon so manchen Strauß mit der Welt ausgefochten, ist in gewissen Sinn komplementär zum introvertierten, langweiligen Maik.

Die Fahrt, diese Woche, die sie unterwegs sind: eine wichtige Etappe auf ihrem Weg ins Erwachsensein. Maik baut Selbstbewusstsein auf, lernt, sich zurecht zu finden, lernt auch, sich selbst auszuhalten und zu akzeptieren. Die beiden merken, daß die Welt da draußen allen Warnungen zum Trotz gar nicht so böse ist, wie man ihnen erzählt hat. Die meisten Menschen, die sie treffen, sind gut zu ihnen, wollen ihnen helfen, sind freundlich. Die Episode, die Herrndorf bei der Friedemann-Familie ansiedelt – ein wunderschönes Beispiel dafür. Auch für die Tatsache, daß den beiden vorgeführt wird, wie sehr man sich in Menschen täuschen kann, wenn man nur den ersten Blick gelten läßt…

Das Ende hat Herrndorf offen gelassen, denn selbstverständlich können Maik und seine Mutter nur begrenzte Zeit unter Wasser auf dem Poolboden hocken bleiben. Danach müssen sie sich wieder der Realität stellen. Genauso wie Tschick, den sie für ein paar Wochen in eine Heim eingewiesen haben…. für beide also ein Neustart, für den sie auch auf Grund ihrer Erfahrungen jetzt gut gerüstet sind.

Herrndorf hat diese Geschichte dem vierzehnjährigen Maik in den Mund gelegt. Die Sprache ist daher jugendgerecht und ähnelt mehr der gesprochenen Sprache als einer literarischen. Viele Dialoge und häufige Szenenwechsel halten das Lesetempo der mit vielen Spannungsspitzen gespickten Geschichte hoch: ehe man sich versieht, hat man den Roman durchgelesen. Es gibt viel Humor in der Geschichte, Maik ist ein guter Erzähler, dem Selbstironie nicht fehlt. Es gibt aber auch die leisen, melancholischen Momente, die anrühren und bewegen. Und auch wenn ich jetzt selbst schon älter bin, habe ich mich durch tschick an manches längst Vergessene wieder erinnern können (wobei mir damals eher die Rolle des Maik entsprach)…..

tschick: Ein Jugendroman auch und für Erwachsene. Der mich mit einer Frage sitzen läßt: warum nur habe ich den nicht schon längst gelesen gehabt?

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Wolfgang Herrndorf:  https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Herrndorf
[2] Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur, https://radiergummi.wordpress.com/2014/02/04/wolfgang-herrndorf-arbeit-und-struktur/
[3] Wiki-Beitrag zum Roman: https://de.wikipedia.org/wiki/Tschick_(Roman)
[4] Thomas Mann: Der kleine Herr Friedemann; https://radiergummi.wordpress.com/2014/10/12/thomas-mann-der-kleine-herr-friedemann/

2016 kam tschick dann auch als Film in die Kinos:  Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Tschick_(Film) und Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=Ph5NOf-di18

Wolfgang Herrndorf
tschick
Erstausgabe: 2010
diese Ausgabe: rororo, TB, ca. 255 S., 2016 (57. Aufl.)

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Hinweis: Diese Rezension ist auch als podcast im literatur RADIO bayern erschienen: https://radio.blm.de/radiobeitrag/fda-rezensionen….html

Wolfgang Herrndorf war Schriftsteller, sein Roman „Tschik“ ist bekannt und wurde mehrfach ausgezeichnet [6]. Wolfgang Herrndorf war krank, ein 2010 euphemistisch anfänglich „Raumforderung“ genannter Prozess im Gehirn war nicht heilbar, stellte sich als Glioblastom [5] heraus und bedeutete seinen so gut wie sicheren Tod. „So gut wie sicher“ weil T., auf den er verwiesen worden war und der ebenfalls vor Jahren diese Diagnose hatte, zumindest ein Beispiel dafür ist, daß ein Langzeitüberleben des Tumors prinzipiell möglich ist, wenngleich verschwindend gering wahrscheinlich. T. war wichtig, denn ein Gespräch mit ihm hat Herrndorf in seinem Entschluss bestärkt: “ … Seine [gemeint ist T.] Ärzte rieten nach der OP, sich noch ein schönes Jahr zu machen, vielleicht eine Reise zu unternehmen, irgendwas, was er schon immer habe machen wollen, und mit niemandem zu sprechen. Er fing sofort wieder an zu arbeiten….. Und wenn mein Entschluss, was ich machen wollte, nicht schon vorher festgestanden hätte, dann hätte er nach diesem Telefonat festgestanden: Arbeit. Arbeit und Struktur..

Wolfganz Herrndorf, 2011 Bildquelle [4]

Wolfganz Herrndorf, 2011
Bildquelle [4]

Der zweite früh feststehende Fixpunkt war die Erkenntnis, daß er eine „Exitstrategie“ braucht, die schnell und sicher zu wirken hatte. Dieser Wunsch entsprang keineswegs suizidalen Gedanken, die ihm angesichts seiner Erkrankung durchaus hätten kommen können, es ging Herrndorf einzig darum, die Kontrolle zu behalten. Trotzdem folgt er in seiner Wahl der Mittel dem geltenden Schema, nachdem Männer eher zu destruktiven Methoden greifen… es muss schnell gehen, die praktisch augenblickliche Umsetzung des Entschlusses gegeben sein, eine Handgranate mit ihrer drei sekündigen Verzögerung war ihm schon zu langsam. Von Tabletten o.ä. ganz zu schweigen. So besorgt er sich eine Pistole, deren Besitz ihm Sicherheit gibt. Es gibt Tagebucheinträge, in denen er sie als das Schönste bezeichnete, was er je besaß.

Herrndorf setzt sich Ziele. Er hat Manuskripte, Entwürfe zu Romanen, die er in den kommenden Monaten in Phasen manischer Schaffenswut fertigstellt. Er, der vorher eher zögerlich geschrieben und sich an Korrekturen aufgehalten hat, knallt die Texte jetzt mit – wie er schreibt – bis zu 600 Anschlägen in die Maschine [2], es sind Tage ohne Schlaf. So wird „Tschik“ fertiggestellt, auch „Sand“, sein Wüstenroman. Ferner führt er seinen Blog „Arbeit und Struktur“, erst als Mitteilungsmedium für seine Freunde und Bekannten, um nicht jede Frage nach dem Befinden x-mal beantworten zu müssen, später dann auf Drängen der Freunde öffentlich. Nicht immer ist es ihm eine Freude, der Blog wird, vor allem im späteren Verlauf, auch Last (23.2.2013 14:47: „Würde die Arbeit am Blog am liebsten einstellen. …„). Herrndorf ist viel draußen, Radfahren, Schwimmen, Fussball spielen, auch natürlich viel Kontakt mit Freunden. Er liest viel und immer wieder Arbeit. Wenige Monate vor seinem Tod zieht er in eine andere Wohnung, Freunde besorgen ihm eine mit Blick über Berlin, einer Terrasse… es gefällt ihm gut dort, jetzt, wo sein Tod absehbar ist, kann er sich zum ersten Mal eine Wohnung leisten…

Er muss viele Stunden vor dem PC verbracht und gegoogelt, Daten zu seinem Glioblastom zusammengesucht haben. Medikamente, Studien, Überlebenswahrscheinlichkeiten…. manchmal ergeben sich groteske Situationen: Herrndorf stößt auf eine ungünstige Studie, kurze Zeit später findet er eine Studie, die das Gegenteil ergeben hat…. Die ersten Monate nach der Diagnose sind davon geprägt, Informationen zu bekommen, in seiner Fantasie kämpft Herrndorf radikal gegen den Tod, ballert ihn einfach vom Schirm, wenn er als Gedanke auftaucht…. Herrndorf muss ein „angenehmer“ Patient gewesen sein, es ist nichts zu finden von Widerstand, Besserwisserei etc gegenüber den Ärzten. „Er bestrahlt gerne und ich werde gerne bestrahlt. Wir waren schnell einig.“ (dem Sinne nach zitiert), Galgenhumor, der aufblitzt.

Das volle Programm, Operation, Bestrahlung, Chemo. Nachuntersuchungen, Rezidive, nach zwei Jahren noch eine OP mit Nachbehandlungen, später noch eine…. Herrndorf kämpft, kämpft um Zeit. Frustrierend abgelehnte Bescheide der Krankenkasse, wenn es um nicht zugelassene Medikamente geht, die er dann privat bezahlt. Aber die Progredienz bleibt… Die Beschwerden nehmen mit der Zeit zu, Kopfschmerzen, Gesichtsfeldverengungen, Halluzinationen, Sprachverlust, Wortfindungsschwierigkeiten, epileptische Anfälle, Desorientierung, Depersonalisation..  die (ver)planbare Zeit bewegt sich für ihn im Bereich von wenigen Stunden, manchmal nur Minuten, sein Leben ist im „Jetzt“ gestrandet. Er liest viel, geht viel ins Kino, hält sich mit Disziplin aufrecht. Immer wieder weitere Pläne fürs Schreiben.

Es ist nicht so, daß er keine Wut hat. Doch, die hat er. Verbalggressiv erscheinen manche Kommentare zu Schriftstellerkollegen, andere dagegen sind euphorisch gut und positiv. Die vielen unerwünschten Briefe und Anfragen nerven ihn, die selbsternannten Heiler, die Esoteriker, die Handauflegen und schwarzen Kaffee empfehlen. Auch Bekannte sind nicht unbedingt willkommen, oft fühlt er sich bedrängt, belästigt. Die Zeit, die Lebenszeit wird ihm gestohlen. Diese ist kein (scheinbar) unerschöpfliches Reservoir mehr für ihn…

Ich habe an keiner Stelle des Blogs den Eindruck gewonnen, Herrndorf hätte je in Erwägung gezogen, einen therapeutischen Schlussstrich zu ziehen und zu sagen: das war´s jetzt, es reicht an OP und Bestrahlung und Chemo, ich lass den Dingen ihren Lauf. Bis zum Schluss, obwohl immer öfter auch Resignation durchscheint, war er zum Kämpfen bereit. In Gesellschaften – er geht noch in seine Stammkneipe – fühlt er sich zunehmen isoliert, kann Stimmen nicht mehr unterscheiden, ob sie innen oder außen sind….

„Arbeit und Struktur“ ist ein Papier gewordener Blog, redigiert und lektoriert zwar, aber doch ein Blog, kein (autobiographischer) Roman noch gar eine Autobiographie. Dies bedeutet gegenüber Kranken- bzw. Sterbegeschichten wie zum Beispiel den weiter unten verlinkten [8] zweierlei: (i) die Eintragungen sind weniger reflektiv. Sie geben Stimmungen wieder, Emotionen, Ereignisse, Fakten, Abläufe – natürlich kommen auch Gedanken zum Beispiel über das Sterben vor, aber sie beherrschen das Buch nicht. Daher ist „Arbeit und Struktur“ auch deutlich umfangreicher als andere Bücher ähnlichen Inhalts. Zum zweiten und damit zusammenhängend wird der Leser durch den Blogcharakter sehr viel näher an Herrndorf herangebracht. Wenn – im späteren Stadium der Krankheit – Herrndorf z.B. an x Tagen im Monat stark unter epilepetischen Anfällen leidet oder bei jedem Spaziergang orientierungslos in der Gegend herumirrt, liest man das im Blog eben x-mal, im Gegensatz zu autobiographischen Berichten, in denen solches dann zusammengefasst wird zu einem Phänomen.

Man ist als Leser sehr nah an Herrndorf dran. Liest man unter dem Datum 7.5.2012 11:40 z.B.: „Beim Blick auf die Analoguhr scheint der Sekundenzeiger stillzustehen, geht zwei, drei Schritte zurück und wandert weiter.„, weiß man, daß dies genau in dieser Minute für ihn so war [3]. Was Herrndorf schreibt, erfährt man als Leser nicht als rational zu verarbeitende Information, sondern als emotionale Herausforderung. Speziell bei den Einträgen der letzten Monate leidet man als Leser, es tut weh, es tut wirklich weh im Herzen zu lesen (und zu imaginieren), wie dieser Mann sich gequält hat mit den immer stärker zu Tage tretenden Defiziten. Der zeitweise Verlust der Sprache, der Kommunikationsfähigkeit, die für ihn konstituierendes Merkmal eines sich lohnenden Lebens war („Menschliches Leben endet, wo die Kommunikation endet, das darf nie passieren. … Das ist meine gräßte Angst.“), das stundenlange Herumirren im Berliner Straßengewirr – manchmal nur wenige -zig Meter vom Ziel, wo er hin wollte, entfernt… Stimmen, Gespenster, die ihm erscheinen…

22.6.2012 21:10
Linker Fuß taub, mildes Schwanken

Es gibt Passagen in diesem Buch, die mich – ohne daß ich dies wollte – an Egners „Tagebuch eines Trinkers“ erinnern.  Ähnliche skurrile, groteske Situationen, nicht zusammenpassende Formulierungen… aber sind sie sich nicht ähnlich? Wo beim Trinker der Alkohol das Gehirn zerhagelt hat, hat dies bei Herrndorf der Glioblastom besorgt, raumgreifend verdrängt es, zerstört, zermetzgert es das Hirn, wuchert immer weiter hinein, übernimmt langsam aber sicher das Kommando, was sich nach außen hin als sukzessive Zerstörung eines Individuums zeigt: „Die Welt löst sich auf.“ (23.8.2011 14:51). Träume, Alpträume, in ihnen manifestieren sich Angst und Trauer. Er kann sich offensichtlich gut an seine Träume erinnern, viele schildert er uns…

6.1.2011 20:26
Mit der Diagnose leben geht, Leben ohne Hoffnung nicht. …

14.7.2012 9:43
Man kann nicht leben ohne Hoffnung, schrieb ich hier vor einiger Zeit,
ich habe mich geirrt. Es macht nur nicht so viel Spaß. …

Was mich ein wenig schockiert hat, war folgende Eintragung vom 28. Mai 2010, immerhin fast ein Vierteljahr nach dem Auftreten der Beschwerden, nach OP und Bestrahlung: „Patrick fragt unbefangen und ausführlich nach. Der Erste.“ Der Erste, der sich bei Herrndorf erkundigt nach seinem Leben, nach seinem Fühlen, nach seinem Schicksal. Wie traurig! Und diese Trauer, auch Enttäuschung, denke ich, läßt sich auch im Eintrag wiederfinden…. Anderthalb Jahre später, am 17.11.2011 schreibt Herrndorf in seinen Blog einen Eintrag, den sich jeder von uns hinter die Ohren schreiben sollte: „Janko, den ich kaum kenne, der beide Eltern durch Krebs verloren hat, kommt jedes Mal beim Fußball auf mich zu und fragt, wie´s mir geht. Und dann sage ich, gut geht es mir, weiter nichts, und das ist eine solche soziale Wohltat, einfach die Meldung, dass er weiß, was da ist, dass da was ist, und dass ich weiß, dass er es weiß, mehr braucht es gar nicht.

Herrndorf hat bis zum Schluss allein gelebt. Oft waren zwar Bekannte bei ihm, diese waren auch jederzeit telefonisch erreichbar, aber vieles hat Herrndorf auf sich gestellt durchleben und -leiden müssen. Wollte er es so? Ich denke ja, er spricht an einigen Stellen von seinen mangelhaften Sozialkontakten in früheren Zeiten…

Der Befund eines Glioblastoms ist ein Todesurteil. Der Zeitpunkt kann durch Operation und andere Therapien nach hinten verschoben werden. In der Statistik der Überlebenszeiten hat sich Herrndorf gut geschlagen… aber zum Schluss ging es nicht mehr, einen – so sagen es seine Freunde im Nachwort – der wohl letzten Tage, an denen er dazu in der Lage war, setzte er seine Exitstrategie um. In diesem Sinn hat er die Kontrolle über sein Leben nie aufgegeben.

„Wolfgang Herrndorf hat sich am Montag, den 26. August 2013 gegen 23.15 Uhr
am Ufer des Hohenzollernkanals erschossen.“ [1]

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Herrndorf hat, dies ist mir jetzt aufgrund eines Kommentars bei facebook deutlich geworden und dies ist es wert, hier festgehalten zu werden, trotz seiner Krankheit, trotz des Wissens, zu sterben, bald zu sterben, gelebt. Auch das geht aus dem Buch/Blog hervor. Er hat gelesen, gedacht, diskutiert, gelacht, ist in Urlaub gefahren, ist spazieren gegangen, hat mit Freunden was unternommen: er hat gelebt, intensiv, bewusst und konzentriert. Und dies macht Mut! Selbst sterben ist nichts, was ausserhalb des Lebens steht, man lebt bis zum Tod.

Mit „Arbeit und Struktur“ hat Herrndorf, obwohl dies ursprünglich nie seine Absicht war, einen sehr intensiven und detaillierten Bericht über den Verlauf seiner Hirntumorerkrankung gegeben. Es ist ein Buch über einen Krankheitsverlauf, der sukzessive umschlägt in ein Sterben, in ein Protokoll über das Sterben eines Menschen, das dieser wohlüberlegt und eigenverantwortlich abkürzt, um seine Würde auch im Tod zu wahren. Damit wirft Herrndorf eine Frage in den Raum, die in unserer Gesellschaft sehr kontrovers diskutiert wird: die Frage der (wie der Spiegel (print) am 03.02.2014 titelt:) „Letzten Hilfe“ [7]. Herrndorf entscheidet sich für den Suizid, den eigenverantwortlich bestimmten Zeitpunkt, in den Tod zu gehen. Dieser von ihm „Exitstrategie“ genannte Plan war für ihn über die gesamte Krankengeschichte ein Sicherungsanker, nie konnte ihn die Angst vor einem unwürdigen (was immer er darunter auch verstanden haben mag) Ende packen. Die Diskussion um diesem Punkt ist im Gange, auch in Deutschland. Andere Länder haben andere Regelungen, es zeigt sich aber zum Beispiel, daß vielen Menschen es oft schon ausreicht, überhaupt die Möglichkeit zu haben, sich selbst zu Tod zu bringen, sie diese aber nicht ausschöpfen, sondern sie eines natürlichen bzw. krankheitsbedingten Todes sterben. Herrndorf ist nachts hinaus gegangen an den Hohenzollernkanal, er hat sich die Stelle wohl vorher ausgesucht. Er ist allein gestorben, nie werden wir wissen, ob er Angst hatte, ob er in sich ruhte oder ob er sich einsam und verlassen fühlte….

Links und Anmerkungen:

[1] Blog „Arbeit und Struktur“, Beitrag unter dem Titel „Schluss“: http://www.wolfgang-herrndorf.de/2013/08/schluss/, Link zum Blog: http://www.wolfgang-herrndorf.de/archiv/
[2] das ist schon recht schnell, vgl: http://de.wikipedia.org/wiki/Anschläge_pro_Minute
[3] im übrigen ist dies auch der Grund, warum ich beim Schreiben der Buchvorstellung immer wieder ins Präsenz rutsche, obwohl natürlich der Imperfekt angebracht wäre…
[4] Wiki-Artikel zu Wolfgang Herrndorf: http://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Herrndorf
Bildquelle: By Genista (Own work) [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
[5] Wiki-Artikel zu Glioblastom: http://de.wikipedia.org/wiki/Glioblastom
[6] Deutscher Jugendliteraturpreis 2013:  http://www.djlp.jugendliteratur.org/jugendbuch-3/artikel-tschick-129.html
meine Besprechung des Buches ist hier zu lesen:  https://radiergummi.wordpress.com/2017/03/12/wolfgang-herrndorf-tschick/
[7] Letzte Hilfe: Spiegel 6/2014: http://www.spiegel.de/spiegel/index-7768.html
[8] Elisa Albert: Das Buch Dahlia
Harold Brodkey: Die Geschichte meines Todes
Wolfgang Bergmann: Sterben lernen
Peter Noll: Diktate über Sterben und Tod
Cesarina Vighy: Mein letzter Sommer

weitere Bücher zum Thema sind auf meinem Themenblog zu finden: http://mynfs.wordpress.com

vgl. auch die Diskussion zum Buch bei facebook: https://www.facebook.com/groups/rezis/permalink/620305418042558/?stream_ref=2

Hinweis: Diese Rezension ist auch als podcast im literatur RADIO bayern erschienen: https://radio.blm.de/radiobeitrag/fda-rezensionen….html

Wolfgang Herrndorf
Arbeit und Struktur
diese Ausgabe: Rowohlt, HC, 448 S., 2013

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